Farbgewaltig und hochpolitisch – so zeigen sich die neuen Street-Art-Kunstwerke, die die Wände ganz unterschiedlicher Stadtteile von Washington, D.C. zum Strahlen bringen. Sie sind bunt, laut und visualisieren auf vielfältige Weise die aktuellen gesellschaftspolitischen Strömungen der Stadt und des Landes. Sie adressieren politischen Protest und zeigen dabei die Menschen, deren Stimmen viel zu lange nicht gehört wurden und ihren Kampf um mehr soziale Gerechtigkeit. So gewähren die Wände der Stadt ihren Betrachern einen Einblick hinter die Fassaden ihrer stark polarisierten Öffentlichkeit.
„We Are Anacostia“ lautet der Titel eines neuen und etwa 60 Meter langen Kunstwerks, das sich im gleichnamigen Stadtteil finden lässt. Seinen Titel trägt das Werk ganz prominent in weißen Großbuchstaben auf himmelblauem Untergrund. Fast wirkt es wie ein Ausruf, der gehört werden will. „Hier sind wir – die Menschen aus Anacostia! Schaut her!“ Inmitten des auffälligen Schriftzugs sind Personen unterschiedlichsten Alters zu erkennen. Der Künstler Luis Peralta Del Valle, der sich von der Gemeinde Anacostias’ inspirieren ließ, zeigt die Menschen des Viertels als Zeitstrahl. Zu sehen sind so beispielsweise zwei junge Kinder, die sich mit Objekten aus Technik und Wissenschaft befassen. Das Kunstwerk zeigt aber auch ein junges Paar mit einer deutlichen Botschaft: „Don’t mute us. Housing for us matters“, steht auf einem Plakat, das die beiden vor ihre Körper halten. „We Are Anacostia“ zeigt außerdem Amerikaner, die die Menschen in Anacostia in der Vergangenheit prägten, wie Marion Barry oder Frederick Douglass. So nimmt das Werk seine Betracher:innen mit auf eine Zeitreise, die zeigt, dass die dringenden Fragen um mehr soziale Gerechtigkeit und erschwinglichen Wohnraum zwar längst gestellt wurden, es aber auch in der Gegenwart noch lange keine Antwort darauf gibt.
Schon mal vom CROWN Act gehört? Der CROWN Act wurde 2019 geschaffen, um die Diskriminierung von Haaren am Arbeitsplatz und in öffentlichen Schulen zu beenden. Auch wenn es unglaublich erscheint, dass es ein solches Gesetz überhaupt geben muss, haben bisher nur 13 Staaten das Gesetz verabschiedet, um den Schutz von unterschiedlichen Haartexturen und -stilen, wie Zöpfen, Locken, Twists oder Knoten, zu gewährleisten. Genau dies greift das Street‑Art‑Kunstwerk „CROWN Act“ von Candice Taylor auf. Zu finden ist das Werk in Anacostia bei Busboys and Poets, einem Unternehmen, das zum großen Teil von Schwarzen Frauen aufgebaut wurde, die dort auf allen Ebenen arbeiten. Es zeigt deutlich: Haare beeinträchtigen nicht ihre Fähigkeit, einen Job ausüben zu können. Dennoch ist die Diskriminierung Schwarzer Körper und Frisuren an vielen Arbeitsplätzen und Schulen in den USA nicht nur im Laufe der Geschichte, sondern auch heute noch präsent und höchst problematisch.
Zum sechsten Mal fand 2021 außerdem das internationale Street‑Art‑Festival D.C. Walls statt, das vom 8. bis 18. September lokale, nationale und internationale Künstler angezogen hat. Zahlreiche neue und außergewöhnlich vielfältige Murals waren auf dem Open-Air-Festival zu bewundern. So zum Beispiel auch das Werk der venezolanisch-amerikanischen Künstlerin Ally Grimm aus Denver. Ihrer Arbeit beschäftigt sich mit dem Aufstieg des technologischen Zeitalters durch die Linse der menschlichen Erfahrung. Ihre Kunst, die beeinflusst wurde von Klängen elektronischer Musik, greift die Energie und Bewegung einer vollen Tanzfläche auf und übersetzt sie in fließende Linien und Muster.