Stadtgeschichte: Berlin Zwischen Kurt und Cosmo – Mit Luzia Braun im Wins-Kiez

Luzia Braun am Leise- Park im Prenzlauer Berg
Luzia Braun am Leise- Park im Prenzlauer Berg | Foto: Susanne Schleyer

Der Wins-Kiez hat schon zu DDR-Zeiten Schriftstellerinnen, Schauspieler und Andersdenkende angezogen. Beim gemeinsamen Streifzug durch das Viertel mit der Moderatorin und Filmemacherin Luzia Braun begegnen wir vielen Kinderwagen, besuchen einen queeren Friedhof und „Ralf’s Torten Atelier“ und reden über Busfahrer, Kommunisten und Heimatgefühle.

Wenn man sich in Deutschland für Literatur interessiert, kommt man an Luzia Braun nicht vorbei. Die Germanistin ist für die Neuauflage des Klassikers „Das literarische Quartett“ (ZDF) zuständig und hat 18 Jahre lang „aspekte“ (ZDF) moderiert – die wichtigste Kultursendung im deutschen Fernsehen. Auf der Frankfurter Buchmesse stellt sie auf dem berühmten „Blauen Sofa“ die interessantesten Autoren der Saison vor. In diesem Jahr wird sie der Jury für den „Deutschen Buchpreis“ (Verleihung ebenfalls auf der Buchmesse in Frankfurt) angehören. Neben ihrer Beschäftigung mit Literatur ist Braun auch als Filmemacherin tätig. Früher hat sie mal Deutsch als Fremdsprache in einer Justizvollzugsanstalt gelehrt. Es gibt kein Thema, über das man sich nicht mit ihr unterhalten kann.

Heute zeigt mir Luzia Braun ihren Lieblingsort in Berlin: Den Wins-Kiez, ein sehr lebendiges, vom Einzelhandel und kleinen Cafés geprägtes Viertel rund um die Winsstraße im Süden des Stadtteils Prenzlauer Berg. Der Prenzlauer Berg ist einer der begehrtesten Stadtteile Berlins, unter anderem wegen der weitgehend im Krieg unzerstört gebliebenen Altbausubstanz. Hier leben auf knapp elf Quadratkilometern 163.000 Menschen – so dicht ist Berlin nirgendwo anders besiedelt. Das Wins-Viertel galt schon zu DDR-Zeiten als Anziehungspunkt für Künstler, Schauspieler, Schriftsteller, Andersdenkende. Der Entertainer und Regisseur Hans Rosenthal (1925-1987) lebte dort, die Fotografin Helga Paris wohnt im Winskiez, ebenso der Schauspieler Benno Fürmann, die Schriftsteller Christoph Peters, Ingo Schulze und die Schriftstellerin Ulrike Draesner, um nur einige zu nennen. Der 1960 hier geborene Filmkritiker und Moderator Knut Elstermann widmete der Winsstraße - seinen Bewohnern und ihren Geschichten - ein ganzes Buch (Meine Winsstraße, be.bra Verlag 2013). Vor zwölf Jahren hat Luzia Braun, die zuvor viele Jahre zwischen Mailand und Mainz pendelte, hier ihr Zuhause gefunden.

 „Wir hatten Glück“, erinnert sich Braun jetzt, während wir die Immanuelkirchstraße entlanglaufen. „Als mein Mann und ich 2000 nach Berlin kamen, war schon viel aufgekauft worden – unsere Wohnung könnten wir uns heute in diesem Kiez gar nicht mehr leisten“. So teuer und schick wie am Kollwitzplatz sei es hier aber zum Glück nicht. „Die Gegend ist immer noch ziemlich gemischt“, sagt Braun, während sie festen Schrittes den um die Ecke gelegenen Georgen-Parochial-Friedhof ansteuert. Tatsächlich hatte eine von Stadtplanern in Auftrag gegebene Studie ergeben, dass 80 Prozent der Menschen, die in der Winsstraße leben, einen ostdeutschen Hintergrund haben, entgegen dem Klischee, das nur noch wohlhabende Westdeutsche hier leben würden. Wir laufen an einem kleinen Buchladen, einem urigen Tortenladen („Ralf’s Torten Atelier“), in dem die verschiedenen Kuchen und Torten „Andreas“, „Kurt“ oder „Kerstin“ heißen und einigen Imbissläden vorbei. Große Modehäuser, Bankfilialen – so etwas gibt es hier nicht. Vor uns stapft eine kleine grauhaarige Frau mit einem verschlissenen Einkaufstrolley, hinter uns quietscht ein Zwillingskinderwagen. An uns vorbei tigern drei schwarz gekleidete Jugendliche, in ihre sanft wummernde Musik versunken.

