(Nicht-)traditionelle Familien – David (42) „Eine Beziehung zwischen zwei Fremden mit Kindern in einem gemeinsamen Nest“

David (42) Foto: © Daniel Ryba

David (42)* lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Vorschulalter (sechs und fünf Jahre) in derselben Wohnung. Was sie von einer normalen Familie unterscheidet, ist, dass David und seine Frau seit mehr als zwei Jahren getrennt sind. Das einzige, was sie noch verbindet, ist die Betreuung ihrer Kinder, die sie zu gleichen Teilen übernehmen. Sie haben sich für das sogenannte „Nestmodell“ entschieden, bei dem die Kinder in einer Wohnung wohnen und die Eltern sich abwechselnd um sie kümmern.

(Nicht-)traditionelle Familien in der Slowakei

Auch wenn viele das immer noch nicht wahrhaben wollen: Familie kann längst mehr bedeuten als Mutter-Vater-Kind(er). Davon zeugen auch drei sehr persönliche Gespräche mit Menschen, deren Familienleben nicht den „traditionellen“ Vorstellungen der slowakischen Gesellschaft entspricht. Das Gespräch mit David ist eines davon. Lest hier mehr über den gesellschaftlichen Hintergrund und die anderen Interviews:

Kannst du eure Ehe etwas näher beschreiben?

Meine Ehe mit Jana existiert nur noch auf dem Papier. Wir lassen uns bald scheiden, das ist bloß noch eine Formalität. Die Trennung war entscheidend, zumindest für mich. Endgültig beendet haben wir unsere Beziehung Anfang 2020, also kurz vor den ersten Pandemiemaßnahmen.

Und die Geschichte eurer Ehe, bevor ihr euch getrennt habt?

Wir sind 2003 zusammengekommen. Geheiratet haben wir dann nach sieben Jahren Beziehung und fünf Jahre später wurde unser erstes Kind geboren. Etwas mehr als ein Jahr später dann das zweite. Im Jahr 2019 haben wir schließlich eine Krise durchgemacht, die wir nicht überstanden haben und irgendwann waren wir schließlich über den Punkt hinaus, an dem die Ehe noch hätte gerettet werden können.

Wie war eure Beziehung?

Wir hatten eine ziemlich intensive Beziehung. Ehrlich und offen. Uns beiden lag die Beziehung am Herzen, und wir haben beide versucht, daran zu arbeiten. Nach und nach bekamen wir bei Freunden, Bekannten und in der Familie das Image eines starken Paares. Wir waren ein Paar, das nicht so einfach zu erschüttern war. Wir hatten keine Geheimnisse voreinander und versuchten gleichzeitig auch, uns gegenseitig so viel Freiheit wie möglich zu lassen. Mit etwas Abstand wird mir jetzt bewusst, dass das mit Freiheit nicht so war, wie ich damals dachte. Wir sind an die Grenzen der persönlichen Freiheit gestoßen. Aber wir haben es wirklich versucht.

Wir haben einander auch zugestanden, uns zu verlieben. Wir haben sogar Romanzen oder Beziehungen zu anderen Menschen überstanden.“

Kannst du das konkreter beschreiben?

Zum Beispiel haben wir uns gegenseitig nichts verboten. Für uns war es undenkbar, uns gegenseitig zu verbieten, jemanden zu treffen. Aber wir sind noch weiter gegangen. Wir waren so gut befreundet, dass wir uns sogar über Fälle austauschen konnten, in denen wir jemanden mochten. Wir haben einander auch zugestanden, uns zu verlieben. Wir haben sogar Romanzen oder Beziehungen zu anderen Menschen überstanden.

Wie habt ihr das geschafft?

