Aktualisierung der Lernziele für moderne Fremdsprachen
Sprachen in den Niederlanden: Doch erfreuliche Aussichten?

Vier Schülerinnen arbeiten gemeinsam an einem Smartboard
© Goethe-Institut / Getty Images

Wir stehen kurz vor der Einführung neuer Curricula und Prüfungsprogramme für die Sekundarstufe in den Niederlanden. Warum geschieht das? Welchen Zweck verfolgt diese Reform? Was können Lehrkräfte erwarten? Was wird sich ändern – und ist das alles überhaupt in der Schule umsetzbar? Die kurze Antwort auf die letzte Frage lautet: Ja – allerdings nur unter bestimmten Voraussetzungen.

Von Daniela Fasoglio

Curriculum im Wandel

Zugegeben: Das Schulfach Deutsch ist eine bedrohte Art. Unterrichtsstunden werden gekürzt, Lehrkräfte sind schwer zu finden, und kurzsichtige Einsparungen im Bereich der Geisteswissenschaften helfen ebenfalls nicht weiter. Auch die Motivation der Schüler*innen lässt mitunter zu wünschen übrig.

Gleichzeitig hat sich in den vergangenen Jahren eine breite Diskussion über die niederländische Sekundarstufe entwickelt. Im Mittelpunkt stand die Frage: Wie können wir sicherstellen, dass junge Menschen künftig erfolgreich an einer Gesellschaft teilhaben können, die zunehmend internationaler, digitaler und komplexer wird? Sind die Schulfächer noch ausreichend auf die Anforderungen abgestimmt, die Lernende heute und morgen bewältigen müssen? Gerade für den Fremdsprachenunterricht ist diese Frage von besonderer Bedeutung. Was sollen Schüler*innen lernen? Welche Kenntnisse und Kompetenzen sind wirklich relevant?

Diese Diskussion mündete in eine umfassende Curriculumsreform. Teams aus Lehrkräften, Lehrkräfteausbildenden und Curriculumsexpert*innen entwickelten neue Bildungsziele für alle Jahrgänge und Schultypen. Dabei wurden regelmäßig Fachverbände, Wissenschaftler*innen sowie weitere Expert*innen um Rückmeldungen gebeten.

Die Curriculumsreform zeigt, dass Bildung kein statisches System ist, sondern sich kontinuierlich weiterentwickelt. Gerade in einer sich rasch wandelnden Gesellschaft erfordert gute Bildung immer wieder die Reflexion darüber, was Schüler*innen und Schüler wissen, können und verstehen müssen, um ihren Platz in der Welt zu finden.
Ein Curriculum ist jedoch nur dann wertvoll, wenn es auch im Unterricht umsetzbar ist. Deshalb wurden die neuen Bildungsziele ein Schuljahr lang in der Praxis erprobt. Schulen untersuchten, ob die Ziele umsetzbar sind, ob sie sich in Unterrichtsplanungen und Prüfungsprogramme übertragen lassen und ob sie tatsächlich zur gewünschten Entwicklung der Lernenden beitragen. Ebenso wurde geprüft, welche Voraussetzungen für eine erfolgreiche und nachhaltige Einführung notwendig sind.

Die Kraft der Sprache

Warum lernen wir überhaupt Sprachen? Um im Urlaub ein Gespräch führen zu können? Um eine Prüfung zu bestehen? Um später bessere Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu haben? Das ist nur ein Teil der Antwort.

Sprachen helfen uns, die Welt zu verstehen, Beziehungen aufzubauen und bewusst sowie angemessen in einer internationalen Gesellschaft zu kommunizieren.