Im nächsten Moment umgibt uns Stille. Hohe Pappeln schirmen uns vom städtischen Treiben ab. „Hier gehe ich oft hin, um den Kopf frei zu bekommen, von der ganzen Arbeit“, berichtet Luzia Braun. Kaum zu glauben, dass wir eben noch zwischen Kinderwägen und Einkaufstrolleys herumgelaufen sind. Der Friedhof geht in einen verwilderten Park über. Welche Hauptstadt hat mitten in einem sehr dicht besiedelten, zentrumsnahen Bezirk solch eine wie aus dem Stadtplan und der Zeit gefallene seltsame Grünfläche?

Der Friedhof hat überdies Kurioses zu bieten: So zeigt Luzia Braun mir Deutschlands ersten Lesbenfriedhof, ein abgegrenztes Areal, reserviert nur für Frauen, die Frauen geliebt haben. Ein selbstgeschaffenes Ghetto? „Es geht nicht um Ausgrenzung, sondern um Sichtbarmachung“, so eine Vertreterin der Träger-Organisation, der SAPPhO-Stiftung. „Wir wollen uns nicht (mehr) verstecken, auch über unseren Tod hinaus und deshalb gibt es auch keine anonyme Bestattungen bei uns.“ Und: Man zieht hier eben die Wahlverwandtschaft vor, „statt wie bei Heteros und Heteras üblich, die Blutsverwandtschaft“. Der Weg in Form einer Schnecke soll den „Lebenskreislauf“ symbolisieren. Viele Gräber sind es nicht, doch man fragt sich unwillkürlich, was die Frauen, die hier liegen – mehrheitlich vor über 100 Jahren Geborene – wohl für ein Leben geführt haben, wie sie durch Nazizeit und Fünfziger Jahre-Mief gekommen sind.

Aber der Friedhof ist auch jenseits des Lesbenfriedhofs voller Geschichten: Luzia Braun kann einen schnurstracks von einem interessanten Grab zum nächsten führen. Manche Grabstätte verrät den exzentrischen Geschmack des Verstorbenen zu Lebzeiten. Kindergräber sind herzzerreißend-kitschig dekoriert. Luzia Braun weist mich auf die Sterbedaten einer Familie hin, die einen Selbstmord in den letzten Tagen vor dem Zusammenbruch des Dritten Reichs nahelegen. „Über die Familie habe ich nach einem meiner Spaziergänge hier mal recherchiert, das waren wirklich überzeugte Nazis“, erfahre ich jetzt. Keine 100 Meter weiter befindet sich das Grab eines Anhängers von Ernst Thälmann, dem ehemaligen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Deutschlands, der 1944 im Konzentrationslager Buchenwald erschossen wurde. „Hier treffen sich gelegentlich alte Genossen und singen laut das Einheitsfront-Lied“, erzählt Luzia, während ein Hüne von einem Jogger in knallorangenem Outfit an uns vorbei trampelt. Von Totenehrung und pietätvoller Stille keine Spur. Typisch Berlin halt!

Was Luzia Braun immer wieder an den Berlinern beeindruckt ist neben ihrer Wurschtigkeit ihre Schlagfertigkeit. „Da steige ich in einen Bus und eine junge Frau fragt den Busfahrer, wo eine bestimmte Straße läge. Der Busfahrer - Luzia senkt ihre Stimme - antwortet nur knapp: ‚Bin ick een Navi?‘“. Luzia lacht: „Da muss man mal so schnell drauf kommen!“ Die Germanistin hat noch weitere Anekdoten parat. Man merkt: Sie hat ein gutes Gedächtnis für alles, was mit Sprache zusammenhängt, kann mit schauspielerischer Leichtigkeit Dialoge wiedergeben.

