Mit Tri Astari

Tri Astari © Goethe-Institut Indonesien

  1. Was sind die wichtigsten technischen und methodischen Herausforderungen bei der Digitalisierung materiellen und immateriellen Kulturerbes, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung von Genauigkeit, Kontextualisierung und langfristiger Erhaltung?
    Was ich durch WikiMelayu gelernt habe ist, dass die größte Herausforderung bei der Digitalisierung von kulturellem Erbe nicht nur darin besteht, qualitativ hochwertige Fotos, Audio- oder Videoaufnahmen zu erstellen. Es ist ebenso wichtig sicherzustellen, dass jedes Dokument einen klar definierten Kontext, eine Quelle und einen eindeutigen Urheberrechtsstatus zugewiesen bekommt. Bei der Dokumentation der malaiischen Kultur—wie etwa malaiischer Hochzeits- und Alltagskleidung für Männer und Frauen, Musik, den Klängen traditioneller Musikinstrumente, Tanz und der malaiischen Küche—muss die Genauigkeit  gewährleistet werden. Dies erreicht man durch die Einbeziehung einheimischer Führungspersönlichkeiten, Kulturschaffender, Vertreter der malaiischen Königshöfe, Fotografen, Videografen sowie schriftlicher Quellen, die ein Verständnis für die Geschichte und die kulturelle Bedeutung dieser Elemente belegen.

    Die methodische Herausforderung besteht darin zu unterscheiden, welches kulturelle Material offen geteilt werden kann, und welche Inhalte bestimmte Genehmigungen benötigen, bzw. durch behördliche Auflagen oder sensible Aspekte geschützt sind. Ich habe einmal erlebt, dass Inhalte aus Wikimedia Commons entfernt wurden, weil man dort der Ansicht war, es handele sich nicht um mein eigenes Werk, obwohl eine Urheberrechtsfreigabe vorlag. Diese Erfahrung hat mir gezeigt, dass offene digitale Repositorien wie Wikimedia Commons Klarheit darüber erfordern, wer der ursprüngliche Urheber ist, welche Lizenz gilt und ob das Werk tatsächlich von der Öffentlichkeit wiederverwendet werden darf. Mit anderen Worten: Bei der Digitalisierung von Kulturerbe geht es um mehr als nur Dokumentation. Der Prozess muss gewährleisten, dass Daten richtig erfasst werden, ethische Lizenz-Praktiken eingehalten werden, dass geeignete offene Lizenzen verwendet werden und dass die Inhalte in offenen digitalen Repositorien gepflegt werden. So ermöglichen wir einen langfristigen, verantwortungsvollen Zugang zu diesem kulturellen Erbe und machen es wiederverwendbar.
  2. Wie verändert die digitale Repräsentation kulturellen Erbes das kollektive Gedächtnis und kulturelle Identitäten, insbesondere bei jüngeren Generationen, die kulturelles Erbe überwiegend online erfahren?
    Digitale Darstellungen verändern die Art und Weise, wie junge Menschen ihr kulturelles Erbe verstehen, in Erinnerung behalten und wie es zur Identitätsbildung beiträgt. Kulturelles Wissen wurde früher hauptsächlich durch direkte Erfahrungen, die Familie und das soziale Umfeld erworben. Die jüngere Generation setzt sich heute größtenteils über das Internet, soziale Medien und offene digitale Repositorien wie Wikimedia Commons mit Kultur auseinander. Die Digitalisierung macht kulturelles Erbe zugänglicher, erleichtert sein Studium und den Austausch darüber. Sie birgt jedoch auch die Gefahr, kulturelle Bedeutungen zu stark zu vereinfachen, indem Bilder, Videos oder Audiodateien ohne vollständigen Kontext präsentiert werden.

    Daher muss die Dokumentation Erzählungen, historische Hintergründe, klare Quellenangaben und die Perspektiven der Gemeinschaften, denen diese Kultur gehört, mit einbeziehen. So wird aus diesen Sammlungen nicht nur ein visuelles Archiv, sondern ein verlässliches und inklusives kollektives Gedächtnis, das die kulturelle Identität der jüngeren Generationen stärkt. 
  3. Was sind die wichtigsten rechtlichen und strukturellen Herausforderungen im Zusammenhang mit Urheberrecht und Eigentumsfragen bei der Digitalisierung kulturellen Erbes—sowohl des materiellen als auch immateriellen—insbesondere im Spannungsfeld zwischen Schutz, Zugänglichkeit und den Rechten der Gemeinschaften, aus denen das Kulturerbe stammt?
    Die wichtigsten rechtlichen und strukturellen Herausforderungen bei der Digitalisierung von Kulturerbe bestehen darin, Klarheit hinsichtlich Urheberrecht, Eigentumsverhältnissen, Genehmigungen und kultureller Zuständigkeit zu schaffen, bevor ein Werk in den digitalen Raum hochgeladen wird. Das Beispiel WikiMelayu zeigte, dass kulturelle Ausdrucksformen nicht immer einen einzigen Urheber haben. Es gibt ja viele, die das kollektive Wissen einer Gemeinschaft tragen und über Generationen hinweg weitergeben, wie beispielsweise Tanz, Musik, traditionelle Kleidung oder bestimmte kulturelle Praktiken. Andererseits haben die digitalen Medien, mit denen sie dokumentiert werden—wie Fotos, Videos oder Tonaufnahmen—sehr wohl technische Urheber, zum Beispiel Fotografen, Videografen oder Tontechniker.

