Literarisches Übersetzen aus dem Chinesischen und Englischen "Manche Fremdsprachen sind fremder als andere."

Dr. Susanne Hornfeck, Hamburg 2008
Foto: Martina Hasse © S Hornfeck

Der Beruf des Übersetzers ist nie langweilig, jedes Buch stellt andere Anforderungen. Susanne Hornfeck, Übersetzerin von Eileen Chang (Zhang Ailing 张爱玲) und Mo Yan (莫言) berichtet aus der Praxis.

Als ich mit dem literarischen Übersetzen anfing, gab es noch keinen Studiengang, der einen auf diesen Beruf vorbereitete. Man lernte durch die Praxis, oder wie der schöne deutsche Ausdruck WERDEGANG es nahe legt: Man wurde es, indem man voranging, unterwegs sozusagen. Aber natürlich gibt es in einem solchen Werdegang Wegstrecken, die einen im Hinblick auf ein solches Berufsziel weiterbringen. In meinem Fall war das zunächst ein Sinologiestudium. Allerdings hat der Sinologiestudent ein schweres Handicap gegenüber anderen Philologiestudenten, denn am Beginn seines Studiums, also mit 18 oder 19 Jahren, ist er in der Regel ein Analphabet in der Sprache, die er erlernen möchte. Er muss daher in den Folgejahren viel Mühe und Zeit aufwenden, um Schriftzeichen zu lernen, Töne zu memorieren und sich kulturelles Wissen rund um diese Jahrtausende alte Kultur anzueignen. Da bleibt wenig Zeit zum lustvollen Lesen der eigenen, der deutschen Literatur. Ein sicherer und souveräner Umgang mit der eigenen Sprache gehört aber mindestens ebenso zum Handwerk des Übersetzers wie eine solide Kenntnis der Ausgangssprache.

Stile und Tonlagen des Deutschen

Mein zweites Studienfach, die Germanistik mit ihrem großen Lektürepensum, hat mir sicherlich geholfen, mit den unterschiedlichsten Stilen und Tonlagen des Deutschen vertraut zu werden. Auch mein drittes Fach, Deutsch als Fremdsprache, war nützlich, denn wer anderen seine Sprache beibringen will, muss deren Regelwerk aktiv beherrschen. Und wem seine eigene Sprache aus der Außensicht einmal gründlich fremd geworden ist, der wird einen bewussteren Umgang mit ihr pflegen. Außerdem lernt man dabei den Umgang mit Hilfsmitteln - damit meine ich weniger zweisprachige Lexika, sondern muttersprachliche Nachschlagewerke, die ebenfalls zum Handwerkszeug des Übersetzers gehören. Mein fünfjähriger Aufenthalt als DAAD-Lektorin an einer Universität in Taipei, wo ich Germanisten unterrichtete, hat all diese Aspekte in der Praxis zusammengeführt.

Übersetzen als Brotberuf

Nach meiner Rückkehr beschloss ich, das Übersetzen zum Brotberuf zu machen. Doch von literarischen Übersetzungen aus dem Chinesischen allein ließ sich damals, Anfang der 90er Jahre, nicht leben. In den Verlagen war das Interesse an Literatur aus China zu dieser Zeit auf einen Tiefpunkt gesunken. Da kam mir zu Hilfe, dass ich ein Jahr meines Sinologiestudiums an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London absolviert hatte. Mein Englisch reichte, wenn nicht für Hochliteratur, so doch zum Übersetzen von Sachbüchern, etwa denen des amerikanischen Sinologen Jonathan Spence, wobei mir mein sinologischer Hintergrund zugute kommt. So ist über die Jahre eine weitere Arbeitssprache hinzugekommen.

Manche Fremdsprachen sind fremder als andere

Vergleicht man den Übertragungsprozess aus diesen Fremdsprachen, dann wird eines deutlich: MANCHE FREMDSPRACHEN SIND FREMDER ALS ANDERE. Das Deutsche und das Chinesische sind sprachtypologisch sehr unterschiedlich. Das Chinesische drückt grammatikalische Beziehungen nicht durch Flexionen und Endungen, sondern vornehmlich durch die Satzstellung aus. Im Deutschen dagegen kann man einem Wort seine grammatische Funktion, grob gesagt, als Endung anhängen, was eine flexiblere Stellung im Satz ermöglicht. Ob ich einen präpositionalen Ausdruck an den Anfang, in die Mitte oder ans Ende eines Satzes stelle, bleibt mir überlassen, wird aber stilistisch nicht ohne Folgen bleiben. Diese Freiheit ist ein wunderbares Werkzeug in der Hand des Übersetzers, und es gilt sie zu nutzen! Dazu muss er den gesamten chinesischen Satz auseinander nehmen und im Deutschen wieder neu zusammensetzen, wobei sich auch mal Satzgrenzen verschieben können.

Wagemut beim Übersetzen

Wofür ich also plädiere, ist Wagemut beim Übersetzen und die Lust daran, die Möglichkeiten der eigenen Sprache voll zu nutzen. Kann es statt eines Relativsatzes nicht mal eine Apposition sein? Auch in der Gestaltung von Tempus und Modus sind dem deutschen Übersetzer Mittel an die Hand gegeben, die er im chinesischen Original so nicht vorfindet, die einen deutschen Text aber ungleich farbiger und lesbarer machen. Unser Ziel sollte es sein, lesbare deutsche Texte zu produzieren. Klingt ein Text im Deutschen irgendwie „chinesisch“, so mag das dem Leser zwar exotisch erscheinen, man tut dem Ausgangstext damit aber keinen Gefallen.

Dies gilt natürlich genauso für eine gute Übersetzung aus dem Englischen; Anglizismen sind in einem deutschen Text ebenso störend wie Sinismen. Dennoch ist die Distanz, über die ich den Text in die eigene Sprache hereinhole, in diesem Fall wesentlich kürzer, und zwar strukturell wie kulturell. Doch auch in der vermeintlichen Nähe lauert Gefahr; so genannte Falsche Freunde suggerieren Vertrautheit, wo es keine geben darf.

Im Englischen das Chinesische durchklingen hören

Manchmal wird aus dem Transfer zwischen zwei Sprachen sogar ein Sprachdreieck. Ich übersetze vielfach Romane von Chinesen, die – aus persönlichen oder politischen Gründen – das Englische zur Sprache ihres literarischen Ausdrucks gewählt haben. Wenn ein Autor einen Text nicht in seiner Muttersprache schreibt, wohl aber darin die Lebenswelt seiner Heimat schildert, so ist es hilfreich, diese als Übersetzer zu kennen. In manchen Sätzen kann man dann im Englischen das Chinesische durchklingen hören, ein Wissen, mit dem man verantwortungsvoll umgehen muss.

Jedenfalls ist der BERUF DES ÜBERSETZERS nie langweilig, jedes Buch stellt andere Anforderungen. Dass man sein Brot als literarischer Übersetzer nicht leicht verdient, ist nach den öffentlichen Debatten um eine gerechte Entlohnung dieser Berufsgruppe bekannt. Es handelt sich wohl auch eher um eine Lebensform, denn um einen Brotberuf. Dieser Beruf ist einsam, erfordert Geduld, Sitzfleisch und ewige Lernbereitschaft, öffentlich anerkannt wird er kaum, aber er bietet gewisse Freiheiten, interessante Begegnungen und ein schier endloses Experimentierfeld im Umgang mit der eigenen Sprache, was Übersetzer nicht selten zu eigener literarischer Produktion anregt. Wer möchte nicht gelegentlich einmal Herr oder Frau der eigenen Syntax sein?