Theaternachwuchs Wie ein Feuerwerk

Szene aus „Das Verbrechen der Mittelmäßigkeit“
Szene aus „Das Verbrechen der Mittelmäßigkeit“ | © Student Theatre Festival

Der Unterschied zwischen einem Theaterprofi und einem Amateur kann manchmal so hauchdünn sein wie chinesisches Fensterpapier. Das Golden Hedgehog Festival des Studententheaters ist wie der Finger, der auch noch diese trennende Membran durchstößt.

Anders als die vielen überwältigenden internationalen Theaterfestspiele, wurde das 2001 in Peking begründete Golden Hedgehog University Students Drama Festival (金刺猬大学生戏剧节) speziell für Studierende mit Liebe zum Theater ins Leben gerufen. In den Anfangsjahren kamen dabei vor allem Bühnenstücke aus entwickelten Regionen wie Peking oder Shanghai zur Aufführung. Aber in 16 Jahren hat sich viel getan und so kam beim Festival 2017 in Peking Theaternachwuchs aus allen Landesteilen zusammen. Manche waren weit angereist – aus der Inneren Mongolei, dem südchinesischen Shantou oder aus Chongqing. Aber es waren auch etliche Studenten vertreten, die sich an den spezialisierten Akademien und Schulen der chinesischen Hauptstadt ganz der Kunst verschrieben haben. Durch diese Ausdehnung des Einzugsbereichs sowie die Abschwächung regionaler Unterschiede zeigt sich, dass die Bühnenkunst dabei ist von den großen Metropolen ihren Weg in die Städte aus der zweiten oder dritten Reihe zu finden.

Von dem großen Regisseur des chinesischen Avantgarde-Theaters, Lin Zhaohua (林兆华), stammt der Satz: „Theater ist wie ein Feuerwerk, hat man es abgebrannt, ist die ganze Sache vorbei.“ Die „goldenen Igel“ des diesjährigen Golden Hedgehog Festivals gehörten überwiegend zur jungen Generation der nach 1995 Geborenen. Mit ihrem Talent, ihrem Enthusiasmus und in aller Unbescheidenheit ist es ihnen in diesem Spätsommer gelungen, ein wahrhaft funkensprühendes Feuerwerk zu entzünden. Vorausgesetzt, dass der Nährboden eines Kunstwerks das Ego seines Schöpfers ist und jeder Kreative seine eigene Lesart des Lebens hat, lassen sich an jedem Kunstwerk verbogene Charakterzüge und Sehnsüchte ablesen. Darüber hinaus kommt darin aber auch die Gemeinsamkeit, wie eine ganze Generation das Leben dekodiert, zum Ausdruck.  

Xu Linlin (徐琳琳) - die „Besondere“

Indem Xu Linlin in ihrem Physical Theatre Tigerin Huniu (虎妞) die Tochter des Rikscha-Verleihers Huniu (虎妞) anstelle des Rikschakulis Xiangzi (骆驼祥子) zur weiblichen Hauptfigur macht, ist ihr eine intelligente Adaption von Lao Shes (老舍) berühmten Theaterstück Rikscha Kuli (骆驼祥子) gelungen. Die vorteilhafte Urheberrechtslage bei klassischen Werken der Literatur erlaubt viel Spielraum für Neukreationen. So ergibt es einen originellen Effekt, wenn beispielsweise die Rikscha im Bühnenbild einfach durch eine klassische chinesische Holzbank symbolisiert wird. In ihrer Ausdruckskraft und ihrem nostalgischen Charakter werden extrem einfache Requisiten dem Vokabular des Alltags entfremdet, wodurch mit Leichtigkeit der Wechsel zwischen Bühnen- und Außenwelt gelingt. Noch faszinierender ist, wie in diesem „mittellosen“ Studententheater das Theater durch den Reiz des „weniger ist mehr“ eine regelrechte Befreiung erfährt.

