Fragen an die Zukunft:
Nam June Paik neu entdecken

Zwanzig Jahre nach dem Tod von Nam June Paik blickt Namhee Park, Direktorin des Nam June Paik Art Center, auf die wegweisende Vision des Künstlers zurück. Lange vor Internet, sozialen Medien, Smartphones und KI entwarf Nam June Paik die Vorstellung einer durch Technologie vernetzten Welt. Im Interview sprechen wir über seine ikonischsten Werke und darüber, warum seine Ideen heute relevanter denn je erscheinen.

Namhee Park © Leslie Klatte

Würden Sie sich bitte kurz vorstellen?
Hallo, mein Name ist Namhee Park, und ich arbeite im Nam June Paik Art Center. Da sich in diesem Jahr der Todestag von Nam June Paik zum 20. Mal jährt, bereitet das Nam June Paik Art Center eine Vielzahl von Veranstaltungen vor, um das Bewusstsein für sein Werk und seine Bedeutung zu stärken.

Jeder wird den Namen Nam June Paik irgendwann mindestens einmal gehört haben. Könnten Sie jedoch kurz erläutern, wer er war und warum sein Werk als Wendepunkt in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts gilt?
Nam June Paik ist vielen als Pionier der Medienkunst bekannt. Er wurde 1932 in Seoul geboren und war ein außergewöhnlich vielseitiger Künstler. Man bezeichnete ihn als Künstler, Visionär, Entwickler, Wissenschaftler oder auch als Exzentriker. Sein Leben und Schaffen führten ihn von Korea über Japan und Deutschland bis in die USA, wo er 2006 in Miami verstarb.

Nam June Paik vor dem Werk „Live Fish“ im Whitney Museum of Art, 1982. Sammlung Paul Garrin. Archiv des Nam June Paik Art Center. Mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center.

Nam June Paik vor dem Werk „Live Fish“ im Whitney Museum of Art, 1982. Sammlung Paul Garrin. Archiv des Nam June Paik Art Center. Mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center. | © Nam June Paik Art Center

Als Wendepunkt in der Kunstgeschichte gilt Nam June Paik vor allem deshalb, weil er eine völlig neue Kunstform begründete: die Videokunst. Ein entscheidender Moment war seine erste Einzelausstellung Exposition of Music – Electronic Television, die 1963 in Wuppertal stattfand. Dort präsentierte er Fernsehgeräte erstmals als künstlerisches Medium und legte damit einen Grundstein für die Entwicklung der Videokunst.

In den folgenden Jahren lotete Paik die Möglichkeiten des Fernsehens immer weiter aus. Er nutzte es nicht mehr nur als Gerät zur Übertragung von Informationen, sondern verwandelte es in ein kreatives Werkzeug. Mit der Entwicklung des Videosynthesizers eröffnete er neue Wege der Bildgestaltung und schuf Möglichkeiten zur aktiven Auseinandersetzung mit dem Publikum. Bereits 1964 präsentierte er zudem eine Performance mit einem selbstgebauten Roboter und erkundete damit das Zusammenspiel von Mensch und Maschine lange bevor dieses Thema zum festen Bestandteil gesellschaftlicher Debatten wurde.

Ebenso prägend war Paiks Vorstellung von Medien als verbindender Kraft. Ein Beispiel dafür ist Good Morning, Mr. Orwell (1984), ein internationales Satellitenprojekt, das unter anderem New York und Paris live miteinander verband. Künstlerinnen und Künstler an verschiedenen Orten der Welt konnten gemeinsam auftreten und miteinander kommunizieren. Paik zeigte damit eindrucksvoll, wie Technologie Menschen, Kulturen und Ideen über große Entfernungen hinweg in Echtzeit zusammenbringen kann. Gerade diese Verbindung von Kunst, Technologie und globalem Austausch macht Nam June Paik bis heute zu einer Schlüsselfigur der Gegenwartskunst. Soweit ich weiß, besitzt das Nam June Paik Art Center eine der bedeutendsten Sammlungen seiner Werke weltweit. Könnten Sie vier oder fünf repräsentative Arbeiten aus dieser Sammlung vorstellen, die Sie als unverzichtbare Werke empfehlen würden?
Ich freue mich sehr, dass sich so viele bedeutende Werke von Nam June Paik in unserer Sammlung befinden. Unser Bestand umfasst 283 Kunstwerke sowie 2.285 Objekte im Videoarchiv. Unter diesen zahlreichen Arbeiten gibt es ein Werk, das sich besonders eignet, um Nam June Paik als Künstler kennenzulernen: The Moon Is the Oldest TV aus dem Jahr 1965.
„The Moon Is the Oldest TV“, mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center.

