Prof. Satoru Takahashi
Kyoto City University of Arts
Vom Jenseits aus betrachtete Landschaften

Satoru Takahashi © Satoru Takahashi Satoru Takahashi Satoru Takahashi
Die Verbindungen zur Villa Kamogawa entstanden im Zusammenhang mit dem Kyoto International Festival of Contemporary Culture PARASOPHIA. Ich selbst nahm als Künstler am PARASOPHIA teil und im Verlauf eines Meinungsaustauschs mit dem künstlerischen Leiter Shinji Kômoto entstand dann die Idee, in einem Bezirk, dessen gesellschaftliche Kontexte völlig verschieden zum Kulturtourismus-Bezirk Okazaki sind, Kunstobjekte auszustellen – so wurde der Sûjin-Bezirk als zusätzlicher Ausstellungsort festgelegt. Sûjin ist im Hinblick auf seine lange Geschichte, in der sich die Bewohner mit Menschenrechten und Diskriminierung auseinandersetzten, ein bedeutsamer Ort. Die Kyoto City University of Arts, an der ich arbeite, wird nach Sûjin verlegt, doch handelt es sich hier auch um ein Gebiet, das von Überalterung, einem Einwohnerrückgang und einer sprunghaften Zunahme an eingezäunten Flächen infolge von Stadtsanierungen geprägt ist. Als ich die Idee dem zur Vorbereitung des Festivals aus Deutschland angereisten Künstlerduo Franz Hoefner und Harry Sachs (Hoefner/Sachs) unterbreitete, berührte sie der historische Kontext dieses Bezirks, was auch ihr Interesse an seinem jetzigen Zustand weckte. Die beiden beließen es nicht allein bei Literaturrecherchen und Interviews, sondern waren mit Leib und Seele an der Nachforschungen beteiligt, indem sie unter anderem das öffentliche Bad dort benutzten. Das von ihnen »Konzeption Sûjin Park« benannte Projekt griff auf Spielgeräte einer geschlossenen Grundschule, Pflanzen, Blumentöpfe, Strommasten und Abfallmaterialien zurück und schuf von einem DIY-Geist erfüllte humorvolle sowie monumentale Objekte. Die ihrer Lebenskraft beraubten trostlosen eingezäunten Grundstücke schienen durch die Installationen von Franz Hoefner und Harry Sachs ihre natürliche Energie wiedergewonnen zu haben. Der in ihrer Park-Konzeption aufgezeigte Zukunftsentwurf bot eine völlig andere Dimension als eine stereotype regionale Regeneration oder Umweltgestaltung, und ich denke, dass dieses Projekt gerade deshalb verwirklicht werden konnte, weil die Künstler Außenstehende waren, unabhängig von Kriterien wie Gebietsverbundenheit, Verwandtschaft und menschlichen Beziehungen. 

Dieses Projekt gab den Anlass zu einer Ringveranstaltung, in der Stipendiat*innen der Villa Kamogawa als Vortragsreferenten an die Kyoto University of Arts eingeladen wurden. Ungefähr ein Jahr lang konnten in experimenteller Form mehrere Präsentationen von Stipendiat*innen stattfinden. Ich habe durch den Austausch begriffen, dass man zwar glaubt, sich in der gemeinsamen Sprache der Kunst auszudrücken, dass diese aber wegen der im Hintergrund wirkenden Unterschiede in der Erziehung und der gesellschaftlichen Voraussetzungen verschiedene Bedeutungen in sich trägt. In diesem Sinne böte es sich an, den Stipendiat*innen Ateliers der Universität zur Verfügung zu stellen, da die Villa Kamogawa selbst über keine Werkstätten verfügt. So könnte man an dem Ort, an dem über wertvolle technische Sensibilität und Produktion Entscheidungen gefällt werden, mit der Essenz eines jeden Künstlers in Berührung kommen, was alleine aus Werkspräsentationen heraus nicht möglich ist. Diese Aufgabenstellung sollte auch weiterhin sorgfältig im Auge behalten werden. 

Ich komme zum letzten Punkt, zum Gaststipendien-System der Villa Kamogawa, das zur Qualitätserweiterung von Produktion und Forschung beiträgt. Doch noch wichtiger ist, es den Stipendiat*innen zu ermöglichen, vom zugehörigen Ort abzuheben, sodass ihre Füße gewissermaßen wenig über dem Boden schweben, um sich einen von den Realitätsprinzipien der Gesellschaft losgelösten, unbelasteten und von Verantwortung befreiten Blick zu schaffen. Heutzutage wird großer Wert auf Diversität gelegt, doch findet andererseits durch das Netzwerk der globalen Werturteile auch eine Homogenisierung des Realitätsprinzips, das heißt der Kriterien der gesellschaftlichen Werturteile statt. Mir scheint, dass sich auch die Sichtweisen auf die Welt immer mehr vereinfachen. 

Die Villa Kamogawa lässt eine Perspektive des Anderen entstehen, die eine Distanz zum Realitätsprinzip bewahrt, nimmt das Einklammern des Jetzt und Hier vor und hält an ihrer Funktion als externer Speicher fest, der die Bedeutung des Jetzt und Hier kontinuierlich hinterfragt. Dafür möchte ich mich von Herzen bedanken.


 
Deutsche Übersetzung: Isolde Kiefer-Ikeda

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