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Stadt- und Landgeschichten: Xi'an
„Das Leben als Künstler gibt mir in dieser Welt menschliche Würde“

He Li
He Li | © Tian Yuan (田园)

„Schon bevor ich krank wurde, habe ich keine besonderen Ansprüche an das sogenannte ‚weltliche Leben’ gestellt und nach meiner Operation hatte ich erst recht andere Sorgen. Wenn ich mich über etwas freue, dann über eine warme Mahlzeit. Die Kunst ist ein starker Garant für mein inneres und äußeres Gleichgewicht. Nicht anders als bei einem Mathematiker, Schuhmacher oder einem Kellner im Restaurant ist die Kunst ein Beruf, mit dem man seinen Lebensunterhalt verdient und der mir in unserer Gesellschaft eine Rolle zuweist. Das Leben als Künstler verleiht mir in dieser Welt menschliche Würde.“

Von Song Qun (宋群)

Als ich dem Künstler He Li (何理) im Jahr 2006 wieder begegnete, trug er schon die Niere eines anderen Menschen in seinem Körper.
 
Im selben Jahr begannen wir gemeinsam das Magazin Local (本地) über Studien und Beobachtungen im urbanen Raum herauszugeben. He Lis Aufgabe besteht vor allem darin, Kontakte zu machen und Interviews zu führen. Der so natürlich und unkompliziert wirkende He Li, der aber auch so ausgefuchst sein kann wie ein alter Bauer, besitzt die Fähigkeit, die Leute zum Reden zu bringen. Ganz gleich, wer ihm im Interview gegenübersitzt. Mittlerweile läuft unsere Publikationsreihe seit zwölf Jahren. So ist aus dem Künstler He Li der Redakteur He Li geworden, der einen Achtstundentag absolviert und mit mir über die Arbeit diskutiert, als gäbe es für ihn nichts Wichtigeres auf der Welt. Dabei bin ich mir wohl bewusst, dass diese Tätigkeit für He Li nichts anderes als einfach eine „anständige Arbeit“ ist. Er selbst ist bestimmt am wenigsten davon überzeugt, dass ein Redakteursposten seinem wahren Selbst entspricht.

Gleichsam als befände er sich auf der Flucht hatte He Li im Frühling 1998 das von einem Kommilitonen geliehene Fahrrad verkauft, hatte den Ort Baoji (宝鸡), an dem er die Universität besuchte, verlassen und sich nach Xi’an abgesetzt. Wie alle anderen jungen Leute, die sich in dem an die Kunstakademie von Xi’an angrenzenden urbanen Dorf Erfuzhuang (二府庄) herumtrieben, fand auch He Li dort keinen ordentlichen Job. Andererseits wäre er sich für jede „respektable Arbeit“ auch viel zu gut gewesen. Doch auch wenn der Künstler über Gleichaltrige, die einen normalen Lebenslauf anstrebten, die Nase rümpfte, verfügte er nicht über die Mittel, sich aus ihren Kreisen loszusagen.

War He Li mit seinen Freunden zusammen, wurde vor allem getrunken – auch gerne einer über den Durst. Hatte man Hunger, borgte man sich Geld und dem Vermieter ging man geflissentlich aus dem Weg. Lieber nistete man sich bei Freunden ein. Erst wenn es gar nicht mehr anders ging, suchte man sich einen Job. Bei seiner Familie auf dem Land ließ sich He Li nur selten blicken. „In den Augen meiner Verwandten war ich ein echter Loser. Wenn ich einmal im Jahr zum Frühlingsfest ein paar Worte mit ihnen wechselte, hatte ich immer das Gefühl, dass ich ihnen gleichgültig war und sie mir sogar extra aus dem Weg gingen. Irgendwann verlor ich das Interesse daran, ihnen erklären zu wollen, was ich machte. Eigentlich konnten wir uns gegenseitig nicht leiden. Nach meinem Studium war jede Kommunikation mit meiner Verwandtschaft beinahe unmöglich geworden, nur aus Höflichkeit und aus Rücksicht auf die familiären Bindungen hielt ich noch Kontakt.“

