Analoger Film in digitalen Zeiten Die Schönheit einer totgesagten Kunstform

Kein ausschließliches Liebhaberprojekt
Kein ausschließliches Liebhaberprojekt | Foto (Ausschnitt): © Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film, Wien

Die Zukunft des kommerziellen Kinos ist digital. Dennoch stirbt der analoge Film nicht aus. International haben sich eine Vielzahl von Initiativen und Kollektiven dem vermeintlich überholten Medium verschrieben – aus  unterschiedlichen Gründen. 

Fragt man die Filmemacherin Deborah S. Phillips, weshalb die meisten ihrer Werke auf 16mm-Filmmaterial entstehen, muss sie nicht lange überlegen: „Wenn man analog und digital hergestellte Bilder vergleicht, ist der Unterschied wie zwischen einem Ölgemälde und einer Fotokopie.“ Der analoge Film schaffe einen Nuancen- und Farbreichtum, der digital niemals zu erzielen wäre. Mit der von Phillips verwendeten Kamera – eine Bolex aus Schweizer Fabrikation – seien zudem Drehs ohne künstlich gesetztes Licht möglich, ähnlich wie bei digitalen Kameras. Auch könne sie durch extrem lange Belichtungszeiten Bilder auf Film bannen, „die man mit bloßem Auge gar nicht sehen würde“. Dank der analogen Technik, betont Phillips, „habe ich jede einzelne Aufnahme völlig unter Kontrolle“.

Analoge Kollektive

Deborah S. Phillips ist Mitglied des Kollektivs LaborBerlin e.V., einem Zusammenschluss von mehr als 60 Filmemacherinnen und Filmemachern. Mit Werkschauen und in Workshops loten sie theoretisch wie praktisch die Möglichkeiten aus, die der analoge Film in digitalen Zeiten bietet. Unter anderem betreibt LaborBerlin das Langzeitprojekt Analogue Zone, das Gleichgesinnte aus Ägypten, Deutschland und Griechenland zusammengeführt und bislang rund 30 analoge Filme hervorgebracht hat.

 
Kollektive und Initiativen wie LaborBerlin existieren in vielen Ländern. Regelmäßig gibt es Zusammenkünfte der internationalen Analogfilmer-Community, auf denen – wie etwa im Juli 2016 im französischen Nantes – technisches Wissen über Projektoren, Schneidetische, Entwicklungs-Emulsionen und andere Aspekte gesammelt und ausgetauscht wird.

Museen statt Kinos

Trotz der Vielzahl an künstlerischen Projekten ist der analoge Film aber industriell und kommerziell durchaus in seiner Existenz bedroht. Projektoren für Film im 35-, 16- oder gar 8mm-Format werden kaum noch hergestellt. Auch besitzen immer weniger Kinos die entsprechenden Abspielmöglichkeiten. Beschleunigt wurde diese Entwicklung in Deutschland und anderen europäischen Ländern durch die staatliche geförderte Umrüstung der Programmkinos auf digitale Technik. 
 
Im Gegenzug lebt der oftmals experimentelle analoge Film in Museen und Galerien auf. Kaum ein bedeutendes Event in der bildenden Kunst sei zuletzt ohne filmische Installation ausgekommen, erklärt Philipp Fleischmann, Filmemacher und Leiter der Schule Friedl Kubelka für unabhängigen Film in Wien, an der die Studentinnen und Studenten mit analoger Technik arbeiten.

Zum Kern des Mediums vordringen

Philipp Fleischmann vergleicht das Medium mit „einer strengen Lehrerin, die einem Arbeit, Geduld und Selbständigkeit abverlangt“. Bei der Arbeit mit analogem Film sei das Bild nicht sofort sichtbar und verfügbar, könne nicht sofort auf Instagram mit der ganzen Welt geteilt werden. Doch viele Filmemacher einer jüngeren Generation seien von den vermeintlich unendlichen Möglichkeiten des Digitalen überfordert. Zudem sei eine Durchdringung des analogen Materials notwendig, „um Filmgeschichte zu verstehen“ – gerade im Bereich der experimentellen Avantgarde, wo viele Werke etwa aus der konkreten Beschäftigung mit der Beschaffenheit des Filmmaterials entstanden seien.

