Starkes Filmduo Der eigene und ehrliche Blick auf die Welt

Moli und Li Jingsi (von links) in der Militäruniform des Wa-Staats
Moli und Li Jingsi (von links) in der Militäruniform des Wa-Staats | © Xiaohei (小黑)

Li Jingsi und Moli berichten über den abenteuerlichen Dreh ihres Dokumentarfilms in der chinesisch-burmesischen Grenzregion und denken über ihre Rolle als weibliche Filmschaffende nach.

Auf der Landkarte ist die Grenze zwischen Myanmar und China klar gezogen, tatsächlich aber liegt hier, wo die Ethnie der Wa (佤族) einen offiziell nicht anerkannten Staat gegründet hat, eine geografische Grauzone. Das Bergvolk lebt vor allem von der Kautschukernte. Man pendelt zwischen beiden Ufern des Grenzflusses zu Myanmar, bewegt sich zwischen Drogenhandel und Glücksspiel. Es ist die Lebenskraft der ansässigen Bevölkerung und ihre besondere Grenzsituation, welche Li Jingsi (李静思) und Moli (莫力) fasziniert. Angesichts der komplexen ethnischen Verhältnisse und der zahlreichen Checkpoints entlang einer fremden Grenze umgingen die beiden Filmemacherinnen die offiziellen Wege und bereisten den in Myanmar gelegenen Wa-Staat auf eigene Faust. Ohne einen vorgefassten Plan näherten sie sich dem Land mit einer, wie sie es nennen, „intuitiven Filmmethode“.

Eine Flasche Schnaps

Nach den Abenteuern gefragt, die sie beim Dreh erlebt haben, kommen die beiden Frauen zu Beginn des Interviews schnell ins Erzählen. Wie sie sich bei ihrer Ankunft mitten in der Nacht mit den Ratten ein Notzelt teilten und sich die Gewehrmündungen der Grenzer auf sie richteten; wie sie eine in Waffen- und Drogenhandel verwickelte Jugendbande mit der Kamera begleiteten und ihnen bis in ihr Geheimversteck gefolgt waren; wie schließlich die Tränen flossen, als sie mit dem Schiff vom Ufer ablegten und sich von den neu gewonnenen Freunden verabschieden mussten. An den amüsanten Stellen ihrer Erzählung brechen sie oft gemeinsam in Lachen aus. Die beiden Frauen sind offen auf die Menschen zugegangen, sie haben Gleichgesinnte getroffen, tiefe Freundschaften geschlossen und sind in der Fremde immer wieder auf große Hilfsbereitschaft gestoßen. Und sie haben all diese Erlebnisse mit der Kamera eingefangen.

Beim Dreh eines Mädchens für ihren Film lernten die beiden Filmemacherinnen bei einem Basketballspiel einen Doppelspion kennen, der ihnen versprach, sie in ein Bergbaugebiet in Myanmar mitzunehmen. Von der chinesischen Grenze in Yunnan aus drangen sie tief bis ins Bergland des Wa-Staats vor. Von schnellen Motorrädern ließen sie sich über die Bergkuppen tragen. Mal befanden sie sich über den Wolken unter klarem Himmel, dann wieder tauchten sie in die regenschwangere Wolkendecke ein. Gerade noch durch einen Regenschauer durchnässt  nächste Augenblick schon wieder einen unglaublichen Fernblick bereit. Eine atemberaubende Szenerie. Einmal brauchten sie für eine Wegstrecke, für die sie eine Stunde eingeplant hatten, acht Stunden, in denen sie auf holprigen Straßen durchgerüttelt wurden. „Irgendwann hatten wir vergessen, wohin wir eigentlich wollten. Das eigentliche Erlebnis war der Weg.“ In den Bergen angekommen lernten sie durch einen glücklichen Zufall ein Kind mit einem Gewehr über der Schulter kennen, das sich ihnen als Guide anbot. Wie abgesprochen kamen die beiden Frauen am nächsten Tag mit einer Flasche Schnaps zu dem verabredeten Ort, als das Kind plötzlich mit dem Gewehr im Anschlag aus dem Dschungel sprang. Die drei sollten Freunde werden. „Egal wie fremd ein Ort auch sein mag, solange man sich an die Gesetze der Einheimischen hält, hat man nichts zu befürchten.“