Der Weg von He Lis Heimat im ländlichen Kreis Dali (大荔) in die Stadt Baoji und von dort in die Provinzhauptstadt Xi’an war wie eine graduelle Erweiterung seines Orbits. Beinahe jeder Jugendliche, der aus der Provinz in die Stadt geht, erlebt Ähnliches. Die Verwandtschaft väterlicherseits von He Lis Mutter war während der Republikzeit entlang der Eisenbahnstrecke, die von Jiangsu nach Gansu verlief, nach Shaanxi gekommen. Mit ihrem gesamten Hab und Gut in der Schultertrage war die Familie vor der Hungersnot den ganzen Weg nach Shaanxi geflohen. Etliche Menschen in Shaanxi, die ursprünglich aus der Provinz Henan kamen, teilten dasselbe Migrationsschicksal und noch heute nennt man sie die „Träger von Henan“. He Lis Großvater väterlicherseits war ein Grundbesitzer, der später enteignet und geächtet wurde, wodurch He Lis Vater automatisch als „Teufelsbrut“ eines Grundbesitzers galt. He Li erlebte seinen Vater als einen misstrauischen und ängstlichen Menschen. Dieser mochte gegenüber den Dorfbewohnern, die ihm den Zugang zur Universität verwehrt hatten, einen stillen Groll hegen, doch zugleich war er gegen sie machtlos.

Als He Li zum ersten Mal Performancekunst machte, landete er damit direkt im Lokalblatt. Allerdings nicht im Feuilleton, sondern im gesellschaftlichen Nachrichtenteil. Der Ort seiner Aktion, die den Titel September 2009, die erste Gratistherapie für die Welt (2000年9月,为地球的第一次义诊) trug, war der Glockenturm von Xi’an mitten im belebten Stadtzentrum. Die Kunstaktion war noch nicht vollendet, als sie schon von den Wärtern des Glockenturms unterbunden wurde. Alles nahm ein so plötzliches Ende, dass das Ganze wie ein öffentlicher Zwischenfall wirkte, der noch einmal glimpflich abgelaufen war. Die performative Kunst führte in Xi’an seit jeher eine Schattenexistenz. Die unkundige Bevölkerung ignorierte sie und auch die akademische Kunstlehre erwähnte sie mit keiner Silbe. Abgesehen von dem jährlichen Performance Art Festival GUYU (谷雨), das der Künstler Xiang Xishi (相西石) aus Xi’an initiiert hatte, fand die Kunstform normalerweise keinerlei Beachtung.

Im März 2005 entschloss sich He Li dazu, nach Peking zu gehen. Wollte ein junger Mann aus der Provinz sein Schicksal ändern, musste er in die Großstadt. Das war bei He Li nicht anders als bei dem Romanhelden Julien aus Stendhals Le Rouge et le Noir, den es nach Paris zog. Doch der junge He Li war noch nicht einmal richtig im Viertel Binhe (滨河) im Pekinger Bezirk Tongzhou (通州) angekommen, dem damaligen Eldorado der Performance- und Konzeptkünstler, als er bemerkte, dass etwas mit ihm nicht in Ordnung war. Wenig später im April diagnostizierte man bei ihm im Krankenhaus Nr. 263 in Tongzhou eine Urämie.

Die Krankheit war so plötzlich aufgetreten, dass He Li nach Xi’an zurück musste, zurück nach Erfuzhuang. He Lis Künstlerfreund Yue Luping (岳路平) initiierte eine Spendenaktion für He Lis Nierentransplantation. Als der im fernen Amerika lebende Künstler Xu Bing (徐冰) davon erfuhr, nahm er von sich aus den Kontakt auf und spendete zehntausend US-Dollar, was damals den Großteil der Behandlungskosten der Organtransplantation abdeckte.

He Li war wieder zurück in seiner zweiten Heimat Erfuzhuang, in dieser „Scheinstadt“, die eher einem Dorf ähnelte und von der Stadtverwaltung ignoriert wurde. He Li sollte dort vier Mal umziehen und ganze elf Jahre seines Lebens verbringen.

Jugend und existenzielle Nöte boten schon immer einen guten Nährboden für rebellisches und liberales Gedankengut. Ob vor einem Jahrhundert in Montmartre, vor fünfzig Jahren im New Yorker Soho oder in den achtziger Jahren in der Pekinger Künstlerkolonie Yuanmingyuan (圆明园), an unverstandenen Seelen und utopischen Träumen herrscht niemals Mangel. Mit seinen dicht an dicht wuchernden Schwarzbauten und den kreuz und quer verlaufenden Gassen und Straßen wurde das chaotische Erfuzhuang zum temporären Zufluchtsort für junge Menschen, zur Transitstation auf ihrem Weg in die Stadt. Jeder wusste, dass er diesen Ort eines Tages wieder verlassen würde. Aber sobald man fort war und in der Stadt tatsächlich eine sichere Bleibe gefunden hatte, sehnte man sich in grenzenloser Sentimentalität an diesen Ort zurück und gedachte der Liebe und Freundschaften, die man dort gefunden oder auch verloren hatte.
 
