Jens Wiesner über "The Vanished Path"
Choosing my religion

Bharath Murthy: The Vanished Path | Buddha © Bharath Murthy (Ausschnitt)

Der indische Comiczeichner Bharath Murthy ist 2009 zum Buddhismus konvertiert und hat seine Pilgerreise zu den alten Wirkungsstätten des Religionsstifters Siddhartha Gautama in Indien zu einem grafischen Reisebericht („The Vanished Path“) verarbeitet. Für den Autoren dieser Zeilen ein Anlass, seine eigene Religion kritisch zu hinterfragen. 
 
Für lange Zeit gab es in meinem Leben nur eine einzige Religion: das katholische Christentum. Am Sonntag in die Kirche gehen, Messdiener sein, Erstkommunion und Firmung – diese Dinge waren fest verankert in der DNA jenes kleinen südniedersächsischen Dorfes, in dem ich meine ersten 20 Lebensjahre verbrachte.
 
Ein einziger Junge ging in meine Grundschulklasse, der nicht am katholischen Religionsunterricht teilnahm. Aber nicht etwa, weil er Muslim, Buddhist oder Atheist war. Karsten war evangelisch – und für einen einzelnen evangelischen Christen lohnte sich der Unterricht personell nicht. Natürlich lernten wir auf unserer Schule durchaus, dass es auch andere Religionen auf dieser Erde gab. Für mich aber blieben es Erzählungen von fernen Orten und skurrilen Traditionen, die mein alltägliches Leben im Dorf und meinen eigenen Glauben nicht betrafen. Warum sollte ich auch hinterfragen, was alle bei uns alltäglich lebten?
 
Dabei war unser Dorfkatholizismus wirklich nicht besonders spirituell ausgeprägt. Ja, man musste zur Kirche gehen und das Vaterunser auswendig lernen, weil alle das taten und die Eltern einen sanft, aber bestimmt dazu anhielten. Aber wenn der Pastor wieder einmal zu lange predigte – und das tat er oft – verließen oft ganze Männergruppen geschlossen die Kirchbänke, kreuzten die Straße hinüber in die Dorfkneipe und kippten sich einen schnellen Kurzen hinter die Binde, den der Wirt in weiser Voraussicht bereitgestellt hatte. Pünktlich zur Kommunion waren die Männer dann wieder da und der Geschmack der Hostie vermischte sich in ihren Mündern mit dem des Korns.
 
Diese Momente kommen mir in den Sinn, wenn ich durch Bharath Murthys Reisebericht stöbere; wenn ich von den Begegnungen lese, die der junge Autor und seine Frau Alka Singh auf ihrer Pilgerreise durch Bodhgaya, Nalanda, Rajgir, Kushinagar, Lumbini, Sarnath und Shravasti gemacht haben. Denn gar nicht so selten wurden die beiden frisch gebackenen Buddhisten auf ihrer Reise mit Menschen konfrontiert, die die Regeln ihrer jeweiligen Religion (sei es Hinduismus oder Buddhismus) doch sehr kreativ auslegten – die einen aus Bequemlichkeit und Pragmatismus, die anderen schlicht aus Unwissen.
 
Besonders im Gedächtnis bleibt in diesem Zusammenhang der 17-jährige Bauerssohn Joginder, der zwar in dem Tempel geht und die ihm vorgesprochenen Worte wiederholt, aber nicht versteht, was sie bedeuten – fast so wie vor dem Zweiten Vatikanischen Konzil, als die katholische Messe noch auf Latein abgehalten wurde. 
 
Dass die Unsicherheit im Angesicht dieses lockeren Umgang mit Religionsregeln bisweilen in einen gewissen Besserwisserton seitens des Pilgerpärchens umschlägt, ist verständlich: Gerade als Konvertit hat man sich ja besonders intensiv mit der Materie beschäftigt, will man explizit 'alles richtig machen' und lässt sich leicht verstören, wenn die Realität viel bunter daherkommt ist als erwartet.
 
Trotzdem waren die entsprechenden Szenen nicht immer leicht zu konsumieren, hielten sie mir doch ganz persönlich den Spiegel vor: Denn je tiefer sich mein jüngeres Ich damals in der Jugendarbeit engagierte, mithalf, Kinder- und Jugendgottesdienste zu organisieren, Messdienerfahrten und Zeltlager plante, je tiefer ich eintauchte in die Texte der Bibel, desto größer wurde auch meine eigene jugendliche Arroganz: Da schleppten sich alle sonntags zur Kirche, ratterten automatisch die auswendig gelernten Sprüche hinunter und wussten doch so wenig von jenen Texten, auf denen ihr Glauben basierte. Hauptsache, die Äußerlichkeiten stimmten! Wochenlang wurde gemosert, wenn mal ein Messdiener seinen Einsatz mit den Schellen verpasst hatte oder der Weihrauch zu geizig geschwungen worden war.
 
