Strahlung und Erinnerungskultur  Tschornobyl: Mythen, Realität und das unbewältigte Trauma

Chornobyl Illustration: © Tetiana Kostyk

Kurz vor dem 40. Jahrestag des Unfalls im Kernkraftwerk Tschornobyl sprachen wir darüber, wie sich die Sperrzone zu einem der größten Naturschutzgebiete Europas gewandelt hat, warum der Krieg sie in eine militärische Grenzregion verwandelt hat und warum Tschornobyl bis heute ein nicht aufgearbeitetes kollektives Trauma bleibt. Unsere Gesprächspartnerin war die Doktorandin der Biowissenschaften Kateryna Shavanova, Mitautorin des Buches „Das Schreckliche, Schöne und Hässliche in Tschornobyl. Von der Katastrophe zum Labor“.

Wir verwenden die Transliteration des ukrainischen Ortsnamens: Чорнобиль – Tschornobyl. Die Schreibweise Tschernobyl ist eine Transliteration aus dem Russischen (Чернобыль). Anm. d. Red.

Wie würden Sie heute, 40 Jahre nach der Tschornobyl-Katastrophe, deren wichtigste langfristige ökologische Folgen beschreiben?

Ich muss vorausschicken: Diese Fragen waren zum 35. Jahrestag aktuell. Jetzt ist die Lage eine völlig andere wir leben im vierten Jahr eines umfassenden Krieges, der mit dem Einmarsch durch die Tschornobyl-Sperrzone begann. Die Zone hat ihren Status tatsächlich verändert. Alles, was ich über die Erholung der Natur erzählen werde, bezieht sich auf die Zeit vor Februar 2022, denn die Auswirkungen des Krieges lassen sich noch gar nicht abschätzen. Heute ist dies ein Grenzgebiet mit Militärpräsenz und Befestigungsanlagen. Dort wird alles getan, um einen erneuten Durchbruch des Feindes über dieses Territorium zu verhindern.

Alle fragen: „Dort ist doch ein Reservat, dort ist es so schön, oder?“ Das war einmal! Jetzt sterben Przewalski-Pferde durch Landminen. Wissenschaftler haben kaum Zugang, da die Brücken zerstört sind und nur Boote genutzt werden können. Unterstützung leistet das Militär, das nebenbei auch Tollwutimpfstoff für Tiere verteilt.

Vor dem Krieg lautete die wichtigste Erkenntnis: Ohne den Menschen geht es der Natur gut. Das Gebiet kehrte in den natürlichen Zustand der Polissja-Landschaft zurück. Seit 2016 besteht das radioökologische Biosphärenreservat Tschornobyl, und mehr als zwei Drittel der Sperrzone sind Schutzgebietedas. Es gab sogar einen gemeinsamen Migrationskorridor für Tiere zwischen den ukrainischen und belarusischen Naturschutzgebieten – praktisch eines der größten zusammenhängenden Naturschutzgebiete Europas. Letztes Jahr wurde dieser Korridor jedoch gesperrt.

Die Auswirkungen der Strahlung auf das Ökosystem sind nicht eindeutig. So wurden etwa kontrovers diskutierte Studien zu den Auswirkungen auf Vögel größtenteils widerlegt. Bei großen Säugetieren können noch keine Schlussfolgerungen gezogen werden, da erst wenige Generationen vergangen sind. Wir bräuchten noch 100 Jahre Beobachtungszeit. Doch schon vor dem Krieg mangelte es an umfassenden Monitoring-Studien. Jetzt erst recht: Viele Fachkräfte sind an der Front oder weggezogen, und die Bedingungen in Tschornobyl sind ohnehin hart.
Kateryna Shavanova, Mitautorin des Buches „Das Schreckliche, Schöne und Hässliche in Tschornobyl. Von der Katastrophe zum Labor“.

Kateryna Shavanova, Mitautorin des Buches „Das Schreckliche, Schöne und Hässliche in Tschornobyl. Von der Katastrophe zum Labor“. | Foto: @ Privatarchiv

Welche Länder sind am stärksten betroffen? Und braucht es internationale Forschungen, da Strahlung bekanntlich keine Grenzen kennt?

Natürlich kennt Strahlung keine Grenzen. Am stärksten betroffen sind die Ukraine, Belarus und Russland. Die Ukraine ist das Epizentrum, ein dicht besiedeltes Gebiet. Belarus erhielt weniger internationale Hilfe, obwohl dort riesige Flächen kontaminiert sind. Dort wurde bereits 1988 ein Naturschutzgebiet eingerichtet, während wir dafür noch weitere 28 Jahre brauchten. In Russland ist der Westen des Landes kontaminiert.