    Daher muss zwischen Rechten an kulturellen Ausdrucksformen, Rechten an dokumentarischen Werken und den Rechten der Herkunftsgemeinschaften als Träger des kulturellen Wissens unterschieden werden. Die Herausforderung besteht darin, einen Ausgleich zwischen offenem Zugang und dem Schutz der Gemeinschaften zu finden. Es muss sichergestellt werden, dass Kultur verantwortungsvoll erforscht und wiederverwendet werden kann, ohne sie aus ihrem Kontext zu reißen, den Urhebern zu schaden oder die Rechte der indigenen Gemeinschaft zu verletzen. Um dies zu erreichen, muss die Digitalisierung mit eindeutiger Zustimmung erfolgen, nach Rücksprache mit den kulturellen Akteuren, unter Auswahl geeigneter Lizenzen und unter Berücksichtigung der Tatsache, dass bestimmte kulturelle Elemente möglicherweise nicht für eine uneingeschränkte Veröffentlichung geeignet oder zulässig sind.
  4. Welche Rolle sollten Regierungen und Kulturinstitutionen bei der Regulierung und Förderung von Digitalisierungsvorhaben übernehmen, insbesondere im Hinblick auf die Gewährleistung ethischer Standards, digitaler Souveränität und eines gerechten Zugangs?
    Die Regierung und Kultureinrichtungen müssen im Prozess der Digitalisierung des kulturellen Erbes als Vermittler, Regulierungsinstanzen und Unterstützer der Gemeinschaften fungieren. Diese Rollen sind wichtig. Es geht nicht darum denjenigen, die ihre Kultur bewahren möchten, Einschränkungen aufzuerlegen. Es geht darum Leitlinien aufzustellen, damit der Bewahrungsprozess ethisch, genau und rechtlich einwandfrei durchgeführt wird. Die Regierung und Kultureinrichtungen können Dokumentationsstandards, Leitlinien zur Lizenzierung, zum Metadatenmanagement, zum Schutz der Rechte indigener Gemeinschaften und digitale Repositorien bereitstellen, die auf fairer Basis zugänglich sind. Die Gemeinschaften, denen die Kultur gehört, müssten weiterhin als Wissensquellen und Kontextgeber einbezogen werden. Dokumentaristen, Wissenschaftler, Studierende und Freiwillige könnten derweil als Vermittler fungieren, um sicherzustellen, dass die Kultur dokumentiert und einem breiteren Publikum zugänglich gemacht wird. Auf diese Weise bedeutet kulturelle Datenhoheit nicht, den Zugang einzuschränken, sondern vielmehr sicherzustellen, dass Kultur korrekt dargestellt wird, in den Händen ihrer rechtmäßigen Eigentümer bleibt und weiterhin verantwortungsvoll für die langfristige Bewahrung wiederverwendet werden kann.
  5. Wie können lokale Gemeinschaften—insbesondere junge Menschen—sinnvoll in die digitale Bewahrung ihres kulturellen Erbes eingebunden werden, ohne dabei Authentizität oder Selbstbestimmung zu verlieren?
    Lokale Gemeinschaften, insbesondere jüngere Generationen, können sich sinnvoll einbringen, wenn sie nicht nur Gegenstand der Dokumentation sind, sondern auch aktiv an der digitalen Bewahrung mitwirken. Diese Beteiligung kann bei ganz alltäglichen Aspekten beginnen. Wie etwa bei der Dokumentation regionaler Küche, lokaler Textilien oder des kulturellen Erbes einer Familie. Diese können fotografiert, aufgezeichnet, beschrieben und anschließend in offene digitale Repositorien wie Wikimedia Commons hochgeladen werden. Während dieses gesamten Prozesses sollten sich junge Menschen die Zeit nehmen, die Richtlinien für das Hochladen, die Lizenzanforderungen, die Urheberrechtsbestimmungen und die kulturellen Zusammenhänge zu lesen und zu verstehen, damit die von ihnen erstellten Dokumentationen authentisch bleiben und nicht gegen ethische Standards verstoßen.

    Ich selbst habe mit etwas Einfachem angefangen: Ich habe die Gerichte meiner Mutter fotografiert, zum Beispiel Lontong Medan (ein traditionelles Gericht aus Medan) mit seinen verschiedenen Beilagen. Darunter Taoco nach Medan-Art (fermentierte Sojasaucenpaste), Telur Balado (Eier in einer scharfen Chilisauce), dünne Nudeln und Hühnereintopf. Anschließend habe ich die Fotos auf Wikimedia Commons hochgeladen. Später stellte ich fest, dass eines dieser Bilder von einer Online-Nachrichtenseite wiederverwendet worden war, die ein Foto des Gerichts benötigte. Diese Erfahrung hat gezeigt, dass digitale Bewahrung bereits im eigenen Zuhause beginnen kann. Die Auswirkungen können jedoch weit über den privaten Rahmen hinausreichen. So kann lokale Kultur von einer breiteren Öffentlichkeit auf verantwortungsvolle Weise leichter entdeckt, genutzt und wahrgenommen werden.