Die Grundlage dafür war unsere Abmachung, dass unsere Gefühle für andere Menschen keine Bedrohung für unsere Beziehung darstellen würden. Und gegenseitiges Vertrauen, dass wir es wirklich ernst meinen. Deshalb konnten wir über diese Dinge sprechen. Keiner von uns beiden hat den anderen belogen. Wir teilten unsere Erfahrungen, unsere Freuden, aber auch unsere Ängste, Zweifel und Schmerz. Wir haben versucht, alles, was passierte, in die Beziehung zu integrieren und es nicht zu einem Hindernis zu machen. Wir haben einander nicht betrogen, deshalb gab es keine Untreue.

Einerseits hört sich das fast nach einer zu guten Beziehung an, andererseits kann man es auch als eine unreife Beziehung voller Zündstoff betrachten, in der jeden Moment eine Bombe hochgehen kann.

Man kann das auf alle möglichen Arten betrachten. Jeder würde das aus seiner eigenen Perspektive sehen und beurteilen. Anhand von übernommenen Konventionen, eigenen Wünschen oder Ängsten. Ich sehe es so, dass wir einfach realistisch waren. Es war ja nicht so, dass wir andere Beziehungen gesucht hätten. Wir hatten einfach keine Angst vor ihnen. Das funktionierte eine ganze Weile lang. Wir haben auch eine schwierige Phase bewältigt, als Jana einige Jahre nicht schwanger werden konnte. Sie hat das nur schwer verkraftet. Nach mehr als sieben Jahren hatten wir es endlich geschafft. Das zweite Kind kam dann sofort und ohne Komplikationen.

Woran ist eure Beziehung letztendlich gescheitert?

Jana hat sich in meinen besten Freund verliebt. Das war ein Mensch, den ich als meinen geistigen Zwilling betrachtet habe. Tja, und er hat sich auch in sie verliebt. Ich habe mich nicht darüber gewundert und für mich war es irgendwie logisch, dass die beiden Menschen, die mir am nächsten standen, zueinander finden würden. Nur dass mir dann das Ganze doch zu viel war.

Inwiefern war das anders als frühere Außenbeziehungen?

Das war ernst. Sie haben sich sehr heftig ineinander verliebt, fast schicksalhaft. Und zwischen den beiden entwickelte sich eine starke, authentische Beziehung. Ich konnte es nicht ertragen, damit konfrontiert zu werden. Zum einen war ich frustriert und eifersüchtig, weil man nach siebzehn Jahren Beziehung einfach nicht mehr diese Art von heißer Verliebtheit hat, ganz unabhängig davon, wie es am Anfang war und wie stark die Beziehung ist, die man sich aufgebaut hat. Keiner der beiden hatte die Absicht, unsere Ehe zu zerstören. Bei mir hat jedoch die Angst allmählich die Oberhand gewonnen. Ich fühlte mich bedroht und wusste nicht, was ich dagegen tun sollte. Ich machte meinem Ärger mit Wutausbrüchen Luft und reagierte oft auf eine Weise, dass ich mich selbst nicht wiedererkannte. Ich war ein verzweifelter Mann, der verzweifelte Dinge tat. Alles, was passierte, war, dass Jana sich emotional von mir entfernte, bis sie schließlich das ausschaltete, was ich für das Wichtigste in einer Beziehung halte: das Urvertrauen. Gleichzeitig hat sich aber auch mein bester Freund von mir abgekapselt. Komplett. Er hat den Kontakt zu mir völlig abgebrochen, ich hörte auf für ihn zu existieren, ich weiß nichts mehr über ihn.

Wir verhalten uns wie eine normale Familie. Auch unser Freundes- und Bekanntenkreis erfährt erst nach und nach davon.“

Musstest du nach der Trennung von Jana zusammen mit ihr in einer Wohnung den Lockdown zubringen?