Gleichzeitig haben diese drei Länder einzigartiges Fachwissen im Bereich der Unfallbekämpfung erworben. Als sich der Unfall von Fukushima ereignete, suchte Japan sofort den Rat ukrainischer Experten.

Um auf die Strahlung und Grenzen zurückzukommen: Da sich die Radionuklide über die gesamte nördliche Hemisphäre verteilten, wurde das New Safe Confinement (NSC) [etwa: Neuer sicherer Einschluss – So wird die neue Schutzhülle über dem 1986 havarierten Reaktorblock 4 bezeichnet. Anm. d. Red.] mit Mitteln aus über 40 Ländern finanziert. Nicht aus Wohltätigkeit, sondern aus dem Bewusstsein für das eigene Risiko.

Und noch eine Tatsache, die kaum jemand kennt: Nur 4 bis 5 Prozent des brennstoffhaltigen Materials gelangten damals in die Umwelt. Über 90 Prozent befinden sich noch immer vor Ort und müssen erst noch entsorgt werden. Genau deshalb wurde das NSC gebaut: um die alte Anlage „Ukryttia“ (den „Sarkophag“) in den nächsten 100 Jahren sicher zu demontieren und die radioaktiven Stoffe endgültig deponieren zu können.

Was wird dort derzeit unternommen? Ich habe beispielsweise kürzlich gelesen, dass ein Solarkraftwerk mit einer Leistung von 2 Megawatt gebaut wird…

Die Tschornobyl-Zone ist nicht nur ein Naturschutzgebiet. Es gibt auch einen industriellen Teil: das Kernkraftwerk selbst (das staatliche Sonderunternehmen „Tschernobyl-AKW“ – Чорнобильська АЕС), das zwar stillgelegt ist, aber immer noch funktioniert. Nur wenige wissen, dass das Kraftwerk nicht bereits 1986 stillgelegt wurde: Der erste Block wurde 1996 endgültig stillgelegt, der zweite 1999 (tatsächlich war er seit 1991 aufgrund eines Brandes außer Betrieb) und der dritte erst im Dezember 2000. Danach folgten jahrelange Konservierungsarbeiten und der Bau des New Safe Confinement. Das NSC ist das größte bewegliche bodengestützte Bauwerk der Welt. Es wurde neben dem Objekt „Ukryttia“, dem „Sarkophag“, errichtet und 2016 auf Schienen darüber geschoben. Es gibt Videoaufnahmen, die zeigen, wie es sich Millimeter für Millimeter bewegt – ein höchst beeindruckender Anblick.

Zur Solaranlage kann ich sagen, dass dies nicht das erste Projekt zur Erzeugung erneuerbarer Energie dort ist. [In der Sperrzone sind bereits die Solaranlage „Solar Chornobyl SPP“ mit 1 Megawatt sowie eine weitere Anlage mit 0,8 Megawatt in Betrieb; zudem bestehen Pläne für einen Windpark — Anm. d. Red.]. Der Punkt ist, dass die Anlage selbst ständig mit Strom versorgt werden muss, um die Lagerstätten für radioaktive Abfälle zu betreiben. Davon gibt es dort mehrere: Lager für abgebrannte Brennelemente aus Kernkraftwerken sowie Deponien für radioaktive Abfälle. Wenn das Kraftwerk die Stromversorgung verliert, ist das genau der Grund, warum sich alle große Sorgen machen.
Die Menschen wurden ‚für drei Tage‘ evakuiert – und sind nie zurückgekehrt. Das ist ein Trauma, das viele nicht verarbeitet haben.“

Bedeutet diese Vielzahl an Industrieanlagen auch eine ständige Präsenz von Personal?

Auf jeden Fall. Im Tschornobyl-Kernkraftwerk arbeiten nach wie vor Tausende von Menschen, darunter Ingenieure, Elektriker, Fahrer, Wachpersonal und Kantinenmitarbeiterinnen. Es gibt dort Wohnheime. Es ist ein vollwertiger, wenn auch sehr spezifischer Organismus. Wahrscheinlich gibt es dort sogar mehr Elektriker als Wissenschaftler. Auch Meteorologen sind vor Ort – und dazu gibt es eine wunderbare Geschichte: Zu Beginn der groß angelegten Invasion blieb eine Meteorologin auf ihrem Posten und sammelte täglich Daten. Als die russischen Besatzer zu ihr kamen, schrie sie diese an: Sie habe Arbeit zu erledigen, und niemand habe ihr befohlen, damit aufzuhören.

