Tierwohl  Gesetzeslücke Insekt

Gesetzeslücke Insekt Foto: Richard Tao via Unsplash | CC0 1.0

Die EU bereitet sich auf eine Reform der Tierschutzvorschriften vor, doch die Insektenzucht wird dabei wahrscheinlich wieder außer Acht gelassen. Zwar wird die Insektenzucht als ökologisches Superfood der Zukunft und als Lösung für die Klimakrise angepriesen, doch hinter den Mauern der Zuchtbetriebe wirft die Realität ethische Fragen auf.

In Brüssel wird erneut ein Vorhaben aufgegriffen, das das Gesicht der europäischen Landwirtschaft verändern soll. Die Überarbeitung der Tierschutzgesetze für Nutztiere war lange aufgeschoben worden und wird nun von Europäischen Kommission für das Jahr 2026 geplant. Während sich die Debatte um Kühe, Schweine und Geflügel dreht, bleibt eine Gruppe unbeachtet: Insekten. Lebewesen, deren Anzahl die menschliche Vorstellungskraft übersteigt und die unter keine verbindlichen Tierschutzvorschriften fallen. Dabei wird gerade auf dem Insektenmarkt ein starker Anstieg sowohl der Erträge und des Gesamtmarktwerts als auch der Zahl der getöteten Tiere erwartet.

Auch die Tatsache, dass Insekten seit 2019 offiziell zu den sogenannten Nutztieren gezählt werden, ändert nichts an der Situation. Und auch nicht, dass die New Yorker Erklärung zum Bewusstsein von Tieren aus dem Jahr 2024, die von fast 600 Wissenschaftler*innen und Forscher*innen aus aller Welt unterzeichnet wurde, feststellt, dass die reale Möglichkeit besteht, dass Insekten Schmerz empfinden können. Das Ergebnis ist ein Rechtsvakuum, in dem weder die Lebensbedingungen von Insekten noch die Methoden ihrer Tötung klar definierten Regeln unterliegen – und alles deutet darauf hin, dass sich daran auch mit der anstehenden Reform nichts Grundlegendes ändern wird.

Insekten in der Umweltkrise

Was steckt hinter dem rasanten Anstieg des Interesses an Insekten? Unternehmen stellen die Insektenzucht als Antwort auf zwei Krisen dar, die sich zunehmend überschneiden: ein überlastetes Nahrungsmittelsystem und den Klimawandel. Die Weltbevölkerung soll bis 2030 8,5 Milliarden Menschen erreichen und bis zur Mitte des Jahrhunderts auf 10 Milliarden ansteigen. Die traditionelle Nutztierhaltung, insbesondere die Rinderzucht, stößt dabei bereits an ihre räumlichen und ökologischen Grenzen.

Die Landwirtschaft ist heute für mehr als ein Viertel der gesamten Treibhausgasemissionen verantwortlich, wobei gerade die Tierhaltung eine entscheidende Rolle spielt. Befürworter von Insektenfarmen sprechen daher von der Möglichkeit einer „kohlenstoffarmen Ernährung“ und argumentieren, dass die Insektenzucht weniger Platz, Wasser und Energie benötigt als konventionelle Tierhaltung. Insekten werden auch als „Superfood“ bezeichnet – als Quelle für Vitamin B12, Eisen, Zink oder Omega-Fettsäuren.
Die Förderung von Fleischalternativen, die für Verbraucher attraktiv sind und sich in kulinarische Traditionen einfügen, ist ein sinnvoller Weg, den Fleischkonsum zu senken. Insekten erfüllen diese Kriterien jedoch nicht.“

Zugegebenermaßen fällt der Vergleich von Insektenprotein mit Rind- oder Schweinefleisch tatsächlich oft zugunsten des Insektenproteins aus, sei es aus ökologischen oder ethischen Gründen. Ein solcher Vergleich zeigt jedoch nur einen Teil des Gesamtbildes. Eine Alternative zu konventionellem Fleisch kann nämlich nicht nur anderes tierisches Protein sein, sondern auch pflanzliches Protein. So schneiden beispielsweise Erbsenprotein oder andere Hülsenfruchtproteine hinsichtlich Emissionen und Flächenbedarf langfristig sehr gut ab und kommen zudem ohne das Töten von Tieren aus.

„Die Förderung von Fleischalternativen, die für Verbraucher attraktiv sind und sich in kulinarische Traditionen einfügen, ist ein sinnvoller Weg, den Fleischkonsum zu senken. Insekten erfüllen diese Kriterien jedoch nicht“, betont Dustin Crummett gegenüber JÁDU. Er ist Direktor des Insect Institute, einer Organisation, die sich auf Forschung und Aufklärung im Bereich der Ethik und Politik der Insektenzucht konzentriert, und widerspricht der Ansicht, dass Insektenfarmen eine Lösung für die Klimakrise sein könnten. Seiner Meinung nach sind Insektenfarmen oft auf Getreidenebenerzeugnisse wie Weizenkleie oder Maisstärke angewiesen, die anderen Nutztieren als Futtermittel dienen könnten. „Indem wir Insekten in die Kette einfügen, verlängern wir die Nahrungskette, was den ökologischen Fußabdruck von Fleisch nur vergrößert. Die Insektenzucht ist zudem energieintensiv, was die Beheizung betrifft – insbesondere in Europa – und entflohene Insekten können lokale Ökosysteme gefährden“, fügt er hinzu.