Sprachen als Schlüssel zur Welt

Wer eine Sprache lernt, lernt nicht nur, wie diese Sprache funktioniert, sondern auch, wie Menschen in dieser Sprache miteinander umgehen. Sprache ist eng mit Kultur, Geschichte und Identität verbunden. Deshalb kann Fremdsprachenunterricht einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen Bildung von Schülerinnen und Schülern leisten.
Der Bildungsphilosoph Gert Biesta (2020) betont, dass Bildung nicht nur auf Qualifikation ausgerichtet sein sollte – also auf den Erwerb von Wissen und Fähigkeiten für Studium und Beruf. Bildung erfüllt auch eine soziale und persönlichkeitsbildende Funktion.
Schüler*innen müssen lernen, ihren Platz in einer komplexen Gesellschaft zu finden und sich zu anderen Menschen und zur Welt, in der sie leben, zu verhalten.

Der Fremdsprachenunterricht bietet hierfür einzigartige Möglichkeiten. Durch die Begegnung mit anderen Sprachen, Perspektiven und Kulturen entwickeln Lernende nicht nur kommunikative Kompetenzen, sondern auch kulturelle Sensibilität, Selbstständigkeit und kritisches Denkvermögen.

Aktuelle Erkenntnisse der Sprachlernforschung zeigen, dass das Erlernen einer Fremdsprache weit mehr ist als das Erreichen kommunikativer Ziele (u. a. Atkinson et al., 2025). Wenn Schüler*innen eine neue Sprache verwenden, erkunden sie zugleich neue Ausdrucksmöglichkeiten. Sie entwickeln einen erweiterten Blick darauf, wer sie sind und wie sie sich zu anderen Menschen in Beziehung setzen.

Das Erlernen einer neuen Sprache ist somit nicht nur ein kognitiver Prozess, sondern auch ein sozialer und persönlicher. Jede neue Sprache öffnet die Tür zu anderen Gemeinschaften, anderen Geschichten und anderen Denkweisen.

Von Grammatikübungen zu bedeutungsvollen Sprachaufgaben

Diese Sichtweise hat Konsequenzen für die Gestaltung des Unterrichts. Wenn Sprache ein Mittel zur gesellschaftlichen Teilhabe ist, müssen Lernende im Unterricht auch Gelegenheit erhalten, Sprache genau auf diese Weise zu verwenden.
Dies kann durch den Einsatz sprachlich anspruchsvoller Handlungsaufgabengeschehen: offene und bedeutungsvolle Aktivitäten, bei denen Schüler*innen Sprache nutzen, um gemeinsam Probleme zu lösen, Informationen auszutauschen, kreative Produkte zu entwickeln oder Standpunkte zu verdeutlichen.

Dabei steht das Erreichen eines Ziels im Mittelpunkt; die Aufmerksamkeit für Sprachstrukturen und Wortschatz dient funktional der Erreichung dieses Ziels
(Piccardo & North, 2019; Europarat, 2020). Während solcher Aktivitäten verhandeln die Lernenden Bedeutungen, setzen Strategien ein, um einander zu verstehen und nutzen ihr gesamtes Sprachrepertoire. Dies entspricht der Art und Weise, wie Sprache außerhalb der Schule funktioniert: dynamisch, kreativ und oft mehrsprachig.

Was bringen die neuen Programme?

Die überarbeiteten Prüfungsprogramme für die modernen Fremdsprachen sind in drei zusammenhängende Kompetenzbereiche gegliedert: A Kommunikation, B Sprachbewusstsein und C Kulturbewusstsein. Im Bereich A Kommunikation orientieren sich die Abschlussziele an den Beschreibungen des Gemeinsamen Europäischen Referenzrahmens für Sprachen (GER). Neben den sprachlichen Kompetenzen wird auch Wert auf einen bewussten und kritischen Umgang mit Informationen und Medien gelegt. Die Schüler*innen lernen, Informationen auszuwählen, zu bewerten und zielgerichtet zu nutzen. Im Bereich B Sprachbewusstsein entwickeln die Lernenden Einsichten in die Beziehungen zwischen Sprachen, in Sprachvariation, Mehrsprachigkeit sowie in die Rolle von Sprache in Bildung, Beruf und Gesellschaft. Im Bereich C Kulturbewusstsein nimmt fiktionale Literatur einen wichtigen Platz ein – auch im berufsbildenden Zweig des VMBO. Literatur wird dabei als Mittel verstanden, um Empathie, Selbstreflexion und kulturelles Verständnis zu fördern (Renkema, 2022; Schat, 2022). Darüber hinaus lernen die Schüler*innen, kulturell geprägte Aspekte des Sprachgebrauchs zu erkennen und zu interpretieren, damit sie Missverständnisse, Stereotype und kommunikative Fallstricke besser vermeiden können. Die folgende Tabelle enthält sämtliche Abschlussziele für das Unterrichtsfach „Deutsche Sprache und Kultur“:

