Kindererziehung in China Zwischen hohen Ansprüchen und „allumfassender Fürsorge“

Großvater und Enkel auf dem Tian’anmen Platz Peking
Großvater und Enkel auf dem Tian’anmen Platz Peking | Foto: Petra Kiel

Die Germanistin Zhao Yuanhong berät chinesische Familien in Erziehungsfragen. "Die Kinder müssen hohe Ansprüche erfüllen", meint sie, "gleichzeitig sind sie oft einer nahezu erdrückenden Fürsorge ausgesetzt."

Frau Zhao Yuanhong hat Germanistik studiert und in verschiedenen Bereichen gearbeitet. Seit 20 Jahren beschäftigt sie sich intensiv mit chinesischer Kindererziehung. Dank ihrer Studien zur modernen Psychologie erschließen sich ihr die in der chinesischen Kleinkindererziehung bestehenden Probleme in ihrem ganzen Umfang. Noch wichtiger aber ist ihre unentwegte Bereitschaft, Müttern und ihren Kindern zu helfen. Im folgenden Interview spricht sie über ihre Erfahrungen in der Beratung chinesischer Familien.

LJM: Wie sind Sie dazu gekommen, sich mit Kindererziehung in China zu beschäftigen?

Zhao: Ich habe an der Universität Deutsch studiert und bin Anfang der 80er Jahre mit meinem Mann nach Deutschland gegangen, wo meine Tochter geboren wurde. Meine ersten Lektionen in puncto Kindererziehung erhielt ich von meinen deutschen Nachbarinnen. Glücklicherweise wohnte einen Stock unter uns ein Kinderpsychologenpaar. Wir haben jeden Tag viel Zeit miteinander verbracht und ich habe dabei gemerkt, dass sich die Erziehungsmethoden deutscher Eltern in sehr vielen Punkten von unserem traditionellen chinesischen Erziehungsstil unterscheiden. Und entstand bei mir der Wunsch, mich intensiver mit Kindererziehung zu beschäftigen. 

Ein weiterer Grund liegt darin begründet, dass ich während des Heranwachsens meines Kindes auch immer wieder in meiner eigenen Kindheit gekramt und mich mit ihr auseinandergesetzt habe. Ich habe Löcher gefunden und Lücken gefüllt. Ich habe Verantwortlichkeiten, die einem Kind eigentlich nicht aufgebürdet werden sollten, denjenigen zugeordnet, denen sie gehören, d.h. der Gesellschaft und der Familie, und habe dadurch mehr zu mir selbst gefunden.

LJM: Können Sie anhand einiger Beispiele die Unterschiede in der Kindererziehung in Deutschland und China verdeutlichen?

Zhao: Grundsätzlich gibt es einen Unterschied in der Art des Respekts, den man Kindern entgegen bringt. Nehmen wir z.B. die Art, wie Kinder Erwachsene anreden. In China ist es sehr wichtig, wie Kinder Erwachsene in der Öffentlichkeit ansprechen. In Deutschland dagegen macht man es davon abhängig, wie alt das Kind ist und wozu es von seiner Entwicklung her betrachtet in der Lage ist.

Ein anderes Beispiel ist die Erwartung, ab welchem Alter die Kinder sauber sein müssen. In China wird erwartet, dass Kinder im Alter von ca. einem Jahr keine Windeln mehr brauchen, in Deutschland wird hingegen die physiologische Entwicklung berücksichtigt. Und dann auch der Umgang mit dem Tod und die Sexualerziehung. Das war damals auch alles völlig neu für mich, noch nie hatte ich von so etwas gehört. Außerdem gibt es auch viele Beispiele zum Umgang mit den Gefühlen der Kinder, insbesondere mit negativen Gefühlen wie z.B. Angst, Kummer, Eifersucht, Wut. Die Deutschen versuchen zuerst, das Kind zu beruhigen und suchen dann erst nach den Gründen für den Ausbruch dieser Gefühle.

Einmal habe ich ein Kind gesehen, das ständig mit den Augen zwinkerte und habe dann laut gefragt, was es damit auf sich habe. Die Mutter des Kindes gab mir zu verstehen, dass ich nicht vor dem Kind darüber reden solle. Später habe ich erfahren, dass das Kind nachts Angst hatte und das Zwinkern eine nervöse Reaktion war. Würde man in Anwesenheit des Kindes darüber reden, dann könnte das Kind annehmen, dass es etwas falsch gemacht hätte und könnte noch nervöser werden. Mir wurde in diesem Moment sofort klar, dass die Angewohnheit chinesischer Eltern, im Beisein ihrer Kinder alles auszudiskutieren, eine völlige Missachtung der Gefühle der Kinder ist.

Aus genau diesen Erfahrungen heraus hat sich mein Interesse für Kindererziehung entwickelt. Ich habe viele Bücher zu dem Thema gelesen und einige Kurse an der Universität belegt. Von besonderem Interesse war für mich, wie man durch von Kindern gemalten Bilder ihre seelischen Probleme erkennen kann. 