„The Moon Is the Oldest TV“, mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center. | © Nam June Paik Art Center

Dieses Werk zeigt die verschiedenen Mondphasen auf zwölf Fernsehmonitoren. Auf den ersten Blick wirkt es vielleicht schlicht, doch tatsächlich handelt es sich um eine äußerst symbolische Arbeit, die Video mit dem Thema Zeit verbindet. Paik verknüpft das abstrakte Konzept der Zeit mit dem natürlichen Rhythmus des Mondzyklus und macht diesen innerhalb des Mediums Fernsehen sichtbar.

Besonders interessant ist, dass der Mond auf den Bildschirmen nicht als Aufnahme des tatsächlichen Mondes erscheint. Das Bild entsteht vielmehr durch die Manipulation des Elektronenstrahls eines Kathodenstrahlfernsehers mittels Magnetfelder. Auf diese Weise macht Paik natürliche Veränderungsprozesse durch elektronische und physikalische Eingriffe sichtbar. Der Zyklus von der Mondsichel über den Vollmond bis hin zum abnehmenden Mond lässt uns den Lauf der Zeit, den wir im Alltag oft kaum bewusst wahrnehmen, auf neue Weise erfahren.

Die besondere Bedeutung dieses Werks liegt darin, dass sich darin Nam June Paiks künstlerische Denkweise und Arbeitsweise exemplarisch zeigen. Moderne Medientechnologie und ein zyklisches, von ostasiatischen Traditionen geprägtes Verständnis von Zeit verbinden sich hier ganz selbstverständlich in einer einzigen Arbeit. Genau darin wird das Wesen seiner Kunst sichtbar. Deshalb zählt The Moon Is the Oldest TV für uns zu den wichtigsten Werken der Sammlung.

Das zweite Werk, das ich vorstellen möchte, ist TV Fish. Es gehört zu den Arbeiten, die Nam June Paiks Humor und seine spielerische Herangehensweise besonders deutlich zum Ausdruck bringen. Paik war überzeugt, dass Kunst nicht zwangsläufig ernst oder schwer zugänglich sein muss. Sie kann ebenso anregen, überraschen und Freude bereiten.
TV Fish. Mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center.

TV Fish. Mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center. | © Nam June Paik Art Center

Die Installation kombiniert ein Aquarium mit lebenden Fischen und mehreren Fernsehmonitoren. Auf den Bildschirmen laufen verschiedene Videoaufnahmen, darunter auch Performances von Merce Cunningham, während die Fische frei davor umherschwimmen. Dadurch entstehen fortlaufend neue Bilder, in denen Leben und Technologie, Natur und Medien auf faszinierende Weise aufeinandertreffen.

Paik war der Ansicht, dass ein Museum kein statischer Ort sein sollte. Ähnlich wie die Glasfenster einer Kathedrale je nach Lichteinfall immer neue Eindrücke erzeugen, sollte auch Kunst ständig in Bewegung bleiben. TV Fish veranschaulicht diese Vorstellung besonders eindrücklich und zählt deshalb zu den zentralen Werken unserer Sammlung.

Das dritte Werk, das ich vorstellen möchte, trägt den Titel The Reinstatement of Genghis Khan (1993). Meiner Ansicht nach ist es nicht nur ein herausragendes Kunstwerk, sondern vielleicht auch die Arbeit, die am deutlichsten zeigt, was für ein Künstler Nam June Paik war. Das Werk gehört zu unserer Sammlung und war eines der Hauptwerke, die gemeinsam mit Arbeiten von Hans Haacke im Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig 1993 gezeigt wurden, als dieser mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet wurde.
„Die Rehabilitierung von Dschingis Khan“, mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center.