Die Arbeiten der Friedl-Kubelka-Schule und des Kollektivs LaborBerlin stehen auch im Mittelpunkt der Filmreihe The Last Machine: Analoge Filmkunst aus Berlin, Paris, Wien, die das Österreichische Filmmuseum in Wien im November 2016 zeigt. Gegenwärtig gebe es im analogen Filmschaffen vor allem zwei Richtungen, beobachtet Alejandro Bachmann, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Filmmuseum: „Zum einen existiert ein strukturalistisches Interesse, das zum Kern des Mediums vorzudringen versucht. Zum anderen entstehen narrative Formate, bei denen sich die Filmemacher vom analogen Prozess eine erhöhte Konzentration bei ihrer Arbeit versprechen.“ Schließlich sei das Material deutlich teurer und zwinge deshalb zum sparsamen Umgang.

Der analoge Film wird weiterexistieren

Dennoch ist der analoge Film heute kein ausschließliches Liebhaberprojekt, das sich in der Kunstwelt seine Nischen sucht. Zur Archivierung, betont Bachmann, seien analoge Kopien bis heute das optimale Sicherungsmedium – im Vergleich etwa zu den weit anfälligeren Festplatten. Und er verweist auf die internationale Online-Initiative savefilm.org, die sich für den Fortbestand des analogen Filmmaterials einsetzt. Unterstützt wird diese Initiative etwa von der Künstlerin Tacita Dean, dem preisgekrönten Filmemacher Michael Haneke oder den Hollywood-Regisseuren Quentin Tarantino und Christopher Nolan. Ihr Argument: Die Diskussion „analoger versus digitaler Film“ sei in erster Linie aus technischer Perspektive geführt worden. Doch beide, digitaler wie analoger Film, seien unterschiedliche Medien mit unterschiedlichen künstlerischen Ausdrucksformen. Und beide müssten ihre Existenzberechtigung wahren. Tatsächlich hat die Firma Kodak unlängst die Produktion von 35mm-Material wieder aufgenommen. Im Gegenzug sicherte die US-amerikanische Filmindustrie eine Mindestabnahme zu.
 
„Die Kunstgeschichte kennt immer wieder Momente, in denen bestimmte Medien totgesagt wurden“, weiß Alejandro Bachmann vom Österreichischen Filmmuseum. Als Beispiel nennt er Fresken: „Es gab eine Zeit, in der die Farben und die handwerklichen Kenntnisse für ihre Herstellung weit verbreitet waren.“ Dies sei heute zwar nicht mehr gegeben, die Kunstform existiere dennoch weiter. Entsprechend erwartet Bachmann, dass der analoge Film in Zukunft „zwar nicht mehr die Dominanz haben wird, die er in den vergangenen 120 Jahren besaß. Aber es wird weiterhin Künstlerinnen und Künstler geben, die sich stark für dieses Medium interessieren“.

Vom 3. bis zum 10. November 2016 findet das Festival Cine Esquema Novo (CEN) in Porto Alegre statt. Seit 2003 fördert das Festival die Vielfalt des Bildes durch die Videokunst. Mit 44 Produktionen wie Filmen und Videoinstallationen präsentiert das CEN an unterschiedlichen Orten der Stadt ein Panorama der gegenwärtigen brasilianischen Produktion. Das CEN 2016 taucht in die Welt des Celluloids ein und versucht, über die Aufbewahrung der Analogtechniken zu diskutieren. Die Ausstellung in Porto Alegre zeigt zwei wichtige film labs: das deutsche LaborBerlin und das holländische Worm.Filmwerkplaats. Dazu wird auch die 16mm-Produktion des Duos OJOBOCA (Anja Dornieden aus Deutschland und Juan David González Monroy aus Kolumbien) beleuchtet. Beide Künstler wurden vom Goethe-Institut Porto Alegre und dem CEN Festival eingeladen, ihre Filme in der Stadt zu zeigen. Zusätzlich werden sie einen Workshop zur Arbeit mit 16mm-Film (Filmdreh und Handentwicklung) leiten. Ein Gespräch mit dem Publikum über ihre Filmarbeit und Berichte über die Arbeit im LaborBerlin geben einen Einblick in die Vielfalt des analogen Filmschaffens. Das Analogfilmprogramm auf dem CEN Festival wurde von der Filmproduktion pátiovazio organisiert, deren Mitglieder Luciana Mazeto
und Vinícius Lopes im Juli in Berlin und Rotterdam waren und die Gründung eines Analogfilmlabors in Porto Alegre planen.