Ende 2017 machten He Lis Nieren wieder Probleme. Er musste zur Dialyse in die Klinik und brauchte erneut eine Nierentransplantation. „Das konnte nicht wahr sein, ich fühlte mich wie im falschen Film.“ He Li wollte es nicht wahrhaben und haderte mit seinem Schicksal. Und doch verlor er nie den Glauben daran, dass „ein alter Hase wie ich, der Schrotkugel noch einmal einen Haken schlägt“. Er hatte immer Hoffnung. Der kleine Junge vom Land, der sich verloren in einer Ecke versteckt hatte, der junge Mann, der ein geliehenes Fahrrad verkaufte, um die Fahrtkosten aufzubringen, stand wieder an einer Wegscheide seines Schicksals.

Während all dieser Zeit hat He Li die Kunst nie aufgegeben. Er hat in Peking und Xi’an, in Tokio und Osaka an diversen Kunstfestivals und Ausstellungen teilgenommen. Am besten gefällt mir seine konzeptuelle Fotoserie ''Der nackte Körper und die Blume sind die einzige Methode, meine wahre Existenz in dieser Welt zu beschreiben'' (裸体和花,是我叙述我在这个世界真实存在的唯一方式). Die Arbeit besteht aus insgesamt zwölf Fotografien. He Li inszeniert sich vollkommen nackt, so dass seine Operationsnarbe deutlich zu sehen ist, in unterschiedlichen Umgebungen. Mal ist die Kulisse ein kleiner Weg, der die Erinnerung an seine Kindheit wieder auferstehen lässt, mal eine Grundschule auf dem Land oder ein Krankenhaus, dann steht er wieder zwischen seinen gealterten Eltern. Der Entstehungsprozess der Bilder war nicht einfach. Wenn He Li von sich im Dorf Nacktaufnahmen auf offener Straße machte, blieb es nicht aus, dass er von der Dorfbevölkerung angestarrt wurde. Man war voll Unverständnis, beschimpfte ihn und drohte sogar damit, die Polizei zu holen. Nichtsdestotrotz verschafft der künstlerische He Li große Genugtuung: „Mag ich auch im Leben wie ein ‚Idiot’ erscheinen, in meinem künstlerischen Schaffen zeigt sich meine ,Seriosität und Ernsthaftigkeit’ als Mensch. Ich möchte mich von einer besonders edlen und kultivierten Seite zeigen. Aber warum immer so bescheiden, ich habe schon immer gefunden, dass ich von höherer Geburt bin.“

Das ländliche Leben seiner Kindheit hat He Li auch in seinen Texten immer wieder auf verschiedene Art und Weise beschrieben. Dabei scheint auch zwischen den Zeilen selten Nostalgie oder Sehnsucht durch. Vielmehr vermittelt sich einem beißende Ironie und eine Art Entschlossenheit, nicht mehr zurückblicken zu wollen. Aus seinen künstlerischen Inszenierungen, dem Akt mit der Blume, jedoch spricht auch Zärtlichkeit gegenüber den prägenden Erfahrungen seines Lebens. Nach seinen frühesten Erinnerungen gefragt erzählt He Li, dass ihm oft folgende Szene in den Sinn kommt: „Eine Miniaturausgabe von mir als Kind erwacht aus einem Traum. Um mich herum ist es still, ich bin ganz allein. Doch durch das Fenster höre ich deutlich das Rascheln des Windes in den nordchinesischen Pappeln.“

He Li, Künstler, 1983 geboren in der ländlichen Provinz Shaanxi, machte dort 1997 seinen Abschluss an der Kunstfakultät der Baoji University of Arts and Sciences (宝鸡文理学院). 1998 ließ sich He Li in Xi’an nieder, widmete sich der experimentellen Kunst und fing an zu schreiben. Mit seinen Arbeiten war  er wiederholt bei den internationalen Performancekunst Festivals OPEN und GUYU Action in China, dem China-Japan Performance Art Exchange Project (中日行为艺术交流展) sowie dem Japan International Festival of Performance Art vertreten.

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