Originäre Kinderfilme Dringend gesucht

„Quatsch und die Nasenbärbande“
„Quatsch und die Nasenbärbande“ | © Veit Helmer-Filmproduktion

Während Kinderfilme, die Bestsellervorlagen adaptieren, in den deutschen Kinos Erfolge feiern, sind Filme nach originären Stoffen selten. Doch es gibt Initiativen, die das ändern wollen.

Seit Jahren erfreut sich der Kinderfilm beim deutschen Kinopublikum großer Beliebtheit. 2014 schafften es nach Angaben der Filmförderungsanstalt (FFA) sieben Kinderfilme in die Top 20 der erfolgreichsten deutschen Kinoproduktionen. Doch die deutschen Kinderfilmhits sind überwiegend Adaptionen populärer Marken – von Kinderbüchern, Comics, Hörspielen, Fernsehserien oder medialen Kunstfiguren. Fünf Freunde 3 etwa beruht auf der Buchvorlage der Bestsellerautorin Enid Blyton, Bibi & Tina – Der Film auf der beliebten gleichnamigen Kinderhörspielserie. Beide Filmadaptionen setzen auf Schau- und Unterhaltungswerte für die ganze Familie und erreichten 2014 über eine Million Zuschauerinnen und Zuschauer. Kleinere Kinderfilmproduktionen jenseits des Mainstreams, die auf originären Stoffen beruhen, finden sich allerdings selten auf den bundesdeutschen Kinoleinwänden.

Populäre Stoffe haben es leichter bei der Finanzierung

Einer der Gründe dafür liegt wohl in der Finanzierung: Die Popularität einer Drehbuchvorlage erhöht die Chancen, die entscheidenden Zusagen der Finanzgeber – Filmförderer und Fernsehsender – zu erhalten. Denn diese gehen davon aus, dass sie mit Adaptionen bekannter Stoffe auf die Vorlieben deutscher Publikumsschichten treffen, sich somit auch gegen die US-Konkurrenz mit ihren hohen Marketingbudgets behaupten können, und ihre Kosten wieder einspielen. Originalstoffe haben es entsprechend schwer, realisiert zu werden. Doch es sind gerade solche Filme, die sich auch an heikle Themen und ungewöhnliche Erzählweisen heranwagen, aktuelle Probleme aufgreifen und mutige Stoffe konsequent aus der Kinderperspektive erzählen.

Innovationen werden häufig gemieden

Trailer: „Quatsch und die Nasenbärbande“ von Veit Helmer (youtube.com)

Natürlich schaffen es vereinzelt auch Originalstoffe ins Kino, etwa Pommes Essen (2012) von Tina von Traben, Reuber (2013) von Axel Ranisch oder Quatsch und die Nasenbärbande (2014) von Veit Helmer. Helmer, Jahrgang 1968, hat Verständnis für das Auswahlverhalten der Zuschauer: „Eltern gehen lieber auf Nummer sicher beim Kinobesuch mit ihren Kindern. Unbekanntes wird da eher gemieden.“ Gleichwohl wagte er sich mit Quatsch und die Nasenbärbande in unbekanntes Gelände und drehte ein lustvoll überdrehtes Filmspektakel über sechs Vorschulkinder, die sich gegen ihre überangepassten Eltern auflehnen.

Bei so viel Mut zum Normbruch war zu erwarten, dass Helmer im Vorfeld viele Bedenken ausräumen musste. „Das Drehbuch stieß durch seine Besonderheiten bei den Fernsehredakteuren zuerst auf Ablehnung. Ich habe dann DVDs meiner Filme Tuvalu und Absurdistan geschickt, um einen Eindruck zu vermitteln, wie man sich Quatsch bildlich vorstellen muss.“

Verarmung kultureller Bildung?

