Visionen des Körpers in der Kunst von Tian Xiaolei Exemplare der Welt von Morgen

Tian Xiaolei: "The Creation", 5:30, 2015 (Filmausschnitt)
Tian Xiaolei: "The Creation", 5:30, 2015 (Filmausschnitt) | © Tian Xiaolei

„Ich möchte die heutige Kultur und Technologie in ein ausgiebiges Liebesspiel einbinden und so bislang unbekannte und faszinierende Kreuzungen hervorbringen.“ - Tian Xiaolei

In der heutigen Zeit, in der Bilder das wichtigste Medium darstellen, wird jeder Mensch mit  einer nie dagewesenen visuellen Informationsflut konfrontiert. Trotzdem gelingt es den GIF-Animationen von Tian Xiaolei (田晓磊) beim Betrachter einen nachhaltigen Eindruck zu hinterlassen: Man beobachtet Paare mit menschlichem Körper und Schneckenköpfen in inniger Vereinigung; Skelette, die partiell mit Fleisch bedeckt sind oder menschliche Geschlechtsteile, die zu technischen Apparaten mutieren. In Loops von nur wenigen Sekunden entfaltet sich eine vom Künstler erdachte neue Welt: Sie ist surreal und sie weist in die Zukunft. Die körperliche Hülle des Menschen beschränkt sich längst nicht mehr auf das Altbekannte, sondern kann sich frei mit anderen Wesen, ja sogar mit Maschinen, vereinigen und kreuzen.

Die Hinterfragung des Lebens durch physische Mutationen

Tian Xiaolei: "Fluctuation", 2015
© Tian Xiaolei
Tian Xiaolei: "Fluctuation", 2015

Schon vor einigen Jahren hat Tian Xiaolei mit der Konstruktion seiner „Neuen Welt“ begonnen. Seine ersten Versuche setzten dabei beim Konzept des „Körpers“ an. In den drei 2011 und 2012 entstandenen Kurzfilmen Spring and Autumn (春秋), Nothingness (空了) und Thirty Six Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五) lässt sich die Beschäftigung des Künstlers mit Themen wie Leben und Körper klar ablesen. Die Minivideos legen keinen Wert auf ein logisches Narrativ, sondern erzeugen vielmehr ein Raumgefühl und eine Atmosphäre, die rätselhaft und aus der Zeit gehoben wirken: Gliedmaßen, die sich nach geometrischen Mustern eins ums andere überlagern; Arme, die aus Gehörgängen wachsen und Haare, die sich um Körper wickeln. Dabei ist der Rhythmus der Animationen nicht hastig, sondern folgt den Atemgeräuschen und dem Pulsschlag, die den Videos als Klangeffekte unterlegt sind. So vermittelt sich eine sowohl feinnervige als auch beharrliche Lebenskraft. „Der Körper ist so verräterisch wie rätselhaft“, meinte Tian Xiaolei einmal über diese Arbeiten, „ich möchte die geistigen Dinge freilegen, die unter der körperlichen Materie verborgen sind. Ähnlich wie ein Gedicht, das den Menschen emotional berührt. In den Animationen geht es um die Welt im Großen wie im Kleinen, den ewigen Kreislauf des Lebens sowie um Fragen nach der Unvorhersehbarkeit, der Entfremdung und der Matrix des Lebens. Die animierten menschlichen Körper wirken einmal wie Bergmassive, dann wieder erinnern sie an winzige Mikroorganismen. Dieser Wiederspruch scheint unsere Welt die Frage zu stellen: Wo stehen wir?“

Durch die körperlichen Mutationen hinterfragt der Künstler also das Leben. In den visuellen Effekten der Bildoberfläche sowie durch den transportierten inneren Gehalt zeigt sich parallel zu einer philosophischen Haltung, die sich über die Wirklichkeit erhebt, zugleich ein Einfallen in den Pulsschlag der Natur: In seinem Werden und Vergehen gleicht der Mensch allen anderen Dingen. Im Verlauf seines weiteren Schaffens scheint der Künstler dieses festgefügte Erkenntnismodell jedoch durchbrechen zu wollen und sprengt die Grenzen, die uns von „Mensch“ und Natur“ gesetzt zu sein scheinen.

Die unausweichliche Kreuzung von Mensch und Maschine

Tian Xiaolei: "Wing", 2015
© Tian Xiaolei
Tian Xiaolei: "Wing", 2015

Wie die meisten jungen Leute verbringt Tian Xiaolei täglich viel Zeit mit Computer und Handy. So wurde ihm immer stärker bewusst, dass internetfähige Geräte wie das Smartphone allmählich zu einem „Organ des menschlichen Körpers“ werden. „Vergleichbar den Vögeln, die Flügel entwickelten, um sich an den dreidimensionalen Raum anzupassen“. Das Leben im Internetzeitalter hat die künstlerische Arbeit Tian Xiaoleis mehr und mehr geprägt. Er fing an, sich Gedanken über zukünftige biologische Daseinsformen und den evolutionären Fortschritt von Wissenschaft und Technik zu machen.

