(Nicht-)traditionelle Familien – Peter (39) „Wir sind ein treues Paar – und Geächtete im eigenen Land“

Peter (39) Foto: © Daniel Ryba

Peter (39)* lebt seit zwei Jahrzehnten mit seinem Freund zusammen. Er sagt über seine Partnerschaft, dass sie in gewisser Weise eine traditionellere Familie bilden als die meisten anderen Familien in der Slowakei. Dennoch werden sie ausgegrenzt… weil sie ein gleichgeschlechtliches Paar sind.

(Nicht-)traditionelle Familien in der Slowakei

Auch wenn viele das immer noch nicht wahrhaben wollen: Familie kann längst mehr bedeuten als Mutter-Vater-Kind(er). Davon zeugen auch drei sehr persönliche Gespräche mit Menschen, deren Familienleben nicht den „traditionellen“ Vorstellungen der slowakischen Gesellschaft entspricht. Das Gespräch mit Peter ist eines davon. Lest hier mehr über den gesellschaftlichen Hintergrund und die anderen Interviews:

Wie ist das Leben für euch hier?

Wir sind seit 20 Jahren zusammen und unsere Situation ändert sich nicht. Wir sind Geächtete in unserem eigenen Land. Bestenfalls ignoriert man uns. Und im schlimmsten Fall, vor allem vor Wahlen, werden wir beleidigt und erniedrigt.

Ihr haltet fest zusammen. Wie war das mit euch am Anfang?

In meiner Familie war es schwierig. Ich bin während des Studiums Hals über Kopf von zu Hause ausgezogen, als ich 20 Jahre alt war, ich hatte gar nichts und einen Leasingvertrag am Hals. Danach habe ich meine Familie drei Jahre lang nicht mehr gesehen. Erst dann hat mein Partner irgendwie darauf hingewirkt, dass wir uns wieder getroffen haben.

Dein Freund hat dir geholfen, wieder mit deiner Familie Kontakt aufzunehmen?

Ich wohnte ein Jahr lang bei ihm und seiner Mutter, die mich wie ihr eigenes Kind aufnahm. Wegen meines Studiums zogen wir dann in eine größere Stadt um.

Ich war aber mit meinen Geschwistern in Kontakt. Es war witzig, als sie uns zu Weihnachten einluden, nachdem wir uns zwei Jahre nicht mehr gesehen hatten. Sie stellten die Bedingung, dass wir uns nicht küssen sollten. Wir sind nicht hingefahren. Im nächsten Jahr waren wir zu Weihnachten dann bei der Familie. Ohne Bedingungen.

Nur damit du das verstehst: Das war genau die Art von Situation, in der man davon überzeugt ist, dass sie das zu Hause gelassen sehen würden, denn sie hatten schon oft betont, dass Sexualität eine persönliche Angelegenheit jedes Einzelnen ist. Aber eben nur so lange, bis es sie selbst betraf. Die erste Reaktion zu Hause war ein Internetverbot, ein Verbot, nach Bratislava zu fahren, und ich musste mich auf HIV testen lassen.

Meine Eltern schämen sich für mich, für uns. Sie würden das nie zugeben, aber ich weiß, dass ich eine Enttäuschung für sie bin.“

Aber du hast für dich selbst gekämpft. Du und dein Partner habt klargestellt, dass sie euch entweder so nehmen, wie ihr seid, oder sie sehen euch eben nicht. Das hat ganz gut funktioniert, oder nicht?

Wie man es nimmt. Es war dann so eine seltsame Situation, wenn in der engsten Familie alles in Ordnung zu sein scheint, aber in Wirklichkeit ist es das nicht.

In der Kreisstadt, aus der ich komme, habe ich mich immer aktiv engagiert. Und in einer Kleinstadt ist es wichtig, was andere von einem denken. Meine Eltern schämen sich für mich, für uns. Sie würden das nie zugeben, aber ich weiß, dass ich eine Enttäuschung für sie bin. Sie werden wahrscheinlich nie darüber hinwegkommen. Du musst dir nur mal die Tatsache vor Augen halten, dass ich für eine progressive Partei kandidierte, während sie und meine Schwester die Faschisten gewählt haben.