Doch zu selten können engagierte Filmemacherinnen und Filmemacher wie Helmer die Fernsehsender und Filmförderer überzeugen, auch unkonventionellen Filmstoffen eine Chance zu geben. Deswegen kritisieren Medienpädagogen und Verbände wie der Förderverein Deutscher Kinderfilm seit Jahren die Einseitigkeit deutscher Kinderfilmproduktion. Sie bemängeln, dass vorrangig auf Profit und Einschaltquoten ausgerichtete Bestsellerverfilmungen die Lebenswirklichkeit der rund zehn Millionen Kinder und Jugendlichen in der Bundesrepublik nicht abbilden. Es drohe eine Verengung des Angebots und eine Verarmung der kulturellen Bildung Heranwachsender. „Wir brauchen neben den Verfilmungen von Kinderbuchklassikern Originalstoffe, denn die Zukunft des Kinderfilms liegt in der Vielfalt“, betont Hans Strobel, ehemaliger Leiter des Kinderkinos München und einer derjenigen, die sich seit Jahrzehnten für die Förderung des deutschen Kinderfilmschaffens einsetzen.

Vorbild Dänemark

Dabei zeigt ein Blick über die Grenzen, wie man es besser machen kann. In den skandinavischen Ländern ist die Wertschätzung von Filmen für Kinder traditionell besonders hoch. In Dänemark wurde zum Beispiel 1982 gesetzlich festgelegt, dass 25 Prozent der staatlichen Filmfördermittel für Kinder- und Jugendfilme verwendet werden müssen. Eine Mindestquote, von der deutsche Filmemacher nur träumen können. Da die Absatzmärkte der einzelnen nordischen Länder zu klein sind, bündeln sie zudem meist ihre Kräfte und koproduzieren ihre Filmprojekte. So entstehen seit Jahren hochwertige Kinderfilme, die auf internationalen Festivals regelmäßig Auszeichnungen gewinnen. In dieser Hinsicht haben auch die Niederlande deutlich aufgeholt, vor allem dank einer nachhaltigen Förderpolitik. Nach dem skandinavischen Modell reichte der Berliner Film- und Fernsehverband im Februar 2012 eine Petition beim Deutschen Bundestag zur Änderung des Filmförderungsgesetzes ein. Demnach soll der Bundestag beschließen, ein Viertel des Etats der Filmförderung des Bundes ausschließlich unabhängig produzierten deutschen Kinderfilmen vorzubehalten und die Wirtschaftlichkeitskriterien der Filmförderungsanstalt für diese Filme auszusetzen.

Initiativen wollen die Vielfalt des Kinderfilms sichern

Die Kritik an der Fehlentwicklung hierzulande zeigte Wirkung: Unter anderem wurde in Berlin 2012 die Initiative „Der besondere Kinderfilm“ gegründet, ein Zusammenschluss von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern, Filmförderungen, Produzenten- und Branchenvertretern. Ziel ist es, dem Kinderfilm in Deutschland mit originären Stoffen und Gegenwartsgeschichten zu größerer Vielfalt zu verhelfen. In einem zweistufigen Fördermodell sollen pro Jahr mindestens zwei Projekte ausgewählt, entwickelt und produziert werden.
Trailer: „Winnetous Sohn“ von André Erkau (youtube.com)

Die Initiative ist auf einem guten Weg: Im April 2014 lief der erste von ihr produzierte Film, Winnetous Sohn von André Erkau, in den deutschen Kinos an. Auch die Zahl der geförderten Projekte ist gestiegen. Drei Filmvorhaben aus dem zweiten Jahrgang mit einem Gesamtetat von zehn Millionen Euro sind bereits abgedreht oder sollen 2016 gedreht werden. Die Initiative sei „kein Alibiverein, sondern eine überzeugende Allianz für den Kinderfilm“ erklärte Karola Wille, MDR-Intendantin und Mitgründerin des Besonderen Kinderfilms. Und noch eine weitere Initiative wurde auf den Weg gebracht: Im Februar 2015 gründeten die Mitteldeutsche Medienförderung und der Netherlands Film Fund einen Co-Development Fonds, der mit einem Jahresvolumen von bis zu 100.000 Euro originäre Spielfilmdrehbücher mit zeitgenössischen Themen für Kinder und Jugendliche fördert.

Reichen diese beiden Projekte zur Verbesserung der Lage aus? Die Filmotter-Initiative für mehr Vielfalt im Kinderfilm fordert: „Fünf Independent-Filme pro Jahr!“ Denn Kinder hätten das gleiche Recht auf Vielfalt jenseits der Blockbuster wie Erwachsene.