Barbara Klemm Zeitgeschichte durch das Auge der Kamera

Sie hat den Bruderkuss von Leonid Breschnew und Erich Honecker festgehalten, den Fall der Mauer dokumentiert und den Aufstieg von Angela Merkel verfolgt. In ihren Reportagen geht es Barbara Klemm immer um Menschen. Eine Ausstellung in Berlin zeigte Fotos der Bildjournalistin aus fast fünf Jahrzehnten.

Leonid Breschnew, Willy Brandt, Bonn, 1973 Leonid Breschnew, Willy Brandt, Bonn, 1973 | © Barbara Klemm Barbara Klemm hatte sie alle vor der Linse: die Mächtigen aus Politik und Wirtschaft, die Gelehrten und die Künstler. Im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung begleitete sie Kanzler und Kandidaten, berichtete von Bundestagsdebatten und Parteitagen und hielt Begegnungen auf dem internationalen politischen Parkett fest. Sie war dabei, als der neue Bundeskanzler Helmut Kohl seinem Vorgänger Helmut Schmidt nach dem erfolgreichen Misstrauensvotum die Hand gab. Und sie drückte auf den Auslöser als im November 1989 die Berliner Mauer fiel.

Unterwegs für die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“

Klemm wird als Chronistin der Zeitgeschichte seit den späten 1960er-Jahren gefeiert. Ihre Bilder haben wie die keiner anderen Fotografin und keines anderen Fotografen unsere Vorstellung von Ereignissen und Personen geprägt und sich in unser kollektives Gedächtnis eingeschrieben.

Großen Anteil daran hat die berufliche Praxis der Bildjournalistin. Von 1970 bis 2004 fotografierte Klemm offiziell im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, einer Tageszeitung mit einer Auflage von mehreren Hundertausend Exemplaren. Dort wurden ihre Fotos regelmäßig veröffentlicht, im politischen Teil ebenso wie im Reiseblatt und vor allem in der legendären Kupfertiefdruckbeilage Bilder und Zeiten.

Diese Druckfassungen ihrer Aufnahmen waren es, die Klemm bekannt machten, sie zu einer „Institution“ werden ließen. Das zeigte etwa die Ausstellung, die Anfang 2014 im Berliner Martin-Gropius-Bau zu sehen war. Neben rund 320 Original-Abzügen waren dort auch die entsprechenden Zeitungsseiten mit den gedruckten Fotos zu sehen. Und sie sind es – nicht die Originale –, an die sich viele auch heute noch erinnern.

„Schwarz-weiß ist Farbe genug“

Ob im Original oder als Druck in einer Zeitung, Klemms Fotos haben eine unverwechselbare Handschrift. Von Anfang an setzte Klemm – und sie tut das bis heute – auf das analoge Schwarz-weiß-Bild. „Schwarz-weiß ist Farbe genug“, wird sie im Katalog der Ausstellung im Gropius-Bau zitiert. Konsequent lehnt sie auch das Fotografieren mit Blitz ab.

Klemms Bilder sind keine Schnappschüsse und schon gar keine Zufallstreffer: Sie sind durchdacht konzipiert und klar gebaut. Gleichzeitig sind sie inhaltlich durchaus vielschichtig. „Ich suche ein Bild, das den Leser neugierig macht, das eine Geschichte erzählt, auch wenn die sich nicht unbedingt decken muss mit der, die der Artikel darunter erzählt“, beschreibt die Fotografin ihre Arbeit.

Geleitet wird Klemm von einem untrüglichen Gespür für den richtigen Moment, für den sprechenden Augenblick. Das zeigen ihre Fotos politischer Ereignisse und Begegnungen ebenso wie die Reisebilder oder Porträts. Dabei wahrt die Fotografin durchaus Distanz. Ihr gelingt es vor allem durch den Aufbau eines Bildes, Menschen so in Beziehung zueinander zu setzen, dass das Foto den Eindruck einer entscheidenden Schlüsselszene vermittelt.

Bilder, die Geschichten erzählen

Auch das Bild von Diktator Augusto Pinochet, dessen skeptischen Blick Klemm 1986 in Santiago de Chile festhielt, zeigt eine dieser Schlüsselszenen. Oder das Foto Papst Johannes Paul II., das ihn auf seinem ersten Polen-Besuch inmitten jubelnder Gläubiger zeigt.

Diese Aufnahmen sind, wie viele andere, auf Reisen entstanden. Sie führten Klemm nicht nur nach Osteuropa und Südamerika, sondern auch nach China und Indien, in die USA oder den Nahen Osten. Immer galt ihr Blick den Menschen, nicht nur den Mächtigen, sondern auch denen, die normalerweise nicht in der Öffentlichkeit stehen: den Bettlern in Kalkuttas Elendsvierteln, schwarzen Südafrikanern unter dem Apartheidregime oder Flüchtlingen aus Tschetschenien. Sie dokumentierte das Leben im Westjordanland, soziale Gegensätze in New York und die Folgen von Spielsucht in Las Vegas.

Auch in diesen Reportagen geht es Klemm immer allein um das einzelne Bild, niemals um eine Sequenz oder Serie. „Das Hintereinanderstellen mehrerer Bilder, die ein Gespräch abbilden, wie im Film sozusagen, habe ich nie sonderlich gemocht“, erklärt sie.

Meisterin der Porträtfotografie

Ganz besonders trifft dieses Prinzip auf die Porträts zu, die Klemm im Lauf der Jahrzehnte von Schriftstellern und Musikern, Künstlern und Forschern geschaffen hat. Meistens hat sie ihre Protagonisten in deren natürlichem Umfeld fotografiert: Botho Strauß in seinem Arbeitszimmer, George Tabori vor dem Theater, Josef Beuys inmitten einer Installation oder Rocklegende Mick Jagger auf der Bühne.

Hier folgt die Fotografin der Inszenierung der Protagonisten, überlässt ihnen das Arrangement von Räumen und Gegenständen. Eine Haltung, aus der heraus es Klemm gelingt, in der öffentlichen Erscheinung einer bekannten Persönlichkeit ein privates Moment aufscheinen zu lassen. Entstanden ist ein „Who’s Who“ der Großen aus Kultur und Wissenschaft, das in der deutschen Fotografie seinesgleichen sucht.
 

Katalog: „Barbara Klemm 1968–2013“, Nimbus Verlag, 48,00 EUR