Hui, da tut sich eine ganz schöne Kluft auf!

Ich habe sie auf Facebook blockiert, nachdem ich Papas Kommentar unter einem Beitrag auf der satirischen Webseite „Zomri“ (Stirb!) gesehen hatte. Sofort bekam ich Meldungen von der Seite und Anfragen, was denn da los sei. Die Familie, aus der ich stamme, ist der Verschwörungsszene völlig verfallen. Das kommt zwar heutzutage öfter vor, aber meine Situation wird dadurch noch viel schlimmer.

Wie ist es bei der Familie deines Partners? Du hast seine Mutter erwähnt.

Die Mutter meines Partners war schwer krank. Das wäre eine Geschichte für sich. Sie war ein toller Mensch. Direkt, nachdem mein Freund meine Eltern und mich irgendwie wieder in Kontakt gebracht hatte, nahmen wir sie zu einem Ausflug in meine Heimatstadt mit. Ich wollte sie mit meiner Familie bekannt machen, ihr das Haus zeigen und wie wir leben. Sie litt sehr wegen ihrer Lunge, die nur noch zu 40 Prozent funktionierte. Als wir sie nach dem Ausflug nach Hause fuhren, war es das letzte Mal, dass wir sie lebend sahen. Sie war Krankenschwester und ich glaube, sie hat ihr Leben selbst beendet, nachdem sie sich vergewissert hatte, dass es uns gut geht. Mein Freund hat noch einen Bruder. Oder besser gesagt, hatte. Er war gewalttätig. Nachdem die Erbschaftsangelegenheiten geregelt waren, hat er den Kontakt zu ihm komplett abgebrochen.

Was meinst du damit, wenn du sagst, dass du und dein Partner eine traditionellere Familie seien als die meisten anderen Familien?

Wir wohnten schon zusammen, während ich noch studierte. Nach drei Jahren zogen wir etwas weiter aus der Stadt raus. Wir waren noch nicht einmal richtig eingezogen, da organisierte der Nachbar aus dem Block nebenan bereits eine Unterschriftensammlung. Weil sie „so welche wie uns“ dort nicht haben wollen. Ich habe das erst erfahren, als wir schon sechs Monate lang Nachbarn waren.

Dabei sind wir insofern traditionell, dass wir keine unehelichen Kinder haben. Wir haben ein gemeinsames Konto. Wir leben nicht wie manche Paare „pro forma“ zusammen, damit man im Dort nicht lästert, sondern weil wir es wollen.

Das klingt nach einer soliden und authentischen Beziehung.

Meiner Meinung nach muss die Familie als soziales Konstrukt neu definiert werden. Zum Vergleich: Wir haben gerade einen Mann kennen gelernt, der gelegentlich Dates mit einem anderen Mann hat. Dabei hat er eine Freundin. Und zwei Ex-Frauen. Und er hat drei Kinder. Das ist extrem, aber es gibt staatliche Regelungen dafür. Wir beide werden ignoriert.

Haben du und dein Freund euch jemals mit dem Wunsch beschäftigt, ein Kind großzuziehen?

Auf keinen Fall in der Slowakei.

Warum?

Es gibt so viele Gründe, dass das hier nie ein Thema war. Ich hätte auch in einer heterosexuellen Beziehung ein Problem damit, ein Kind zu haben. Ich habe Beziehungen mit Frauen gehabt. Aber die Slowakei ist kein guter Ort zum Leben und um Kinder aufzuziehen. Da mein Freund und ich ganz von vorn anfingen, sprachen auch finanzielle Gründe dagegen. Nachdem ich mich vor meiner Familie geoutet hatte, borgte mir beispielsweise die Mutter eines Freundes Geld für eine Leasingrate, meine eigene Mutter aber nicht...