Xu Linlin, die an der Zentralen Nationalitäten-Universität (民族大学) in Peking Choreografie studiert, hat mit ihrem Ensemble auf dem Theaterfestival drei wichtige Preise abgeräumt. Die Choreografin hat das Theaterstück eigenhändig umgeschrieben und dabei tief in die Struktur von Lao Shes Vorlage eingegriffen. Über neunzig Prozent des Bühnentextes stammen aus ihrer eigenen Feder, wobei sie eine so schöne Sprache verwendet, dass der Zuschauer vermuten könnte, sämtliche Dialoge des Stücks entstammten direkt dem Original des Dichterfürsten Lao She. Im Gespräch überraschte die attraktive junge Frau durch ihre Lebensklugheit:

Das Stück „Tigerin Huniu“ wird als „Physical Theatre“ tituliert. Was bedeutet das für Ihre Arbeit?

Im Narrativ des Tanzes stellen wir vor allem hohe Anforderungen an die Perfektion der Bewegung. Mit anderen Worten, während durch sie etwas erzählt oder ein Gefühl zum Ausdruck gebracht wird, muss die Bewegung zugleich bestimmten ästhetischen Standards entsprechen, beim Tanz hat das absolute Priorität. Im Theater hingegen hat jede Bewegung eine bestimmte Intention. Das heißt, dass die „ästhetische Vollendung“ nicht an erster Stelle steht. Im Physical Theatre wird, wann immer es geht, der physische Ausdruck der Darsteller genutzt, um etwas über den Körper auszudrücken. Heute haben wir eine unglaublich große Vielfalt an Arten und Formen des Theaters und auch die Standards verändern sich permanent. Für mich ist das aber alles Theaterkunst.

Sie gehören zur Generation der Digital Natives. Welcher Wunsch ist Ihrer Meinung nach bezeichnend für diese Generation?

Für mich klingt es immer noch seltsam, wenn man uns als Digital Natives bezeichnet, aber genau genommen stimmt es natürlich. Bezeichnend für unsere Generation ist wahrscheinlich der Wunsch nach Selbstverwirklichung, beziehungsweise das Streben danach, etwas Besonderes zu sein oder zu schaffen. Schließlich lautet das wichtigste Schlagwort unserer Zeit „Innovation“. Es scheint, als würden wir nach einem Gleichgewicht suchen, etwa zwischen Moderne und Klassik, Eltern und Kindern, Mainstream und Independent. Unsere Generation hat die Aufgabe all diese Dinge zu integrieren und wir haben dabei auch alle Chancen. Andererseits lasten aber zu viele Erwartungen auf uns. Man erwartet von, dass wir etwas ganz Besonderes werden.

Zhang Tianjiao (张天娇) - die „Couragierte“  

Zhang Tianjiao, eine hübsche junge Frau, Jahrgang 1996, ist eine gehörlose Tänzerin. In Hello Youth (你好青春) verkörpert sie die weibliche Hauptrolle Ai Xiaoxi (艾小兮). Tatsächlich beruht das Stück auf ihren persönlichen Erfahrungen. So überwindet die hörbehinderte Ai Xiaoxi, die sich ganz dem Tanz verschrieben hat, zahlreiche Schwierigkeiten, um bei nationalen Wettbewerben ihr Talent zu beweisen.

Zhang Tianjiao, die von klein auf tanzte, wurde nach ihrem Tanz-Studium an der People's Liberation Army Academy of Art (解放军艺术学院) in zahlreichen TV-Kulturprogrammen wie der Chinese Dream Show (中国梦想秀) oder Good Dance of China (中国好舞蹈) ausgezeichnet und geehrt und ist mittlerweile ein Jungstar mit vielen Fans. Als Angehörige einer charakterstarken und an Erfahrung reifen Post-95er-Generation lässt sich Zhang Tianjiao von ihrem Ruhm und den Interviews nicht aus der Ruhe bringen und spricht ganz offen von ihren ehrgeizigen Plänen und ihrem Wunsch nach Erfolg. Ihr couragiertes Auftreten mag davon herrühren, dass sie sich schon früh an widrige Umstände gewöhnen musste. Vieles, was anderen leicht fiel, musste sie sich erst mühsam antrainieren. Beispielsweise „bestand die größte Herausforderung im praktischen Ablauf darin im Zusammenspiel mit den anderen, den eigenen Rhythmus des Stücks nicht zu stören.“

Widrigkeiten und der Mut und das Durchhaltevermögen, mit denen sie ihnen entgegentritt. All das verleiht ihr eine Mission, an welche die bunte Generation der Post-95er meist keinen Gedanken verschwendet, nämlich etwas mehr für Menschen mit Hörbehinderung zu tun.