Das rasante Wachstum des Marktes für essbare Insekten wird zudem nicht von Insektenburgern, Proteinriegeln oder Grillen-Chips vorangetrieben. Etwa 82 Prozent des Marktes entfallen auf Futtermittel für Tiere aus industrieller Massentierhaltung – insbesondere für Geflügel und Schweine – sowie für Fische. Hunde- und Katzenbesitzer wiederum schätzen Insektenprotein wegen seiner hypoallergenen Eigenschaften, auch wenn Hunde – ebenso wie Menschen – allergisch auf Insekten reagieren können.

Und obwohl Insektenprotein als alternative Proteinquelle bezeichnet wird, ersetzt es in den meisten Fällen kein Fleisch – auch nicht, wenn es für den menschlichen Verzehr bestimmt ist. Bislang wird es meist Mehlmischungen beigefügt und in Nudeln oder Crackern verwendet, wo es eher pflanzliche Zutaten als Fleisch ersetzt.

Die Tschechische Republik steht bei der Entwicklung von Insektenprotein nicht zurück, und lokale Unternehmen verfolgen recht unterschiedliche Strategien, um Kund*innen für Insekten zu begeistern. Während das Unternehmen Underground Food auf dem Tierfuttermarkt tätig ist, versuchen Start-ups wie WormUp oder Crunchy, die kulturelle Abneigung gegen den Verzehr von Insekten durch bekannte Geschmacksrichtungen und Formen abzubauen – sie bieten beispielsweise Würmer mit Speck-, Knoblauch- oder Tomaten-Basilikum-Geschmack an. Einen ganz eigenen Weg hat das Unternehmen SENS Foods eingeschlagen, das Grillenfarmen in Thailand besitzt und sich auf Ernährungsprodukte insbesondere für Sportler*innen, Reiseproviant oder Grillen-Jerkys konzentriert.

Billionen von Leben

Während die ökologischen Vorteile überbewertet werden, bleibt die Frage, was laut Gesetz mit Insekten in der Tierhaltung geschehen darf, weitgehend unbeachtet. Dabei handelt es sich keineswegs um eine vernachlässigbare Anzahl von Tieren. Nach Prognosen des Thinktanks Rethink Priorities, einem internationalen Forschungsinstitut, das sich mit langfristigen globalen Trends, Ethik und den Auswirkungen menschlicher Entscheidungen befasst, sollen im Jahr 2033 in der Insektenindustrie jährlich etwa 4,8 Billionen Individuen getötet werden. Zur Veranschaulichung: Wenn man sie einzeln, Sekunde für Sekunde, zählen wollte, würde man dafür 152.100 Jahre benötigen.

Das entspricht einem Anstieg von fast 1000 Prozent innerhalb eines einzigen Jahrzehnts. Umgerechnet auf die Anzahl der Individuen würden Insekten etwa 95 Prozent aller Tiere ausmachen, die die Nahrungsmittelkette durchlaufen. Und das ohne klare Regeln, die festlegen, wie diese Lebewesen leben… und wie sie sterben sollen.
  „Der einzige Referenzrahmen, der das Wohlergehen von Insekten zumindest ansatzweise berücksichtigte, war eine Reihe von Standards für die ökologische Insektenzucht. Diese sind jedoch seit 2022 faktisch ausgesetzt“, erklärt Francis Maugère, Experte für Insektenpolitik bei der Organisation Eurogroup for Animals. Seiner Meinung nach widmete auch der Fachbericht der Europäischen Kommission, der als Grundlage für die Ausarbeitung dieser Standards dienen sollte, dem Wohlergehen von Insekten nur begrenzte Aufmerksamkeit.

Warum wird diese Frage so leicht übersehen? Die Neurowissenschaftlerin Matilda Gibbons nennt einen möglichen Grund dafür: Insekten seien bislang nicht auf ihre Empfindungsfähigkeit gegenüber Schmerzen getestet worden. Eine mögliche Antwort liefert auch der britische Philosoph und Biologe Jonathan Birch, einer der Unterzeichner*innen der bereits erwähnten New Yorker Erklärung. „Da wir nicht einfach in ein Tier hineinschauen und sofort wissen können, was es erlebt, neigen wir dazu, nur jene Lebewesen als fühlende Wesen zu betrachten, mit denen wir leicht mitfühlen können. Bei den anderen – etwa bei den Wirbellosen – kommen wir dann schnell zu dem Schluss, dass sie nichts empfinden“, erklärt Birch in einem Podcast für die London School of Economics and Political Science, wo er bahnbrechende Forschung zum Thema Tierwahrnehmung betreibt.

