Fokus: Handgemacht Im Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde

„Sterne“ auf einem Waagebalken
„Sterne“ auf einem Waagebalken | © Li Lubo (李鲁博)

Die chinesische Handwaage wird von Hand aus Holz gefertigt. Aufgrund ihres leichten Gewichts und ihrer Handlichkeit diente sie in vergangenen Zeiten beim Warenhandel als unersetzliches Messinstrument. Wir haben uns in die Provinz Shaanxi aufgemacht und haben Yang Weibin besucht, der die Handwerkskunst des Waagenbaus in dritter Generation betreibt.

Der Legende nach geht die Erfindung der chinesischen Handwaage auf den Kaufmann Fan Li (范蠡, 536-488 v. Chr.) zurück. Die Idee dazu soll ihm auf dem Fischmarkt gekommen sein. Das Abwiegen erfolgt bei einer Waage nach dem Hebelprinzip, wobei auf dem Waagebalken insgesamt dreizehn Markierungen in Form von Sternen (星花) angebracht werden, die in einer Richtung nach den sieben Sternen des Großen Bären (北斗七星) in die andere nach den sechs Sternen eines alten chinesischen Sternbilds (南斗六星) benannt wurden. Dabei wurde das Gewichtsmaß jin (斤ca. ein Pfund) zunächst in dreizehn liang (两) unterteilt. Später fügte Fan Li noch drei Markierungen für die sogenannten Göttersterne des Reichtums, Status und der Langlebigkeit fu, lu und shou (福、禄、寿三星) auf der Skala hinzu, woraufhin ein jin nun in sechzehn liang eingeteilt wurde. Vor dem Aufkommen der Handwaage hatte man sich beim Warenhandel lediglich auf das Augenmaß und das taktile Gespür verlassen.

Ein alter Familienbetrieb

Die Großgemeinde Qin trug früher den Namen Qindu (秦渡) und lag an einem wichtigen Verkehrsweg, der zu Wasser und zu Land schon zur Zeit der Streitenden Reiche die Guanzhong-Ebene (关中) über das Qinling-Gebirge (秦岭) mit den Reichen Ba und Shu (巴蜀, heute Sichuan) verbunden hatte. Schon immer waren hier viele Handelsreisende vorbeigekommen. Geschäfte aber beruhen auf fairem Handel und da war ein Messgerät unerlässlich.

Der Großvater Yang Weibins, Yang Fengji (杨逢吉) hatte in seiner Familie das Handwerk des Holzwaagenbaus begründet. Er war in den zwanziger Jahren des letzten Jahrhunderts in der Gemeinde Qin beim traditionsreichen Waagengeschäft Höchstes Glück in die Lehre gegangen und hatte vier Jahre später sein eigenes Geschäft eröffnet. Sein Großvater war allerdings schon gestorben, als Yang Weibin zur Welt kam, und so lernte er die Kunst der Waagenkonstruktion von seinem Vater Yang Bowen (杨博文).

„In der Großgemeinde Qin befand sich damals ein großer Markt, zu dem die Leute aus einem Umkreis von vielen Kilometern zusammenströmten. In drei Straßen wurde reger Handel mit Gemüse, Öl, Medizin, Fleisch und Getreide betrieben. Und bei so gut wie jeder dieser Transaktionen kam eine Waage zum Einsatz. In den siebziger und achtziger Jahren konnte ich täglich ein gutes Dutzend Waagen für sechs oder sieben Yuan das Stück verkaufen. Das machte uns bald zu einer gut verdienenden Familie mit einem Jahreseinkommen von über 10.000 Yuan.“

Zu jener Zeit gab es in Qin drei Läden, die Waagen verkauften, und im benachbarten Kreis Hu noch einige mehr. Aber da sein Vater ein hohes handwerkliches Können besaß und Waagen mit hoher Messpräzision herstellte, die auch nach jahrelangem Gebrauch nicht aus der Form gingen, hatte er sich bald einen Namen gemacht. War eine Waage fertiggestellt, musste sie zur Überprüfung in das im Kreis Hu gelegene Eichamt. Erst nachdem man sie dort mit einem Prägestempel versehen hatte, durfte sie verkauft werden. Wegen der hohen Messgenauigkeit hatte ihnen das Eichamt sogar einmal eine Verdiensturkunde verliehen.

