Psychotherapie in China Wie die Psychotherapie nach China kam

Die Teilnehmer/innen des 1. deutsch-chinesischen Symposiums für Psychotherapie 1988 in Kunming
Die Teilnehmer/innen des 1. deutsch-chinesischen Symposiums für Psychotherapie 1988 in Kunming | Quelle: Zhong De Ban, S.65

Das im September 2011 erschienene Buch Zhong De Ban oder: Wie die Psychotherapie nach China kam beschreibt die Entwicklung der Psychologie in der Volksrepublik China in den letzten zwei Jahrzehnten, an der auch einige deutsche Psychologen/innen beteiligt waren.

„Am 10. September 1976 besteigt eine Gruppe von 14 Deutschen in Karatschi das Flugzeug nach Peking“ (Auszug aus Zhong De Ban oder: Wie die Psychotherapie nach China kam S. 8), unter ihnen die DAAD-Stipendiatin und Psychologin Margarete Haaß-Wiesegart. Sie ist auf der Suche nach einem „gelungenen Gegenbild“ zur damaligen westlichen Psychotherapie, die zu jener Zeit überwiegend darin bestand, die Patienten medikamentös ruhigzustellen.

Auf den Tag genau 35 Jahre später ist im Carl-Auer Verlag ein Buch erschienen, das ohne diesen ersten Schritt nicht denkbar wäre. Es resümiert die Entwicklung der Psychologie in der Volksrepublik China, vor allem der letzten zwanzig Jahre, – und beschreibt insbesondere den Einfluss, den das persönliche Engagement einiger deutscher Psychologinnen und Psychologen in diesem Bereich ausgeübt hat.

„Machen wir was in China!“

Von den ersten Kontakten zu chinesischen Ärzten bis zur Gründung der „deutsch-chinesischen Klasse“, der Zhong De Ban, und der Deutsch-Chinesischen Akademie für Psychotherapie (DCAP), die einen wesentlichen Anteil an der Etablierung der Psychologie in China und an der Ausbildung von Therapeuten hatte und noch hat, war es ein weiter Weg. Diplom-Psychologin Margarete Haaß-Wiesegart, Professor Dr. Zhao Xudong (赵旭东) und Professor Dr. Fritz B. Simon beschreiben diesen in neun Kapiteln mit Humor und aus genügend zeitlicher Distanz – alle drei gehören zu den Mitwirkenden der ersten Stunde.

Fritz B. Simon hat es übernommen, die Entstehungsgeschichte dieses überaus erfolgreichen deutsch-chinesischen Projekts aus systemisch-organisationstheoretischer Perspektive zu durchleuchten und in einen Kontext zu stellen, der die bei jeder interkulturellen Zusammenarbeit auftauchenden Probleme – und eben auch die Entscheidungsprämissen und gefundenen Lösungen – für andere nachvollziehbar macht. Es gab schließlich keinen Masterplan, kein Team, das zusammen beschlossen hatte, hier im eigentlichen Sinne ein „Projekt“ zu starten. Und dennoch erwiesen sich im Nachhinein viele Problemlösungen, die intuitiv aus der Situation heraus entschieden worden waren, als sinnvoll – und somit lehrreich.

Förderer und Unterstützer

Einleuchtend wird herausgearbeitet, wie aus persönlichen Kontakten und Reisen die Idee zum ersten Symposium in Kunming entstand, dem weitere folgten, und wie schließlich die notwendige Institutionalisierung erfolgte, um längerfristig und auch unabhängig von einzelnen Personen ein zuverlässiges Ausbildungsprogramm sicherstellen zu können. Nebenbei erfährt der Leser auch einiges über die Förderpolitik verschiedener Institutionen und Stiftungen, wie zum Beispiel des DAAD und der Hamburger Stiftung zur Förderung der Wissenschaft und Kultur, ohne die die Entwicklung sicher anders verlaufen wäre. Und über die Rolle der Tongji-Universität als Dreh- und Angelpunkt zahlreicher Aktivitäten. Die wechselvolle Geschichte der 1907 von Deutschen in Shanghai gegründeten Universität, deren Medizinische Fakultät 1954 zunächst als Medical College nach Wuhan verlagert wurde, verdient eine eigene Betrachtung. Zhao Xudong meint, es sei wahrscheinlich nicht zufällig, dass zahlreiche wichtige Beteiligte im Projekt an der Tongji studiert oder gearbeitet haben, egal ob an der Medizinischen Universität in Wuhan oder an der Tongji-Universität in Shanghai.

Abenteuerlust und Neugier

Besonders ergreifend sind manche der eingestreuten Interviews mit chinesischen und deutschen Therapeutinnen und Therapeuten. Woher rührte – neben ihrer Sympathie für China und seine Menschen – ihre Motivation, sich über einen so langen Zeitraum an einem Projekt zu beteiligen, das immer wieder an den verschiedensten politischen, finanziellen oder menschlichen Problemen hätte scheitern können? Wieso haben sie alle so viel Energie dafür aufgewendet und vor allem in den frühen Jahren auch bei ihren Aufenthalten in China einfachste Bedingungen auf sich genommen? Letztlich beantwortet wird die Frage auch in diesem Buch nicht. Reine Abenteuerlust kann es nicht sein, aber eine gewisse Portion Naivität und Unkenntnis scheinen manchmal durchaus hilfreich. Und ein weiterer Punkt, der bei allen deutschen Teilnehmern Beachtung findet: der Dialog der therapeutischen Schulen, der in China problemlos gelang – während er in Deutschland eher unüblich ist, und das gemeinsame Reisen.

Zhao Xudong äußert sich so über den Entstehungsprozess des Buches: „Es war ein interessanter Reflexionsprozess, bei dem ich noch einmal tief davon berührt worden bin, was wir in den letzten 23 Jahre zusammen geleistet haben. Ich bewundere sehr, dass die deutschen Kolleginnen und Kollegen aus starker, aber reiner Motivation für China so viele unglaubliche Leistungen vollbracht haben. Wir mögen die deutschen Kolleginnen und Kollegen so sehr, weil sie weder die Rolle fanatischer Missionare noch die arroganter Kolonialisten gespielt haben. Stattdessen haben sie Bescheidenheit, Altruismus und professionelle Empathie verkörpert. Es ist der Kernfaktor für den Erfolg des Projekts, dass wir gemeinsam dadurch gewachsen sind und voneinander profitiert haben.“ 

Zhong De Ban oder: Wie die Psychotherapie nach China kam; Autoren: Fritz B. Simon, Margarete Haaß-Wiesegart, Zhao Xudong (赵旭东), Reihe: Systemische Horizonte, Carl-Auer Systeme Verlag GmbH, Heidelberg, September 201