Fokus: Dada Schräge Clubsounds: Tanzen zu Dada-Rhythmen

Dada Popmusik
Dada Popmusik | © DOON 東

Dada in der deutschen Popmusik. Ein Tanz zwischen Musik und Kunst, der in den frühen Achtzigern begann. Und bis heute weitergroovt- viel weiter als „Da Da Da“.

Das ist es wieder. Das D-Wort. Dada. Länger nicht gehört oder gesehen in der deutschen Popmusik. Nun bezeichnet das junge Kölner Quartett Golf ihr Debutalbum Playa Holz, das im Mai 2016 erscheinen ist, als „Dada Disco“. Die Rhythmen sind zerhackt und werden eklektizistisch wieder zusammengemischt. Die Texte klingen poetisch versponnen. „Da is’ was in deinen Augen. Es beruhigt mich so sehr. Ich mache dir Komplimente. Es is’ nicht komplementär!“, heißt es etwa in der Single Dein Grün.

Songs zum Selberbauen

Ein wenig Sinnverweigerung, Groteske und Spott, wie es sich für Dada gehört. Wolfgang Pérez, André Dér, Nils Asthoff und Jonathan Heitkämper drehen ihre Synthesizer-Gitarren-Tanzmusik gegen den Uhrzeigersinn des klassischen Clubsounds. Zur kryptischen Aussage des Songs Macaulay Culcin sagt Keyboarder Peréz gegenüber DRadio Wissen, dass man im Hause Golf Dada durchaus ernst nehmen würde: „Wenn die Zuhörer den Song ein bisschen selber zusammenbauen müssen, das macht schon Spaß“. Das ironische Augenzwinkern muss sich der Rezipient dazu denken.

Denis und Gerome wiederum, zwei französische Exil-Berliner nennen ihr DJ- und Produzenten-Projekt ebenfalls Dada Disco, gleichwohl als Bandname. „In diesem Pseudonym steckt all das Chaos und die Extravaganz unser Party-Erlebnisse“, heißt es in ihrer Biografie. Die Beiden beziehen sich dabei explizit auf die legendäre Berliner Club-Institution Bar25, in der die üblichen Regeln des Nachtlebens nicht nur durch die durchgehende Öffnungszeit von Freitag-Nacht bis Montag-Abend außer Kraft gesetzt worden sind. Das seit September 2010 geschlossene Projekt am Friedrichshainer Ufer der Spree verband unterschiedliche Musikstile mit Exzessen aller Art. Dada lebt weiter im digitalen Zeitalter, nicht nur in Bands wie Golf und im Soundprojekt Dada Disco. In dem zwischenzeitlich als Kater Holzig weitergeführten Berliner Multifunktions-Ort für Gastronomie und Off-Kunst-Ausstellungen zeigt sich anschaulich, wie der Begriff Dada in den 100 Jahren seines Bestehens im erweiterten Kontext der Popmusik weiterentwickelt - und dabei mehrfach mit Elementen aus der Hippie- oder Fluxus-Bewegung angereichert worden ist.

