Gemeinsames lebenslanges Lernen Chancen intergenerationeller Bildungsprojekte

Hände von Personen verschiedenen Alters
Teamgeist zwischen den Generationen | Foto: Sarah flickr - CC BY-NC-SA 2.0

Jung und Alt: Wer lernt von wem? Durch intergenerationelles Lernen lassen sich in Zeiten des gesellschaftlichen und technologischen Wandels erfolgreich Brücken schlagen.

Der gesellschaftliche und technologische Wandel stellt Jung und Alt vor große Herausforderungen. Gleichzeitig löst sich die klassische Rollenverteilung, nach der die Jugend die Fragen stellt und das Alter die Antworten darauf gibt, zunehmend auf. Vor diesem Hintergrund werden neue, lebenslange Bildungsstrategien bedeutsam. Ein vielsprechender Ansatz, erfolgreich eine Brücke zwischen Alt und Jung zu schlagen, stellt das intergenerationelle Lernen dar.

Die Voraussetzungen für das Generationenlernen scheinen auf den ersten Blick nicht allzu günstig zu sein. So ist im Alltag eine zunehmende Beziehungslosigkeit zu beobachten: Jüngere und Ältere bleiben zumeist unter sich und gemeinsame Schnittmengen werden aufgrund der vorherrschenden (klein-)familiären Strukturen seltener. Hinzu kommt die Klage über eine angebliche „Überalterung“ der Gesellschaft, die wiederum negative Stereotype über das Altern einerseits und den „Jugendwahn“ andererseits assoziiert.

Doch gerade weil im Generationenverhältnis moderner Gesellschaften Probleme von zentraler Bedeutung vorliegen, ist es naheliegend und wichtig, das Verhältnis zwischen den Generationen selbst zum Gegenstand des sozialen Lernens zu machen. Und dies idealerweise nicht getrennt nach Altersgruppen, sondern als gemeinsame Aufgabe quer durch alle Altersgruppen und Bildungseinrichtungen. Ein kurzer Blick in die Geschichte intergenerationeller Lernansätze in Deutschland und Frankreich zeigt, dass es an Konzepten dazu nicht mangelt.

Intergenerationelles Lernen über den Hörsaal hinaus

So werden in Deutschland seit Anfang der 1980er Jahre gezielt Studienangebote für ältere Erwachsene an Hochschulen entwickelt. Es bildete sich eine bildungspolitische Zielsetzung heraus, die sich von den bereits seit Anfang der 1970er Jahre bestehenden „Universités du troisième âge“ (Senioren-Unis) in Frankreich abhob, nämlich das gemeinsame Lernen in heterogenen Altersgruppen. In beiden Ländern existieren seit vielen Jahren auch Konzepte in anderen Bereichen, etwa in der schulischen Förderung, wo ältere „Bildungsbegleiter“ Jugendlichen als Mentoren zur Seite stehen oder in Betrieben, die durch den intergenerationellen Austausch die Expertise älterer Mitarbeiter erhalten wollen.

Doch intergenerationelles Lernen kommt nicht allein durch den gemeinsamen Besuch von Hörsälen zustande. So kommen zunehmend Lernorte ins Spiel, die informelles und beiläufiges Lernen befördern können, wie etwa öffentliche Bibliotheken. In Deutschland und in Frankreich haben Leseclubs und Lesepatenschaften zwischen Alt und Jung bereits eine lange Tradition, in denen, der traditionellen Rollenverteilung gemäß, ältere Menschen Heranwachsende beim Erlernen von Lese- und Schreibkompetenzen unterstützen. Das französische Programm Ensemble Demain bringt die Generationen in Workshops zusammen, die an unterschiedlichsten Orten (Kindergärten, Schulen, Kultur- oder Seniorenzentren, Theatern etc.) stattfinden. Andere Akteure wie Lecture Jeunesse betonen die Solidarität und den sozialen Zusammenhalt der Generationen, die durch gemeinsame Lektüreprojekte und der Bewusstmachung gemeinsamer Identität über den Austausch von Schriftkultur gestärkt werden soll.

Unterschiedliches Medienhandeln als Reibungsfläche

Aktuell birgt die Digitalisierung nahezu aller Lebensbereiche für ältere Menschen, die digitalen Medien distanziert bis ablehnend gegenüber stehen, große Risiken der Benachteiligung. So zeigen empirische Studien ein deutliches Altersgefälle hinsichtlich der Nutzung digitaler Medien und der Fähigkeit, mit diesen kompetent umzugehen. Die junge Generation wiederum besitzt zwar diese Kompetenzen, zeigt zuweilen aber ein unkritisches und distanzloses Medienhandeln wie Internetsucht oder Cyber-Mobbing im Alltag.
Was liegt also näher, als die traditionelle Lernsituation umzukehren und vorhandene Unterschiede im täglichen Medienhandeln als „Reibungsfläche“ zu nutzen, um soziale Lernprozesse zu initiieren? Dabei können junge Menschen Ältere von ihrem Medienwissen profitieren lassen, während die Älteren durch ihre kritische Haltung ein Reflektieren des allzu Selbstverständlichen bei den Jüngeren anstoßen können, ohne dabei „belehrend“ zu wirken. Ein deutsches Praxisbeispiel hierfür ist Generationen im Dialog des JFF – Institut für Medienpädagogik in Forschung und Praxis, welches vorbildlich die Generationen über aktive Medienarbeit miteinander ins Gespräch bringt.

Beim intergenerationellen Lernen geht es also nicht nur um die Vermittlung von Lerninhalten, sondern es werden auch unterschiedliche Erfahrungen und Werthaltungen bewusst gemacht und kritisch hinterfragt. Intergenerationelle Brückenschläge nehmen diese Unterschiedlichkeit zum Ausgangspunkt der Suche nach den Potenzialen eines voneinander und miteinander Lernens. So entsteht eine neue, altersübergreifende Lernkultur, die einen Dialog zwischen Jüngeren und Älteren ermöglicht, um sich über Standpunkte und Sichtweisen zu verständigen, Empathie und Toleranz zu entwickeln und sich als Gleichberechtigte zu begegnen.