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Stadt- und Landgeschichten: Berlin
„Ich gehe ganz in meiner Arbeit auf“

Annemie Vanackere
Annemie Vanackere | © Dorothea Tuch

Unsere Kolumnistin Tanja Dückers trifft Annemie Vanackere, die Intendantin des HAU „Hebbel am Ufer“, und spricht mit ihr darüber, wie sie seit Jahren erfolgreich Berlins aufregendstes Theater leitet. Man trifft sich im WAU, dem Wirtshaus am Ufer, der lässigen Kneipe des Theaters.

Von Tanja Dückers

Über dem Eingang des HAU Hebbel am Ufer hängt ein strahlend blaues Plakat: „Was jetzt passiert, ist die totale Besetzung mit Gegenwart“ lese ich. Ein Zitat von Heiner Müller. Dieser Satz geht mir gleich unter die Haut und verleiht meinen Schritten neuen Schwung. Und schon stehe ich im WAU, das im Erdgeschoss des HAU2 angesiedelt ist. WAU steht für „Wirtshaus am Ufer“. Denn man befindet sich hier am Landwehrkanal, dem berühmt-berüchtigten Seitenkanal der Spree, der mitten durchs urbane Berlin, durch die Bezirke Neukölln, Kreuzberg, Tiergarten und Charlottenburg fließt. Der rauen von Kontrasten geprägten Stadt trotzt er Momente von Friedlichkeit und Stille ab.

Bevor Annemie Vanackere, die Intendantin und Geschäftsführerin vom Theaterkombinat HAU Hebbel am Ufer kommt, habe ich Zeit, diesen besonderen Ort noch ein wenig auf mich wirken zu lassen. Ins WAU kommen Leute aus aller Welt, und doch: Die Atmosphäre ist nicht touristisch, eher: international. Man hört viele Sprachen. Das Publikum trifft sich hier noch vor oder nach einer Vorstellung. Gern kommen auch Leute aus der Nachbarschaft, dem weniger angesagten Teil Kreuzbergs – besonders, wenn es warm ist und man draußen an langen Holzbänken sitzen kann. Dann treffen sich der schluffige Nachbar mit Plastiktüte, die türkischen Anwohner und Anwälte aus den Büros und die jungen Theaterfans aus aller Welt im WAU. Hier verwirklicht sich vielleicht das alte, unaufgeregte Weltstadtverständnis von Berlin – ein Verständnis, das die deutsche Hauptstadt an vielen Orten doch noch eher behauptet als einlöst.

Was hat es mit diesem mondänen Theater und seinem kongenialen Wirtshaus genauer auf sich? Das HAU ist seit 2003 ein Theaterkombinat aus drei Bühnen: dem HAU 1, 2 und 3, die alle in der Nähe voneinander liegen. Zweifellos hat es sich in den vergangenen Jahrzehnten unter dem Einfluss seiner Intendanten zu einem der progressivsten und interessantesten Theaterhäuser Europas entwickelt. Die noch in der Vorkriegszeit in Berlin geborene Nele Hertling, Grande Dame der Berliner Tanz- und Theaterwelt, prägte das alte Hebbel-Theater (heute HAU1) in den Jahren 1989-2003. Zuvor hatte der schöne Bau in der Stresemannstraße zehn Jahre lang leer gestanden; sogar ein Abriss war im Gespräch. Nele Hertling arbeitete – auch im Rahmen des von ihr gegründeten Festivals Tanz im August – schon mit wegweisenden Choreographen und Regisseuren zusammen wie Rosas/Anne Teresa De Keersmaeker, Jan Fabre, Robert Wilson, Saburo Teshigawara und Michael Laub . Ihr Nachfolger, Matthias Lilienthal, ebenfalls ein Berliner Urgestein, führte zu Beginn seiner Intendanz (Spielzeit 2003/2004) die drei Häuser zusammen, die heute gemeinsam das Theaterkombinat HAU Hebbel am Ufer bilden. Er setzte neue Impulse, was die Öffnung des Theaters hin zum städtischen Raum, die stärkere Partizipation des Publikums und eine neue Konfrontation mit sozialpolitischen Themen anging. Als „laut, quirlig und schrill“, auch als „chaotisch“ wurde das HAU unter seiner Ägide bezeichnet. Die Besucherzahlen, die anderswo abnahmen, stiegen, das Publikum verjüngte sich.