Aus der Provinz in die britischen Charts

Eindeutige Musikbezüge zur Dada-Tradition gab es erstmals Anfang der achtziger Jahre, als im Zuge der angloamerikanischen Punk-Bewegung in der Bundesrepublik Deutschland (und später auch in der DDR) eine eigene Popsprache entwickelt wurde. Anfangs noch in kleinen, subkulturellen Zirkeln der Metropolen experimentierten ganz unterschiedlichen Formationen mit neuen akustischen und visuellen Formen. Mal mehr Pop, mal weniger. Die Tödliche Doris und die Genialen Dilletanten (die einen subversiven Schreibfehler gleich in den Bandnamen einbauten) aus West-Berlin setzten auf radikalen Krawall. Der Plan aus Düsseldorf oder die Hamburger Kunsthochschul-Crew Palais Schaumburg mit dadaesken Songs wie Wir Bauen Eine Neue Stadt oder Grünes Winkelkanu dockten stilistisch an die internationale Szene an. Ein monoton minimalistisches Lied wie Da Vorne Steht ne Ampel von Der Plan mit der zentralen Aussage Warum nicht bei Rot gehen, warum nicht bei Grün stehen hatte es bis dato in der eher biederen deutschen Pop- und Rockszenerie nicht gegeben. Und auch der brachiale Industrial-Sound der Einstürzenden Neubauten, in dem Stahlbleche, Bohnmaschinen und Vorschlaghämmer zum Einsatz kamen, verweigerte sich jeglicher Pop-Harmonik. Pop aus Deutschland wurde in der ausländischen Rezeption erstmals nicht auf Kraftwerk und Ton Steine Scherben reduziert. Und die leutselige Provinzband Trio aus dem niedersächsischen Dorf Großenkneten schaffte mit es mit ihrem Da Da Da zum Casio-Spielzeug-Computer-Sound 1981 gar bis auf Platz zwei der britischen Charts. 

Die Musealisierung des „Dada-Pop“

Diese mittlerweile über dreißig Jahre zurück liegende Sturm-und-Drang-Phase, die bereits wenig später in der kommerziell geprägten Neuen Deutschen Welle verebbte (Ich geb Gas, ich will Spaß – Marcus), darf aus heutiger Sicht als zentrale Ära der Dada-Adaption in der deutschen Popmusik gesehen werden. Mittlerweile wird diese in den Museen der Republik verarbeitet. Das Haus der Kunst in München etwa zeigte 2015 die Schau „Geniale Dilletanten - Subkultur der 1980er Jahre in Deutschland“. Eine interdisziplinäre Bewegung mit Popusik im Zentrum, die stets in verschiedenen Metropolen Genre- übergreifend gewirkt hat, wie etwa Martin Kippenberger im Berliner Punkclub SO36 oder die Kölner Künstlergruppe Mülheimer Freiheit, deren Protagonisten Walter Dahn oder Peter Boemmels stets im Musik-Kontext arbeiteten. Dahn spielte in diversen Garagen-Bands. Boemmels gehörte ab 1980 zu den Gründern des Avantgarde-Musikmagazins Spex. In den zentralen Musik-und-Kunst-Treffpunkten wie Ratinger Hof (Düsseldorf) oder Blue Shell (Köln) liefen regelmäßige dada’eske Mixed-Media-Projekte. Das. Die Konzertreihe „Industrie-Unternehmen für das Tote Huhn“ von Andreas Thein, später Mitglied der Düsseldorfer Synthieband Propaganda vermischte Schlachthof-Optik mit Synthie-Spuren. Auch später führten bildende Künstler wie der Hamburger ex-Häuserkämpfer Daniel Richter oder Kai Althoff, dessen Auftritte mit seiner Band Workshop an bunte Dada-Happenings erinnerten, diese Tradition Verbindung von Bildender Kunst und Avantgarde-Pop durch die Neunziger und Nuller-Jahre. 

Dada in der deutschen Popmusik ist heute ein vielfach gebrochenes und mit weiteren subversiven Strategien vermischtes Sujet. Collagierter Irr- oder Unsinn findet sich in den Songs von Hip Hop-Crews wie K.I.Z. oder Deichkind. Eine eindeutige Bezugnahme auf die Traditionen der Dada-Bewegung würden die Protagonisten aber entschieden als „Bildungsbürgertum“ zurückweisen. Und damit wiederum auch 100 Jahre später an das gegenkulturelle Dada-Moment in Musik und Kunst verweisen.

Oder wie es die Münsteraner Gitarrenband Messer auf dem Cover ihrer aktuellen 2016er-EP „Kachelbad“ formuliert: „Nur ein Stück Seife, weil du dir nicht mehr sicher bist. In eine andere Welt bist du verliebt. Was wird das ändern, wenn es dazu kein Wasser gibt? Und wo Papier ist, da wirst du schnell zum Dieb“. Tiefschürfende Poesie oder kunstvoller Quatsch?