LJM: Es waren also die Unterschiede in der Kindererziehung in Deutschland und China, die Sie dazu veranlasst haben, sich theoretisch und praktisch mit Kinderpsychologie zu beschäftigen. Wieder zurück in China haben Sie dann ja viel in diesem Bereich gearbeitet und viele praktische Erfahrungen gesammelt. Können Sie uns ein wenig von diesen Erfahrungen berichten?

Zhao: In den letzten vier, fünf Jahren hat sich die Erziehung in den chinesischen Familien sehr verändert. Dies ist zum Einen darauf zurückzuführen, dass es auf dem Büchermarkt inzwischen ein großes Angebot an Büchern über Kindererziehung im Ausland gibt und dass darüber hinaus auch noch eine sehr große Vielfalt an sonstigen pädagogischen Angeboten und Informationen besteht. Allerdings ist bis heute ein grundsätzliches Problem ungelöst: Chinesische Eltern erwarten immer noch unbewusst von ihren Kindern, dass diese sich wie kleine Erwachsene benehmen und sind nicht bereit, mittels Kommunikation und Austausch in die Welt der Kinder einzutauchen.

LJM: Das trifft den Nagel auf dem Kopf. Was denken Sie, warum chinesische junge Eltern diese Erwartungshaltung haben?

Zhao: Lassen Sie uns doch zuerst mal über die „Generationen“ sprechen. Die heutigen Großeltern, Eltern und Kinder haben als Generation jeweils eine der drei großen historischen Epochen in der Geschichte der VR China erlebt. Ihre Lebensumstände waren vor dem Hintergrund der jeweiligen politischen und wirtschaftlichen Umstände so unterschiedlich wie Tag und Nacht. Entwicklungspsychologisch betrachtet ist die in der Kulturrevolution geborene Generation in ihrer Gefühlswelt am schwächsten entwickelt, was u.a. an den häufigen politischen Kampagnen damals lag, und daran, dass „Mutterliebe“ und „Wärme“ kritisiert wurden und dass die Familie vom „Kollektiv“ verdrängt wurde. Nachdem sich alles allmählich zum Besseren gewendet hat, stellen die heutigen Eltern fest, dass sie bei der Erziehung ihrer Kinder nicht direkt von den Erfahrungen der Großeltern zehren können. Dies ist die eine Ebene.

Die andere Ebene ist: In den meisten chinesischen Familien werden die Kinder von den Großeltern und Eltern gemeinsam erzogen, insbesondere im Kleinkinderalter. Allerdings wissen die jungen Eltern nicht genug über die Erfahrungen, die die Großeltern in der Kulturrevolution erlebt haben. Gibt es Probleme zwischen den drei Generationen, dann wird diskutiert, ohne dass es zu einer wirklichen Verständigung kommt. Die Eltern, die heute zu mir in die Beratung kommen, stehen genau diesen Schwierigkeiten ratlos gegenüber. Die von Gesellschaft und Geschichte hinterlassenen weißen Flecke können nicht von den Einzelnen ausgefüllt werden. Wie man mit den in der Vergangenheit erlittenen Verletzungen umgeht, damit müssen sich Sozialwissenschaftler und Psychologen beschäftigen.

Man muss wissen, dass, solange das „gesellschaftliche Gedächtnis“ nicht uneingeschränkt aufgearbeitet ist, die Erinnerung an die in einer Familie aufgetretenen dunklen Punkte viele Generationen einschneidend beeinflussen kann. Ich fordere oft als erstes die jungen Eltern auf, mit ihren Eltern über die eigene Kindheit zu reden. Erst wenn sie über ihre eigene Kindheit und Jugendzeit Bescheid wissen, wissen sie, wie sie ihren eigenen Kindern genügend Freiraum für ein gesünderes und freieres Erwachsenwerden geben können. 

LJM: Was brauchen diese Eltern, abgesehen von der gesellschaftlichen Unterstützung, an konkreten Hilfen? Was können Sie für sie tun?

Zhao: Das soziale Leben in den Wohnvierteln heute ersetzt das frühere Zusammenleben in den Danweis, in denen Arbeits- und Alltagsleben eng miteinander verflochten waren. Diese Wohnviertel erleichtern den Müttern den Kontakt zur Außenwelt, hinzu kommt noch das Internet. Die Müttergruppen leisten Großartiges, indem sie Ratlosigkeit und Sorgen der Mütter auffangen. Ich besuche regelmäßig ihre Treffen, mal diskutiere ich mit und mal gebe ich Ratschläge. Ich habe festgestellt, dass die Ansichten der Eltern in Erziehungsfragen im Allgemeinen ziemlich modern und vernünftig sind, allerdings bestehen in der konkreten Umsetzung etliche Unsicherheiten. So soll man z.B. ein Kind nicht schlagen, aber was tut man stattdessen? Wenn ein Kind zu viele Ängste hat, liegt es daran, dass die Beziehung zu eng ist oder liegt es daran, dass der Vater auf Dienstreise ist? 