Das staatliche Spezialunternehmen „Ökozentrum“ (Екоцентр) leistet eine ständige Überwachung der radioaktiven Kontamination – eines der weltweit besten Systeme dieser Art. Es wurde während der Besatzung teilweise geplündert und wird nun mit internationaler Unterstützung wiederaufgebaut. In der Zone sind auch das Institut für Fragen der Sicherheit von Kernkraftwerken (Інститут проблем безпеки атомних електростанцій) der Nationalen Akademie der Wissenschaften der Ukraine sowie die wissenschaftliche Abteilung des Naturschutzgebiets tätig.

Kommen wir nun zu den Vorstellungen über Tschornobyl. Haben sich diese im Laufe der Jahre verändert – oder nicht?

Es gibt eine Ansicht, die ich auch teile, dass das Thema Tschornobyl in der Ukraine bis heute nicht ausreichend aufgearbeitet wurde. Die Menschen wurden „für drei Tage“ evakuiert – und sind nie zurückgekehrt. Das ist ein Trauma, das viele nicht verarbeitet haben. In den 1990er Jahren haftete den Tschornobyl-Überlebenden oft eine Aura der Gefahr an – die Menschen schämten sich, zu sagen, woher sie kamen. Übrigens war es in Japan mit den Menschen, die Hiroshima und Nagasaki überlebt hatten, ähnlich. Vor allem die Frauen schwiegen, denn sie hatten Angst, dass niemand sie aus Furcht vor der Strahlung heiraten würde. Strahlung ist unsichtbar – und das ist das Unheimlichste daran. Wie in einem Horrorfilm: Es braucht keine Zombies, allein die Atmosphäre erzeugt Angst vor etwas, aber man sieht nicht, wovor.

Dann kamen die 1990er Jahre – der Zusammenbruch der UdSSR, der schwere Überlebenskampf, und Tschornobyl trat in den Hintergrund. Man spricht darüber im April und ein am sogenannten Tag der Liquidatoren am 14. Dezember. Künstlerische Auseinandersetzungen in Form von Büchern oder Filmen gibt es bis heute kaum. Dabei ist das Thema noch lange nicht abgeschlossen: Tschornobyl ist das größte Naturschutzgebiet Europas, dort wird noch immer gearbeitet und Menschen leben noch immer dort.

Nach 2022 hat sich das Paradigma erneut gewandelt. Menschen, die aus Mariupol oder Cherson fliehen mussten, haben plötzlich begriffen, was das bedeutet – „für drei Tage“ wegzufahren und nicht zurückzukehren. Tschornobyl ist uns dadurch näher und verständlicher geworden.

In der Kunst bleibt das Thema Tschornobyl unausgereift. Es gibt das Album Sounds of Chornobyl, einige Projekte, die jedoch fast alle anlässlich von Jahrestagen entstanden sind. So funktioniert Kunst nicht.

Es gab interessante Versuche, Wissenschaftler und Künstler zusammenzubringen. Während Künstler oft dieselben Mythen vermitteln wie alle anderen, erklären Wissenschaftler, was tatsächlich geschieht. Denn die Mythen rund um Tschornobyl sind hartnäckig und verbreiten sich durch die Kunst oft noch weiter. Wir sehen es als unsere Mission, mit Künstlern zu sprechen und ihnen zu helfen, genauer hinzuschauen. Zumal die Region Polissja an sich schon sehr mythologisiert ist – mit seinen Märchen und seiner besonderen Landschaft.

Eine meiner Kolleginnen und ich haben ein neues populärwissenschaftliches Buch über Tschornobyl geschrieben. [Es handelt sich um das Buch Das Schreckliche, Schöne und Hässliche in Tschornobyl. Von der Katastrophe zum Labor, das Kateryna Shavanova gemeinsam mit der Radiobiologin Olena Parenyuk verfasst hat – Anm. d. Red.]. Aber es müssen noch viele weitere und unterschiedliche Bücher geschrieben werden. Tschornobyl ist ein ebenso großes Trauma wie der Holodomor, die Hungersnot, nur betrachten wir es noch nicht als solches. Jeder Mensch in der Ukraine hat seine eigene Tschornobyl-Geschichte: Verwandte, die als Liquidatoren im Einsatz waren, jemand, der in Slawutytsch lebte, oder jemand, der 1986 zu Verwandten auswanderte.