Und jetzt ist Annemie Vanackere da. Im doppelten Wortsinn: Zur Tür kommt die große beeindruckende Erscheinung hinein und nimmt einen sofort mit ihrer Intensität, Klugheit und Wärme für sich ein. Im WAU drehen sich einige nach ihr um, sie ist schließlich die Chefin hier. Ihr Auftreten macht noch einmal deutlich, dass das WAU eine gelungene Synthese aus Kantine für die Mitarbeiter und anderen Cafégästen ist. Annemie Vanackere wechselte nach Matthias Lilienthals Abschied zur Spielzeit 2012/13 ans HAU. Aus Belgien stammend, ist sie später in die Niederlande gezogen. Dort hat sie ein großes, international renommiertes Haus, die Rotterdamse Schouwburg, künstlerisch geleitet: ein Theater ohne Ensemble, in dem sie sehr erfolgreich ein internationales Festival und ein internationales Produktionshaus gegründet und geleitet hat.

Die raue Hafenstadt Rotterdam und das ebenfalls eher raue als pittoreske Berlin verbände einiges miteinander, findet Annemie Vanackere, die nun für uns einen Kaffee bestellt hat. Beide Städte wurden im Krieg schwer zerstört. In Rotterdam wie in Berlin entschied man sich, anders als in Warschau, weniger für Wiederaufbau als für neue wegweisende Architektur (wenn man jetzt einmal vom Berliner Stadtschloss absieht). Ein eklatanter Unterschied sei für sie aber, so Annemie Vanackere, die geringe Zahl an Migranten hier in Berlin gewesen. „Als ich nach Berlin kam, hatte ich das Gefühl, in einer weißen Stadt zu sein!“, Annemie Vanackere sieht mich entgeistert über den Tisch hinweg an. Wer Rotterdam kennt, weiß wie viele ‚neue Niederländer’ aus Suriname, von den Antillen oder aus Marokko und der Türkei dort zuhause sind. Dennoch habe sie sich in Berlin bald wohl gefühlt, sie kannte die Stadt schon vorher, hatte die Berliner Theaterszene stets verfolgt. Die Arbeit nun habe sie gleich sehr ausgefüllt. Und natürlich: Annemie Vanackere wollte gern hierher kommen. Sie war von der Strahlkraft der Stadt und des HAUs und seinem unkonventionellen Charakter beeindruckt.

Damals, vor Beginn ihrer ersten Spielzeit, sagte Annemie Vanackere, sie beabsichtige keine „Revolution“ am HAU, sondern eine Akzentverschiebung. Dieser Satz, den sie heute auch noch genauso unterschreibt, ist ebenso klug wie auch ihre Verweigerung, ihre Intendanz programmatisch von der von Matthias Lilienthal abzugrenzen, Vergleiche zu ziehen. Vielleicht ist hiermit auch ein Teil des Erfolgs des Theaterkombinats zu erklären: Keiner der jeweils neuen Intendanten hat seinen Vorgänger oder seine Vorgängerin öffentlich abgewertet, sondern, im Gegenteil, immer mit Anerkennung vom „davor“ gesprochen. Man baut aufeinander auf, versteht, dass der Erfolg eines Theaterhauses etwas Langperspektivisches ist, etwas, das über die eigene Intendanz hinausgeht. Anderswo versuchen neue Intendanten, alles anders zu machen, vor allem sich selbst ein Denkmal zu setzen. Während sie das sagt, legt sie ein Feuerzeug auf den Tisch. Es trägt die Farbe des HAU, dieses besondere, strahlende Blau. Auf dem Feuerzeug steht „feminist“. „Das schenke ich Ihnen!“, Annemie Vanackere sieht mich augenzwinkernd an. Sie ist der Typ von Mensch, dem man anmerkt, dass er stets auf mehreren Ebenen gleichzeitig über etwas nachdenkt. Humor und ernst liegen nahe beieinander. „Wir müssen noch mehr von den Dingern machen lassen“, murmelt sie mit Blick auf den „feminist“. In der Theaterwelt gäbe es nach wie vor frappierende Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen. Im mittleren Sektor habe man gerne Frauen, als Intendanten dann aber doch lieber Männer. Überhaupt, in Deutschland gäbe es diesen seltsamen Personenkult. Der sei ihr doch recht fremd. Hier würde man die Leistung eines Hauses sehr auf eine Person – der Intendant! Die Ära Sowieso! – reduzieren, dabei wäre das Team doch das Wichtigste. Annemie Vanackere spricht viel von ihrem Team. Man merkt: Hier versteht jemand zwar zu führen, aber auch in starkem Maße zu kooperieren.