In den achtziger Jahren gab es in Qin nur noch zwei auf Waagen spezialisierte Läden: den Familienbetrieb Yang und den Laden, den ein Geselle des Vaters eröffnet hatte. Nachdem schon in den neunziger Jahren die Geschäfte immer schlechter liefen, ist das Waagenhandwerk heute jedoch vollends im Niedergang begriffen. Wahrscheinlich ist im ganzen Kreis Hu nur noch der Laden der Yangs übrig geblieben. Da die traditionellen Handwaagen nicht mehr gefragt sind, führt die Familie Yang in ihrem Sortiment jetzt auch elektronische Waagen sowie Hausrat vom Topf bis zur Schöpfkelle.

Ein überliefertes Handwerk

Im Jahr 1993, nachdem Yang Weibin die Unterstufe der Mittelschule abgeschlossen hatte, begann er offiziell das Handwerk des Waagenbaus zu lernen. „Mein Vater brauchte jemanden, der ihm zur Hand ging, und da sowohl mein älterer Bruder als auch mein Schwager etwas anderes machten, stieg ich in das Geschäft ein.“ Sein Vater erklärte ihm nicht besonders viel, aber er schaute dem Vater bei der Arbeit über die Schulter und konnte fragen, wenn er etwas nicht verstand. Den Rest lernte er aus Erfahrung. „Mein Vater hatte ein reizbares Temperament. Wenn er bei der Arbeit über eine Waage gebeugt saß und es platzte jemand auf ein Schwätzchen herein, wurde derjenige meist mit einer Handbewegung fortgescheucht. Die Konstruktion einer Waage ist Präzisionsarbeit. Eine Katastrophe, wenn man sich vorstellt, eine Waage würde wegen einer Unachtsamkeit ungenau oder eine Markierung ginge daneben. Bei diesem Handwerk muss man voll und ganz bei der Sache sein, diese Tugend sollte man sich von vornherein angewöhnen.“

„Ganz am Anfang fiel mir das alles sehr schwer, ich war richtig verzagt. Aber nach einer gewissen Zeit stellte sich Routine ein und damit kam auch das Interesse. Nach einem halben Jahr hatte ich meine erste Waage ganz ohne fremde Hilfe gebaut. Ich hängte ein Gewicht an den Balken, um zu überprüfen, ob sie auch ganz genau war: Sie war es. Eine Waage wirkt an sich sehr simpel, aber nach dem Verfahren meines Vaters bekommt man ein Präzisionsgerät. Das beweist, dass die Handwerkskunst meiner Vorfahren, die sich durch langes Austesten entwickelt hat, von großem Nutzen ist.

Der Bau einer Handwaage aus Holz

Um eine Handwaage aus Holz herzustellen, benötigt man neun, und wenn man noch mehr ins Detail geht, ein gutes Dutzend Arbeitsschritte. Früher hatte man dieses Wissen unter Verschluss gehalten, aber seitdem die Handwerkskunst des Holzwaagenbaus nach der Technik der Familie Yang im Jahr 2011 als immaterielles Kulturerbe der Provinz Shaanxi anerkannt wurde, ist der genaue Herstellungsprozess kein Geheimnis mehr.

Das Hobeln des Waagebalken

Das Hobeln des Waagebalkens © Li Lubo (李鲁博)
Zunächst wird gelbes Nanmu-Holz in längliche Stücke geteilt und für ein Jahr zuhause an einem schattigen Ort getrocknet. Würde man das Holz sofort und in ungetrocknetem Zustand verarbeiten, würde es sich zwar nicht unbedingt verziehen, aber die Präzision der Waage könnte leiden. Beim Glatthobeln sollte man zunächst noch nicht zu fein werden, um sich einen gewissen Spielraum vorzubehalten.

Das Anbringen der Halterungen und Kupfereinfassungen

Auf der glatt gehobelten Holzstange legt man an bestimmten Stellen drei Punkte fest (als Orientierung dienen dazu bereits fertige Waagen für unterschiedliche Gewichte). Anschließend setzt man die Kupferfassungen, bohrt die Löcher und bringt die Haltevorrichtungen an. Früher besaß eine Waage mit sechzehn liang zum Hochheben nur eine Lasche an einer Halterung, aber nach Gründung der Volksrepublik stellte man das System auf Kilogramm um und sah zwei Halterungen vor. Die Hebelwirkung wurde damit kleiner und gleichmäßiger. Mit einem Schlag reagierte die Waage viel sensibler, was auch ihre Genauigkeit ziemlich erhöhte.

