Das „Flaneur“-Magazin Die Poesie der Straße

Das „Flaneur“-Magazin
Das „Flaneur“-Magazin | Foto (Ausschnitt): © „Flaneur“-Magazin

Von Montreal bis Moskau: Für ihr englischsprachiges Print-Magazin „Flaneur“ reisen drei junge Berliner in Großstädte, um eine Straße zu porträtieren – in Zusammenarbeit mit Künstlern vor Ort. 

Ein Flaneur hat Zeit. Mit offenen Augen lässt er sich durch die Straßen einer Metropole treiben, ohne Plan und ohne Ziel. Ein stiller Beobachter, dem jede zufällige Begegnung willkommen ist, denn er sammelt Eindrücke. Als „Botaniker des Bürgersteigs“ beschrieb der französische Dichter und Dandy Charles Baudelaire diesen lässigen Spaziergänger und etablierte ihn als literarisches Sujet des 19. Jahrhunderts. Ein Flaneur, so Baudelaire, sei eigentlich ein hochsensibler Künstler. Dieser „Mann der Menge“ solle in die Düfte, Geräusche und Farben der Großstadt eintauchen, um sie wirklich verstehen zu können. 

An diese essayistische Idee des Flanierens knüpfen auch die Macher des englischsprachigen Flaneur-Magazins an, das 2013 von der Berlinerin Ricarda Messner gegründet wurde. Jedes der bislang sechs Hefte widmet sich einer Straße in einer Großstadt – der Rue Bernard in Montreal, dem Corso Vittorio Emmanuele II in Rom, der Fokionos Negri in Athen oder dem Boulevard Ring in Moskau. Fragments of a Street (Fragmente einer Straße) lautet der Untertitel des Magazins, und so fügen sich Porträts von Bewohnerinnen und Bewohnern, Passanten oder Ladenbesitzern, poetische Texte, Foto-Serien, Collagen, Zeichnungen oder literarische Erzählungen zu einer facettenreichen Alltagschronik einer Metropole. In Montreal erzählt etwa ein Friseur, dass er für seine Kunden auch eine Art Therapeut ist, in der Berliner Kantstraße kommt ein Kellner der berühmten Paris Bar zu Wort. Ein Frischwarenhändler aus Leipzig, Kosmas, Lokalbesitzer in Athen, oder Kostja, der Musiker aus Moskau – sie alle haben ihren kleinen Auftritt. Und das alles in einem Print-Magazin mit ganz eigener visueller Ästhetik, die das Designstudio Yukiko für jede Ausgabe entwirft.

Eine StraSSe mit anderen Augen sehen – Idee und Konzept des Magazins

„Wir wollten die Städte nicht wie Reisemagazine nach einem gleichartigen Muster darstellen“, sagt Ricarda Messner. Nach ihrem Studium an der Berliner Universität der Künste zog sie nach New York. Zurück in Berlin-Charlottenburg sah Messner (Jahrgang 1990) ihr altes Westberliner Wohnviertel mit neuen Augen – auch die wenig glamouröse Kantstraße. So entstand die Idee, diesem urbanen Minikosmos ein ganzes Magazin zu widmen. Mit ihren heutigen Chefredakteuren – Fabian Saul, einem Filmkomponisten und Philosophie-Studenten, und Grashina Gabelmann, einer ehemaligen Modejournalistin aus London – entwickelte sie das Konzept für ein neues Print-Format. Es sollte sich den unterschiedlichsten Themenbereiche öffnen – Kunst, Fotografie, Literatur, Design und Musik, Alltag – und subjektive Geschichten erzählen, die überall auf der Welt verständlich sind.

 
  • Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin)
  • Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin)
  • Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin) Foto (detail): © Flaneur
    Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin)
  • Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin)
  • Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin)
  • Flaneur – Kantstraße (Berlin) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur – Kantstraße (Berlin)
  • Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (1) – Kantstraße (Berlin)
Mit kleinem Budget produzierten die drei ihr erstes Heft, unterstützt von den Grafikdesignern Michelle Philips und Johannes Conrad, ohne deren visuelle Gestaltung das Magazin nicht wäre, was es ist: ein optisches Abenteuer voller origineller Einfälle. „Dazu gehört auch eine gewisse Haptik“, sagt Ricarda Messner. Die unterschiedlichen Papierstärken, der Duft der Seiten – all dies trägt zur sinnlichen Erfahrung bei, die ein Online-Blog oder eine App nicht hätte bieten können. „Unser Magazin hat eine ganz andere Zeitlichkeit“, ergänzt der Fabian Saul (Jahrgang 1987), „man kann es auch mal liegen lassen und später im Schrank wiederentdecken.“

Zwei Monate vor Ort: neue Erzählungen jenseits ausgetretener Pfade

Im Unterschied zu journalistischen Publikationen sind die Redakteure des Flaneur-Magazins keinem Aktualitätsdruck unterworfen, sie recherchieren auch nicht vorab. Der Ort, an den sie – möglichst unvoreingenommen – reisen, ergibt sich durch Kontakte oder Einladungen. Zwei Monate verbringen Ricarda Messner, Fabian Saul und Grashina Gabelmann dann in dieser Stadt, flanieren durch die Straßen, führen Gespräche, lernen Autoren und Künstler kennen, die später selbst zum Heft beitragen. „So entstehen neue Erzählungen jenseits des großen historischen Narrativs“, sagt Fabian Saul – und meint: jenseits ausgetretener Pfade. In der Rue Bernard in Montreal seien sie zum Beispiel mit der Rollerskater-Szene in Kontakt gekommen. Daraus entstand die Idee, die Skaterinnen in Superheldinnen einer Graphic Novel zu verwandeln: The Rolling Supernovas liegt dem Magazin als Comic-Buch bei, gezeichnet vom kanadischen Künstler Mivil Deschênes. Eine Kooperation, die typisch für die Konzeption von Flaneur ist.

 
  • Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig)
  • Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig)
  • Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig)
  • Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig)
  • Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig)
  • Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (2) – Georg-Schwarz-Straße (Leipzig)

Doch wie fällt die Entscheidung für eine bestimmte Straße, ein bestimmtes Viertel? „Meist ist das ein Ort, den wir nicht verstehen, an den wir eine Frage haben“, sagt Ricarda Messner. In Leipzig war das die Georg-Schwarz-Straße: früher eine Amüsiermeile, die „Reeperbahn Leipzigs“, heute eine heruntergekommene Geisterstraße mit sozialen Problemen und viel Leerstand. „Man hat uns gefragt, ob wir nicht etwas Schöneres von Leipzig hätten zeigen können“, sagt Fabian Saul, „aber es geht uns nicht darum, einen Ort zu verkaufen.“ Das Flanieren führe eben auch in düstere Viertel: „an Orte, an denen wir uns nicht mehr aufgehoben fühlen.“

Mittlerweile erscheint das Magazin einmal jährlich – und die Auflage steigt: Angefangen habe man mit 1.000 Exemplaren. Das im Herbst 2016 erschienene Moskau-Heft sei bereits in einer Auflage von 6.000 erschienen. Für die siebte Ausgabe reist das Team im Februar ins brasilianische São Paulo, wo es – wie bereits in Montreal – mit dem Goethe-Institut kooperiert. „Ich war kürzlich schon drei Tage dort“, erzählt Ricarda Messner, „und war komplett überwältigt.“ Für eine Straße haben sich die Flaneure aber noch nicht entschieden, sie werden sich erst noch ein wenig treiben lassen.
  • Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal)
  • Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal)
  • Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal)
  • Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (3) – Rue Bernard (Montreal)
  • Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom)
  • Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom)
  • Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom)
  • Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom)
  • Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (4) – Corso Vittorio Emanuele II (Rom)
  • Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau)
  • Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau)
  • Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau)
  • Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau) Foto (Ausschnitt): © Flaneur
    Flaneur (6) – Boulevard Ring (Moskau)