Li Piaoyi (李飘宜) - Von Computerspielen inspiriert

Li Piaoyi absolviert ihr Graduiertenstudium an der Fakultät für Tanz und Kunst an der National Academy of Chinese Theatre Arts (中国戏曲学院). Die Idee für ihr Stück geht noch auf einen ihrer Kindheitsträume zurück:

„Ich wollte ein Stück auf die Bühne zu bringen, bevor ich fünfundzwanzig bin, eine gute Story finden und mit einer guten Vorlage anfangen.“

Dann sensibilisierte sie zufälligerweise eine Zeitungsmeldung aus dem Jahr 2013 für die gesellschaftliche Realität in China. Sollten nicht unreflektierte Volksmeinung und die in der Bevölkerung herrschenden Vorurteile mit größter Skepsis betrachtet werden? Das wurde zum Ansatzpunkt für ihre Regiearbeit bei Das Verbrechen der Mittelmäßigkeit (平庸之罪).

In einem cleveren Kunstgriff hat sie die zeitliche Verortung der eigentlichen Zeitungsmeldung im Unklaren belassen. Sie hat die Personen anonymisiert und die Handlung in die Republikzeit verlegt. Kunst, die allein von einer bestimmten Aussage ausgeht, verliert sich gerne einmal im Nirgendwo. Ein riskantes Unterfangen. Doch bei der Bühneninszenierung von Das Verbrechen der Mittelmäßigkeit geht das Konzept auf. Obwohl der Theatertext inhaltlich nur ein logisches Gerüst aus abstrakten Begriffen anbietet, wird das Stück durch die Inszenierung der Regisseurin auf gelungene Weise mit Leben gefüllt. Jede Person in der konstruierten, leeren Geschichte profitiert davon und bekommt Leben eingehaucht.

Der zierlichen Person, die am Ende des Stücks als Regisseurin vor den Vorhang tritt, mag man die Kraft, die in ihr steckt, auf den ersten Blick kaum zutrauen. So stimmlich zart Li Piaoyi, die Fragen der Zuschauer beantwortet, so klar sind andererseits ihre Standpunkte: Es genüge, wenn man eine gute Geschichte erzähle, ob sie abstrakt sei oder nicht, spiele dabei keine Rolle. Andererseits erkennt man auch an ihrer Affinität zu Computerspielen, wie sie die Details der abstrakten Geschichte bereichert und ausgeschmückt hat:

„Ich bin ein Fan des Computerspiels Don’t Starve! Es ist hochinteressant, wie in diesem Spiel die Welt in all ihren Einzelheiten dargestellt wird. Hat es geregnet, tauchen beispielsweise Frösche auf und im Frühling sieht man Kaninchen. Genau solche logischen Elemente benötigt auch das heutige Theater. Zeigt man den Zuschauern im Stück realistische Details, macht das die Welt auf der Bühne für sie einfach reizvoller.“

Das ist also das Geheimnis! Die plastischen Rollencharaktere, welche das Publikum letztlich zu sehen bekommt, werden im Wesentlichen über die ureigene Physis der Darsteller zum Leben erweckt. Über Computerspiele kann man „die unterschiedlichen Charaktere des Ensembles besser kennenlernen. Man kann das als einen Weg sehen, die Schauspieler an ihre Rolle heranzuführen.“ In gewisser Weise wirkt sich der „Geist der Computerspiele“ mehr oder weniger auf das kreative Denken aus. Was zur Folge hat, dass sich die Generation der nach 1995 Geborenen in ihrer Vorliebe für bestimmte Ausdrucksweisen von früheren Generationen radikal unterscheidet.

