Gesellschaft und Medien Von wegen Wegwerfgesellschaft

Werkzeug
Werkzeug | Foto: Andreas Issleib, CC BY-NC-ND 2.0, via flickr

Reparieren liegt im Trend: In Großstädten treffen sich Menschen zum gemeinsamen Schrauben und im Internet geben Laien Basteltipps. Woher kommt die Lust an der Do-it-yourself-Reparatur?

Das Reparaturcafé in einem Kreuzberger Hinterhof ist noch nicht geöffnet, da stehen die ersten Kunden schon Schlange. Ein Staubsauger, eine Stichsäge, eine Musikanlage – die Besucher haben die verschiedensten Geräte dabei, um sie hier zu reparieren. Tamara Ritter ist extra aus Potsdam angereist. Ihre Stehlampe funktioniert nicht mehr. „Wegschmeißen kommt für mich nicht infrage“, sagt Ritter. „In Afrika wachsen die Müllberge mit unserem Elektroschrott – das macht die Umwelt kaputt und bringt die Menschen um. Eh meine Lampe dort hinwandert, probier' ich erstmal, sie zu reparieren.“ Zwei Monate musste sie auf einen Termin im Reparaturcafé warten – so groß ist der Andrang mittlerweile.

In rund 50 deutschen Städten gibt es mittlerweile regelmäßige Reparaturcafés. Die Idee stammt aus Amsterdam. Dort konnte man 2009 das erste Repariercafé besuchen. Elektrogeräte, Haus- und Gartengeräte, Fahrräder und Spielzeug werden hier wieder fit gemacht. Techniker, meist Elektriker, aber auch Hobbybastler, Tischler und Mechaniker helfen den Kunden bei der Reparatur. Bei Tamara Ritters Stehlampe hat ein Wasserschaden die Kabel zerstört. Informatiker Nathan Braun wechselt die Glühbirne und zwei Kabel und schon leuchtet die Lampe wieder. Braun arbeitet hier ehrenamtlich, weil es ihm Spaß macht, Leuten zu helfen.

„Die Nachfrage nach unserem Reparaturcafé wächst jeden Monat“, sagt Elisa Garrot Gasch. Sie ist Künstlerin und hat das erste Berliner Reparaturcafé vor gut zwei Jahren gegründet. „Unsere Kunden wollen nicht allein zuhause vor sich hinbasteln. Sie genießen die große Runde hier, reden miteinander, trinken Kaffee und helfen sich gegenseitig.“ Manche hängen so sehr an einem Gerät, dass sie es nicht wegschmeißen können. Andere haben es satt, ständig neue Geräte zu kaufen. „Da entsteht so etwas wie eine Gegenkultur zur Wegwerfgesellschaft“, sagt Elisa Garrot Gasch. 

Auch in den sozialen Netzwerken im Internet verabreden sich Leute zum Reparieren, gründen Gruppen und posten Videos, in denen sie erklären, wie man Smartphones, Stereoanlagen oder Laptops repariert.

Kalkulierte Kurzlebigkeit

23 Kilo Elektroschrott fielen laut einer Studie der Initiative Solving the E-Waste Problem im Jahr 2012 pro Person in Deutschland an. Weltweit sind es sieben Kilogramm pro Person – Deutschland liegt also weit über dem Durchschnitt. Und das ist kein Wunder: Schließlich schmeißt die Industrie in immer kürzeren Abständen neue Handys, Fernseher und Autos auf den Markt. Viele werden so gebaut, dass sie kalkuliert kaputt gehen. „Geplante Obsoleszenz“ nennen es Fachleute, wenn die Lebensdauer von Produkten vom Hersteller absichtlich reduziert wird. Apple musste zum Beispiel bei der ersten iPod-Generation vor Gericht zugeben, dass die Akkus so gefertigt worden waren waren, dass sie definitiv verschleißen würden. Auch viele Drucker funktionieren mittlerweile so, dass das Gerät nach einer festgelegten Anzahl ausgedruckter Seiten kaputt geht– eine Strategie, die den Verkauf ankurbeln soll. Dabei gibt es Studien, die belegen, dass Hersteller für nur wenig Geld die Haltbarkeit von Produkten verlängern könnten. 

Stattdessen werden neue Produkte so gebaut, dass sie der Käufer kaum noch selbst reparieren kann. Auch hier ist Apple wieder Vorreiter: iPad, iPhone und iPods sind so verklebt und verschweißt, dass man sie ohne Spezialwerkzeug gar nicht öffnen kann.

Professionelle Hilfe für Apple-Geräte

Die iHelp-Stores in Hamburg haben sich deshalb vor allem auf Apple-Produkte spezialisiert. Bei ihnen landen nach eigenen Angaben täglich 400 Geräte zur Reparatur: Display zerkratzt, Homebutton kaputt, Wasserschäden. „Über mangelnde Aufträge können wir uns nicht beschweren“, sagt Mitarbeiterin Viviane Kleinau.

Vom Student bis zur Hausfrau – die Kunden im iHelp-Store sind ganz verschieden. „Apple-Produkte sind so teuer, dass es sich meistens lohnt, sie erstmal reparieren zu lassen, bevor man sich neue kauft. Zu uns kommt aber auch der alte Herr mit seinem Telefon, der seit vielen Jahren an sein Gerät gewöhnt ist und sich nicht umgewöhnen will – egal, was es kostet.“ Seit vier Jahren gibt es den iHelpStore nun schon in Hamburg – und die Aufträge wachsen. Demnächst werden zwei weitere Filialen in der Stadt und eine in Berlin eröffnet.

Auch das kleine Handwerk boomt wieder 

Den Biophysiker Wolfgang Heckl wundert das überhaupt nicht. Der Generaldirektor des Deutschen Museums in München hat im letzten Jahr das Buch Die Kultur der Reparatur geschrieben – ein Loblied auf das Reparieren. „Nicht nur die Elektronikfachgeschäfte, auch die kleinen Handwerker, Schuster, Schneider, Tischler bekommen wieder mehr Aufträge“, erzählt Heckl. Er sieht eine Art Reparatur-Revolution über das Land ziehen. „Die Leute fangen an zu verstehen, dass die Ressourcen der Erde knapp sind. Wer die Erde schützen will, muss recyceln und reparieren.“

Oder gleich darauf achten, nachhaltige Produkte zu kaufen. Anfang Januar 2014 ist das erste Fairphone auf den deutschen Markt gekommen: Ein Smartphone, dass unter fairen Bedingungen produziert worden sein soll, und zudem längere Haltbarkeit und günstige Reparatur verspricht. Die Nachfrage war riesig: 25.000 Menschen hatten das Fairphone vorbestellt. Damit ist die erste Generation nun vergriffen. Die Bestellliste für die zweite Produktionswelle ist jetzt schon lang.