So tauchen in seiner 2014 entstandenen Arbeit The Poem (诗歌) etliche schwer zu definierende Organismen auf. Noch zahlreicher aber werden seine 2015 veröffentlichte Animation The Creation (创造) und die zur selben Zeit entstandenen GIF-Videos von solchen Wesen bevölkert. Um auf derartige Geschöpfe zu kommen, unterzieht Tian Xiaolei die Figuren auf seinem Skizzenblock einer „xenovegetativen Vermehrung“ - ein Wort, das der Künstler immer wieder verwendet hat und das zugleich zeigt, wie sich seine Sicht auf das Leben gewandelt hat.

  • The Creation (创造) , Video Screenshot, 2015 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Creation (创造) , Video Screenshot, 2015
  • The Creation (创造) , Video Screenshot, 2015 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Creation (创造) , Video Screenshot, 2015
  • The Creation (创造) , Video Screenshot, 2015 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Creation (创造) , Video Screenshot, 2015
  • The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014
  • The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014
  • The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014
  • The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    The Poem (诗歌) , Video Screenshot, 2014

„Wir leben in einer Zeit, in der sich Hybridwesen besonders leicht erzeugen lassen. Zwischen den verschiedenen Kulturen, den neuesten technologischen Entwicklungen und den uralten Traditionen, ja sogar innerhalb der Geschlechter, geht der Trend hin zu Mischwesen und Kreuzungen. So entstehen interessante Hybride. Ich bediene mich aus der Wissenschaft und Technik, aus der Biologie und aus der Religion oder eben aller Elemente, die sich kreuzen lassen, um sie dann spielerisch zu kombinieren.“ In der unendlichen Variation von Veredelungen, Kreuzungen und Mischwesen entsteht in den Arbeiten von Tian Xiaolei eine immer buntere Palette an Lebensformen, wobei die Grenzen zwischen Mensch und Maschine immer mehr verschwimmen.

In gewisser Weise, so Tian Xiaolei, habe ihm Kevin Kelly mit seinem Buch What Technology Wants aus der Seele gesprochen. Nach Kelly ist die Technologie kein Gewirr aus Kabeln und Metall, sondern ein lebendiges und sich natürlich entwickelndes System. Und auch der Mensch stellt keineswegs den Endpunkt der Evolution dar. In den Augen Tian Xiaoleis ist die Technologie ein unabhängig existierender Organismus, auch wenn der Mensch als ihr Geburts- und Entwicklungshelfer fungiert. „Die Menschheit dient nur als Sklave in der Phase zwischen Geburt und Ausreifung der Technologie als einem Organismus; sie ist nur ein Produkt, das der technologischen Evolution auf die Sprünge hilft. Auch wenn der Mensch in seiner Art einzigartig und unersetzbar ist, werden Organismen und Technologie in der Zukunft eine weitaus tiefere, hybride Verbindung eingehen.“

  • Spring and Autumn (春秋), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Spring and Autumn (春秋), Video Screenshot, 2012
  • Spring and Autumn (春秋), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Spring and Autumn (春秋), Video Screenshot, 2012
  • Spring and Autumn (春秋), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Spring and Autumn (春秋), Video Screenshot, 2012
  • Nothingness (空了), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Nothingness (空了), Video Screenshot, 2012
  • Nothingness (空了), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Nothingness (空了), Video Screenshot, 2012
  • Thirtysix Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Thirtysix Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五), Video Screenshot, 2012
  • Thirtysix Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Thirtysix Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五), Video Screenshot, 2012
  • Thirtysix Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五), Video Screenshot, 2012 © Tian Xiaolei(田晓磊)
    Thirtysix Point Five Centidgree Scenery (风景三十六点五), Video Screenshot, 2012

Erste Ideen, die auf Cyborgs als organisch-anorganische Mischwesen hinweisen, kamen schon vor einem halben Jahrhundert auf. Wenn wir heute eine Verbindung mit Wissenschaft und Technik eingehen, wird eine unabhängige Existenz für alle Teile undenkbar. In diesem Sinne zeigen die Mischwesen in den Filmen Tian Xiaoleis, wie Mensch und Maschine immer enger aneinander gefesselt werden.

Aus heutiger Perspektive betrachtet sind die Gestalten aus den Arbeiten des Künstlers zweifellos virtueller Natur und haben mit dem realen Leben wenig zu tun. Doch wird man das noch so sehen, wenn wir in einigen Jahrzehnten oder noch fernerer Zukunft zurückblicken?  „Exemplare der Welt von Morgen“ – fasst Tian Xiaolei die von ihm kreierte „Neue Welt“ zusammen. „Ich interessiere mich für die Unvorhersehbarkeit, die der schnelle Generationswechsel unserer Zeit mit sich bringt; für die Verbindung, die Technologie und Biologie im Verlauf der Evolution eingehen werden; für die neuen Arten, die unser hybrides Zeitalter hervorbringen wird. Ich nutze einen künstlerischen Blickwinkel um Exemplare der Welt von morgen zu kreieren. Ich kombiniere Geschichte, Glaube, Technologie und Körper um zu neuen künstlerischen Erfahrungen zu kommen.“

Tian Xiaolei (田晓磊), 1982 geboren in Peking, machte 2007 seinen Bachelor im Fach Digitale Medien an der Central Academy of Fine Arts (中央美术学院). Der Künstler lebt und arbeitet in Peking.