Musiker Ein Traumberuf?

 
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Solokarrieren sind die absolute Ausnahme, aber auch Festanstellungen sind rar. Das Gros der freiberuflichen Musiker in Deutschland muss sich seine „Patchworkkarriere“ selbst zusammenbasteln.

Den Patchworkern gehört die Zukunft. Weit weniger als die Hälfte der Hochschulabsolventen im Musikbereich findet heute in Deutschland eine Stelle im Orchester. Solistische Karrieren sind die absolute Ausnahme. Nur der Anteil der freiberuflichen Musiker verzeichnet ein starkes Wachstum. Was es aber bedeutet, sich selbst zu vermarkten, unentwegt Kontakte zu knüpfen und die unterschiedlichsten Tätigkeiten im Alltag unter einen Hut zu bringen, darauf sind nur die wenigsten Hochschulabsolventen vorbereitet. Doch das Patchwork hat nicht nur Schattenseiten. Das selbstbestimmte Leben lässt den Künstlern viele Freiheiten.

„Auf das Leben nach dem Studium hat uns niemand vorbereitet“, sagt Corinna S. (Name von der Redaktion geändert). Als sie 1988 ihr Flötenstudium abschloss, unterrichtete sie zwar schon einen Nachmittag an der Musikschule, spielte in einem Ensemble für zeitgenössische Musik und half in Orchestern aus. Dazu kamen kleine Konzerte, allein oder mit Kammermusikpartnern. Ohne die finanzielle Hilfe der Eltern wäre sie damals allerdings nicht über die Runden gekommen. Corinna S. ist keine Ausnahme. Weder in finanzieller noch in beruflicher Hinsicht. Dass ihre Zukunft nicht im Orchester liegen würde, wusste sie schon gegen Ende des Studiums. Aber wo sonst? Einen alternativen Lebensentwurf hatte sie nicht. „Wir wurden entweder als Solisten oder für das Orchester ausgebildet“, konstatiert sie im Rückblick, „andere Berufsbilder waren im Lehrplan nicht vorgesehen“.

Heute ist Corinna eine typische „Patchworkerin“. Sie arbeitet freiberuflich, immer auf mehreren Baustellen zugleich. An der Musikschule unterrichtet sie noch immer zwei Nachmittage in der Woche, aber die meiste Zeit widmet sie dem Ensemble für zeitgenössische Musik, das sie 1997 mitgegründet hat. Inzwischen weiß sie, wie man Konzertprogramme entwirft, Förderanträge bei Stiftungen und städtischen Kulturämtern stellt und die Finanzen verwaltet. 30 Prozent ihrer Arbeitszeit verbringt sie mit Organisation und Management. Außerdem sind noch immer zwei Nachmittage für das Unterrichten reserviert. Für Proben und Konzerte bleiben 50 Prozent.

Der Musiker als Manager

Corinnas Lebensmodell, da sind sich die Beobachter des deutschen Musikbetriebs einig, wird in der Zukunft die Regel sein. In den vergangenen 15 Jahren sind rund 2.100 Orchesterstellen durch Schließungen oder finanzielle Kürzungen weggefallen. Von den Hochschulabsolventen mit künstlerischem Abschluss finden nur rund 40 Prozent der Streicher und Bläser eine unbefristete Anstellung im Orchester. Von den Sängern bekommen 38 Prozent einen unbefristeten Chor- oder Solovertrag. Die Mehrheit mit 44 Prozent (Streicher), 38 Prozent (Bläser), 53 Prozent (Sänger) und 60 Prozent (Pianisten) arbeitet freiberuflich. Zum Teil kombinieren sie auch musikalische mit außermusikalischen Tätigkeiten.

Die Freiberufler bilden die mit Abstand am schnellsten wachsende Gruppe unter den Musikern. Allein in der Zeit zwischen 2001 und 2009 ist ihre Zahl um 40 Prozent gestiegen . Damit rücken sie ins Zentrum des allgemeinen Interesses. Auch die Politik hat die freiberuflichen Lebenskünstler für sich entdeckt und propagiert das aus der Not geborene Patchwork-Dasein als innovatives Zukunftsmodell. Dabei wird oft übersehen, dass sich die Freelancer in prekären finanziellen Verhältnissen einrichten. Das durchschnittliche Jahreseinkommen freier Instrumentalisten, Sänger und Komponisten lag 2010 bei 11.521 Euro .

Reich werden nur die wenigsten

Corinnas Einkommen entspricht nach 15 Jahren Berufstätigkeit recht genau dem angegebenen Durchschnitt. Sie hat sich inzwischen damit abgefunden, dass sie finanziell keine großen Sprünge machen kann. Auch mit der Unsicherheit, nicht zu wissen, wie viel Geld in drei Monaten auf dem Konto sein wird, kann sie leben. Schwierig wird es nur, wenn die Nähte des individuellen Berufs-Patchworks zu reißen beginnen. Wenn sie auf Konzertreise geht, kann sie nicht gleichzeitig unterrichten. Intensive Probenzeiten lassen sich nur schwer mit regelmäßigen Brotjobs vereinbaren. Und wenn sie oder ihr Kind erkrankt, stürzt die mühsam ausbalancierte Terminplanung wie ein Kartenhaus zusammen.

Der junge chinesische Geiger Yu muss nicht einmal halb so viele Projekte unter einen Hut bringen. Er kam 2006 zum Aufbaustudium nach Basel und ist seit 2010 Primarius des deutsch-schweizerischen Gémaux Quartetts. Zum Glück kann er von den Konzertgagen und gelegentlichen Kammermusikursen leben. Und für die in einem Quartett anfallende Organisationsarbeit spricht er noch nicht gut genug deutsch. Welche Eigenschaften er als freier Musiker braucht? Durchhaltevermögen, Vertrauen in die Zukunft, Selbstvertrauen, Ideen, Konzepte und Visionen, antwortet Yu. Während der Ausbildung war davon nie die Rede.

Selbständigkeit als Studienfach

Inzwischen bemühen sich einige Musikhochschulen, die Studierenden auf die Selbständigkeit vorzubereiten. „Außerfachliche Schlüsselkompetenzen“ heißt das Pflichtfach an der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin. Dort lernen die jungen Künstler Verträge und Versicherungsmodelle kennen, diskutieren über Lebensentwürfe und werden im Selbstmanagement trainiert. Die Studienberaterin Anna Barbara Kastelewicz rät dringend, schon frühzeitig Netzwerke zu knüpfen. Auf dem freien Markt sind vor allem Kontakte gefragt, egal ob es sich um Dirigenten, Ensembles, Duopartner, Konzertveranstalter oder Orchester handelt. Was sie aber auch weiß: Wirklich ernst wird es erst nach dem Studium. Wenn Stipendien auslaufen und die Eltern nicht mehr unterstützen, fallen viele Musiker in ein großes Loch. Und dort sind sie dann allein. Nur wenige Hochschulen bieten ihren Studenten auch nach dem Abschluss Beratungen oder Fortbildungen an.

Auch für Corinna war die erste Zeit schwer. Heute ist sie mit ihrem Lebensentwurf zufrieden. Die reinen Brotjobs werden weniger. Und wenn sie auf die fest angestellten Kollegen blickt, weiß sie die eigene künstlerische Freiheit umso mehr zu schätzen. Wer kann schließlich den Spielplan der kommenden Saison selbst bestimmen? Im Orchester würde die Flötistin spielen, was auf dem Pult liegt.