Das Filmen fiel den beiden nicht schwer. In der Zeit, die man miteinander verbrachte, war eben einfach noch eine Kamera dabei. Sie machten auch Filmportraits oder drehten ein Musikvideo, das man sich dann gemeinsam ansah, erinnern sich die beiden lachend. Oft machten sie die Aufnahmen für ihre Protagonisten und zugleich für sich selbst und manchmal wussten sie, dass sie eine Szene unbedingt im Kasten haben mussten. „Der Unterschied zwischen einem Spiel- und einem Dokumentarfilm ist, dass man bei Dokumentationen zunächst eine Beziehung aufbauen muss“, erklärt Moli. „Die Beziehung zu den Protagonisten ist sehr wichtig und maßgeblich für die Entwicklung des Dokumentarfilmplots. Das Verhältnis, das du zu deinem Protagonisten vor der Kamera aufgebaut hast, bestimmt im Film über die Distanz zwischen Objektiv und Darsteller.“ „Die Kamera lügt nicht“, ergänzt Li Jingsi, „das ist beim Film generell so, egal ob Dokumentar- oder Spielfilm. Vor der Kamera ist immer alles echt. Das Dokumentarfilmen ist ein Prozess der Wahrheitssuche, während der Spielfilm seine eigene Wirklichkeit kreiert. Aber es muss alles authentisch sein, man muss an die Existenz dieser Welt glauben.“

Wenn die Zeit stillsteht

Eine Hauptfigur ihres Dokumentarfilms, der dunkelhäutige und zierliche Xiaohei hat sich quasi selbst „in Szene gesetzt“. Xiaohei hatte die Angewohnheit mitten in der Nacht alleine im Wald Kautschukbäume anzuschneiden oder einsam das Flussufer abzuwandern. Vor der Kamera gab er sich wortkarg und scheu. „Ich erinnere mich noch deutlich an eine Szene. Wir machten gerade eine Pause und Moli wartete etwas weiter entfernt auf uns. Xiaohei befand sich weiter unten in einem an einer Felsschlucht gelegenen Wäldchen beim Kautschukschneiden. Ich rief ihm aus der Ferne zu, er soll hochkommen, weil wir zurückwollten. Da Xiaohei ein paar Bäume noch nicht eingeritzt hatte, schlug ich einen Ort vor, an dem ich auf ihn warten wollte. Er solle sich ruhig Zeit lassen. Er jedoch meinte, ich solle mich nicht vom Fleck rühren. Ich sollte genau an Ort und Stelle stehen bleiben, er sei gleich fertig. Dann konnte ich beobachten, wie er in rasender Geschwindigkeit einen Kautschukbaum nach dem anderen einschnitt. Ich stand wie angewurzelt dort und sah ihm zu. Es war, als würde die Zeit stillstehen. In diesem besonderen Moment war ich ganz bei ihm und er ganz bei mir. Xiaohei war eigentlich ein sehr einsamer Mensch. Nachdem seine Mutter ihn zurückgelassen hatte, hatte sein Vater wieder geheiratet und er bekam noch einige Geschwister. Xiaohei hatte in seiner Familie einen schweren Stand. Eigentlich wurde er total vernachlässigt und seine Lebenssituation war ziemlich kompliziert. Doch dieser Augenblick und die Zeit mit ihm, waren für mich, ganz unabhängig vom Film, sehr bedeutsam.“

Filmen wie durch ein Mikroskop

Was wäre wohl anders, hätte sich ein männlicher Filmemacher dasselbe Thema vorgenommen? Diese Frage, meinen die beiden, hätten sie gleich zu Beginn eingehend diskutiert. „Frauen haben ihre eigenen Grenzen“, meint Li Jingsi, „wir suchen eher einen gefühlsmäßigen Zugang zum Thema und haben uns der fremden Region mit einer starken Empathie und einem Gefühl der Mütterlichkeit genähert. Wäre der Regisseur ein Mann gewesen, man denke an die Dokumentarfilmer Zhou Hao (周浩) oder Gu Tao (顾桃), wäre wahrscheinlich etwas ganz anderes herausgekommen. Zhou Hao hätte wahrscheinlich die politischen Verhältnisse der Region dargestellt. Vor Kurzem habe ich das Buch Wir sind alle Kannibalen von Claude Lévi-Strauss gelesen. Darin heißt es, dass sich die Geschichte der Menschheit in gewisser Weise ständig wiederholt, seien es die Wesenszüge des Menschen oder seine Kultur. Waren die Urmenschen denn wirklich so rückständig? Wir kommen zu diesem Schluss, weil wir die Geschichte heute aus der Perspektive der Evolution betrachten. Ich denke, Männer zielen immer auf das große Panorama ab, während ich eher die winzigen Details ins Auge fasse. Männer drehen einen Film wie man ein Haus baut, wir aber filmen wie durch ein Mikroskop. Die Dinge, auf die sich Mann und Frau fokussieren, gehören nicht derselben Dimension an, aber das Wesen der Dinge ist meiner Meinung nach trotzdem gleich. Entscheidend ist, dass wir aus unserer eigenen Perspektive einen ehrlichen Blick auf die Welt richten.“

