(Nicht-)traditionelle Familien – Einleitung Familien aus der Schublade – Nicht die Norm und doch normal

Nicht die Norm und doch normal Foto: © Daniel Ryba

Auch wenn viele das immer noch nicht wahrhaben wollen: Familie kann längst mehr bedeuten als Mutter-Vater-Kind(er). Davon zeugen auch drei sehr persönliche Gespräche mit Menschen, deren Familienleben nicht den „traditionellen“ Vorstellungen der slowakischen Gesellschaft entspricht.

Der Mythos von der traditionellen Familie ist in der Slowakei tief verwurzelt. Unter einer traditionellen Familie versteht man das Modell mit einem Vater und einer Mutter, die verheiratet sind und ein oder mehrere Kinder großziehen. Dieses althergebrachte Modell halten christliche Aktivisten für das einzig richtige, für romantisch und glücklich. Ihnen zufolge müssen wir es schützen und zu diesem Konzept der traditionellen Familie zurückkehren. Kulturwissenschaftler weisen jedoch darauf hin, dass die traditionelle Familie, wie sie vom konservativen Diskurs heute dargestellt wird, so nie existiert habe. Die traditionelle Familie ist Teil des politischen Kampfes geworden.

Das Modell der Kernfamilie wurde zum heiligen Gral erhoben, nach dem man als Bürger*in zu streben habe. Dieses klassische Konstrukt habe ein privilegiertes Existenzrecht und müsse verteidigt werden gegen Chimären wie die „Homo-Lobby“, Vertreter*innen der LGBTI, der Liberalen und der Progressiven. Diese Gruppen wurden gar von slowakischen Bischöfen bezichtigt, eine „Kultur des Todes“ zu repräsentieren.

Demgegenüber stehen jedoch in der slowakischen Realität die alltäglichen Erfahrungen der Menschen. Die folgenden drei sehr persönlichen Gespräche handeln von Familien, die nicht zur Vorstellung von einer „traditionellen“ Familie passen. Natürlich sind sie keine Bedrohung für die Institution Familie, sondern tun im Gegenteil alles, damit sie als Familien voll funktionsfähig sind.

Modelle, die von der Idee der so genannten traditionellen Familie abweichen, werden vom Staat übersehen, nicht anerkannt oder benachteiligt. Und nicht nur das. Politische Bestrebungen, sie in der Slowakei gleichzustellen, werden insbesondere von der katholischen Kirche und christlichen Gruppen oder Einzelpersonen in der Politik als direkter Angriff auf die „traditionelle“ Familie verstanden. Sind es wirklich nur eine vermeintlich traditionelle Lebensweise, „unsere“ Werte und die unserer Großmütter, die uns Sicherheit und Schutz vor der großen und gefährlichen Welt da draußen bieten, nur der„sichere Hafen“ in Form von Vater - Mutter – Kind?

Faschisten, gewalttätige Holocaust-Leugner und Ultrakonservative sind ins slowakische Parlament eingezogen, mithilfe der Behauptung, dass unsere Gesellschaft auf diesem angeblich „ewigen“ und „objektiv richtigen“ Fundament stehe, und dass jede Abweichung ist eine Bedrohung sei. Diese Personen haben jedoch nichts anderes im Sinn, als Menschen ihrer Mitbestimmung über die eigene Fortpflanzung und anderer Rechte zu berauben. Dank eines solchen Parteiprogramms wählten die Bürger*innen der Slowakei einen ehemaligen Heroindealer und Mafioso zum Parlamentspräsidenten. Er brauchte nur zu sagen, dass die traditionellen Werte bedroht seien. Seine elf unehelichen Kinder mit zehn Frauen und sein Ruf als sexuelles Raubtier konnten seine gottesfürchtige Wählerschaft nicht erschüttern.
 
Die folgenden drei Interviews sind jedoch nicht als kulturpolitische Agitprop gedacht. Es soll hier nicht der Beweis dafür erbracht werden, dass die „traditionelle“ Familie als einzig richtiges und unveränderliches Modell ein Mythos ist. Der Text will auch nicht gegen dieses Modell ankämpfen oder versuchen, die positiven Aspekte anderer Modelle hervorzuheben.

Mit der Interview-Trilogie über „nicht-traditionelle“ Familien sollen Wege des familiären Zusammenlebens erkundet werden, die nicht den konventionellen Vorstellungen entsprechen. Wir sind nicht auf Sensationslust aus. So schockierend die folgenden Einzelgespräche auch erscheinen mögen, eines haben die Befragten gemeinsam: Beziehungen und Familie sind für sie tatsächlich wichtige Werte.
 

Die Interviews:

Anna (37): „Ich habe eine Familie und vier Männer. Jeder gibt mir etwas anderes.“

Anna (37) Foto: © Daniel Ryba Anna ist momentan in Elternzeit und lebt seit ihrem 23. Lebensjahr mit ihrem Mann in einer mittelgroßen Stadt. Sie haben zwei gemeinsame Kinder, halten sich selbst für liberal und christlich und wirken wie eine traditionell zusammengesetzte Familie. Doch Anna hat zudem eine große Libido und noch drei Liebhaber. Vielleicht sind wir einfach eine klassische Familie mit untreuer Ehefrau, sagt sie. Mehr...

David (42): „Eine Beziehung zwischen zwei Fremden, die nur durch das gemeinsame Nest verbunden sind.“

David (42) Foto: © Daniel Ryba David lebt mit seiner Frau und seinen beiden Kindern im Vorschulalter (sechs und fünf Jahre) in derselben Wohnung. Was sie von einer „normalen“ Familie unterscheidet, ist, dass David und seine Frau seit mehr als zwei Jahren getrennt sind. Das einzige, was sie noch verbindet, ist die Betreuung ihrer Kinder, die sie zu gleichen Teilen übernehmen. Sie haben sich für das sogenannte „Nestmodell“ entschieden, bei dem die Kinder in einer Wohnung wohnen und die Eltern sich abwechselnd um sie kümmern. Mehr...

Peter (39): „Wir sind ein treues Paar – und Geächtete im eigenen Land.“

Peter (39) Foto: © Daniel Ryba Peter lebt seit zwei Jahrzehnten mit seinem Freund zusammen. Er sagt über seine Partnerschaft, dass sie in gewisser Weise eine traditionellere Familie bilden als die meisten anderen Familien in der Slowakei. Dennoch werden sie ausgegrenzt… weil sie ein gleichgeschlechtliches Paar sind. Mehr...

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