Shania - die „Außenstehende“

Möchten Sie in Zukunft am Theater arbeiten?

„Beruf und Hobby stellen für mich zwei getrennte Werte dar, eine Art zweigleisiges System. Ich möchte zur Theaterwelt eine gewisse Distanz wahren, denn von meinem Charakter her eigne ich mich eigentlich nicht für den Schauspielberuf. Trotzdem mag ich das Theater und werde es immer lieben.“

So lautet das Bekenntnis der Schauspielerin Shania, die gerne anonym bleiben möchte und deshalb im Interview ihren englischen Namen verwendet. Sie trat mit dem Ensemble von Gebärmutter-Ballet (宫腔内的芭蕾) auf, dem Festivalbeitrag der CFan Chinese Theatre Group (思凡剧社) der Universität Shantou. Die CFan Chinese Theatre Group, die es schon viele Jahre gibt, ist eine Theatergruppe mit Tradition. Mit ihren Erfolgen haben Lehrer und Lehrerinnen des Ensembles Geschichte geschrieben und dienen als Vorbild. Wie an vielen anderen campuseigenen Theatergruppen gibt es auch in der CFan Chinese Theatre Group viele, die dort das erste Mal auf der Bühne standen und später professionelle Theatermacher wurden.

Während man sagen kann, dass die Lebenswege dieser Menschen für den Übergang vom Amateur zum Profi stehen, gehört Shania zu denjenigen, die den Traum vom Theater für sich begraben haben und es als reines Hobby betrachten. Sie erzählt, dass auch sie sich einmal Illusionen machte, später einmal das Theater zu ihrem Beruf zu machen und davon zu leben. Doch mittlerweile hat sie ihre Meinung geändert: „Das reale Leben hat seinen Tribut gefordert. Durch die Lebenserfahrung und den Alltag, welchen das Berufsleben notwendigerweise mit sich bringt, hat sich meine reine Liebe zum Theater verloren. Aber ganz tief in einem Winkel meines Herzens brenne ich immer noch für das Theater und allein das macht mich schon glücklich.“

Wenn man zurückdenkt, stand am Beginn des chinesischen Sprechtheaters tatsächlich eine Handvoll von Theateramateuren. Der Unterschied zwischen einem Theaterprofi und einem Amateur kann manchmal so hauchdünn sein wie chinesisches Fensterpapier. Das Golden Hedgehog Festival des Studententheaters ist der Finger, der diese trennende Membran durchstößt. Es ist, als könnte man durch die entstandenen Löcher in die Welt der unbegrenzten Möglichkeiten vor dem Fenster blicken und als könnten die Amateure von außen gleichermaßen einen Blick auf die Szenerie im Inneren werfen.

Es ist abzusehen, dass sich die Wege dieser „goldenen Igel“ trennen werden. Ein Teil wird nach der Universität einen professionellen Weg einschlagen und das Theater zum Beruf machen. So wie es Tang Wei (汤唯), Gu Lei (顾雷), He Yufan (何雨繁) und andere berühmte Schauspielerinnen und Schauspieler, die ursprünglich vom Studententheater kamen, lange vor ihnen getan haben. Der andere Teil hingegen wird sich in der Welt da draußen umsehen. Er wird den eigenen Theatertraum auf die Erinnerungen an den aufregenden Sommer 2017 beschränken, als man einem Traum folgte. Und wer vermag schon zu sagen, welches der glücklichere Weg wäre.

Fasst man diese ersten Versuche des Theaternachwuchses der Post-95er-Generation ins Auge, ihre Arbeiten, ihr Eigenheiten und ihre Geschichten, eröffnet sich einem ein äußerst lebendiges und buntes Spektrum. Sie haben weitaus größere Ambitionen als ihre Vorgänger, ein breiteres Wissen und reifere Gedanken. Die Zeit bietet ihnen weitaus günstigere Bedingungen, ihre Talente zu verwirklichen. Das Golden Hedgehog University Students Drama Festival zeigt uns jedes Jahr ein Feuerwerk. Bunte Feuerblumen, die am Himmel explodieren und im nächsten Moment verloschen sind.