Kunst in öffentlichen Räumen Theater außerhalb des Theaters

Die Straße als Bühne auf dem Wuzhen Theaterfestival
© Wuzhen Theaterfestival

Immer galten Theater als natürlicher Ort, Schauspiele aufzuführen, aber eigentlich kann alles Ort für eine Performance und damit „Theater“ sein.

In der Volksrepublik China verlassen immer mehr Künstler die Theatergebäude. Sie gehen auf die Straße, in Restaurants, Galerien, zu landschaftlich reizvollen Orten, oder in Internetcafés, wo das Netz selbst zu ihrem Theater wird. Die unter Kontrolle stehenden Mainstream-Theater mit ihren existierenden sozialen Schranken reflektieren nur selten die sie umgebende Wirklichkeit. Aufführungen an authentischen Orten helfen da schon ein wenig und werden zunehmend als gangbarer Weg betrachtet. Es waren die Unzufriedenheit mit dem existierenden Theater und den sozialen Schranken wie auch die Reaktion auf das ortsspezifische Theater weltweit, die zu diesem neuen Trend in China beitrugen.

Unterstützung durch neue Festivals

Gerade in der Anfangsphase des Sich-Ausprobierens halfen neue Festivals und künstlerische Einrichtungen enorm, indem sie diese Performances finanzierten. Verglichen mit Europa wird das chinesische Theaterpublikum wieder jünger und die Akzeptanz gegenüber Neuerungen ist größer, sodass Performances außerhalb des Theaters auf fruchtbaren Boden treffen.

Seit 2013 fördern chinesische Festivals und künstlerische Einrichtungen Aufführungen in dafür nicht vorgesehenen Räumen und bieten jungen Künstlern eine Platform sich auszuprobieren. Das erste Wuzhen Theaterfestival (乌镇戏剧节) 2013 rief einen Outdoor Carnival ins Leben, für den die Veranstalter den Künstlern unterschiedlichste Orte für Performances öffneten, beispielsweise die südlich des Yangzi typischen überdachten Boote (乌篷船) oder die Pagode des Weißen Lotus (白莲塔), das höchste Gebäude Wuzhens.

Das von den Kuratorinnen Niu Ruixue (牛瑞雪) und Yu Ge (于歌) gegründete Beijing ONE Arts Festival (北京ONE国际表演艺术周) zeigt zehn Performances und visuelle Werke, die in Gassen, Höfen, Cafés und Läden alter Stadtviertel stattfinden und damit eng verbunden mit der Nachbarschaft. Der Ort, wo Kunst stattfindet, ist damit keine Black oder White Box mehr.

Das in Peking einflußreiche Nanluoguxiang Performing Arts Festival (南锣鼓巷戏剧节) plante für 2015 eine Sektion mit dem Titel „Die öffentliche Landschaft verändern“und veranlasste die Theatermacher dazu längst ausgetretene Pfade zu verlassen und gemeinsam mit dem Publikum neue Aufführungsräume zu erkunden, mittels Kunst der Gesellschaft näher zu rücken und die Realität unter die Lupe zu nehmen.

Das Shanghaier Xintiandi-Festival (上海的表演艺术新天地) 2016 verwandelte das Shopping-Areal Xintiandi in eine Bühne und öffnete so Möglichkeiten der Verbindung von Kunst und Kommerz. Die Kommerzialisierung im heutigen China ist nicht mehr rückgängig zu machen. Wie sich die Kunst im kommerziellen Raum behaupten kann, bleibt somit die große Frage für viele Kulturmanager: „Wir bauen immer neue Theater und dann ist ihre Auslastung gering. Warum denkt man nicht einfach über die Bespielung schon bestehender Orte nach? Das wäre ein Durchbruch für die Darstellenden Künste”, sagt der Performance-Kurator des Festivals, Shui Jing (水晶).

  • Hamlet Foto: Chen Ran
    Hamlet
  • Die Straße als Bühne auf dem Wuzhen Theaterfestival © Wuzhen Theaterfestival
    Die Straße als Bühne auf dem Wuzhen Theaterfestival
  • Die Straße als Bühne auf dem Wuzhen Theaterfestival © Wuzhen Theaterfestival
    Die Straße als Bühne auf dem Wuzhen Theaterfestival
  • Red - Ein Theaterprojekt © Zhang Daming
    Red - Ein Theaterprojekt
  • Aufführung im Shanghai McaM anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Why the Performance?" Courtesy: Shanghai McaM
    Aufführung im Shanghai McaM anlässlich der Eröffnung der Ausstellung „Why the Performance?"
  • Speed Show: Drift Internet Café Foto: Sun Xiaoxing
    Speed Show: Drift Internet Café

