Wer krank ist, ist krank und kann dann nicht arbeiten – sollte man meinen. Dennoch suggerieren Kreise aus Politik und Wirtschaft oft, Menschen ließen sich aus Faulheit oder Schwäche krankschreiben. Simon Sahner beklagt diese Unterstellung – und zeigt die fatalen gesellschaftlichen Folgen solcher Zuschreibungen auf.
Haben Sie sich schon einmal gefragt, ob es wirklich notwendig war, krank zu sein? Eine seltsame Frage, zugegeben, schließlich suchen sich die wenigsten Menschen aus, ob sie krank werden. Das scheint Bundeskanzler Friedrich Merz zumindest teilweise anders zu sehen. Er fragte im Januar 2026 mit Blick auf die Zahl an Krankheitstagen, die deutsche Arbeitnehmer*innen im Schnitt pro Jahr ansammeln: „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“Man kann natürlich prinzipiell die Frage stellen, ob wir als Gesellschaft genug dafür tun, dass Menschen gesund bleiben – durch allgemeine Stressreduktion, eine gute Gesundheitsvorsorge und die Förderung eines gesunden Lebensstils. Das war aber wohl nicht gemeint. Relativ deutlich beklagte Friedrich Merz, dass die Deutschen seiner Ansicht nach zu oft „krank machen”, sich also unnötig krankschreiben lassen.
Ungesunde Kombination: Krankheit und schlechtes Gewissen
Die Aussage des Kanzlers ist ein Beispiel für eine gefährliche Art, öffentlich über Krankheiten und das Kranksein an sich zu sprechen. In einer kapitalistischen Gesellschaft, in der der Einzelne auch und nicht zuletzt nach seiner Leistung bewertet wird, schwebt ein Kranker stets in Gefahr, als faul abgestempelt zu werden. Vielleicht ist sein Leiden doch nicht so schlimm, vielleicht könnte er trotz allem arbeiten oder vielleicht – die schlimmste Unterstellung – behauptet er nur, krank zu sein, um nicht arbeiten zu müssen. Das hat zur Folge, dass viele Menschen zusätzlich zu ihrer Krankheit ein schlechtes Gewissen bekommen und sich deshalb nicht die nötige Ruhe gönnen, um gesund zu werden: Wer erkältet ist, schleppt sich dennoch zur Arbeit, weil er nicht als faul gelten will. Wer an chronischen Krankheiten leidet, beißt auch an besonders schlechten Tagen die Zähne zusammen, damit ihm niemand vorwerfen kann, er würde simulieren. Und wer eine Krankheit hat, die man nicht sofort sieht, redet am liebsten erst gar nicht darüber.Bloß keine „Schwäche“ zeigen
Andeutungsvolle Fragen wie die von Friedrich Merz sind mit ein Grund dafür, dass viele Menschen stolz darauf sind, sich von einer Krankheit nicht „umhauen” zu lassen, wie man so sagt. Im Kontext der auf Merz‘ Aussagen folgenden Debatte ging beispielsweise ein Video des Business Insider viral, in dem Manager gefragt wurden, wann sie das letzte Mal krankgeschrieben waren. Die meisten antworteten mit stolz geschwellter Brust, das sei noch nie der Fall gewesen oder zuletzt vor vielen Jahren.Da nicht davon auszugehen ist, dass diese meist älteren Männer niemals krank werden, muss man annehmen, dass sie entweder krank weitergearbeitet haben oder es ihnen unangenehm war, vor einer Kamera zu sagen, dass sie manchmal gesundheitsbedingt nicht in der Lage sind, am Arbeitsplatz zu sein. In beiden Fällen ist diese Art des Sprechens über Krankheiten, bei dem man das Kranksein entweder leugnet oder sich ostentativ nicht von seiner Leistung abhalten lässt, ein Zeichen dafür, dass Krankheit mit Schwäche assoziiert wird. Dass Menschen sich nicht trauen, offen über ihre Krankheiten zu sprechen, um nicht als schwach zu gelten, ist aber nur der Anfang einer schiefen Bahn, auf die wir als Gesellschaft unweigerlich Gefahr laufen zu geraten. Irgendwann landet man nämlich bei der Frage, welcher Mensch in welchem Zustand wieviel wert ist.
Prävention als gesellschaftliche Aufgabe
Dabei ist das offene und ehrliche Reden über Krankheiten und Behinderungen eine entscheidende Voraussetzung dafür, dass Menschen die richtige Behandlung erfahren oder ein Bewusstsein für bestimmte Leiden entsteht. Vielleicht sind die knapp fünfzehn Krankheitstage, die Arbeitnehmer*innen in Deutschland im Schnitt pro Jahr nehmen, unter ökonomischen Aspekten tatsächlich zu viele. Aber dann sollten sich alle zunächst die Frage stellen, was wir als Gesellschaft dafür tun können, dass Menschen weniger häufig krank werden.Sprechstunde – die Sprachkolumne
In unserer Kolumne „Sprechstunde“ widmen wir uns alle zwei Wochen der Sprache – als kulturelles und gesellschaftliches Phänomen. Wie entwickelt sich Sprache, welche Haltung haben Autor*innen zu „ihrer“ Sprache, wie prägt Sprache eine Gesellschaft? – Wechselnde Kolumnist*innen, Menschen mit beruflichem oder anderweitigem Bezug zur Sprache, verfolgen jeweils für sechs aufeinanderfolgende Ausgaben ihr persönliches Thema.
April 2026