LJM: Sprechen wir mal über die Generation der Großeltern. Ich denke gerade daran, dass es  in meinem Wohnviertel in Peking ganz normal ist, dass zwei Generationen auf ein Kind aufpassen. Besonders die alten Menschen verwenden all ihre Zeit und Aufmerksamkeit für die Kinder. Für uns, die wir keine Fachleute sind, bekommen die Kinder doch jede erdenkliche Liebe und Fürsorge. Das ist doch ein unglaubliches Glück! Wie sind Ihre Erfahrungen damit?

Zhao: Dass die alten Menschen auf die Kinder aufpassen, scheint in China Tradition zu sein. Insbesondere in politisch unruhigen Zeiten übernahmen die alten Leute die wichtige Aufgabe, die Kinder groß zu ziehen. Aber die mit der Liebe verbundene „allumfassende Fürsorge“ ist nicht wissenschaftlich fundiert. Die alten Menschen haben Armut und Hunger erfahren und aus diesem Grund bedeutet für sie Liebe in erster Linie, den Kindern etwas zu essen zu geben. Wir erleben doch ganz oft, dass Kindern das Essen geradezu aufgedrängt wird. Wenn wir mal den Blickwinkel wechseln, so werden die Kinder doch durch diese abgöttische Liebe aller Rechte beraubt. So verliert doch z.B. ein Kind, das gezwungen wird zu essen, jegliches Recht, selber zu entscheiden, ob und wie viel es essen möchte. Wem gehört der eigene Körper? Gehört er dem Kind oder den Großeltern? Deshalb ist es manchmal auch gar nicht so einfach, ein sogenannter „kleiner Kaiser“ zu sein. Ich habe mal ein sehr extremes Beispiel erlebt: Eine Großmutter hat ihre Enkelin bis zum 12. Lebensjahr gefüttert. Erst später ist dem Mädchen bewusst geworden, dass dies ein psychisches Bedürfnis der Großmutter war, die sich überhaupt nicht darum gekümmert hat, ob das Mädchen hungrig war oder nicht. 

LJM:  In China gibt es, was die Erziehung betrifft, viele traditionelle und auch moderne Ansichten. Welche sind Ihrer Meinung nach annehmbar und welche nicht?

Zhao: Völlig inakzeptabel ist der Spruch „Man muss immer unter den Ersten sein“. Das hat weder etwas mit wissenschaftlicher Erkenntnis noch mit Tradition zu tun, sondern ist nur maßloses Antreiben. Die Eltern, die mit Erziehungsfragen zu mir in die Beratung kommen, sind nahezu alle von diesem Anspruch infiziert. Die Kinder werden Lämmern gleich neben der Schule noch von einem Kursus zum nächsten geschleppt und haben keine Zeit zum Spielen und keine Freude, sie sind wirklich zu bedauern!

LJM: Ich habe noch eine letzte Frage: Welche Bedenken und Hoffnungen hegen Sie im Zusammenhang mit der seelischen Erziehung der chinesischen Kinder? Haben Sie Vorschläge?

Zhao: Ich mache mir in zweierlei Hinsicht Sorgen. Meine erste Sorge gilt der Gruppe der Städter. Der starke Konkurrenzdruck auf dem Arbeitsmarkt und latent vorhandene Ängste wegen der ungewissen Zukunftsaussichten haben zur Folge, dass die Anforderungen der Eltern an ihre Kinder immer höher und immer erbarmungsloser werden. Es ist alles ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Und was noch Besorgnis erregender ist, ist, dass ja heute noch gar nicht absehbar ist, welche seelischen Schäden den Kindern damit zugefügt werden, dies wird alles erst herausbrechen, wenn sie erwachsen sind und dann kann das zu eklatanten sozialen Problemen führen. Ich denke, dass sich unsere Psychologen und Pädagogen entsprechend darauf einstellen und auch die Gesellschaft darauf vorbereiten müssen.

Meine zweite Sorge sind die Kinder in den ländlichen Gebieten. Zurzeit wachsen in China 58 Millionen Kinder auf dem Land ohne ihre Eltern heran. Die Eltern dieser Kinder arbeiten in den Städten und verzichten darauf, die Kinder zu erziehen und mit ihnen gemeinsam zu leben. Die Kinder werden entweder von ihren Großeltern groß gezogen oder leben in Internaten. Sowohl die eine als auch die andere Lösung wird den emotionalen Bedürfnissen der Kinder nicht gerecht und so entstehen heftige Depressionen, Ängste und Gewaltbereitschaft. Wir sagen immer, dass die Reform- und Öffnungspolitik ihren Preis fordert, doch es sind eigentlich die chinesischen Bauern, die ihn „zahlen“ und jetzt werden auch noch ihre Kinder zu Opfern – das ist ganz und gar nicht gerecht. Obwohl es im Moment in China nur sehr wenige Kinderpsychologen mit Spezialwissen und praktischer Erfahrung gibt, bin ich der Ansicht, dass sie sich vor allem um die Kinder in den ländlichen Gebieten kümmern sollten.

LJM: Vielen Dank für das Interview! Ich wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg!