Fokus: Handgemacht „Ein Barber schneidet den Menschen nicht nur die Haare“

Shen Yu schneidet einem Kunden in ihrem Barber Shop die Haare.
Shen Yu schneidet einem Kunden in ihrem Barber Shop die Haare. | © Shen Yu (沈郁)

Shen Yu legt eine Vinylplatte auf dem alten Plattenspieler auf. Dann beginnt sie ihren Arbeitstag als Friseurin. Ein halbes Jahr zuvor war sie noch in der Leitung einer Kunsthalle und noch zwei Jahre früher als Medienprofi tätig.
 

Eigentlich bezeichnet sie sich in ihrem heutigen Beruf lieber als „Barber“, nicht als Friseurin. Das englische Wort „Barber“ leitet sich vom Lateinischen „barba“ (Bart) ab.Tatsächlich ist ein „Barber Shop“ im angloamerikanischen Raum eher ein Friseursalon für Männer, so ist die Kundschaft zu 95 Prozent männlich (Friseure für Frauen oder beide Geschlechter werden hingegen meist als „Salon“ bezeichnet). Angesichts der gegenwärtigen Vintage- und Retrowelle gehört der Besuch eines Barber Shops, um sich eine altmodische Frisur schneiden zu lassen, heute zum Lebensstil der jungen Hipster.

Eine Umschulung zum „Barber“ war in Shen Yus (沈郁) Lebensplanung eigentlich nicht vorgesehen. Aber nachdem sie im letzten Jahr bei der Kunsthalle gekündigt hatte, stieß Shen Yu, die sich zuhause eine kleine Auszeit nehmen wollte, auf ein Onlinevideo, das sie tief bewegte. In dem Clip ging es um den New Yorker Barber Mark Bustos, der Obdachlosen in den Straßen von New York unentgeltlich die Haare schnitt. Der Unterschied zwischen Vorher und Nachher war für Shen Yu erschütternd. „Sie wirkten ohne Übertreibung so, als hätte man ihnen ein neues Leben geschenkt. Ich hätte nie gedacht, dass sich die Ausstrahlung eines Menschen allein durch einen neuen Haarschnitt so radikal verändern kann. Aber genauso war es. Da war eine Kraft, die weit über das normale Hairstyling hinaus ging, die Wandel und eine Umkehrung der Verhältnisse bedeutete. Und das entsprach genau dem, was ich an dem Punkt meines Lebens suchte. Damals stellte ich mir jeden Tag die Fragen: Was hat mir das Leben noch zu bieten? Könnte ich noch einmal ganz von vorne anfangen?“

 

 

Shen Yu begann im Internet über den Beruf des Barbers zu recherchieren und merkte, dass diese Art des american babers hinsichtlich Ästhetik, Stil und Kultur, ja in eigentlich allen Aspekten, ihren persönlichen Vorlieben entsprach. Shen Yu steht auf Oldschool-Tattoos, Rock 'n' Roll-Musik, Disko-Nostalgie und Gangster-Rap und mag Sachen, die retro sind. All das fand sie auch beim typischen amerikanischen Barber wieder. Es war, als würden sich die verstreuten Puzzlesteine ihres Lebens endlich zu einem Gesamtbild zusammenfügen.

Bei ihren Recherchen stieß Shen Yu auch auf den All Star Barber Shop in Quanzhou (泉州), Provinz Fujian, der als der erste in China eröffnete authentische amerikanische Barber Shop gilt. Ollie (林立), der Inhaber des Ladens, sollte später ihr Freund und Lehrer werden. Nachdem sie Kontakt zu ihm aufgenommen hatte, erfuhr sie, dass der berühmte amerikanische Hairstylist DL Master Barber bei ihm in Quanzhou einen Workshop geben sollte. Nach drei Tagen Bedenkzeit meldete sich Shen Yu an und kam in das Auswahlverfahren. In dieser Zeit war Shen Yu noch hin und hergerissen, schließlich war der Friseurberuf für sie ein völlig fremdes Terrain. Andererseits aber ließ sie die Idee nicht mehr los. Nachts lag sie schlaflos im Bett und wägte immer wieder Vor- und Nachteile ab. „Am Ende siegte der Trotz: Ich, eine Friseurin - warum eigentlich nicht? Ein völlig anderer Typ von Friseur, wie ihn die Chinesen bisher noch nicht gesehen haben.“ Als sie die Benachrichtigung erhielt, dass sie bei dem Workshop angenommen worden war, fuhr sie nach Quanzhou, wo ein neues Kapitel in ihrem Leben begann.

Shen Yu: „Am Ende siegte der Trotz: Ich, eine Friseurin - warum eigentlich nicht?" © Shen Yu (沈郁)

Gibt es ein unvergessliches Erlebnis aus Ihrer Lehrzeit zum Barber?

Ich erinnere mich noch genau an die erste Unterrichtsstunde an jenem Nachmittag. Das Thema lautete: Vorstellungsrunde mit „gegenseitiger Umarmung“. Damit hätte ich bei einer Friseurschulung nun wirklich nicht gerechnet. Wäre es nicht angebracht gewesen, uns einfach den Umgang mit dem Frisierzubehör zu zeigen und dann loszulegen? Ich war also skeptisch, als sich die anderen vorstellten. Wir waren insgesamt 28 in dem Kurs und 25 fingen wie ich bei Null an und verfügten über keinerlei Vorerfahrung. Dann stellte auch ich mich vor. Auch wenn am Anfang alle nervös waren, sprach jeder sehr offen und ehrlich über sich und fast alle weinten. Als würde man sich etwas von der Seele reden, was man lange Zeit in sich verschlossen hat. Etwas, das auch nie jemanden wirklich interessiert hatte, ja an das du selbst nicht einmal geglaubt hast. Anschließend haben wir uns alle gegenseitig umarmt. Das war die erste Lektion, die ich bei Ollie gelernt habe: Respekt und Liebe. Für einen Barber ist das eine wichtige Basis. Schließlich wirst du in Zukunft vielen Menschen die Haare schneiden, die du nicht unbedingt kennst. Mit welcher Haltung sollst du ihnen begegnen? Die Antwort liegt auf der Hand: frei und auf gleicher Augenhöhe, mit Liebe und Respekt.

Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?

Ich stehe jeden Morgen um neun Uhr auf. Dann räume ich auf und putze, das Friseurwerkzeug muss gereinigt und präpariert werden. Dazu lege ich mir meistens eine Platte auf. Wenn ich die A- und B-Seite zweimal gehört habe, bin ich meistens mit allem fertig. Der Vormittag steht zu meiner freien Verfügung, ich lese oder schreibe. Momentan sitze ich gerade an der Überarbeitung einer Erzählung, die ich letztes Jahr zu Papier gebracht habe. Wenn mich ein Thema besonders reizt, schreibe ich auch mal einen Artikel im Auftrag. Ab und zu helfe ich auch Freunden bei der Planung von Veranstaltungen und ähnlichen Dingen. Ich bringe den Müll hinunter und drehe dabei eine Runde um den Block und nach dem Mittagessen ruhe ich mich etwas aus. Wenn die Kunden zu ihren Terminen kommen, beginnt mein eigentlicher Arbeitstag als Barber. Manche haben erst nach der Arbeit Zeit vorbei zu kommen, weshalb ich um sieben oder acht Uhr abends noch am Haare schneiden bin. Aber meistens bin ich um zehn Uhr abends fertig mit der Arbeit.

Sind Sie stolz auf Ihre Arbeit?

Der Stolz auf die eigene Arbeit kommt einerseits durch die Wertschätzung der Kunden und andererseits aus der Identifikation mit dem, was ich tue. Ich mag es mich beim Haare schneiden mit den Kunden zu unterhalten. Die Atmosphäre ist zwanglos und entspannt. Bei dem übermäßigen Druck, der heute auf jedem lastet, brauchen die Menschen einen Ort, an dem sie loslassen können. Dafür versuchen wir in unserem Barber Shop so gut es geht die Atmosphäre zu schaffen. Ich übernehme dabei gerne die Rolle eines „Beruhigungsmittels“. Von Stolz zu sprechen ist vielleicht etwas übertrieben, ein Friseur ist und bleibt ein Friseur. Wir bieten eine Dienstleistung an und lösen damit ein äußerliches Problem. Nach Möglichkeit machen wir die Menschen glücklich damit, so verstehe ich meinen Beruf. Ich hätte allerdings nicht gedacht, dass das Haare schneiden in erster Linie mich selbst glücklich macht. Das ist auch der Grund dafür, dass ich bei diesem Beruf bleiben möchte. Zur Zeit fahre ich jede Woche in ein Shanghaier Altenheim, um den Senioren kostenlos die Haare zu schneiden. Indem ich mein Handwerk so einsetzen kann, dass ich anderen helfe, erfüllt sich die Prophezeiung meines Lehrers: „Das Glück wird größer, wenn man es teilt“. In diesem Sinne habe ich mich durch den Friseurberuf geändert. Wenn die Frisur sitzt, sind alle happy. Jeder Mensch hat ästhetische Ansprüche. Jeder spürt es, wenn er etwas schöner aus dem Salon geht. Deshalb kommen die Kunden in der Regel auch wieder, wenn sie einmal bei mir waren. Ein Barber schneidet den Menschen aber nicht nur die Haare. Er schafft eine besondere Atmosphäre, die uns von einem normalen Friseursalon unterscheidet. Wir machen keine Werbung und es gibt auch keine Mitgliedskarten. Wir mögen es schlicht und einfach und führen das Handwerk zu seinen Wurzeln zurück. Das gefällt den Leuten.

Shen Yu: "Der Stolz auf die eigene Arbeit kommt einerseits durch die Wertschätzung der Kunden und andererseits aus der Identifikation mit dem, was ich tue." © Shen Yu (沈郁)