Nun kommen wir noch auf Berlin als Literaturstadt zu sprechen. Für Luzia war neben ihrer Arbeit die lebendige Kulturszene ein Grund nach Berlin zu ziehen. „Es gibt einfach alles hier – Off-Geschichten und Hochkultur, direkt nebeneinander, das gefällt mir hier so“. Luzia lässt sich auch gern treiben, geht mit ihrem Mann aus dem Haus und guckt wo es sie hin verschlägt. „In Berlin geht so etwas noch – da sitzt man plötzlich bei einer Hinterhof-Lesung oder in einem Keller-Konzert.“

Eigentlich stammt Luzia Braun aus Meßkirch, einer Kleinstadt im südlichen Baden Württemberg, nahe dem Bodensee. Und, klar, sie sei schon als junge Frau vor der Enge in die große weite Welt, damals für sie: Italien, geflohen. Eine Klassenreise führte sie erstmals nach Rom, später studierte sie ein halbes Jahr in Pisa. Italien erlebte sie in jener Zeit – in den Siebzigern – als beweglicher, radikaler, offener als Deutschland. Protest war nicht nur etwas für Studenten, für Bürgerskinder - eine akademische Angelegenheit - auch die Arbeiterklasse war „viel politischer“, die feministische Bewegung auf dem Höhepunkt ihrer Zeit. In den 80ern bekam Luzia dann eine Stelle als DAAD-Lektorin an der Universität Mailand. Nach fünf Jahren begann sie journalistisch zu arbeiten und flog regelmäßig nach Mainz für ihre ZDF-Sendungen. Die italienische Sprache ist ihr in Fleisch und Blut übergegangen, das Land interessiert sie sehr: Sie drehte mehrere Filme für das ZDF und den WDR über die Mafia – zum Beispiel First ladies der Mafia. Wie die Frauen der Bosse die Macht ergreifen (gemeinsam mit Petra Reski). Gefährlich war die Beschäftigung mit der Mafia für sie zwar noch nicht geworden, aber dennoch zog sie es vor, sich anderen Themen zuzuwenden.

Heimat, erzählt die Wahlberlinerin und Kosmopolitin als wir uns wieder auf der trubeligen Immanuelkirchstraße befinden, sei für sie vor allem Sprache: der weiche schwäbische Dialekt – der Dialekt in der Region um Meßkirch herum. Ich erhalte nun einen Einführungskurs in das Universum der schwäbischen Dialekte, währenddessen ich mir meiner Ahnungslosigkeit, die bis dato nur „Das Schwäbische“ kannte, bewusst werde. Und, nein, sie sei auch als Stadtmensch keine Provinzhasserin geworden, warum auch?

Ob sie selber hier schon mal aufs Korn genommen wurde, als Schwäbin? Luzia Braun grinst, „erstens bin ich geographisch Badenerin, denn Messkirch liegt in Baden und zweitens ist mir persönlich diese Polemik gegen Schwaben bisher nie begegnet!“. Für viele Berliner sei „Schwabe“ einfach jemand, der die Gentrifizierung, die Aufwertung eines Viertels oder Stadtteils, die Miet- und Kaufpreissteigerung vorantreibe. „Die Leute hier meinen eigentlich nicht die ‚Schwaben’ per se, sondern ‚Leute, die Geld haben’. Das sind manchmal Schwaben, aber oft auch Leute aus anderen Regionen. Sie verstehe den Unmut natürlich auch.

Jetzt sind wir wieder bei „Ralf’s Torten Atelier“ angelangt, diesem urigen Laden, dessen Einrichtung noch aus den Achtziger Jahren zu stammen scheint. „Man könnte noch etwas Kuchen mitnehmen“, überlegt Luzia Braun. Wir haben die Qual der Wahl zwischen „Kurt“, „Andreas“ und „Helmut“ und weiteren süßen Verlockungen. Draußen hören wir eine Mutter ihre Kinder – ganz zeitgeistig – „Cosmo“ und „Carlotta“ rufen. Luzia Braun lacht kopfschüttelnd: „Ich wohne einfach gern hier“. Dann entscheidet sie sich für den Schoko-Erdbeerkuchen „Kurt“.