Ich glaube, hätten wir die Ereignisse von Tschornobyl richtig aufgearbeitet, wären wir sowohl auf eine groß angelegte Invasion als auch auf Evakuierungsmaßnahmen besser vorbereitet gewesen. Wir haben die Erfahrungen mit der Integration von Vertriebenen nicht so genutzt, wie wir es hätten tun sollen. Jetzt wäre es an der Zeit, die Umsiedlungen der Jahre 1986, 2014 und 2022 parallel zu erforschen.

Was sind die gängigsten Mythen über Tschornobyl?

Ich erwähne den, der mich am meisten nervt – der Mythos über die Schützengräben im Roten Wald. Er hält sich deshalb hartnäckig, weil er teilweise der Wahrheit entspricht.

Ja, die Russen haben dort Schützengräben ausgehoben. Ja, sie befanden sich in der Nähe des Roten Waldes. Aber man muss verstehen: Der eigentliche Rote Wald ist ein Ort, an dem gefällte Kiefern vergraben wurden, die sich durch die Strahlung rotbraun verfärbt hatten und selbst zu radioaktivem Abfall geworden sind. Daneben liegt das weitläufige Flurstück „Roter Wald“. Die Kontamination in Tschornobyl ist zudem extrem ungleichmäßig: Man steht an einem stark belasteten Ort, geht drei Schritte weiter und schon ist die Situation eine völlig andere. Die Kontaminationskarte gleicht einem Flickenteppich, nicht einem durchgehenden Feld. Selbst in Schweden gibt es infolge von Tschornobyl bis heute belastete Gebiete.

Forscher haben wiederholt klargestellt, dass die Strahlung dort keineswegs so hoch war, dass Menschen direkt in den Gräben gestorben wären. Doch dieser Mythos ärgert mich vor allem deshalb, weil das ukrainische Militär dort aktuell Befestigungsanlagen errichtet. Nun ist es sehr schwer, den Menschen zu vermitteln, dass es dort sicher ist, dass alles überprüft wurde, Dosimetristen vor Ort sind und nur dort gegraben wird, wo es zulässig ist. Aber die Vorstellung, dass „alle in den Schützengräben gestorben sind“, sitzt fest in den Köpfen.

Dieser Mythos verbreitete sich in allen Nachrichten. Sogar die Schriftstellerin Oksana Sabuschko, die ich sehr schätze, wiederholte ihn auf der Frankfurter Buchmesse.

Ist das ein Mythos nach dem Motto „Unsere Heimaterde hilft uns“?

Der Mythos vom Roten Wald ärgert auch deshalb, weil er uns schadet. Zunächst scheint es eine nette Geschichte zu sein: „General Strahlung“ kämpft auf unserer Seite! Doch das ändert sich in dem Moment, sobald unsere eigenen Leute genauso Angst bekommen. Wir haben viel Zeit mit Vorträgen für Soldaten verbracht und immer wieder erklärt: Mit Strahlung muss man vorsichtig umgehen, aber wer alle Sicherheitsvorschriften befolgt, kann dort stationiert sein und arbeiten.

Andere hartnäckige Mythen sind etwa, dass Alkohol vor Strahlung schütze oder Mikrowellen gefährlich seien, „wegen der Strahlung“. Zudem herrscht oft Verwirrung bezüglich verschiedener Arten von Strahlung. Tschornobyl ist eigentlich ein idealer Fall für den Schulunterricht. Anhand dieses Beispiels kann man die Fächer Literatur, Geschichte, Sozialkunde, Chemie, Biologie und Physik unterrichten. Wir haben Kernkraftwerke im Land und Russland mit seinen nuklearen Bedrohungen als Nachbarn. Wir dürfen weder Angst vor Strahlung haben noch sie belächeln. Das muss man lernen.
Das Konzept der Sicherheit von Kernkraftwerken hat sich grundlegend geändert – nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit. Früher war es eine polizeiliche Aufgabe, böswillige Menschen fernzuhalten. Heute geht es um die Verteidigung gegen einen militärischen Angriff.“

Die japanischen Erfahrungen in Fukushima – gibt es dort etwas, von dem wir lernen können?