Tatsache ist, dass wir weiterhin zusammenleben. Aber nicht, weil der Lockdown uns dazu gezwungen hat. Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie trugen nur dazu bei, dass unsere Mobilität stark eingeschränkt war, was letztendlich bei allen der Fall war. Nur dass wir an einem Ort gefangen waren, nachdem wir uns entfremdet hatten. Psychisch gebrochen, erschöpft und mit Kindern in derselben Wohnung. Wegen der Pandemie waren wir oft auf engstem Raum zusammen, aber nach und nach fand jeder mehr Zeit für sich selbst. Die Zeiten, in der wir alle vier zusammen sind, werden immer kürzer. Aber wir wollen sie nicht ganz abschaffen. Ich denke, der Grund ist klar.

Die Kinder?

Wir haben beide nach Kräften alles getan, um für sie ein normales Umfeld zu schaffen und kein Schlachtfeld. Das hat natürlich nicht immer geklappt. Wir haben beide eine intensive Psychotherapie gemacht und an uns gearbeitet. Ich bin sicher, das hat uns geholfen.

Habt ihr ihnen eure Situation irgendwie erklärt?

Ja, natürlich. Aber ganz genau erst einige Monate nachdem wir mit dem Nestmodell begonnen hatten. Wir schilderten die Situation, in der wir uns bereits befanden. Etwa so: „Ihr habt vielleicht bemerkt, dass wir immer seltener zusammen sind, dass entweder Papa oder Mama weg ist. Das liegt daran, dass jeder von uns Zeit und Raum für sich selbst braucht, ganz allein. Aber wir sind immer für euch da. Egal was passiert, wir lieben euch und einer von uns ist immer bei euch.“ Die Kinder nahmen es sehr gelassen. Denn wir haben nur die Lage beschrieben, in der sie bereits tatsächlich gelebt haben. Ich verstand, dass es schlimmer wäre, nicht mit ihnen zu reden, als die Karten offen auf den Tisch zu legen. Das hätte ein Gefühl von Unsicherheit und Angst hervorgerufen.

Ist Streit bei euch nicht an der Tagesordnung? Oder unerträglich dicke Luft?

Nein. Ich glaube nicht, dass wir häufiger Konflikte haben, als üblicherweise in anderen Familien. Oder im Vergleich zu den Zeiten, in denen wir ein funktionierendes Paar waren. Was sich geändert hat, ist die emotionale Aufladung. Das enorme Gewicht, das jeder Kleinigkeit beigemessen wird. Jana geht damit so um, dass sie sich emotional abkapselt, und ich lerne, die Wut zu verarbeiten. Aber das ist nicht das, was mir für die Kinder am meisten Leid tut. Am schwersten tue ich mich damit, dass wir keine liebevolle Umgebung für sie schaffen. Ich meine, die Liebe ist da, aber jeweils nur zwischen Elternteil und Kind. Sie können jedoch nicht die Erfahrung machen, wie es ist, wenn die Eltern einander lieben. Das bricht mir das Herz. Wir versuchen, uns abzusprechen und gut miteinander auszukommen. Das ist uns weitgehend gelungen. Aber es ist eine Beziehung zwischen zwei Fremden, die nur durch die Verantwortung zu ihrem gemeinsamen Nachwuchs verbunden sind.

Wie denken eure Familien darüber?

Sie haben es erst kürzlich erfahren. Und die entfernte Verwandtschaft hat immer noch keine Ahnung. Wir verhalten uns wie eine normale Familie. Auch unser Freundes- und Bekanntenkreis erfährt erst nach und nach davon. Meine Eltern, die übrigens geschieden sind, waren schockiert. Meine engsten Freunde ebenfalls. Für sie war es unvorstellbar, dass ein Paar wie wir so enden könnte.

Wie funktioniert das mit euch jetzt?

Wir teilen uns die Kinderbetreuung zu gleichen Teilen. Wir erstellen unseren Zeitplan einen Monat im Voraus. Wer „im Dienst“ ist, bleibt zu Hause, in der Regel in einem zweitägigen Rhythmus. Derjenige kümmert sich dann um die Kinder, bringt sie zum Kindergarten, holt sie ab und kümmert sich um den Haushalt. Der andere ist dann meist nicht da. Jana arbeitet in Bratislava und wohnt auch dort. Ich war in einer ähnlichen Situation.