„Die Rehabilitierung von Dschingis Khan“, mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center. | © Nam June Paik Art Center

Dieses Werk lädt nicht nur dazu ein, über seine kunsthistorische Bedeutung nachzudenken, sondern auch über die Frage, warum Paik gerade die Figur Dschingis Khans in den Mittelpunkt stellte. Nam June Paik ging 1956 zum Studium nach Deutschland und begegnete dort 1958 bei den Darmstädter Ferienkursen für Neue Musik dem Komponisten John Cage. Später sagte er, dieses Treffen sei so prägend gewesen, dass er sein Leben in eine Zeit vor und nach John Cage unterteilen könne.

Bemerkenswert ist dabei, dass der „asiatische“ Nam June Paik ausgerechnet durch den westlichen Künstler John Cage den Wert von Zen-Denken und östlicher Philosophie neu für sich entdeckte. Diese Erfahrung brachte ihn dazu, sich intensiv mit seiner eigenen kulturellen Identität auseinanderzusetzen. In der Folge stellte er die westlich geprägte Kunstordnung konsequent infrage und bezeichnete sich selbst sogar als „Kulturterroristen aus dem Osten“.

In diesem Zusammenhang wandte er sich der Figur Dschingis Khans zu. Für Paik war dieser nicht einfach eine historische Persönlichkeit, sondern eine Symbolfigur für die Verbindung von Ost und West, von Kulturen und Zivilisationen. In diesem Sinne lässt sich The Reinstatement of Genghis Khan sowohl als Selbstporträt lesen, in dem Paik seine eigene Identität auf Dschingis Khan projiziert, als auch als Ausdruck seiner Vorstellung von kultureller Offenheit und Grenzüberschreitung.

Betrachtet man das Werk, sieht man Dschingis Khan in einem Fahrzeug mit hoher Geschwindigkeit unterwegs. Er trägt einen Helm, in seinem Körper ist ein Monitor integriert, und auf seinem Rücken finden sich zahlreiche Bilder und Symbole. Diese Darstellung steht in engem Zusammenhang mit Paiks Konzept der „Electronic Superhighway“, das er bereits 1974 formulierte. Er prognostizierte eine Zukunft, in der Medientechnologien die Welt über nationale und kulturelle Grenzen hinweg zu einem globalen Netzwerk verbinden würden. The Reinstatement of Genghis Khan kann daher als symbolisches Bild für Nam June Paik selbst verstanden werden, der dieser Zukunft entgegenfährt.

Das letzte Werk, das ich vorstellen möchte, ist TV Buddha (1974), eines der bekanntesten Werke Nam June Paiks überhaupt. Auf den ersten Blick wirkt die Installation ruhig und meditativ. Tatsächlich entfaltet sich ihre Bedeutung jedoch erst durch die Beteiligung der Besucherinnen und Besucher. Das Werk entstand 1974, wurde später vom Stedelijk Museum erworben und gilt heute als eines seiner bedeutendsten Meisterwerke.

Der Aufbau ist denkbar einfach: Eine Buddha-Statue blickt auf einen Fernseher, auf dem ihr eigenes Bild zu sehen ist. Eine neben dem Monitor installierte Kamera filmt die Statue in Echtzeit und überträgt das Bild unmittelbar zurück auf den Bildschirm. So entsteht ein endloser Kreislauf aus Beobachtung und Rückkopplung.
„TV Buddha“, mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center.

„TV Buddha“, mit freundlicher Genehmigung des Nam June Paik Art Center. | © Nam June Paik Art Center

Besonders spannend wird die Arbeit in dem Moment, in dem Besucher*innen vor das Werk treten. Denn auch ihr Bild wird auf den Bildschirm übertragen. Plötzlich teilen wir den Blick des Buddha und werden gleichzeitig zu Betrachtenden und Teil des Werks selbst.

TV Buddha legt keine feste Interpretation nahe. Vielmehr eröffnet die Arbeit einen Raum für unterschiedliche Lesarten: Vielleicht bin ich selbst der Buddha. Vielleicht existieren Buddha und Betrachter nebeneinander. Oder vielleicht ist bereits der Akt des Betrachtens eine Form der Meditation. Indem Paik moderne Fernsehtechnologie mit buddhistischem Denken verbindet, löst er die Grenzen zwischen Ost und West, Vergangenheit und Gegenwart sowie Technologie und Mensch auf. Der scheinbar einfache Akt des Sehens wird so zu einem Prozess der Reflexion und Kontemplation.