Mit der Zeit aber schlichen sich Zweifel in meinen Glauben ein. Warum eigentlich durften nur Jungen, aber keine Mädchen Messdiener werden, auch wenn sie es wollten? Warum Frauen keine Priester? Und warum mussten wir während des Gottesdienstes eigentlich so unterwürfig knien und hatten den Mund zu halten, wenn der Pfarrer sprach – auch wenn seine Worte die Grenze zur Homophobie mitunter weit überschritten? Nach gelebter Nächstenliebe klang das nicht. 
 
Die Begründungen, die dafür von Eltern und Geistlichen geliefert wurden, überzeugten mich bald nicht mehr, kamen mir im Gegenteil vor wie billige Ausreden von Menschen, die ihre eigene Macht nicht loslassen konnten und wollten. Eine Zeit lang glaubte ich noch, von Innen etwas an diesen Fehlern im System ändern zu können, hoffte, dass es nur genügend Ausdauer, Überzeugungsarbeit und guter Menschen an den richtigen Stellen bedurfte, bis ich irgendwann einfach die Geduld verlor mit dieser Religion, deren Ideale und praktische Anwendung mir mittlerweile völlig aus der Zeit gefallen schienen.
 
Mit 20 zog ich weg aus meinem Dorf und habe seither nie wieder einen Sonntagsgottesdienst besucht. 
 
In „The Vanished Path“ erfahren wir leider nie, welche Zweifel Bharath Murthy und Alka Singh mit sich herumtrugen, was sie letztlich dazu bewogen hat, der Religion, mit der sie aufgewachsen waren, den Rücken zu kehren und sich dem Buddhismus zuzuwenden. Gab es einen konkreten Anlass? Oder war die Entscheidung das Ergebnis eines längeren Prozesses der Unzufriedenheit? „Mir missfällt das hinduistische Kastensystem, weil es so diskriminierend ist“, erklärt Alka in dem Reisebericht einem neugierigen Rezeptionisten. Und führt weiter aus, dass es die Einfachheit und Wissenschaftlichkeit sei, die sie an Buddhas Lehren schätze.
 
Gleichzeitig bleibt ein gewisser Frust nicht verborgen, den die beiden Pilger verspüren, wenn sie auf ihrer Reise immer wieder mit der Frage nach ihrer Kastenzugehörigkeit konfrontiert werden. Ihre Herkunft, ihrer Ursprungsreligion – sie scheinen ihr doch nicht entkommen zu können, egal wie hart sie es auch versuchen.
 
Ich muss gestehen, so sehr ich die Idee dieses Buches mag, eine grafische Einführung in die Lehre des Buddhismus zu bieten und der Geschichte seines in Indien fast vergessenen Ursprungs nachzuspüren, so sehr hätte ich mir einen noch tieferen Einblick in die Gedankenwelt der beiden Protagonisten gewünscht. Dieser Einblick kommt angesichts der geballten Faktenfülle, die den Neuling der Materie an mancher Stelle durchaus überfordern mag und bisweilen als zu krasser Info-Dump daherkommt, leider etwas zu kurz. Interessant mutet hingegen die Wahl eines manga-artigen Zeichenstils an, der auf Bharath Murthys Sozialisation des in der Manga-Szene zurückzuführen ist: Buddha meets Doraemon – das ist frisch und ungewöhnlich.
 
Die größtenteils faktenbasierte Herangehensweise legt aber ein interessantes Phänomen offen: Die eigene Religion loszulassen ist ja keine leichtfertige Entscheidung, die mal eben so getroffen wird. Nein, man informiert sich vorher, liest sich in die wichtigen Texte ein, spricht mit Menschen, denkt nach, wägt ab – und beschäftigt sich auf diese Weise inhaltlich viel intensiver mit der neuen Religion, als es ein Mensch tun würde, der in sie hineingeboren wurde.
 
So dürften Murthy und Singh von allen Buddhisten, die ihnen auf ihrem Pilgerweg in Indien begegneten, wohl selbst diejenigen sein, die den Buddhismus am besten kennen – zumindest theoretisch. Dass aber Theorie nicht gleich Praxis ist, zeigt Murthy mit erfrischender Selbstironie, wenn wieder einmal jemand die beiden Pilger nach ihrer Kastenzugehörigkeit fragt oder sie für leicht zu melkende Religionstouristen aus dem Ausland hält. Und plötzlich brausende Wut den angestrebten Gleichmut davonfegt. Aber gerade diese Momente der Menschlichkeit sind es, diese Ausbrüche von ehrlichen Emotionen, in denen mir die Protagonisten des Comics am nächsten sind. Hand auf’s Herz: Ich wäre ein ziemlich schlechter Buddhist.
 
Trotzdem empfinde ich nach der Lektüre dieses Buches einen ehrlichen Respekt für Murthy und Singh. Denn trotz aller Zweifel und Distanz, die ich mittlerweile für meine eigene Religion empfinde, habe ich es noch immer nicht übers Herz gebracht, die Bande zu ihr auch offiziell zu lösen. Auch wenn ich mir bei jedem neuen Skandal schwöre, jetzt aber wirklich aus der Kirche auszutreten.
 
Vielleicht morgen...
 
 

The Vanished Path: A Graphic Travelogue (Englisch) Taschenbuch – 2. Februar 2016. Verlag: HarperCollins India. Ab 16,51 EUR.

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