Rosinenpicker
Licht und sehr viel Schatten

Kehlmann: Lichtspiel
© Rowohlt / Canva

In Daniel Kehlmanns aktuellem Roman verkauft Georg Wilhelm Pabst, einer der bekanntesten Regisseure der Weimarer Republik, den Nazis seine Seele, wenn auch unter komischen Verrenkungen.

Von Holger Moos

Bei der Betrachtung von Daniel Kehlmanns neuestem Roman Lichtspiel bieten sich Wortspiele mit dem Themenkomplex Film an. „Großes literarisches Kino“ jubelt Maren Ahring bei NDR Kultur. „Meister des Schnitts“ titelt Adam Soboczynski in der ZEIT. Das liegt zum einen natürlich am Inhalt, denn in diesem Roman erzählt Kehlmann die Lebensgeschichte des österreichischen Filmregisseurs Georg Wilhelm Pabst nach. Zum anderen hat Kehlmann ein Talent für filmisches Schreiben, was sicherlich auch daran liegt, dass er ein drehbucherprobter Schriftsteller ist. So schrieb er zuletzt, in Zusammenarbeit mit David Schalko, das Drehbuch für die TV-Serie Kafka.

Lichtspiel besteht aus drei unterschiedlich langen Teilen: Draußen, Drinnen und Danach. Diese drei Adverbien beziehen sich sowohl auf Pabsts Leben als auch auf die Zeit des Nationalsozialismus. Der erste, etwa 120 seiten umfassende Teil spielt überwiegend in den 1920er- und 1930er-Jahren, in denen Pabst – mit Fritz Lang, Friedrich Wilhelm Murnau und Ernst Lubitsch – zu einem der großen Filmregisseure der Weimarer Republik wurde. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nationalsozialisten drehte Pabst gerade einen Film in Frankreich. Er beschloss zunächst dort zu bleiben, ging dann in die USA, wo er 1934 den Film A Modern Hero drehte, der aber floppte.

Im zweiten und mit Abstand längsten Teil erzählt Kehlmann von der Zeit, als Pabst in der NS-Diktatur lebte und arbeitete. Er war 1939 nach Österreich gereist, um seine Mutter zu besuchen, konnte nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs nicht mehr ausreisen und hat sich anschließend mit dem Hitler-Regime arrangiert. Der letzte, knapp vierzigseitige Teil des Romans ist wie ein Abspann und handelt von Pabsts Leben nach dem Krieg.

Historische und erfundene Figuren

Eingerahmt wird der Roman im ersten und letzten Kapitel von Franz Wilzek, einem (fiktiven) früheren Assistenten von Pabst, der mittlerweile dement in einem Altenheim lebt. Wilzek assistierte im Roman auch bei Pabsts letztem zur NS-Zeit gedrehten Film Der Fall Molander, der jedoch unvollendet und verschollen blieb. Darüber kommt Pabst nach dem Krieg nicht hinweg. Bei Kehlmann ist der einstige Starregisseur in der Nachkriegszeit nur noch ein Schatten seiner selbst, der zeitlebens davon träumt, sein vermeintliches Meisterwerk werde irgendwo wieder auftauchen.

Es kommen jede Menge historische Figuren vor: Greta Garbo, Louise Brooks, Heinz Rühmann, Helmut Käutner oder Leni Riefenstahl. Kehlmann hat sich jedoch auch einiges an Personal ausgedacht. Zum historischen Hintergrund wird kräftig hinzufabuliert. So ist nicht nur der besagte Wilzek erfunden, sondern auch die mephistophelische Figur des Kuno Krämer, ein Mitarbeiter in Goebbels Propagandaministerium, der Pabst protegiert. Einen Sohn namens Jakob, der in der Hitlerjugend der Faszination der NS-Ideologie erliegt, gab es im echten Leben ebenfalls nicht. Mit den fiktiven Figuren einher gehen ausgedachte, die Geschichte anreichernde Episoden, so erzählt Kehlmann etwa, wie der Armeetornister mit den Molander-Filmdosen versehentlich mit einem Armeetornister eines Hufschmieds vertauscht wird.

Verkaufte Seele, verschollene Filmdosen

In einem brillanten Kapitel wird ein notwendiger Canossa-Gang beschrieben. Der Regisseur, der wegen seiner kriegs- und sozialkritischen Filme auch der „rote Pabst“ genannt wurde, muss einmal ins Zentrum der Macht, zu Reichspropagandaminister Josef Goebbels, und Buße tun, um wieder ins Filmgeschäft zu kommen. Dieser Besuch besteht aus einer surrealen, fast schon dadaistischen Unterhaltung. Zuerst geht es lange hin und her, wer hier von wem etwas möchte. Dann verliert Goebbels die Geduld und weist den Regisseur darauf hin, was er ihm alles bieten könne, „zum Beispiel KZ. Jederzeit. Kein Problem.“ Aber er könne ihm eben auch etwas ganz anderes bieten: „Jedes Budget, jeden Schauspieler, jeden Film, den Sie machen wollen.“ Nach weiterem Gestotter und vieler angefangener Sätze liefert Pabst schließlich, was Goebels will: Er distanziert sich von seinen früheren Werken. Sogleich bekommt er das Drehbuch zu Komödianten, einem Film über Caroline Neuber, eine berühmte Schauspielerin des 18. Jahrhunderts, für den Pabst bei der Biennale di Venezia 1941 in der Kategorie „Bester Regisseur“ ausgezeichnet werden sollte.

Eine andere grandios geschriebene Szene schildert die Dreharbeiten zu Riefenstahls Film Tiefland. Die Geschichte spielt an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert in den Pyrenäen, gedreht wird aber in den Alpen. Die Dreharbeiten ziehen sich in die Länge, Pabst soll die überforderte Riefenstahl, die zugleich die Hauptrolle spielt, bei der Regie unterstützen. Bei Kehlmann kommt Riefenstahl weder als Regisseurin noch als Schauspielerin gut weg. Schon gar nicht ist sie eine moralische Instanz: Da Riefenstahl „südländisch“ wirkende Statisten benötigt, lässt sie aus dem nahe gelegenen Konzentrationslager Maxglan Sinti und Roma zwangsrekrutieren. Auch wenn Pabst sich unwohl fühlt, als er dies erfährt, stimmt er dem Regieassistenten lediglich zu, als dieser sagt: „Man kann nichts tun.“

Kehlmann erzählt Pabst Lebensgeschichte mit dem für ihn typischen Humor. Immer wieder wird Pabst etwa von seinen Zeitgenoss*innen für Filme gelobt, die gar nicht von ihm sind, so etwa für Fritz Langs Metropolis oder für diesen „tollen Vampirfilm“, gemeint ist natürlich Murnaus Nosferatu. Am Ende ist Pabst ein weiteres Beispiel eines Künstlers, der um der Kunst willen – wenn auch zögerlich und zaudernd – seine Seele verkauft. Diese findet Pabst am Ende des Romans genau so wenig wieder wie die verschollenen Filmdosen.
 
Daniel Kehlmann: Lichtspiel. Roman
Hamburg: Rowohlt, 2023. 480 S.
ISBN: ISBN: 978-3-498-00387-6
Diesen Titel finden Sie auch in unserer Onleihe (auch als Hörbuch)

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