Berlinale-Blogger 2015 Der Strom der Generationen im tibetischen Film „Fluss“

Yangchan Lhamo
© Sonthar Gyal

Drei Jahre lang drehte der tibetische Nachwuchsregisseur Sonthar Gyal mit einem zwanzigköpfigen Filmteam in der Provinz Qinghai den Film „Fluss“ (Gtsngbo/河). Auf der Berlinale 2015 wurde sein Film in der Sektion Generation Kplus gezeigt und fand beim Publikum großen Anklang.

Als die fünfjährige Yangchan Lhamo (央金拉姆) ihren heißgeliebten Teddybär in der tibetischen Steppe vergräbt, ist sie fest überzeugt, dass es wie bei der Reissaat ist: Was man heute in der Erde anpflanzt, kann man im nächsten Jahr ernten.

Die Handlung des Films wirkt zu Beginn etwas zerrissen: Während Yangchans Vater am Wegrand eine „Himmelsperle“ (天珠), einen magischen tibetischen Dzi-Stein, findet, überrascht die Mutter ihre Tochter mit der Ankündigung, dass sie ein neues Kind erwarte. Die Mutter überredet ihren Mann, seinen Vater aufzusuchen, der in einer Berghöhle als Buddhist lebt. Doch am Fuß des Berges angekommen weist der Vater die kleine Yangchan jedes Mal an, dem Großvater das Essen alleine in die Höhle zu bringen. Er selbst weigert sich, dem heiligen Mann noch einmal gegenüber zu treten. Weil er der bösen Nachrede im Dorf entgehen will, zieht der Vater mit der dreiköpfigen Familie schließlich noch im Winter auf die Sommerweide. Dort wird die Schafsherde von Wölfen angegriffen und ein Milchlamm verliert seine Mutter. Yangchan nimmt das Lämmchen zu sich, um es fortan selbst aufzuziehen.

Sobald man als Zuschauer jedoch verstanden hat, dass hier aus der eingeschränkten Perspektive eines Kindes erzählt wird, beginnt sich die ungeordnete Struktur des Filmes zu erschließen. Vielleicht lässt sich die diesem Stück Erde zu eigene Aura der Unverfälschtheit und die tiefe Religiosität Tibets auch nur durch die Augen eines Kindes wirklich überzeugend darstellen. Zudem schafft der Regisseur gerade durch die einzelnen scheinbar unzusammenhängenden Erzählstränge den atmosphärischen Rahmen für den in Tibet spielenden Film: Da ist etwa der Dzi-Stein, den die Tibeter als eine von den Göttern verlorene Versteinerung betrachten, wobei die Legende besagt, dass es ein Zeichen für Familienzuwachs ist, wenn man eine solche „Himmelsperle“ findet; der Mönch, der sich zur Mediation zurückgezogen hat, wird indessen als göttliche Reinkarnation gesehen, zu der die Tibeter pilgern um ihre tiefe Gläubigkeit zum Ausdruck zu bringen; und schließlich sind da noch die Gefahren, die in der Steppe lauern und denen sich die Nomaden jeden Tag aufs Neue stellen müssen.

Wie in einer Allegorie erreichen die Spannungen und Konflikte des Films ihren Höhepunkt, als das Lämmchen herangewachsen ist. Der Vater treibt das Tier zur Herde zurück. Doch da es von den anderen Schafen nicht aufgenommen wird, entfernt es sich von ihnen. Als sich Yangchan auf die Suche nach dem verlorenen Lamm macht, findet sie nur noch dessen Überreste, die die Wölfe zurückgelassen haben. Gleichzeitig kommen Yangchan die Gerüchte zu Ohr, dass ihr Vater ein schlechter Mensch sei. Das Mädchen erleidet einen doppelten Schock. Unter Tränen vertraut sie sich ihrer Mutter an und verrät schließlich, dass ihr Vater den Großvater nie besucht hat. Als die Mutter, tief beschämt über die Pietätlosigkeit und Unredlichkeit ihres Mannes, fast einen Nervenzusammenbruch erleidet, offenbart ihr Mann schließlich sein jahrelang gehütetes Geheimnis: Er hasst seinen Vater, weil dieser als heiliger Mann seine eigenen Familie im Stich gelassen hat, denn unter dem Vorwand eines buddhistischen Eremitenlebens hatte dieser seiner todkranken Ehefrau ein letzte Wiedersehen verwehrt.

Im Wechsel von drei Jahreszeiten gefriert der Fluss und taut wieder auf. Liest man diese von dem Regisseur für den Film gewählte Zeitachse als einen versteckten Hinweis, dann steht der der Fluss symbolisch für die Entfremdung zwischen den drei Generationen. Auch wenn Missverständnisse innerfamiliäre Beziehungen auf Eis legen können, so bleibt der unsichtbare Strom der Generationen doch unterschwellig immer im Fluss. In der letzten Einstellung sitzt die Familie während der Schneeschmelze gemeinsam an seinem Ufer: „Opa, ich verrate dir ein Geheimnis. Dieses Frühjahr wird es in der Steppe ganz viele Teddybären geben.“ Während der Film mit diesen unbekümmerten Worten eines Kindes zu Ende geht, habe ich das schöne Bild, das in dieser Prophezeiung liegt, wirklich vor Augen.

Gtsngbo/River/Fluss/河
Volksrepublik China, 2015, 94 Min
Regie: Sonthar Gyal (松太加)