Die neue Heimat des experimentellen Theaters

Weit vom Pekinger Stadtzentrum außerhalb der vierten Ringstraße gibt es zwei von Künstlern geführte Performance-Orte - die Caochangdi Workstation (草场地工作站) von Wen Hui (文慧) und Wu Wenguang (吴文光) und das von Tian Gebing (田戈兵) und Wang Yanan (王娅婻) gegründete Paper Tiger Studio (纸老虎空间) im Tuoyuan Art District (驼院艺术区) . Beide entwickelten sich aus den Arbeitsräumen der Künstler, in denen sie noch halb im Untergrund unabhängige Performances entwickelten. Das Publikum bestand vorwiegend aus gleichgesinnten Künstlerinnen und Künstlern. Anfang 2015 sollte die Miete für die Caochangdi Workstation (草场地工作站) drastisch erhöht werden, eine Mieterhöhung die die Fortsetzung der Arbeit bedrohte. Und nur wenig später musste das Paper Tiger Studio (纸老虎空间) wegen Abriss des Viertels schließen, was ein großer Verlust ist. Seither werden die Werke dieser Künstler verstärkt in Museen aufgeführt. Das von Wen Hui (文慧) inszenierte Dokumentartheaterstück Red (红) erlebte im Dezember 2015 in der Power Station of Art in Shanghai (上海当代艺术博物馆) seine Premiere und Tian Gebings (田戈兵) Choreografie Feifeifeifei (非肥匪费) wurde im Rockbund Art Museum (上海外滩美术馆) ebenfalls in Shanghai aufgeführt. Das 2015 eröffnete Mingyuan Contemporary Art Museum (McaM, 明当代美术馆) schließt sich diesem Trend an. Die zu einem privaten Museum umgebaute ehemalige Papiermaschinen-Fabrik möchte in ihren Räumen ganz explizit visuelle und darstellende Gegenwartskunst fördern. Der Direktor des Museums, Qiu Zhijie (邱志杰), findet, dass die Zusammenführung von visueller und darstellender Kunst ein unübersehbarer internationaler Trend sei, dem sich bislang noch kein chinesisches Museum verschrieben habe, und das sei eine große Chance für das McaM.

Performances und Museumsräume finden unter den gegenwärtigen Bedingungen zueinander. Da experimentelles Theater und Performances im herkömmlichen Theaterbetrieb kaum eine Rolle spielen und nur wenige Zuschauer begeistern, eröffnet die Unterstützung von Seiten der Museen ganz neue Möglichkeiten. Sie hilft einerseits den Künstlern die hohen Mieten für Theaterräume zu sparen und nimmt ihnen so den finanziellen Druck. Auf der anderen Seite gehören Stücke für andere Örtlichkeiten als Theater einer Grauzone an, was die Zensur betrifft. Für Theatermacher, die sich zunehmend stärkerer Kontrolle ausgesetzt sehen und um Arbeitsräume kämpfen, sind das unschlagbare Vorteile. Die Ausstattung eines Museums ist zwar nicht mit der eines traditionellen Theaters zu vergleichen, aber sie schafft möglicherweise Anreize, neue Darstellungsformen auszuprobieren.

Jenseits der Theaterbühne

Das Stück Sleep No More (不眠之夜) machte die Theatergemeinde auf Auftritte außerhalb herkömmlicher Theatergebäude aufmerksam. Dieses Stück des sogenannten Immersiven Theaters der britischen Truppe Punchdrunk war 2016 in New York ein großer Erfolg. Viele chinesische Theaterschaffende sahen das Stück und verstanden diese neue Spielform des Immersiven Theaters. Die chinesische Version des Stücks wird Ende 2016 in Shanghai Premiere haben. Andere ähnliche Projekte sind derzeit in Vorbereitung.

Im Gegensatz zu den kostspieligen Mieten für die Spielstätten des Immersiven Theaters, übernimmt das ortsspezifische Theater bestehende Räume, ohne diese zu verändern und kann so Kosten und Aufwand verringern. Deshalb ist es die erste Wahl vieler Produzenten und Kuratoren. Mit Stoffen aus der chinesischen Realität oder eigenen Adaptionen sind sie nah am Leben der Menschen. Li Jianjun (李建军) und seine Truppe Neue Jugend (新青年剧团) mieteten für ihr Stück 25,3 km einen Bus und luden am letzten Tag des Jahres 2014 vierzig Zuschauer zu einer Reise ins neue Jahr ein. Die Silvester-Feierlichkeiten der Stadt wurden dabei zu einer Theaterkulisse, wie sie ein künstlich geschaffenes Bühnenbild nie bieten könnte.

Der Regisseur Liu Yang (刘阳) inszenierte Strindbergs Fräulein Julie als west-östliches Spektakel in einem traditionellen Shanghaier Shikumen-Haus. Die Zuschauer spazierten in den Salon und ins Schlafzimmer von Fräulein Julies Haus. Der westliche Klassiker und die dichte chinesische Atmosphäre verschmolzen so miteinander.

Der Experimentalmusiker Yan Jun (颜峻) erfand die Tunnelauftritte (地下通道演出) und Wohnzimmer-Touren (客厅巡演), die aus der Situation der gegenwärtigen Musik-Szene geboren wurden. Denn auch in den chinesischen Live-Klubs steigt der Druck durch teure Mieten, einförmige Programme und Konflikte mit Behörden. Die beiden Projekte befreien die Auftritte von Spezialequipement und technischem Aufwand, indem sie improvisierte Musik in den öffentlichen Raum und in Privatwohnungen bringen. So können die Musik, ihre Umgebung und die Menschen direkt miteinander interagieren.

Chinas Netzgemeinde ist so riesig, dass das virtuelle Leben zu einer Realität geworden ist, was junge Künstler veranlasst, sich mit neuen Medien als Mittel theatralen Ausdrucks auseinanderzusetzen. Dazu zählen Stücke wie Here is the Dividing Line (——这里是分割线——, 2015) oder Speed Show: Drift Internet Café („Speed show:漂流网咖”计划, 2016), in dem Sun Xiaoxing (孙晓星) jugendliche Subkulturen untersucht. Ye Funa (叶甫纳) und Beio (北鸥) streamen ihr Stück Peep Stream (直播计划, 2015) gleich aufs Handy und beleuchten damit die Lust am Beobachten anderer. In The Moments When We Chat (当我们聊天时, 2014) und Hamgate (哈姆雷特门, 2016) geht die unabhängige Künstlertruppe Stage No More dem Einfluss sozialer Netzwerke auf den Menschen nach. Diese Stücke, ob nur online oder on- und offline in Kombination sind Ausdruck des Neudenkens von Netzkultur einer jungen Generation von Kreativen.