Berit Glanz über Fanfiction  Doing it for the Plot

Fanfiction
Einige Y/N-Videos, noch viel mehr sind etwa auf TikTok Foto (Detail): © Tiktok pumpkinluaa/weeweepiss/artsycusty

In ihrer letzten Sprachkolumne widmet sich Berit Glanz den vielen Spielarten der Fanfiction. Es ist ja auch reizvoll, sich immer mal wieder als Haupt- oder Nebenfigur in einer aufregenden Geschichte zu inszenieren. Oder in einer romantischen.

Im Bereich der Fanfiction existiert seit Jahren das beliebte, zugleich aber auch kontrovers diskutierte Format der Self-Insert-Geschichten – da versetzen sich Leser*innen in eine bereits bestehende fiktive Welt. Häufig dient hierbei das Kürzel Y/N (Your Name) als Platzhalter für den Namen der Hauptfigur. Diese ist möglichst allgemein gestaltet, sodass sich viele Lesende reibungsfreie in die Rolle der Protagonistin einfühlen können.

In Geschichten eintauchen

Unser Konsum von Fiktionen hat oft etwas mit Identifikation zu tun - Menschen tauchen gerne gedanklich in Geschichten ein. Bieten fiktive Figuren eine solche Identifikationsmöglichkeit, steigert das häufig den Genuss der Rezeption. Also ist Self-Insert-Fanfiction eine besonders ausgeprägte Form dieses allgemeinen Phänomens.

Die Fanfiction-Subkultur im Internet kann vor allem dies besonders gut: Geschichten und Erzählungen verstehen, analysieren und gestalten. Es wird online intensiv darüber diskutiert, wie und warum Geschichten funktionieren. So hat sich im Laufe der Zeit ein komplexes eigenes Vokabular zur Beschreibung von Tropen und Erzählstrukturen entwickelt. Manche Begriffe, wie etwa Y/N, gelangen in den Mainstream der Internetkultur und tauchen schließlich auch wieder in Memes auf.

Memes – Tummelplatz für Nebenfiguren

So war es auch im November 2025: Da entstand auf TikTok und Instagram ein Meme, das sich humorvoll der Perspektive von Nebenfiguren widmet, die von der Liebesbeziehung zwischen Y/N und einem CEO betroffen sind. Oder nehmen wir BookTok – dort sind Liebesromane, in denen die Protagonistin eine Beziehung mit einem mächtigen CEO oder Mafia-Boss beginnt, ausgesprochen beliebt. Das darauf aufbauende Meme besteht aus witzigen Videos, die zeigen, wie andere Figuren im Erzähluniversum auf die nervige Affäre der Hauptfiguren reagieren, etwa indem sie die liegengebliebene Arbeit der Hauptfigur Y/N übernehmen müssen.

Damit gehört das Meme zu einer ganzen Reihe weiterer Formate, die humorvoll auf erzählerische Phänomene Bezug nehmen. Da sind beispielsweise Kurzvideos, in denen sich Menschen seit einigen Jahren parodistisch als Hauptfigur eines Films (Main Character) inszenieren und dabei mit Soundtrack filmhafte Handlungen ausführen. Diese Videos sind nicht nur oft sehr lustig. Sie zeigen auch, dass viele Menschen über einen genauen Blick auf solche Filmklischees verfügen, etwa Gesangsszenen im Badezimmer oder nachdenkliche Spaziergänge in der Dämmerung, mit denen in Filmen Hauptfiguren charakterisiert werden. Zu diesem Genre gehören auch Videos, in denen die typische Ästhetik von Erinnerungssequenzen an eine verstorbene Figur nachgestellt wird: goldenes Licht, verträumte Aufwachmomente voller Zärtlichkeit, spielerische Szenen am Strand.

Handlungen vorantreiben

Manche dieser Memes gehen in den allgemeinen Sprachgebrauch über – bestes Beispiel ist das mittlerweile im Internet omnipräsente „Doing it for the Plot“. Heißt, dass man etwas vor allem deshalb tut, um die Handlung einer Geschichte voranzutreiben.

Eigentlich ist es logisch, dass Menschen, die sich in den sozialen Medien ständig selbst erzählen und inszenieren, irgendwann auch beginnen, mit dem Vokabular zu spielen, das sie sonst für die Analyse von Geschichten und das Sprechen über die Struktur von Erzählungen verwenden. Und manchmal hilft es ja sogar, sich damit zu motivieren, dass bestimmte Handlungen zumindest den größeren Plot des eigenen Lebens vorantreiben. Oder aber man gesteht sich auf lustige Weise ein, dass man sehr oft einfach nur die etwas unbeachtete Nebenfigur in der Liebesgeschichte von Y/N ist.

Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.

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