Mit Vanessa von Gliszczynski

Vanessa von Gliszczynski © Goethe-Institut Indonesien

  1. Was sind die wichtigsten technischen und methodischen Herausforderungen bei der Digitalisierung materiellen und immateriellen Kulturerbes, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung von Genauigkeit, Kontextualisierung und langfristiger Erhaltung?
    Kulturerbeobjekte in Museumssammlungen sind äußerst vielfältig und stammen aus unterschiedlichen Gemeinschaften in ganz Indonesien. Die Vervollständigung von Daten und Kontextinformationen gestaltet sich häufig schwierig, da Informationen und Quellen oftmals nur begrenzt verfügbar sind. Hinzu kommt, dass es auf ein und dasselbe Kulturerbe unterschiedliche Perspektiven geben kann (etwa nationale, lokale und weitere), wodurch es schwierig ist, eine einzige Sichtweise als die zutreffendste festzulegen. Grundsätzlich gibt es keine eindeutige Interpretation eines Kulturerbeobjekts.
  2. Wie verändert die digitale Repräsentation kulturellen Erbes das kollektive Gedächtnis und kulturelle Identitäten, insbesondere bei jüngeren Generationen, die kulturelles Erbe überwiegend online erfahren?
    Digitale Repräsentationen können als Ressource für kulturelles Erbe dienen, das heute nicht mehr allgemein präsent ist. Durch sie können jüngere Generationen ein Verständnis für die Geschichte und Hintergründe der vielfältigen Kulturen Indonesiens entwickeln. Darüber hinaus fördern digitale Repräsentationen auch das Verständnis der Kolonialzeit sowie historischer globaler Verflechtungen.
  3. Was sind die wichtigsten rechtlichen und strukturellen Herausforderungen im Zusammenhang mit Urheberrecht und Eigentumsfragen bei der Digitalisierung kulturellen Erbes—sowohl des materiellen als auch immateriellen—insbesondere im Spannungsfeld zwischen Schutz, Zugänglichkeit und den Rechten der Gemeinschaften, aus denen das Kulturerbe stammt?
    Die grundlegende Frage lautet: Wer hat das Recht, Daten zu kulturellem Erbe hochzuladen? Aus der Perspektive europäischer Museen sind die Urheberinnen und Urheber kulturellen Erbes—materiell oder immateriell—häufig unbekannt. Wer ist also befugt, Entscheidungen darüber zu treffen? Die Institution, in der sich das Kulturerbe heute befindet, oder die Gemeinschaft, die das Objekt vor Jahrzehnten hervorgebracht hat? Idealerweise sollten solche Entscheidungen, wo immer möglich, gemeinsam getroffen werden. Im Kern handelt es sich dabei um eine Debatte über kulturelle Urheberrechte.
  4. Welche Rolle sollten Regierungen und Kulturinstitutionen bei der Regulierung und Förderung von Digitalisierungsvorhaben übernehmen, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung ethischer Standards, digitaler Souveränität und eines gerechten Zugangs?
    Die Aufgabe von Museen besteht darin, den Zugang zu kulturellem Erbe, sowohl materiellem als auch immateriellem, über analoge und digitale Wege zu ermöglichen. Im digitalen Raum tragen Museen zudem die Verantwortung dafür, dass digitale Repräsentationen nicht missbräuchlich verwendet oder in problematische, etwa rassistische, Kontexte gestellt werden.
  5. Wie können lokale Gemeinschaften—insbesondere junge Menschen—sinnvoll in die digitale Bewahrung ihres kulturellen Erbes eingebunden werden, ohne dabei Authentizität oder Selbstbestimmung zu verlieren?
    Gibt es überhaupt so etwas wie „Authentizität“? Häufig existieren mehrere Interpretationen eines Kulturobjekts, abhängig von der Perspektive der Betrachtenden. So können sich beispielsweise die Sichtweisen jüngerer Generationen auf ein bestimmtes Kulturerbe deutlich von denen anderer Generationen unterscheiden. Umso wichtiger ist es daher, insbesondere mit gegenwärtigen Generationen in einen Dialog zu treten und darüber zu sprechen, welche Bedeutung kulturelles Erbe heute für sie hat: Was sollte bewahrt werden, was bleibt gleich, und an welchen Punkten und warum haben sich Interpretationen verändert? Es bleibt zu hoffen, dass künftig mehr Dialog zwischen Kulturinstitutionen, etwa unserem Museum, und jüngeren Generationen entsteht.