Ob Fantasy, Jugendbuch oder historischer Roman: Diese sieben Bücher sind nicht nur in Deutschland Bestseller, sondern auch international erfolgreich. Übersetzt in zahlreiche Sprachen, erreichen sie Leser*innen auf der ganzen Welt. Welche Titel besonders weit gereist sind, erfahrt ihr in unserer Auswahl.
Zwei geniale, zutiefst unterschiedliche Wissenschaftler haben ein Ziel: Die Vermessung der Welt. Alexander von Humboldt (1769-1859), Naturforscher und Entdecker, streift unablässig durch ferne Länder und Landschaften, Carl Friedrich Gauß (1777-1855), verschrobener Mathematiker, will den Geheimnissen des Raums vor seiner Göttinger Haustür auf die Spur kommen. Daniel Kehlmann greift die kontrastreiche Grundsituation auf und erzählt in seinem 2005 erschienenen Roman abwechselnd die Lebensgeschichte der beiden Ausnahme-Wissenschaftler. Er dichtet ihnen einiges an, fügt einiges hinzu und treibt ein humorvolles Spiel mit Fiktion und Realität. Sein Lesepublikum fand das sofort ganz wunderbar – nicht nur im deutschsprachigen Raum. „Übersetzt in mehr als 50 Sprachen“, sagt die Website des Rowohlt-Verlags, damit ist Kehlmanns Roman eines der am meisten übersetzten fiktiven Werke aus jüngerer Zeit. Die Veröffentlichungsrechte erworben haben Verlage von Albanien bis Vietnam, von Brasilien bis Thailand. Daniel Kehlmann war schon vorher kein unbekannter Autor, Die Vermessung der Welt machte ihn buchstäblich weltberühmt.
Die Kinder- und Jugendbuchautorin Cornelia Funke ist ein internationaler Superstar unter den Schriftsteller*innen. 2005 nahm das TIME-Magazine sie in den Club der 100 einflussreichsten Personen auf. Die Laudatio des TIME-Magazine enthält einen Hinweis auf Funkes Erfolg: Mit ihrer Sprachkunst erreiche sie nicht nur Kinder und Jugendliche, sondern auch Erwachsene. Besonders hervorgehoben: Ihr Buch Tintenherz, 2003 erschienen, und Auftakt zu einer vierbändigen Reihe (Tintenblut, Tintentod, Die Farbe der Rache). Tintenherz basiert auf einer sehr speziellen Idee, die das TIME-Magazine einfach, aber unwiderstehlich nennt, und die angesichts von ungefähr 30 Übersetzungen offensichtlich international anschlussfähig ist: Hauptfigur Mo, ein Buchbinder, besitzt die außergewöhnliche Gabe, durch das Vorlesen Figuren aus Büchern lebendig werden zu lassen. Diese Fähigkeit zieht zahlreiche Abenteuer innerhalb und außerhalb der „Tintenwelt“ für Mo, seine Tochter Meggie, seine Frau Resa, den Gefährten Staubfinger und manche Schurken nach sich. Die gesamte Buchreihe rund um die Macht der Worte gehört zu den international erfolgreichsten deutschsprachigen Fantasywerken der Gegenwart.
Juli Zeh ist als Schriftstellerin, Juristin, Essayistin und ehrenamtliche Richterin im Bundesland Brandenburg in der literarischen und politischen Öffentlichkeit Deutschlands sehr präsent. Wie aber sieht es mit ihrer internationalen Bekanntheit aus? Auch die ist beträchtlich, wurde doch gleich ihr Debütroman Adler und Engel, in Deutschland ausgezeichnet mit dem Deutschen Bücherpreis 2002, in sehr viele Sprachen übertragen, was ihr den internationalen Durchbruch einbrachte. Das setzte sich mit anderen Büchern der Autorin fort, etwa mit ihrem hierzulande sehr erfolgreichen Roman Unterleuten (2016), den ebenfalls viele Verlage außerhalb des deutschen Sprachraums als Übersetzung mit in ihr Programm aufgenommen haben. Wie sehr Juli Zehs schriftstellerisches Wirken insgesamt international bekannt ist und geschätzt wird, dafür sprechen auch die ihr im Ausland verliehenen Auszeichnungen, etwa der der Per Olov Enquist-Preis (2005) und der Prix Cévennes (2008).
Erst 2010 erschienen und schon bald als Klassiker der Jugendliteratur, als Kultbuch einsortiert: Tschick von Wolfgang Herrndorf. Die Geschichte? Ein Road Novel. Die Handlung? Zwei Jugendliche – einer aus bürgerlichem, aber kaputtem Elternhaus, einer aus dem prekären Milieu russischer Spätaussiedler – klauen ein Auto, wollen in die Walachei, kommen nie dort an, erleben dennoch fast mehr, als sie verkraften können. Hintergrund dieses Romans ist ein tragischer: Herrndorf hatte eine Krebsdiagnose erhalten, was ihn motivierte, ein längst begonnenes Jugendbuchmanuskript rasend schnell zu vollenden. Herrndorfs Lektor weist auf die meisterhafte Sprache des Romans hin: „Es ist eine Kunstsprache, die sich für Erwachsene anhört wie Jugendsprache. Das ist auch gut so. Ein Buch in aktueller Jugendsprache wäre drei Jahre später veraltet." Ein mitreißender Plot, eine Sprache, die überdauert – kein Wunder, dass sich mittlerweile Verlage in mehr als 40 Ländern entschlossen haben, ihr Programm mit einer Übersetzung von Tschick zu schmücken. Wolfgang Herrndorf hat den weltumspannenden Erfolg seines Buches nur kurz miterlebt. Er verübte 2013 Suizid.
Eine besondere Premiere: 2024 erhielt Jenny Erpenbeck den International Booker Prize für ihren Roman Kairos, 2021 in Deutschland erschienen – damit ging diese renommierte Auszeichnung zum ersten Mal überhaupt an eine deutsche Autorin. Das Preisgeld von 50.000 Pfund teilten sich die Autorin und ihr Übersetzer ins Englische, Michael Hofmann – womit diese so wichtige Profession einmal ins Rampenlicht rückte. Der Roman begleitet Anfang und Ende der romantischen Beziehung zwischen der 19jährigen Katharina und Hans, der in seinen Mittfünfzigern ist. Beide leben in Ostberlin. Die allmähliche Auflösung ihres Liebesverhältnisses spiegelt sich im nicht aufzuhaltenden Untergang der DDR. Die Mischung von privatem Liebesleid in Zusammenhang mit einer historischen Zäsur wurde von Verlagen in mehr als 30 Ländern für so attraktiv erachtet, dass sie ihren Leser*innen eine Übersetzung präsentiert haben. Angesichts der internationalen Strahlkraft des Booker-Prize konnten diese sich der Aufmerksamkeit für den Roman rund um die „Wende“ und darüber hinaus ziemlich sicher sein.
Zwei Superlative begleiten Nelio Biedermanns Roman Lázár: Der in der Schweiz geborene Autor war bei Erscheinen seines Buches 2025 gerade erst 22 Jahre alt. Und: Lázár ist zeitgleich mit der deutschen Ausgabe in nahezu 20 weiteren Ländern herausgebracht worden – in den USA, in Frankreich, Spanien und Polen etwa. Auch Ungarn war dabei – schließlich erzählt das Buch die Geschichte und den Niedergang einer adligen ungarischen Familie, beginnend mit dem Zerbrechen der österreichisch-ungarischen Monarchie und endend im sowjetisch besetzten Budapest der 1950er-Jahre und der Flucht der letzten Lázár-Nachfahren in die Schweiz. Dass diese Geschichte autobiografisch grundiert ist, dass Nelio Biedermann sich auf große Vorbilder wie Joseph Roth und Thomas Mann beruft, dass der melancholisch-poetische Ton, die eigenwilligen Figuren und ihre ausufernden Leidenschaften einen sofort in den Roman hineinziehen, hat sicher dazu beigetragen, dass Autor und Buch sich in aller Welt größter Beliebtheit erfreuen: Musik- und Poesie-Legende Patti Smith hat sich mit Nelio Biedermann anlässlich seiner Lesereise in New York getroffen: „Writers, readers, now friends“ schrieb sie dazu auf Instagram.
Alles begann 2014/2015 im Selfpublishing. Auf diesem Wege veröffentlichte die studierte Bibliotheks- und Informationsmanagerin Mona Kasten ihre erste Buchreihe Schattentraum, geschrieben für ein Fantasy-affines Lesepublikum. Bald war ein Verlag gefunden – dort brachte Mona Kasten ihre erfolgreiche Again-Reihe (2017-20) unter und machte sich als New-Adult-Autorin einen immer größer werdenden Namen. Das war aber noch nicht das Ende – Mona Kasten legte eine weitere Serie vor. Die Save-Trilogie (2018) hatte direkt Bestseller-Potenzial – und Verkauf und Verbreitung der Bücher gingen international durch die Decke, als sie unter dem Titel Maxton Hall – Die Welt zwischen uns verfilmt und 2024 auf Amazon Prime gezeigt wurden. So gibt der Bastei-Lübbe-Verlag an, dass er die Übersetzungsrechte für die Save-Reihe in mehr als 20 Sprachmärkte veräußern konnte. Mona Kasten ist damit eine deutsche Gegenwartsautorin, die im eher aus dem englischen Sprachraum kommenden Genre New Adult längst nicht mehr nur in Deutschland Erfolge feiert, sondern auf eine große internationale Reichweite für ihre Liebes- und College-Romane stolz sein kann.
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