chinesische "rote Kultur" Das Singen roter Lieder ist einfach ein Teil der Konsumkultur

Bürger singen rote Lieder in Wuxi, Provinz Jiangsu
Bürger singen rote Lieder in Wuxi, Provinz Jiangsu | © Chongqing Evening News/ImagineChina

Von „Galavorstellungen roter Lieder“ bis zu „rotem“ Tourismus – Southern Weekend untersucht, warum das Phänomen „Rote Kultur“ in den letzten Jahren so ein Revival erfährt.

Der folgende Artikel wurde erstmals am 12. Mai 2011 bei Southern Weekend veröffentlicht. 

Die Chinesische Gala roter Lieder sah zunächst gar nicht nach einer großen Sache aus. Ihr Erfinder Li Jianguo (李建国) entwickelt als Verantwortlicher des Kulturprogramms von Jiangxi Satellite TV jährlich diverse Abendshows kleineren und größeren Formats und entschied, es müsse ein gemeinsamer „Rahmen“ für all diese Veranstaltungen gefunden werden. Da in China gerade Song-Contests wie Super Girl und Happy Boy angesagt sind, wurde eben auch eine „rote“ Castingshow ins Leben gerufen.

Fünf Jahre später lassen sich die „Galavorstellungen roter Lieder“, die landauf landab stattfinden, kaum mehr zählen, doch meist handelt es sich einfach nur um eine abendliche TV-Show oder um einen „Event“ für die Massen. Veranstaltungen dieser Art gab es früher zu jedem hohen politischen Fest- und Feiertag, doch mit dem Begriff der „roten Lieder“ ist plötzlich ein Gefühl der Einheitlichkeit entstanden. 

Auch wenn die „rote Kultur“ dem saisonalen Einfluss politischer Gedenktage unterworfen ist, wird durch die affirmative Haltung der Regierung sowie die noch größere Begeisterung seitens der Geschäftswelt für die Bevölkerung ein „Revival“ der roten Kultur spürbar. Li Jianguos anfängliche Zuversicht bei der Entwicklung dieses Programms wurzelte in der Beliebtheit „roter“ TV-Serien. Und es gibt noch weitere ähnliche Phänomene: So werden „rote“ Restaurants eröffnet, „roter“ Tourismus vermarktet und „Management à la Mao“ propagiert. Und so weiter und so fort. Die Behörden ihrerseits, welche hierbei die treibende Kraft sind, werben für die zentralen Werte des Sozialismus, leisten ideologische Erziehungsarbeit und setzen den sozialistischen Rechtsstaat auf den Lehrplan. 

Wissenschaftler haben das „rote Phänomen“ darauf zurückgeführt, dass die machthabende Partei versucht, für das sich wandelnde China ein neues gesellschaftliches Wertesystem zu schaffen.

In der Vergangenheit stand die „rote Kultur“ eher im Ruf, ein Instrument der Erziehung zu sein, doch heutzutage sind die Zielgruppen nicht mehr nur reine Adressaten und Rezipienten, sondern sogar Konsumenten einer roten Kultur. Die „rote Kultur“ ist durch den Wandel der Zeit und vor allem durch die Diversifizierung der Gesellschaft streitbar geworden, ja sie gerät sogar unter Beschuss.

Streitpunkt Nummer eins dreht sich darum, was denn eigentlich in diesen „Rahmen“ der roten Kultur gehört und was nicht. Beispielsweise sind Phänomene wieder aufgekommen, welche der Opfergeneration der Kulturrevolution einst arg zugesetzt haben, nämlich die roten Lieder, die Modellopern und uniformierten Gruppentänze, die Teil der diversen Politkampagnen waren und Führerkult und Klassenkampf propagierten. Auch wenn das Liedgut der Kulturrevolution heute im Großen und Ganzen außen vor bleibt, erweisen sich auch andere rote Lieder als problematisch: Etwa heißt es in der Hymne an das Vaterland, „die Talsperre von Sanmenxia ist ein großartiges Vorhaben, auch wenn noch so viel Wasser den Gelben Fluss hinunterfließt“. Dabei gilt die Talsperre von Sanmenxia heute als Negativbeispiel par excellence.

Streitpunkt Nummer zwei: Wo soll die „rote Kultur“ zum Einsatz kommen? Soll beispielsweise rotes Liedgut in Gefängnissen die Inhaftierten umerziehen oder in psychiatrischen Kliniken Kranke heilen? Als Journalist bekommt man darauf unterschiedliche Antworten. Der Leiter des Amts für Justizangelegenheiten einer Stadt im Südwesten Chinas äußerte öffentlich, die Initiative „Rote Kultur im Gefängnis“ habe einige „Unverbesserliche“ erfolgreich umgekrempelt; dagegen sind sich Beamte der Strafvollzugsabteilungen in den Provinzen Shaanxi und Jiangxi darin einig, dass man die Wirkung der „roten Kultur“ nicht überschätzen dürfe. Was die „Therapie durch rote Lieder“ bei psychisch Kranken betrifft, so haben sich die Erfolgsmeldungen auch schon als übertrieben oder falsch herausgestellt.