Die Eichung

Die Eichung. © Li Lubo (李鲁博)

Nun wird  auf dem Waagebalken eine horizontale Linie als Bezugsbasis für die Messskala gezogen. Dann hebt man die Waage an der Haltelasche in die Luft, hängt an den Balken ein bewegliches Gewicht, das dem maximalen Messwert der Waage entspricht und beginnt solange die Position des Laufgewichts auszutarieren, bis der Waagebalken in die Balance kommt. Nun kann man an der Stelle, an der sich die Schnur mit dem Gewicht befindet, eine Markierung ins Holz ritzen. Dort befindet sich der Nullpunkt der Laufwaage, dingpanxing (定盘星). Da früher die Gewichte der 16-liang-Waage noch nicht genormt waren, brauchte jede Waage den für sie eigens vorgesehenen Gewichtsstein. In China sagte man: „So wie ein Mann seine Gattin braucht, benötigt eine Waage ihren Gewichtsstein“. Nachdem man auf Kilogramm umgestellt hatte, konnte man anstelle des speziellen Zubehörs einheitlich genormte Laufgewichte verwenden.

Das Markieren der Messskala

Die Punkte auf der Skala © Li Lubo (李鲁博)

Nach dem Prinzip der Hebelwirkung benutzt man genormte Gewichte, um die Position für die wichtigsten Gewichtsmarkierungen zu bestimmen (eine Handwaage hat normalerweise zwei verschiedene Haltevorrichtungen und entsprechend zwei Skalen, die jeweils eine andere Gewichtsspanne abdecken. Dabei entspricht der höchste Wert des vorderen Haltestücks zugleich dem kleinsten Wert des hinteren Haltestücks. Durch diese Konstruktion wird die Messskala erheblich erweitert. Beim Setzen der Markierungen müssen die Positionen der wichtigsten Messpunkte auf beiden Skalen bestimmt werden, anschließend geht man in der Einteilung weiter vom Großen zum Kleinen, also von jin zu liang)

Mit einem Zirkel aus Familienbesitz wird die Basislinie in gleiche Teile zerteilt. Für die Skala zirkelt man die Messbereiche mit der Hand Stück für Stück ab. Dafür sollte man kein Lineal verwenden, da es dadurch zu größeren Messfehler kommen kann.

Die Punkte auf der Skala

Das Markieren der Messskala. © Li Lubo (李鲁博)

Entlang der Messskala werden mittels eines in der Familie vererbten Bohrers Löcher gebohrt, die anschließend mit einem feinen Kupferdraht ausgefüllt werden. Mit dem Messer werden die einzelnen Stücke des Drahts abgeschnitten, in das Holz geklopft und geglättet. Dabei muss das Messer flach gehalten und die Klinge etwas angehoben werden. Der etwas über das Loch hinausstehende Kupferdraht wird so in das Loch geklopft, dass er das Holz nicht verletzen kann. Die Einlegarbeit mit Kupfer erleichtert das Ablesen und hält zehn bis zwanzig Jahre. Zuletzt wird der Balken poliert, farblich gefasst und bekommt so den letzten Schliff. Erst wenn die Waage mit Rapsöl eingerieben wurde, wird sie zur Überprüfung frei gegeben.

Überprüfung

Mit geeichten Gewichten wird die Waage schließlich überprüft, ehe sie zum Kauf angeboten werden kann. Als er das Waagenhandwerk erlernte, war Yang Weibin erst siebzehn Jahre alt. Heute ist er 24 und steht jeden Morgen um acht Uhr im Laden. Er räumt etwas auf und macht sich dann an sein Handwerk. Bis er gegen sechs Uhr abends zusammenpackt, den Laden schließt und nach Hause geht. Auch wenn er heute vielleicht nur alle paar Tage eine Waage verkauft, ist er trotzdem immer am werkeln. 2016 lud ihn das Tsinghua BMW Innovation Center for Safeguarding of Intangible Cultural Heritage zu einem Forschungsseminar ein. Als er dort das traditionelle Kunsthandwerk und die Kunstwerke der Meister sah, war er tief bewegt. Ihm wurde klar, dass man durch Kunsthandwerk und Sammlerstücke sein Talent zeigen konnte. In den letzten Jahren hat Yang Weibin damit begonnen, neue Handwaagen zu entwickeln, beispielsweise eine Goldwaage, die auf ein halbes Gramm genau misst. Er ritzt Schriftzeichen in die Waagenbalken, verziert die Laufgewichte mit Ornamenten und entwirft Laufwaagen mit chinesischen Tierkreiszeichen beziehungsweise als Hochzeits-, Neujahrs-, oder Geburtstagsgeschenk. Außerdem konstruiert und designt er mit anderen Liebhabern des Kunsthandwerks Souvenirs.

„Ich habe Glück, dass ich das bis heute machen kann. Aber für die Zukunft würde ich mir wünschen, dass die Handwaage wieder einen richtigen Markt findet.“