Ist Jana mit diesem Freund zusammen geblieben?

Ich weiß es nicht. Darüber, wie sie außerhalb unseres Haushalts lebt, weiß ich so gut wie gar nichts. Ich weiß nicht, ob sie mit ihm zusammen ist. Oder ob sie einen anderen hat. Ich weiß nur, dass sie jemanden hat, aber dass es keine richtig erfüllende Beziehung ist.

Und hast du jemanden?

Ich hatte eine Freundin in Bratislava, aber ich habe mich vor kurzem von ihr getrennt. Sie sehnte sich nach einer engeren Beziehung mit der Aussicht auf die Gründung einer Familie. Das konnte ich ihr nicht geben, nicht einmal auf längere Sicht gesehen. Ich habe versucht, so oft wie möglich bei ihr zu sein, aber das war immer noch zu wenig. Zudem habe ich eine Vollzeitstelle in meiner Stadt gefunden. Das und die Betreuung meiner Kinder ließen mir nicht genug Zeit, um eine Beziehung aufzubauen.

Die Kinder sind auch der Grund, warum weder Jana noch ich eine erfüllende Beziehung zu einem anderen Menschen haben. Dafür gibt es keinen Platz.“

Das klingt, als hätten deine Kinder für dich oberste Priorität.

Ja, ja. Und ich muss sagen, für Jana auch. Wenn sie die Kinder hat, kann sie im Home Office arbeiten. Bei mir war es ähnlich. Meine Arbeit richtete sich auch nach der Betreuung der Kinder und ich habe selbständig von zu Hause aus gearbeitet. Dieses „getrennte“ Leben bringt jedoch auch höhere Ausgaben mit sich, also habe ich einen Vollzeit-Bürojob angenommen. Aber ich musste mir für die Tage, an denen ich Dienst habe, eine Babysitterin suchen, die die Kinder von der Kita abholt und sich um sie kümmert, bis ich von der Arbeit zurück bin.

Helfen die Großeltern nicht bei der Betreuung der Enkelkinder?

Nein. Die einen wohnen weit weg, die anderen sind dazu nicht in der Lage. Wir waren von Anfang an mit unseren Kindern auf uns allein gestellt. Hilfe ist sehr wertvoll, aber sie funktioniert nur manchmal und für kurze Zeit.

Ist euer Nestmodell weiter machbar?

Ich weiß es nicht. Es ist sicherlich eine Herausforderung. Das braucht Zeit, Energie und Geld. Denn wir beide scheinen ein Doppelleben zu führen. Zunächst wechselten wir uns nach einem Tag ab und verlängerten die Abstände allmählich. Aber wir werden sicher irgendwann den Punkt erreichen, an dem die Kinder alt genug sind, um ihrerseits das Wechseln zu bewältigen. Und das ist der Hauptgrund, warum ich zum Beispiel nicht nach Bratislava ziehen möchte.

Die Kinder sind auch der Grund, warum weder Jana noch ich eine erfüllende Beziehung zu einem anderen Menschen haben. Dafür gibt es keinen Platz. Ich kann mir noch nicht vorstellen, dass wir uns mit möglichen Partnern in unserem Nest abwechseln. Nach der finanziellen Trennung wird das Ganze wahrscheinlich kompliziert werden. Wenn die Wohnung dann nur noch einem gehört, wird sich zeigen, ob wir das momentane System fortsetzen können. Denn der andere wird praktisch die Hälfte der Zeit zu Besuch sein. Es liegen also noch einige Herausforderungen vor uns.
 

* David heißt eigentlich anders. Er möchte aus verständlichen Gründen anonym bleiben. Die Redaktion kennt die Identität des Interviewten.

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