Die Japaner schätzen unsere Erfahrungen mehr als wir selbst. Als wir sie besuchten, fragten sie uns: „Wie geht ihr damit um?“ Wir antworteten: „Wir wissen nicht, was der ‚richtige‘ Weg ist, aber wir machen es so.“ Darauf sagten sie: „Genau das wollen wir wissen. Denn niemand weiß, wie es richtig ist.“

So wird beispielsweise gerade ein wissenschaftliches Projekt über die Widerstandsfähigkeit von Anlagen des nuklearen Brennstoffkreislaufs unter Kriegsbedingungen abgeschlossen. Bis 2022 galten Kernkraftwerke als vor Kriegshandlungen geschützt. Diese Gewissheit hat Russland zunichte gemacht. Es zeigte sich, dass kein Land der Welt über einen Plan für den Fall eines gezielten Angriffs auf ein Kraftwerk mit Panzern oder Raketen verfügt. Führende Institutionen in Europa und der Ukraine begannen daraufhin, Szenarien zu entwickeln – und einige davon wurden buchstäblich während des Schreibens Realität.

Ein weiteres Beispiel: Das NSC kostete eineinhalb Milliarden Euro. Eine Drohne für ein paar Tausend Euro hat ein Loch hineingeschlagen, dessen Beseitigung fünf Jahre dauern und Dutzende, wenn nicht Hunderte Millionen kosten wird.

Das Konzept der Sicherheit von Kernkraftwerken hat sich grundlegend geändert – nicht nur in der Ukraine, sondern weltweit. Früher war es eine polizeiliche Aufgabe, böswillige Menschen fernzuhalten. Heute geht es um die Verteidigung gegen einen militärischen Angriff. Europa fällt es sehr schwer, diese neue Realität zu akzeptieren, aber es bleibt noch Zeit, sich vorzubereiten – und wir teilen unsere Erfahrungen.

Welche Bedeutung hat dieses Gebiet für die neue Energiewirtschaft überhaupt?

Wir haben bereits die 2-Megawatt-Solaranlage erwähnt, mit deren Bau begonnen wurde. Das ist natürlich ein Klacks im Vergleich zu einem 1000-Megawatt-Block eines Kernkraftwerks. Die Logik dahinter ist jedoch einfach: Sollte das Tschоrnobyl-Kraftwerk aufgrund von Kampfhandlungen vom allgemeinen Stromnetz getrennt werden, würde die Solarstromerzeugung die minimal notwendigen Funktionen aufrechterhalten. Es gibt bereits bestehende Solarkraftwerke und ein weiteres wird derzeit gebaut.

Der übergeordnete Gedanke dabei ist, dass die Zone einen fertigen Teststandort für kleine modulare Reaktoren darstellt, von denen derzeit weltweit die Rede ist. Ein gesperrtes Gebiet, erfahrene Ingenieure, vorhandene Infrastruktur. Zudem könnte ein Ausbildungszentrum für den Schutz und die Verteidigung von Kernkraftwerken für ganz Europa entstehen.

Die Ukraine ist derzeit ein anschauliches Beispiel dafür, wie man unter extremen Bedingungen verschiedene Energieformen kombinieren kann. Die Anweisungen aus der Vorkriegszeit funktionieren nicht mehr. Alles wird unter realen Bedingungen neu geschrieben. Ich weiß nicht, ob es sinnvoll ist, die zerstörten Wärmekraftwerke wieder aufzubauen, da dies veraltete Technologien sind. Die Welt beobachtet diese Entwicklungen mit großem Interesse. Die Erfahrungen aus Tschornobyl haben sich als viel umfassender erwiesen, als man es sich je hätte vorstellen können.

Kateryna Shavanova

Kateryna Shavanova ist eine ukrainische Biologin, die sich für die Verbreitung von Wissen über Tschornobyl und Strahlung einsetzt. Sie untersuchte die Auswirkungen von Strahlung auf Lebewesen direkt in der Sperrzone von Tschornobyl und ist Mitautorin des populärwissenschaftlichen Buches Das Schreckliche, Schöne und Hässliche in Tschornobyl (zusammen mit Olena Parenyuk).

Kateryna verbindet Wissenschaft mit Praxis: Sie leitete Forschungs- und Entwicklungsprojekte (R&D) bei der Firma Kernel und dient seit Frühjahr 2025 in der 13. Einsatzbrigade „Charta“ der Nationalgarde der Ukraine als Dosimetristin in der Abteilung für CBRN-Schutz.

Durch ihre Vorträge, Interviews und ihr Buch wurde sie zu einer der markantesten Stimmen, die der Welt erklären, wie Strahlung tatsächlich wirkt und warum Tschornobyl bis heute ein wichtiges Laboratorium der Zukunft bleibt — ein Ort, an dem die Wissenschaft auf eine tiefe soziale und humanitäre Wunde trifft: den Verlust der Heimat, die zerbrochenen Schicksale Tausender Menschen und das lebenslange Gefühl von Gefahr und Entfremdung.

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen