Manchmal ist die Diagnose einer Krankheit eine Erlösung, manchmal verschärft die Benennung die Belastung. Simon Sahner schaut genauer hin: Was löst es bei Betroffenen aus, wenn ihre Symptome mit dem Namen einer Krankheit auf den Punkt gebracht werden?
In den letzten Jahren hat die Zahl der diagnostizierten ADHS-Fälle in Deutschland stark zugenommen, zwischen 2015 und 2024 um fast das Dreifache – vor allem unter Erwachsenen. Hatten früher weniger Menschen ADHS? Vermutlich nicht. Die Zahl bedeutet in erster Linie, dass es mehr ADHS-Diagnosen gibt. Was das für die betroffenen Personen heißt, ist unterschiedlich.Ein Satz und seine unterschiedlichen Folgen
Für manche ist der Satz „Sie haben ADHS“ wie eine Erlösung, weil er eine Erklärung für eine Reihe von Schwierigkeiten bietet, die bisher nur diffus fassbar waren und die sie ihr ganzes Leben verunsichert haben. Manche stellen später fest, dass die Diagnose für sie an Bedeutung verliert, weil sie einen anderen Umgang damit gefunden haben.Wieder andere fürchten die klare Zuschreibung. Für sie fühlt es sich so an, als hätte man ihnen eine schwere Last auferlegt, sozusagen die Bestätigung: Mit dir stimmt etwas nicht. Vielleicht hatten sie gehofft, dass sie doch schuld an den Symptomen waren. Dann wären sie überwindbar gewesen – mit etwas mehr Willen und Energie.
Und dann gibt es noch Personen, die bekommen nie eine ADHS-Diagnose, entweder weil sie keinen Wert darauf legen oder ihnen die Möglichkeit nicht in den Sinn kommt. Trotzdem erleben sie die gleichen Schwierigkeiten und die gleiche damit einhergehende Frustration.
Benennungen sind bedeutsam
Der Umgang mit ADHS ist ein prägnantes Beispiel dafür, welch große Rolle die sprachliche Benennung von Symptomen und Diagnosen für den grundsätzlichen Umgang mit und die Wahrnehmung von physischen und psychischen Vorgängen spielt, die als ungewöhnlich, belastend oder gefährlich wahrgenommen werden. Letztlich sind Krankheiten, denen wir Bezeichnungen wie AIDS, Krebs oder Multiple Sklerose geben, oder Neurodivergenzen wie ADHS oder das autistische Spektrum, in erster Linie physische oder psychische Vorgänge, bei denen man festgestellt hat, dass sie immer wieder in der gleichen Form und im gleichen Verlauf auftauchen. Dieser Erkenntnis folgend, hat man ihnen einen festen Namen oder eine Bezeichnung gegeben.Dass dieser Vorgang neutral und streng wissenschaftlich abläuft, ist ein Ideal, aber keine Selbstverständlichkeit. So galt lange Zeit der Begriff Hysterie als valide Diagnose, tatsächlich aber verbargen sich hinter ihm vor allem misogyne Zuschreibungen. Oder: Als die ersten Fälle von AIDS entdeckt wurden, existierte die Bezeichnung noch nicht. Es dauerte lange, bis man erkannt hatte, um was es sich genau handelt. Eine Zeit lang sprach man von GRID (Gay Related Immune Deficiency, deutsch etwa: Schwulenbezogenes Immundefizit), weil fälschlicherweise angenommen wurde, die Krankheit beträfe nur homosexuelle Männer.
Auf den Kontext kommt es an
Als Diagnosen ausgesprochene Benennungen sind also nicht immer neutral. Sie stehen nicht grundsätzlich in einem rein medizinischen oder psychologischen Kontext, sondern in ihnen spiegeln sich gesellschaftliche Diskurse, Diskriminierungen und Annahmen, die sich später als falsch erweisen können. Trotzdem sind sie entscheidend und unabdingbar. Erst durch den Vorgang der Bezeichnung werden Menschen in die Lage versetzt, sich mit den dahinterstehenden Phänomenen zu befassen, sie zu behandeln, zu beobachten, damit umzugehen oder sie zu heilen.Auch für Betroffene sind diese Begriffe nicht einfach Bezeichnungen für medizinische oder psychologische Tatsachen. Hinter ihnen verbergen sich Narrative, die Betroffene belasten und zu Stigmata werden können oder die ihnen Erleichterung verschaffen. Für manche fühlt es sich so an, als würde eine Krankheit oder eine Auffälligkeit erst durch ihre Diagnose ausgelöst. Als ich vor etwa neun Jahren die Diagnose Knochenkrebs bekam, hatte ich zwar schon seit Jahren Schmerzen im Knie verspürt. Aber erst in dem Moment, als mir jemand sagte „Sie haben Krebs“, wurde die Krankheit für mich zur Realität, auch wenn sie schon lange da war. Die Diagnose brachte die Krankheit nicht hervor, aber sie machte sie für mich fassbar und löste Ängste und Gedanken aus.
Die entscheidende Erkenntnis ist: Medizinische und psychologische Auffälligkeiten existieren unabhängig von ihrer Bezeichnung. Aber erst durch ihre Bezeichnung werden sie zu Phänomenen, die medizinisch oder psychologisch gefasst werden können. Der richtige Umgang mit dieser sprachlichen Ebene ist eine Herausforderung, die sich nicht auf die Medizin und die Psychologie beschränkt.
Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.
April 2026