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Stadt- und Landgeschichten: München
„Wo die Menschen zu Hause sind, da muss auch die Kultur sein“

Hans-Georg Küppers
Hans-Georg Küppers | © Nelly Küfner

Der Münchener Kulturreferent Hans-Georg Küppers mag gern Handfestes und Unfertiges

Von Thomas Lang

Das Büro von Hans Georg Küppers liegt im vierten Stock des Kulturreferats, keine hundert Meter weg vom Marienplatz, im Herz der Münchener Altstadt. Es ist ein freundlicher Vormittag, die Sonne dringt durch eine Reihe Fenster in den großen und freundlichen, schlicht gehaltenen Raum. Küppers, ein freundlicher und nahbarer Mann von sechzig Jahren, bittet mich an den Besprechungstisch. Seit 2007 ist er Münchener Kulturreferent und gilt als pragmatisch und lösungsorientiert. Diese Beschreibung lässt er gern stehen. Sie zeigt, dass er Dinge umsetzen will, dass tatsächlich etwas geschieht. Dass er trotzdem kein Mann nur für kleine Lösungen ist, betont er mit einem Hinweis auf die Verpflichtung von Matthias Lilienthal als Intendant der Münchener Kammerspiele und Valery Gergiev als Chefdirigent der Münchener Philharmonie. Aber das ist eben nicht alles: „Mir sind im Sinne einer breiten Kulturarbeit die Bibliotheken oder die Volkshochschulen mindestens ebenso wichtig wie die Kammerspiele oder die Philharmonie.“

Küppers wird bis mindestens 2019 Kulturreferent bleiben. Auf die Frage, welche Akzente er in den nächsten Jahren setzen möchte, nennt er als erstes das so genannte Kreativquartier. Auf einem ehemaligen Kasernen-Gelände, nur drei Kilometer vom Stadtkern entfernt, werden neben einer Grund- und einer Hochschule auch Gewerbe-, Wohn- und eben Kulturraum entstehen. Die jetzt schon in den alten Bauten ansässigen Kreativen sollen nicht verdrängt werden, sondern ein zentrales Element dieses städtischen Raums bilden. Besonders wichtig ist Küppers dabei die Einbindung der freien Kreativen in die Planung dieses Areals.

Als zwei große Themen für die kulturelle Weiterentwicklung Münchens nennt der Kulturreferent die interkulturelle Arbeit und Inklusion. Er verweist auf die Vielzahl an Nationen, die in München lebt. Diese Menschen mit ihren unterschiedlichen kulturellen Vorstellungen will er nicht bloß toleriert sehen, sondern sie aktiv inhaltlich in das Kulturleben der Stadt einbinden. Auch seine Idee von Inklusion reicht weiter als bis zum Bauen von Rollstuhlrampen. Körperlich, geistig oder seelisch eingeschränkte Menschen will die Stadt München ermuntern, selbst Kultur zu schaffen. Dazu passt, dass München als erste Stadt die UN-Behindertenrechtskonvention unterzeichnet hat.

Selbst nach seinem Lieblingsort in München befragt, nennt er München insgesamt als eine internationale Großstadt mit dennoch überschaubaren Ausmaßen. Den alten Slogan von der „Weltstadt mit Herz“ findet er nach wie vor passend. Besonders gefällt ihm der Sankt-Jakobs-Platz. Dieser alte Marktplatz im Zentrum der Stadt wurde im 2. Weltkrieg zerstört und lag sechzig Jahre lang mehr oder weniger brach. Zeitweise wurde er als Parkplatz genutzt. Heute machen ihn die Besucher der neu gebauten Synagoge und des ebenfalls neu entstandenen Jüdischen Museums ebenso lebendig wie die Gäste des Stadtmuseums und des legendären Stadtcafés. „Da findet das Leben statt“, sagt Küppers. „Da sehe ich den Flaneur neben dem Angestellten. Ich sehe die – meist – Mütter mit ihren spielenden Kleinkindern.“ Ein Platz, an dem nicht alles schon fertig ist, an dem sich Leben entwickelt.

Außer diesem innerstädtischen Raum gefällt dem Bewohner des grünen, ruhigen Stadtteils Solln besonders die Isar. Seit der Renaturierung können die Münchener an ihren Ufern leicht vergessen, dass sie sich mitten in einer Millionenstadt befinden. Diesen offenen Ort möchte Küppers am liebsten unangetastet wissen. Er müsse keineswegs attraktiver werden, etwa durch Cafés am Ufer. „Lasst doch diesen ursprünglich belassenen Raum. Die Menschen erobern ihn sich selbst.“  

Zuletzt kommen wir auf die Stadtteilkultur zu sprechen. Dazu gehören einerseits die Stadtteil-Bibliotheken, die zusammen pro Jahr 4,7 Millionen Besucher haben und mit Bücherbussen die Münchener Schulen bedienen. Dazu gehören Aktionen wie „Bookuck“, ein Tag, der die Münchener auf die Buchläden in ihren Vierteln aufmerksam machte. „Wo die Menschen zu Hause sind, muss auch die Kultur sein“, sagt Küppers. Es dürfe sich nicht alles in der Innenstadt abspielen, sondern auch just vor der eigenen Tür. Die Stadtteilkultur wird dabei unter Beteiligung der Bürger in den Vierteln entwickelt, ansässige Kreative sind aufgerufen, Veranstaltungen mitzugestalten. Das sind Dinge, sagt Küppers, die je eigentlich in der Zeitung stehen müssten. „Die Kultur ist etwas grundsätzlich Wichtiges für die geistige Infrastruktur der Stadt.“

Am Ende unseres Gespräches geht Küppers zu einem Regal an der hinteren Wand seines Büros. Er holt einen schwarzen Brocken hervor und drückt ihn mir in die Hand. Es ist ein Stück der Steinkohle, das er aus seiner Heimat an der Ruhr mitgebracht hat. Ich drehe es in den Händen. Nichts deutet auf die große Menge Energie, die darin gespeichert ist. Als ich es ihm zurückgebe, hat Kohlenstaub meine Fingerspitzen dunkel gefärbt.

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