Literatur Die Chinesen und der Literaturnobelpreis

Der schwedische König Carl XVI Gustaf überreicht Herta Mueller den Literaturnobelpreis, Stockholm 10. Dezember 2009.
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Chinas Medien verfolgen die Vergabe des Nobelpreises für Literatur jedes Jahr mit besonderer Aufmerksamkeit. Viele Chinesen fragen sich, nach welchen Kriterien die Kandidaten ausgesucht werden.

vergeben. Die 1953 in Rumänien als Angehörige der dort ansässigen deutschen Minderheit geborene Schriftstellerin erhielt bis dahin bereits fast 30 deutsche und internationale Literaturpreise. Das Deutsch-Chinesische Kulturnetz bat die renommierte Brecht-Forscherin, Dramaturgin und Übersetzerin Li Jianming (李健鸣) um einen Kommentar.

In der letzten Zeit bin ich oft angerufen und gefragt worden, was man in China von der diesjährigen Literaturnobelpreisgewinnerin Herta Müller hält. Diese Anrufe sind zwar berechtigt, doch es ist gar nicht so einfach, Dinge, die nahezu zehn Jahre zurückliegen, zu rekapitulieren. Ich erinnere mich nur daran, dass ich 1991 irgendwo - wahrscheinlich war es in der Bibliothek des Goethe-Instituts in Peking – einen Band mit Erzählungen von Herta Müller in die Hände bekam, es werden wohl die Niederungen gewesen sein. Nachdem ich die Erzählungen gelesen hatte, war ich fasziniert und sogar ziemlich aufgewühlt. Ihre Prosa hatte in der Tat etwas Einzigartiges, ihre Sprache war sehr expressiv und kraftvoll, ich war damals begeistert. Eine ganze Weile habe ich damals jedem Kollegen, der Deutsch lernte, dieses Buch empfohlen. 1992 wählte ich zusammen mit Michael Kahn-Ackermann, dem Leiter des Goethe- Instituts in Peking, einige ihrer Werke für einen Übersetzerwettbewerb aus. Alle preisgekrönten Übersetzungen wurden in dem Magazin World Literature, mit dem wir damals zusammenarbeiten, veröffentlicht. Später las ich den ersten Roman dieser Schriftstellerin und hatte einen ganz anderen Eindruck: Ich war tief enttäuscht. Ich habe dann später nicht mehr weiter auf sie geachtet und war deshalb auf die Interviews in der letzten Zeit gar nicht so recht vorbereitet.

Allerdings machte mich einiges in den Gesprächen mit den Journalisten nachdenklich. Fast alle fragten: „Was faszinierte Sie damals? War es ihr politischer Hintergrund, also die Repressalien, denen sie in Rumänien ausgesetzt war?“ Ich wusste natürlich, dass sie eine Autorin war, die Rumänien verlassen hatte, aber ich kann mich nicht erinnern, ob mir ihre Werke aus politischen Erwägungen heraus gefielen. Meine Antwort ist: Es war tatsächlich die Kraft ihrer Sprache, die mich berührte. Ich weiß noch, dass ich einmal mit einer deutschen Kollegin über ihre Sprache diskutierte, was deutlich zeigt, wie tief mich ihre sprachliche Virtuosität beeindruckt hatte. Aber das große Interesse der Chinesen an dem biografischen Hintergrund der Schriftsteller hat natürlich Gründe. Seit Beginn der Reform- und Öffnungspolitik Chinas verfolgen die chinesischen Medien die Vergabe des Literaturnobelpreises mit großer Aufmerksamkeit, und es ist der Eindruck entstanden, die Chinesen interessierten sich sehr für Literatur. Doch eigentlich verbirgt sich dahinter etwas anderes: Wenn schon nicht Chemie und Physik unsere starken Seiten sind, dann muss sich doch zumindest die Literatur unseres riesigen Landes mit anderen Ländern messen lassen können. Die Sucht nach dem Preis hatte in den vergangenen Jahren fast irrationale Ausmaße angenommen. Erst nachdem Gao Xingjian (高行健) den Literatur-Nobelpreis erhalten hatte, beruhigten sich die Gemüter und man erkannte, dass der Literatur-Nobelpreis gar nicht so eine großartige Sache ist bzw. dass der Preisträger nicht unbedingt ein Literatur-Gigant sein muss. Seitdem ist es zwar etwas ruhiger geworden, doch sobald ein Preisträger in einem anderen Land als China bekannt gegeben wird, sucht man nach Dingen, mit denen man seine Literatur abwerten könnte und dieses Mal ist es eben der persönliche Hintergrund der Autorin.