Ein perfektes Doppel

Einmal waren die beiden Frauen in die Berge aufgebrochen, um über Unternehmen als Umweltsünder zu recherchieren. Auf dem Weg unterhielten sie sich darüber in Ostasien undercover über den Elfenbeinschmuggel zu berichten. Die Geschichte klang aufregend und spannend. Die beiden sind ein perfektes Doppel und fast immer einer Meinung. Sie inspirieren und ergänzen sich gegenseitig. Mittlerweile blicken sie auf eine lange Zusammenarbeit zurück. Bei ihren Projekten ist Li Jingsi die Regisseurin, während Moli hinter der Kamera steht und ab und zu auch die Rolle der Produzentin übernimmt. Auch in kreativen Fragen sind die beiden auf einer Linie. Sie entwickeln ihre Ideen in einem offenen Dialog und manchmal reicht ein Blick zwischen ihnen aus, um sich zu verständigen. „Als Einzelkämpferinnen hätten wir das Gefühl, dass uns etwas fehlt. Wir würden uns immer fragen, was die andere dazu sagen würde.“

Natürlich geht es auch nicht ganz ohne Konflikte. Vom Streitgespräch über heftige Wutausbrüche bis zum sich gegenseitigen eisigen Anschweigen ist alles schon vorgekommen. Doch mit Abstand betrachtet können sie gemeinsam darüber lachen. In den „prinzipiellen Schaffensfragen“ waren sie sich jedoch immer einig. Wie ein altes Ehepaar sind sie über die Jahre immer mehr zusammengewachsen. Sie sind nachsichtiger miteinander geworden, bestärken und vertrauen sich gegenseitig und sehen in dem anderen nur das Gute. „Ich bin ein Mensch mit sehr wenig Selbstvertrauen und halte mich für nichts Besonderes. Aber Li Jingsi sagt mir immer wieder, dass ich außergewöhnlich bin“, meint Moli ernst, „diese moralische Unterstützung ist für mich sehr wichtig.“

Die beiden haben den Wa-Staat inzwischen viele Male bereist. Während sie sich zu Anfang beim Filmen eher von ihrem Instinkt leiten ließen, sind sie in ihrer künstlerischen Handschrift allmählich immer klarer geworden. „Falls es stimmt, dass jeder Mensch Yin und Yang, also männliche und weibliche Anteile, in sich trägt, sind wir mit zunehmender Erfahrung etwas maskuliner geworden. Unser Verständnis von einer starken Frau ist, dass sie weiß, wer sie ist und wie sie leben will. Es kann auch Stärke darin liegen, sich als Hausfrau ganz der Familie zu widmen. Die Hauptsache ist, dass man sich emanzipiert und zu sich selbst findet. In den letzten Jahren haben wir uns vor allem ausprobiert, unsere eigentliche Schaffensphase liegt noch vor uns.“

Moli heißt mit Geburtsnamen Li Jian (李剑), ist bildende Künstlerin und hat außerdem Wirtschaftssoziologie studiert. Seit 2010 beschäftigt sie sich mit Film, Video und interaktiver Installation. Bei ihr verbinden sich Rationalität und das Interesse für Wissenschaft und Technik mit einer poetischen Umsetzung. So konstruiert sie mitreißende Situationen, die eine fast therapeutische Wirkung haben. 2013 begann sie mit Körperkünstlern, Modedesignern und Musikern zusammenzuarbeiten und entwickelte die interaktiven Installationen Feelings to Touch (触的到的情感) und Walking the Cube (行走立方) sowie die Video-Installationen A ZONE und A Life Experience (一种生命的体验). Sie war auf Kunstfestivals in Nordeuropa vertreten, auf dem Yuxi Art Festival in Guangdong (广东渔嬉艺术节) und dem MUTEK Montréal Festival (蒙特利尔交互艺术节). Im Oktober 2017 wird Molis Fotoausstellung über Wanderarbeiterinnen in der im Pekinger Kunstareal 798 gelegenen Inter Art Center & Gallery (映画廊展) zu sehen sein.

Li Jingsi (李静思) hat am University College in London visuelle Anthropologie und Filmproduktion studiert. 2008 fing sie an als unabhängige Dokumentarfilmerin zu arbeiten. Einer ihrer Filme war auf dem RAI Film Festival (皇家电影节) in Bristol nominiert. Nach ihrer Rückkehr nach China im Jahr 2012 produzierte sie für Al Jazeera und CCTV große Dokumentarfilmprojekte.