Liu Xing’an (刘星安), Leiter der Abteilung für Aus- und Weiterbildung am Ministerium für Justizangelegenheiten der Provinz Jiangxi, erinnert sich an die Zeit vor zehn Jahren: „Damals dauerten kulturelle Veranstaltungen eine Woche. Heute mangelt es einerseits an Polizeibeamten und andererseits haben wir alle Hände voll mit der Umerziehung zu tun, woher sollen wir die Energie für so etwas nehmen?“

Rote Kulturveranstaltungen im Stil von Massenkampagnen lassen sich heutzutage kaum mehr fest etablieren, und die normale Bevölkerung muss sich darüber normalerweise keine Sorgen machen. „Früher wurde gegessen, was auf den Tisch kommt, aber heute ist die Gesellschaft bunter geworden, und jeder sucht sich die Musik aus, die ihm gefällt. Im Chor singst du rote Lieder und zuhause deine persönlichen Lieblingslieder, darin liegt kein Widerspruch.“, meint Wu Songjin (吴颂今), leitender Redakteur bei der China Record Company Guangzhou.

Wu Songjin, Jahrgang 1949, hat zahlreiche rote Lieder geschrieben, darunter Grüne Blumen der Armee. Außerdem hat er Stars der roten Liedszene wie Yang Yuying (杨钰莹) und Chen Sisi (陈思思) aufgebaut. 2009 gab er zum 60. Jahrestag der Gründung der Volksrepublik China die Collection of Red Classic Songs heraus, von der, wie ihm der verantwortliche Redakteur berichtete, eine einzige Provinz auf einen Schlag mehrere tausend Exemplare gekauft habe. Wu Songjin schätzt, dass sich dieses Buch auch 2011 wieder gut verkaufen wird. 

Das von Wu Songjin in Kanton betriebene Musikgeschäft und sein Online-Shop machen in letzter Zeit gute Geschäfte. „Rote Lieder sind besonders gefragt“, erzählt er, vor allem bei öffentlichen Einrichtungen, weniger bei Privatleuten. Meistens würden sie von Institutionen wie den Komitees der Kommunistischen Jugendliga oder Gewerkschaften gekauft.

Laut Wu Songjin gab es den ersten Höhepunkt roten Liedguts in den von den Kommunisten befreiten Gebieten vor 1949, der zweite war während der Kulturrevolution. Anfang der 1990er Jahre aber, als man den 100. Geburtstag Mao Zedongs feierte, schaffte die China Record Company Guangzhou ein Kassenwunder, bei dem das Tape Rote Sonne 7,2 Millionen Mal über den Ladentisch ging.

Wu Songjin wundert es nicht, dass die roten Lieder nun erneut Verbreitung finden: „Meiner Meinung nach verlaufen musikalische Trends zyklisch, das ist wie in der Mode, etwa bei Hosen, mal trägt man weite Hosen und dann sind wieder eng geschnittene Hosen angesagt.“

Wu Songjin schreibt heute weiterhin Lieder für den Mainstream. Für Ministerpräsident Wen Jiabao (温家宝) hat er das Lied Blick in den Sternenhimmel geschrieben und für den taiwanesischen Politiker James Soong anlässlich seiner Rückkehr aufs chinesische Festland das Lied Mutter, großer Bruder ist zurück. Verglichen mit Popsongs oder den alten Revolutionsliedern gibt es aber nur wenige neue rote Lieder, die großen Einfluss entfalten oder weite Verbreitung finden.

Nach Liao Subin (廖苏斌), dem federführenden Regisseur der Gala roter Lieder, kommen zu viele Anmeldungen für die Show von Leuten mittleren oder höheren Alters, so dass man gerade fieberhaft überlege, wie man junge Leute zur Teilnahme bewegen könnte. Für die Veranstaltung Rote Lieder für die Partei in seinem Stadtviertel schneiderte der 66-Jährige Ye Chunmei (叶春梅), aus Yinchuan für acht Tänzer eigenhändig Kostüme. „Ich meine, auch wenn es nur eine Aufführung in der Nachbarschaft ist, wird doch für die Kommunistische Partei gesungen, das ist als würde für meine Mutter gesungen, und es ist doch selbstverständlich, dass die Kinder für ihre Mutter etwas tun.“ 

„Jede Zeit hat ihre Lieder, das ist ganz normal“, sagt der alte Musikfreund und meint das keineswegs vorwurfsvoll. Nicht dass die neuen Songs nicht gut seien, aber die Zeiten hätten sich eben geändert. Ye Chunmei findet das richtig so, zeige es doch, dass in der chinesischen Kultur hundert Blumen blühen und es damit einen Wettbewerb gibt. „Ja klar, die roten Lieder sind die prächtigen roten Blumen, aber Levkojen und gelbe Rosen dürfen ja auch nicht fehlen.“