Die folgende Tabelle enthält sämtliche Abschlussziele für das Unterrichtsfach „Deutsche Sprache und Kultur“ © Daniela Fasoglio

Sinnvoller Fremdsprachenunterricht – auch eine Aufgabe der Schule

Die oben beschriebene Sicht auf den Fremdsprachenunterricht bedeutet, dass Sprachenlernen weit mehr ist als das Auswendiglernen von Vokabeln und das Beherrschen grammatischer Regeln. Ziel ist es, Lernende zu mündigen Bürger*innen zu entwickeln, die wirksam und angemessen kommunizieren können und sich bewusst in einer mehrsprachigen und multikulturellen Welt bewegen.

Moderne Fremdsprachen sind damit nicht nur ein Schulfach, sondern ein wirkungsvolles Instrument, um sich selbst, andere Menschen und die Gesellschaft besser zu verstehen. Genau darin liegt der bleibende Wert des Fremdsprachenunterrichts im 21. Jahrhundert.
Gute nationale Bildungsziele führen jedoch nicht automatisch zu gutem Unterricht. Dazu braucht es eine durchdachte Verankerung im Schulcurriculum, bei der Vision, Lernziele, Lernaktivitäten und Leistungsbewertung eng aufeinander abgestimmt sind.

In der Praxis bedeutet dies, dass Lehrkräfte den nötigen Freiraum erhalten sollten, gemeinsam über ihren Unterricht nachzudenken und ihn kontinuierlich weiterzuentwickeln. Nur mit Unterstützung der Schulleitung kann eine professionelle Lernkultur entstehen, in der Fremdsprachenunterricht wirksam, konsistent und bedeutsam bleibt.
 
Literatur
Atkinson, D., Mejía-Laguna, J., Custodio Ribeiro, A., Cappellini, M., Kayi-Aydar, H., & Lowie, W. (2025). Relationality, interconnectedness, and identity: A process-focused approach to second language acquisition and teaching (SLA/T). The Modern Language Journal, 109: 39–63.

Biesta, G. (2020). Risking ourselves in education: Qualification, socialisation, and subjectification revisited. Educational Theory 70(1). 89–104. https://doiorg.proxy2.library.illinois.edu/10.1111/edth.12411.

Biggs, J. (1996). Enhancing teaching through constructive alignment. Higher Education, 32(3), 347–364.
Council of Europe (2020). Common European framework of reference for languages: Learning, teaching, assessment. Companion volume. Council of Europe Publishing. https://rm.coe.int/commoneuropean-framework-of-reference-for-languages-learning-teaching/16809ea0d4

Piccardo, E. & B. North (2019). The action-oriented approach: A dynamic vision of language education. Bristol: Multilingual Matters. https://doi.org/10.21832/PICCAR4344

Renkema, I. (2022). Literatuur en burgerschap betekenisvol verbonden. Levende Talen Magazine, 109(1), 6–10.

Schat, E. (2022). Integrating intercultural literary competence: an intervention study in foreign language education. Universiteit Utrecht. https://doi.org/10.33540/1335

SLO (2026). Actualisatie examenprogramma’s moderne vreemde talen. https://www.actualisatie-examenprogrammas.nl/moderne-vreemde-talen Abgerufen am 15. August 2026.

SLO (2026). Handleiding curriculumkeuzekracht. https://www.slo.nl/@25291/handleiding-curriculumkeuzekracht/ Abgerufen am 15. August 2026.

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