Meiner Meinung nach unterscheidet sich der Literaturnobelpreis in Wirklichkeit nicht sehr von einigen großen internationalen Filmpreisen. Die Nominierungsliste wird von einer Jury zusammengestellt, die sich aus unterschiedlichsten Persönlichkeiten zusammensetzt und ist in gewisser Weise das Produkt ihres persönlichen Geschmacks, ihrer Neugier und ihrer ästhetischen Urteilskraft, auch ihrer sprachlichen Fähigkeiten. Nichts ist zufällig. Dass ich das schreibe, hat seine Gründe. 1985 bemerkte Gao Xingjjian während eines Gesprächs in West-Berlin zu mir, dass er sicherlich früher oder später den Nobelpreis für Literatur bekommen werde. Als ich ihn fragte, wie er darauf komme, antwortete er, er kenne in der Jury jemanden, der Chinesisch könne. Ich war damals sehr überrascht über sein Selbstvertrauen und erinnere mich deshalb noch sehr gut an seine Worte. Mehr als zehn Jahre danach bewahrheiteten sich schließlich seine Worte. Abgesehen davon, dass ich mich für ihn freute, ging mir aber auch durch den Kopf, dass die Chinesischkenntnisse dieses Jurymitgliedes bestimmt schlechter waren als meine und dass die Entscheidung sicher anders ausgefallen wäre, wäre ich das Jurymitglied gewesen. Dies zeigt deutlich, dass es auf dieser Welt keine absolute Gerechtigkeit gibt, manchmal gibt es sogar überhaupt keine Gerechtigkeit, stattdessen gibt es persönliche Beziehungen und Vorlieben.

Ich bin auch nicht so patriotisch, zu meinen, ein Chinese sollte den Literaturnobelpreis erhalten. Viele chinesische Schriftsteller legen sich in meinen Augen zu viele ideologische Beschränkungen auf und etlichen von ihnen ist dies sogar nicht einmal bewusst. Sie schreiben alle „FÜR etwas“ und nicht aus einem inneren Bedürfnis heraus. Gabriel García Márquez, Autor von Hundert Jahre Einsamkeit, formulierte es so: „Wenn ich nicht schreibe, werde ich verrückt, ich könnte dann jemanden umbringen oder irgendwas anderes anstellen.“ In China gibt es viele Berufsschriftsteller, die mit dem Schreiben ihr Brot verdienen. Das ist zwar auch ein Bedürfnis, allerdings unterscheidet sie dieses Bedürfnis nicht von der Allgemeinheit. Etlichen Schriftstellern in China fehlt es noch an einigem, so schenken sie zum Beispiel der Psyche der Menschen nicht viel Aufmerksamkeit, auch mangelt es ihnen in diesem Bereich an Allgemeinwissen. Der „Mensch an sich“ ist nicht Gegenstand ihres größten Interesses, vielmehr schenken sie einer Gruppe ihre Aufmerksamkeit, mit der sie sich selbst vergleichsweise gut auskennen, und so schreiben einige leidenschaftlich über Bauern, andere schreiben über Arbeiter und wieder andere über arme Leute in den Städten. Es ist unnötig zu erwähnen, dass die realen Vorbilder dieser fiktiven Figuren ihre Werke nicht lesen und auch bei anderen regen sich Zweifel: Sind die Arbeiter und Bauern wirklich so? Ich finde, die Welt der Literatur sollte im höchsten Maße frei und von der Anteilnahme am Menschen durchdrungen sein, während der Beruf eines Menschen lediglich als Merkmal zur Unterscheidung dienen sollte.

Das Schicksal geht seltsame Wege, nie hätte ich gedacht, dass ich einmal einen Artikel über den Literaturnobelpreis schreiben würde, aber jetzt hoffe ich wirklich, dass ich eines Tages etwas für einen chinesischen Literaturnobelpreisträger schreiben kann, z.B. für Shi Tiesheng (史铁生, geboren 1951). Für mich ist er der Schriftsteller, der diese Auszeichnung am ehesten verdient hat. Ob in seinen Essays oder in seinen Romanen, seine Themen sind immer die menschliche Existenz, Liebe und Hass. Seine Sprache ist voller Poesie und besitzt eine außergewöhnliche Kraft, seine Werke werden ihren Wert nicht mit dem Wandel der Zeit verlieren. Leider gibt es auf dieser Welt nur sehr wenige Ausländer, die Chinesisch beherrschen und selbst wenn sie es beherrschen, erreichen nur wenige ein Niveau, dass sie Literatur genießen können. Doch wie hoch ist wohl die Wahrscheinlichkeit, dass diese Leute in das Nobelpreiskomitee aufgenommen werden? Aber ich lasse mich nicht entmutigen, es gibt immer Hoffnung.

Wer kann eigentlich Schriftsteller für den Literaturnobelpreis vorschlagen?

1. Mitglieder der Schwedischen Akademie sowie andere Akademien, Institutionen und Gesellschaften, die eine ähnliche Struktur oder ähnliche Ziele aufweisen;

2. Professoren der Literatur und Sprachwissenschaft an Universitäten und Hochschulen;

3. Literaturnobelpreisträger;

4. Präsidenten von Schriftstellervereinigungen, die die literarische Produktion ihres jeweiligen Landes repräsentieren.