Das tut Annemie Vanackere auch mit vielen Regisseuren aus dem In- und Ausland. Einige der Regisseure und Choreografen, mit denen sie schon aus der Zeit an der Rotterdamse Schouwburg zusammengearbeitet hat, so wie Meg Stuart, Kornél Mundruczo, Jérôme Bel oder The Nature Theater of Oklahoma, holt sie nun für Koproduktionen ans HAU. Insgesamt ist das Programm unter Leitung der kosmopoliten Belgierin noch internationaler geworden. Das HAU hat als freies Theater im Vergleich zu großen Stadttheatern nur einen kleinen Etat, schafft es aber mit diesem über 60 Produktionen und zahlreiche hiermit verbundene Aktivitäten pro Jahr auf die Beine zu stellen – eine unglaubliche Leistung. Wie gut, dass Annemie Vanackere – in Personalunion Intendantin und Geschäftsführerin – neben aller Leidenschaftlichkeit für das Theater einen so kühlen Kopf bewahren kann. „Ich liebe Zahlen“, sagt sie gelassen. Und, anders als ich zunächst vermutete, meint sie damit nicht die Ästhetik von Zahlen, ihre graphische Schönheit, sondern schlicht ihren numerischen Wert, der sich eben auch in der Buchhaltung in rot oder schwarz niederschlägt.

„Kultur muss auch Geld kosten dürfen. Diskussionen zu führen über Eintrittsgelder, ob sie nun 8 oder 10 Euro kosten dürfen, das ist mühselig, aber zugleich auch wichtig“. Kein Verständnis hat sie allerdings für das Ungleichgewicht in der Mittelverteilung. Sie freue sich sehr über die Etaterhöhung des HAU ab 2016, die vom Berliner Abgeordnetenhaus Ende letzten Jahres beschlossen wurde, frage sich aber, warum es noch immer so wenig strukturelle Unterstützung für die autonom arbeitenden Theater- und Tanzkünstlerinnen und -künstler, die doch bereits seit Jahrzehenten oft die entscheidenden Impulse für neue ästhetische Entwicklungen gegeben hätten, gibt. Das sei doch schwer zu verstehen.

Wofür sie sich unter Anderem einsetzt, sind Wiederaufnahmen. Sie möchte Stücke über die kurze Zeit der Aufführungen nach der Premiere hinaus öfter spielen können. Auch hält die „totale Besetzung mit Gegenwart“ sie keineswegs davon ab, einen frischen Blick auf die Aktualität von Stücken oder Texten schon verstorbener Regisseure und Autoren zu werfen. So haben im Rahmen des „Heiner Müller!“-Festivals jüngere Theatermacher wie Interrobang, andcompany & Co, Damien Rebgetz, Thomas Heise, Veit Sprenger oder die Musikerin Gudrun Gut neue Bezüge zu Werken von Heiner Müller herstellen können.

Dass man mit Vanackeres Arbeit sehr zufrieden ist, hat sich unlängst an der Entscheidung des Aufsichtsrats gezeigt, ihre Intendanz bis zum Jahr 2022 zu verlängern. Ob sie sich vorstellen könnte, danach zurück in die Niederlanden zu gehen? Annemie Vanackere ist von dieser Frage nicht besonders begeistert. „Ich gehe ganz in meiner Arbeit hier auf, ich denke gerade an unser Peter Weiss-Projekt im Herbst, das wird eine große Sache! So weit kann und möchte ich im Moment nur denken“.

Ob es noch einen Ort gäbe, an dem sie besonders gern in Berlin sei – jenseits des erweiterten Arbeitsplatzes? Sofort hat Annemie Vanackere eine Antwort: „Ja, meine Wohngegend, in Schöneberg. In meiner Ecke am Willmanndamm in der Nähe vom Kleistpark, da gefällt mir Berlin sehr! Das ist so eine interessante, wirklich multikulturelle Ecke, ich wohne sehr gern dort. Und von dort fahre ich jeden Tag mit dem Rad nach Kreuzberg zum HAU.“

Nach unserem Gespräch radele ich Annemie Vanackeres täglichen Weg zurück zum Kleistpark. Die von ihr beschriebene Ecke finde ich sofort. Da gibt es einen mit großen Lettern in Hindi überschriebenen Laden „Lebensmittel – Indien, Sri Lanka, Afrika und Asien“. Links davon befindet sich der Italiener „Olio Sale Pepe“, rechts davon der „Supermarkt Azzam“, der Orientalisches anzubieten hat. Gegenüber wirbt ein Laden mit „Autos + Weine“, um die Ecke wartet „African Unique“ (eine Mischung aus Lebensmittelladen und Friseur) mit afrikanischen Spezialitäten, Kosmetikprodukten und Haarbedarf auf den geneigten Besucher, der darauf brennt, sich Cornrows, Rastas, Dreadlocks, Weaves oder Zöpfchen machen zu lassen und danach vielleicht ein Bananen-Curry, eine Scheibe Dattel-Bananen-Brot oder eine Portion Ugali (Maisbrei) zu verzehren.

Vielleicht hat Berlin hier ein bisschen etwas von Rotterdam.

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