Nam June Paik nutzte verschiedene Maschinen wie Fernsehgeräte, Videobilder, Synthesizer und Roboter als zentrale Medien seiner Werke. Der Kern davon war jedoch das Fernsehen. Warum wählte er Ihrer Meinung nach ein Medium, das damals in der Kunst kaum verwendet wurde?
Ich denke, Paik entschied sich für das Fernsehen, weil es das einflussreichste Massenmedium seiner Zeit war. Radio und Fernsehen waren die wichtigsten Kanäle, über die Menschen die Welt wahrnahmen und miteinander in Verbindung traten. Gerade weil das Fernsehen Bild und Ton gleichzeitig vermitteln konnte, erschien es ihm vermutlich als ein neues künstlerisches Medium mit nahezu unbegrenzten Möglichkeiten.

Allerdings faszinierte ihn nicht nur die technische Seite des Fernsehens. Paik stellte grundlegende Fragen: Warum sollte Fernsehen Informationen immer nur in eine Richtung senden? Warum sollen wir den Bildschirm lediglich passiv betrachten? Und warum sollte es nicht möglich sein, mit dem Medium zu interagieren? Diese Überlegungen waren zugleich eine Kritik am bestehenden Mediensystem und ein Experiment, das neue Formen der Kommunikation erproben wollte.

Ursprünglich lag der Ausgangspunkt dieser Fragen in seiner Beschäftigung mit elektronischer Musik. Während seines Studiums in Deutschland erforschte Paik, wie elektronische Technologien künstlerische Ausdrucksformen verändern können. Von dort aus weitete sich sein Interesse auf elektronische Medien im Allgemeinen aus. Das Fernsehen war damals das populärste Medium und bot zugleich enormes experimentelles Potenzial. Deshalb wurde es für ihn zum zentralen Instrument, um die Ideen und Experimente, die in der elektronischen Musik ihren Anfang genommen hatten, in die bildende Kunst zu übertragen.

Direktorin Park, Sie sagten in einem Interview einmal, Nam June Paik sei bereits ein Prophet des KI-Zeitalters gewesen. Wie sollten wir diese Aussage verstehen?
Eigentlich ist das weniger eine Interpretation, zu der ich selbst gelangt bin, sondern eine Sichtweise, die ich durch die Retrospektive Nam June Paik in der Tate Modern im Jahr 2019 übernommen habe. In den begleitenden Publikationen und Filmen wurde Paik als ein Künstler vorgestellt, der viele Aspekte unserer heutigen digitalen Gesellschaft bereits Jahrzehnte zuvor vorausgedacht hatte. Als ich mich damit beschäftigte, erschien mir diese Einschätzung sehr überzeugend. Deshalb habe ich sie später auch in dem Interview aufgegriffen.

Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dafür ist sein Konzept der „Electronic Superhighway“, das er bereits 1974 formulierte. Zu einer Zeit also, in der die Vorstellung eines weltweit vernetzten Systems noch nahezu utopisch wirkte. Paik beschrieb eine Zukunft, in der Menschen durch elektronische Medien in Echtzeit miteinander verbunden sind und Informationen sowie kulturelle Inhalte frei zirkulieren. Mit der Entwicklung des World Wide Web ab 1989 und der rasanten Verbreitung des Internets in den 1990er Jahren wurde diese Vision zunehmend Realität. Deshalb sehe ich die „Electronic Superhighway“ nicht als reine Zukunftsfantasie, sondern als bemerkenswert präzise Vorwegnahme unserer heutigen digitalen Netzwerkgesellschaft Ein weiterer Aspekt ist sein Gespür für die Entwicklung des Videos als eigenständige Kunstform. Bereits Anfang der 1960er Jahre experimentierte Paik mit dem Fernsehen als künstlerischem Medium. Gemeinsam mit dem japanischen Ingenieur Shuya Abe entwickelte er ab 1969 den Videosynthesizer, mit dem sich Bilder und Farben in Echtzeit verändern und neu zusammensetzen ließen. Dadurch wurde Video weit mehr als ein Mittel zur Aufzeichnung von Realität. Es entwickelte sich zu einem kreativen Medium mit eigenen ästhetischen Möglichkeiten. Dass Paik dieses Potenzial so früh erkannte und sowohl in seinen Werken als auch in technologischen Entwicklungen praktisch umsetzte, macht ihn zu einem echten Wegbereiter der Medienkunst.

