Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Filmrezension
Your Face von Tsai Ming-liang

Your Face
Foto: Trailer/Screenshot

Man sieht täglich unzählige Gesichter, doch nur an die wenigsten erinnert man sich. Die von Zeit und Erfahrung gezeichneten Gesichter älterer Menschen blicken einem in Your Face (你的脸) aus geringer Distanz entgegen. Tsai Ming-liang fängt diese auf Taiwans Straßen sorgsam ausgewählten Gesichter in langen Einstellungen mit großer Wärme ein und versetzt die Zuschauer in einen fast meditativen Zustand.

Your Face ist eine Begegnung von Angesicht zu Angesicht, in warmem Licht wurden Gesichter meist älterer Männer und Frauen gefilmt. Natürlich ist Lee Kang-sheng dabei, der in keinem von Tsai Ming-liangs Filmen fehlen darf. Am Anfang wissen die Protagonisten nicht so richtig, was sie machen sollen. Ihre Augenbewegungen oder ein gezwungenes Lächeln verraten die Anspannung, während sie einfach nur schweigend in die Kamera blicken. Das ändert sich im Lauf der Zeit und sie werden lockerer. Sie machen es sich bequem oder schlafen ein, einer spielt auf der Mundharmonika, bevor er sich dem Gegenüber anvertraut und bedauert, dass er früher seine Zeit beim Glücksspiel vergeudet hat, wieder andere strecken die Zunge raus oder massieren sich das Gesicht.

Die statischen Nahaufnahmen sind vor einem schwarzen Hintergrund gemacht, so dass man sich auf ihre feinsten Gesichtsregungen konzentrieren kann. Egal ob sie gerade von Erinnerungen erzählen oder nur schweigend dasitzen, ihre Fältchen, Muskeln und Blicke sind immer in Bewegung, in den Augen blitzt es auf - und all diese Gefühlsregungen übersteigen die Sprache bei Weitem und das ist anrührend. Die auf der Leinwand vergrößerten Gesichter werden zu einer Art Spiegel. Wir sehen ihre Augen und ihre Augen blicken zurück in die Kamera. Somit fühlen wir uns auch von ihnen beobachtet und blicken zurück auf unser eigenes Spiegelbild. Die Blicke treffen sich im Irrealen. Mit der Musik von Ryuichi Sakamoto treten Reales und Irreales in einen Dialog, bedingt eins das andere.

Es ist tatsächlich das erste Mal seit 20 Jahren, dass Tsai Ming-liang in einem Film wieder Musik verwendet. Es gibt melancholische Glockenklänge, monoton anschwellendes weißes Rauschen, ferne Maschinengeräusche, verschwommenes Tosen, Psalme und Rezitative. Die Töne sind nur schwer voneinander zu trennen, manchmal voller Energie und vordergründig, dann zögerlich, ruhig, weich und schmeichelnd, aber auch erschrocken und reuevoll schwingt die Musik zwischen verschiedenen Gefühlen. Als Hintergrundmusik stiehlt sie den Bildern nicht die Erzählung, sondern verbindet die jeweils einem Gesicht gehörenden Filmabschnitte und übernimmt so eine weitere Rolle im Film.

Tsai Ming-liang sagt selbst, dass sein Film weder ein Spiel- noch ein Dokumentarfilm sei. Man möchte fragen, wo der Dokumentarfilm aufhört und das vom Regisseur geschriebene Drehbuch einsetzt. Welche Geschichten sind persönlich Erlebtes, welche sind wahr, welche fiktiv? Wo hört die reale Welt auf und wo beginnt die Fiktion? Aber das sind vielleicht die falschen Fragen, weil sich Filmgesichter und Zuschauer im Dunkeln in die Augen sehen und möglicherweise emotionale Verbindungen entdecken.
 
"Wo Licht ist, sind Geschichten." Jedes Gesicht im Scheinwerferlicht hat eine Geschichte, die man erzählen kann, heißt es im Katalog, ganz besonders jedoch jene Gesichter, die die Zeit geprägt hat.

Top