Vivienne Chows Briefe aus Berlin We Don't Need Another Hero

We Don't Need Another Hero
© Vivienne Chow

Die Hongkonger Journalistin Vivienne Chow dokumentiert mit ihren Briefen aus Berlin ihre mehrmonatige Recherchereise durch die Kunst- und Kulturszene der deutschen Hauptstadt. Neue Briefe erscheinen wöchentlich im Magazin.

Guten Tag! Willkommen in Berlin! Die Hauptstadt Deutschlands ist bekannt für ihre pulsierende Kunst- und Kulturszene, die sich durch ihre Inklusivität und Internationalität auszeichnet. Meine Reise beginnt mit einem der größten Highlights der Stadt – die Berlin Biennale für zeitgenössische Kunst, die dieses Wochenende eröffnet wird.

Die zehnte Ausgabe der Berlin Biennale steht dieses Jahr unter dem Titel ''We Don’t Need Another Hero'', inspiriert durch Tina Turners Lied aus dem Jahr 1985, und ist ein politisch geladenes Kunst-Erlebnis. Sie lädt dazu ein, die Dominanz etablierter Narrative zu hinterfragen und zu diskutieren, wie wir unsere vielfältigen individuellen Geschichten in der postkolonialen Zeit erhalten können.

Keleketla! © Vivienne Chow Kuratiert von Gabi Ngcobo und ihrem Team stellt die Ausstellung mehr als 45 Künstler und Künstlerkollektive aus der ganzen Welt vor, die an fünf Orten in Berlin ihre Arbeiten präsentieren. Die Künstlerinnen nutzen ihre einzigartigen kreativen Ausdrucksformen, um Geschichten zu erzählen, die mich, zu meiner Überraschung, an meine eigenen Wurzeln erinnern.

Walking Through History © Vivienne Chow Minia Biabiany, eine junge Künstlerin, die in Mexiko City lebt und arbeitet, wurde mit dem ersten Horizn Biennial Preis ausgezeichnet und bringt uns in ihrer poetischen Installation Toli Toli (2018) eine vergessene Vergangenheit ihrer Heimatstadt Basse-Terre, eine Karibikinsel im französischen Überseedépartement Guadeloupe. Toli Toli ist ein Schmetterlingskokon, den Kinder einfangen und sich dann die Möglichkeiten ihrer unbekannten Zukunft in einem traditionellen Spiel vorstellen, während sie ein längst vergessenes Lied singen. Biabiany zeigt dazu ein Video, das diese Erinnerungen wieder zum Leben erweckt, projiziert neben einer Installation aus traditionellen Fischreusen aus Bambus, die sie gelernt hat zu weben. Die Schatten, die diese Fischreusen aus Bambus auf den Boden werfen, sind wie die Spuren einer Vergangenheit, die nie ganz verschwunden ist.

Diese Arbeit erinnert mich an meine Großeltern und meinen Großonkel, die auf der vergessenen Insel Tai A Chau und der benachbarten Insel Siu A Chau in Hongkong gelebt haben. Meine Familie hat seit der Jiaqing-Ära (1760-1820) in der Qing-Dynastie über viele Generationen auf diesen verlassenen Inseln gelebt. Meine Großeltern und mein Großonkel waren die letzten Bewohner der Inseln, sie woben ihre eigenen Fischnetze, sprachen einen Dialekt, der irgendwo zwischen Hakka und Hoklo angesiedelt war und den ich kaum verstand. Aber da sie nicht mehr unter uns sind, lebt alles, was ich über sie weiß, in meinen Erinnerungen. Diese Erinnerungen wurden, dank Biabianys Werk, jetzt glücklicherweise wieder zurückgebracht.

In Berlin sehe ich die Welt und habe auch mich wiedergefunden.

  • Toli Toli © Vivienne Chow
  • Toli Toli © Vivienne Chow
  • Toli Toli © Vivienne Chow