Lange Zeit haben wir überhaupt nicht daran gedacht, uns mit dem Thema Adoption zu befassen. Es gab keine Großeltern, die hätten helfen können. Adoption ist etwas anderes als Elternschaft. Ein Kind kann man adoptieren, wann immer man will. Ein Kind bekommen Menschen auch oft ungeplant. Dann hilft die Familie. Man hat jemanden, auf den man sich verlassen kann. Wir haben mit Ach und Krach einen Kredit für die Wohnung bekommen. Heute könnten wir es uns leisten, ein Kind aufzuziehen, aber wir wollen es nicht. Und die Situation in der Slowakei ist auch nicht gerade günstig dafür.

Unsere Beziehung ist vollkommen öffentlich, war sie schon immer. Das Sorgerecht für ein Kind zu bekommen, ist in der Slowakei schwierig und für zwei Männer nur theoretisch möglich. Da ist es viel einfacher, „sich ein Kind zu machen“. Mütter könnte man finden, sie haben sich uns sogar angeboten. Aber wir wollen das nicht, das wäre egoistisch und dem Kind gegenüber ungerecht. Eine unschuldige Person wissentlich in eine solche Situation zu bringen, und noch dazu in einer Gesellschaft wie der unseren... Nein.

Ein Kind zu adoptieren, wäre in diesem Land undenkbar. Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, nicht des Staates. Und das wird hier immer schlimmer.“

Würdet ihr darüber nachdenken, wenn in der Slowakei jeder die gleiche Chance hätte, ein Kind zu adoptieren, unabhängig von seiner sexuellen Orientierung? Wäre dann dieser Wunsch vorhanden?

Vielleicht würden wir ein kleines Kind aus einem Waisenhaus aufnehmen. Denn wir haben es nicht nötig, einen Stammhalter für Namen und Traditionen aufzuziehen. Dafür habe ich einen Bruder. Wahrscheinlich aber eher nicht, denn wir sind ständig mit einem Bein weg aus der Slowakei. Mit einem Adoptivkind wäre das noch komplizierter. Dabei investieren wir nicht einmal mehr in die Wohnung.

Ich frage, weil ich wissen möchte, ob dieser Staat möglicherweise dafür verantwortlich ist, dass ein Kind aus einem Waisenhaus in einem Heim bleiben muss, bis es 18 ist. Und das nur, weil man dir und deinem Partner verbietet, es in eure Familie aufzunehmen.

Der Staat verbietet es nicht, aber er ermöglicht es auch nicht. Worauf der Staat Einfluss hat, ist die eine Sache. Dann gibt es noch den sozialen, den gesellschaftlichen Kontext. Einerseits würde mein Freund der Supervater werden. Ich sehe, wie er mit den Neffen und Nichten umgeht. Andererseits müssen sich solche Familien auch in Ländern, in denen der Staat das fördert, immer beweisen. Zum einen gegenüber den Behörden, vor allem aber auch vor den Nachbarn und der Familie.

Wenn ich über meine Erfahrungen mit meiner Familie, meinen Nachbarn und der Gesellschaft nachdenke, komme ich zu einem klaren Ergebnis. Ein Kind zu adoptieren, wäre in diesem Land undenkbar. In einer solchen Situation ist ein Waisenhaus wahrscheinlich besser für das Kind. Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, nicht des Staates. Und das wird hier immer schlimmer.

Du klingst sehr pessimistisch.

Weißt du was, vielleicht bin ich am Ende sogar froh, dass dieser Staat uns als Familie ignoriert und übersieht! Denn wenn ich sehe, welche Unterstützung normale Familien hier bekommen, dann muss man wirklich gar nicht neidisch sein. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn es hier auch die eingetragene Lebenspartnerschaft geben würde. Ich würde nicht obdachlos werden wollen, wenn meinem Partner etwas passiert. Denn in diesem Fall würde sein Bruder, mit dem er keinen Kontakt mehr hat, unsere Wohnung bekommen.
 

* Peter heißt eigentlich anders. Er möchte aus verständlichen Gründen anonym bleiben. Die Redaktion kennt die Identität des Interviewten.

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