Darüber hinaus sagte Paik vieles von dem voraus, was wir heute als globale Medienlandschaft erleben. Er stellte sich eine Zeit vor, in der Menschen Medienangebote aus aller Welt frei auswählen und nutzen können. Bilder, Informationen und kulturelle Inhalte sollten sich über nationale Grenzen hinweg in Echtzeit verbreiten. Heute kann praktisch jeder über Plattformen wie YouTube oder soziale Netzwerke eigene Inhalte veröffentlichen und weltweit zugänglich machen. Dass Inhalte innerhalb von Sekunden rund um den Globus geteilt werden können, entspricht sehr genau jener „Global Media Era“, die Paik bereits Jahrzehnte zuvor vor Augen hatte.

Bemerkenswert ist auch, wie früh er sich mit ökologischen Fragen auseinandersetzte. In einem Text aus der Zeit um 1967 schrieb er sinngemäß: „Hippies wissen, was selbst Wissenschaftler übersehen haben.“ Gemeint war damit eine besondere Sensibilität für die Natur. Während Umweltprobleme in vielen wissenschaftlichen und politischen Debatten noch kaum Beachtung fanden, beobachtete Paik, dass die Gegenkultur bereits auf Veränderungen in der Natur und auf ökologische Krisen aufmerksam machte. Diese Überlegungen standen im Zusammenhang mit seiner Vorstellung von der Rolle der Kunst und der Künstlerinnen und Künstler in der Gesellschaft. Schon damals stellte er die Frage, wie sich das Verhältnis zwischen Mensch, Natur und Technologie verändert und welche Folgen daraus entstehen könnten. Angesichts heutiger Debatten über Klimawandel, Ressourcenknappheit und Nachhaltigkeit wirken diese Gedanken erstaunlich aktuell.

Und schließlich gibt es noch ein Beispiel, das uns besonders vertraut erscheint: das Smartphone. Paik sagte voraus, dass eines Tages ein einziges Gerät zahlreiche Funktionen des Alltags bündeln würde. Menschen würden damit kommunizieren, einkaufen, ihre Gesundheit verwalten und auf Informationen zugreifen. Genau das erleben wir heute. Smartphones sind längst nicht mehr nur Telefone, sondern vereinen Kommunikation, Internet, Finanzen, Unterhaltung, Konsum und Gesundheitsanwendungen in einem einzigen Gerät. Betrachtet man die Zukunftsszenarien, die Paik entworfen hat, ist vieles davon inzwischen Wirklichkeit geworden. Deshalb könnte man durchaus sagen, dass wir heute in einer Zukunft leben, die Nam June Paik bereits vor Jahrzehnten erahnt hat.

Abschließend: Wenn es einen einzigen Satz gäbe, den Sie Menschen mitgeben möchten, die Nam June Paik zum ersten Mal begegnen, welcher wäre das?
Das ist tatsächlich eine schwierige Frage. Über Nam June Paik ließe sich unendlich viel sagen, und seine Texte und Werke sind voller Gedanken und Anregungen. Deshalb möchte ich mit einem Zitat antworten, das mir sofort in den Sinn kam.

„Was ist Kunst? Ist sie der Mond oder der Finger, der auf den Mond zeigt?“ Diese Frage hat Nam June Paik einmal gestellt. Wer sich mit seiner Kunst beschäftigt, denkt unweigerlich über das Verhältnis von Kunst und Technologie, von Kunst und Gesellschaft nach. Für Paik gab es dabei jedoch nie nur eine richtige Antwort. Er hat uns vielmehr daran erinnert, dass der Mond, der auf ihn weisende Finger und die Menschen, die ihn betrachten, gleichermaßen bedeutsam sind.

Nam June Paiks Kunst liefert keine fertigen Antworten, sondern eröffnet neue Fragen. Ich wünsche mir, dass Besucherinnen und Besucher diesen Fragen mit Neugier begegnen und Freude daran finden, ihnen nachzugehen, statt sie als etwas zu Kompliziertes zu empfinden.
Außenansicht des Nam June Paik Art Center

Außenansicht des Nam June Paik Art Center | © Nam June Paik Art Center

Interview & Konzept Sohee Shin
Deutsche Übersetzung: Leslie Klatte
Englische Übersetzung: Star Korea AG