Seine Arbeit hat die Debatte über den Tierschutz bereits einmal entscheidend bereichert. Auf der Grundlage seiner Forschungen hat das Vereinigte Königreich nämlich die Schmerzempfindungsfähigkeit von Krabben und Tintenfischen anerkannt und sie unter gesetzlichen Schutz gestellt. Nun stellen Birch und sein Team ähnliche Fragen im Zusammenhang mit der Massenzucht von Insekten. „Wir müssen lernen, über unsere eigenen Emotionen hinauszuschauen und uns auf objektive Beweise dafür zu stützen, was in diesen Organismen tatsächlich vor sich geht“, sagt er.

Das Insektenleben unter der Lupe

Und es gibt immer mehr solcher Beweise. Birchs Team hat acht strenge Kriterien formuliert, anhand derer die Fähigkeit, Schmerz zu empfinden, auf der Grundlage von Neurobiologie und Verhalten beurteilt werden kann. Wenn man diese Kriterien zugrunde legt, bröckelt die seit Langem verfestigte Vorstellung, dass Insekten Lebewesen ohne inneres Empfinden seien.

Bei vielen Arten haben Wissenschaftler*innen Verhaltensweisen beobachtet, die sich nicht mehr einfach als bloße Reflexe erklären lassen. Insekten können sich an unangenehme Erfahrungen erinnern und diese beim nächsten Mal vermeiden. Nach einer Verletzung schützen sie das betroffene Körperteil, schränken ihre Bewegungen ein oder ändern ihr Verhalten, damit sich die Verletzung nicht verschlimmert. Eine unangenehme Erfahrung beeinflusst somit ihre weiteren Entscheidungen.

Ähnliche Schlussfolgerungen werden auch durch Laborexperimente bestätigt. So lernen Fruchtfliegen beispielsweise, Gerüche zu meiden, die mit Stromschlägen verbunden sind, und merken sich Orte, an denen sie Wärme erfahren haben, auch nachdem die Wärmequelle verschwunden ist. Bei anderen Arten wurde ein Verhalten beobachtet, das der Schmerzlinderung dient, wie sie aus Studien an Wirbeltieren bekannt ist.

Auch das Sozialverhalten von Insekten passt nicht zum Bild „einfacher Organismen“. Bei Ameisen, Bienen oder Termiten sind komplexe Gemeinschaften gut bekannt, doch auch Arten, bei denen ein Laie dies nicht erwarten würde, weisen soziale Bindungen auf. Es ist bereits erforscht, dass beispielsweise Kakerlaken Verwandte erkennen, gemeinsam über die Nahrungsaufnahme entscheiden und dass Individuen, die isoliert aufwachsen, ihre Umgebung weniger erkunden, weniger fressen, keinen Kontakt knüpfen und potenzielle Partner schwerer einschätzen können.

Aufgrund dieser Erkenntnisse kam ein Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft zu dem Schluss, dass zumindest bei einigen Insektenarten die Möglichkeit, Schmerz zu empfinden – und vielleicht sogar einfachere Formen des Bewusstseins –, nicht ohne Weiteres ausgeschlossen werden kann.
Kritiker*innen weisen jedoch darauf hin, dass sich noch vor dem Bewusstseinsverlust in den Körpern der Insekten Eiskristalle bilden können, die ihnen Schmerzen verursachen könnten.“
Gerade in der industriellen Insektenzucht trifft die abstrakte Debatte auf ganz konkrete Praxis. Ein typisches Beispiel ist die Soldatenfliege (Hermetia illucens), eine Insektenart, die in den letzten Jahren neben Mehlwürmern und Grillen zum Rückgrat dieser Branche geworden ist. Bei den Larven der Soldatenfliege kann die Gefahr einer Überhitzung bestehen. In dicht besetzten Boxen erzeugt ihr eigener Stoffwechsel eine beträchtliche Menge an Wärme, was zu einer Erwärmung des Substrats von innen führen kann. Sollte dies geschehen, würden sich die Larven natürlich an die Oberfläche bewegen, wo die Temperatur niedriger ist. In Extremfällen können sie in der Einstreu buchstäblich kochen. Bei einigen Insektenarten kann es zudem bei höherer Populationsdichte in den Boxen zu Kannibalismus kommen.

Eine weitere Frage betrifft die Tötung selbst. Eine gängige Methode ist die Vergasung mit Kohlendioxid, bei der die Insekten deutliche Fluchtversuche zeigen. Danach folgt das mechanische Zerkleinern bei lebendigem Leib – wenn dies wirklich schnell geschieht, kann der Tod innerhalb von Sekundenbruchteilen eintreten. Am häufigsten wird das Einfrieren verwendet, das traditionell als humane Methode gilt, bei der die Insekten in einen Winterschlaf fallen. Kritiker*innen weisen jedoch darauf hin, dass sich noch vor dem Bewusstseinsverlust in den Körpern der Insekten Eiskristalle bilden können, die ihnen Schmerzen verursachen könnten.

Das Vorsorgeprinzip

Die Insekten-Massentierhaltung ist ein Wirtschaftszweig, der schneller gewachsen ist, als die Gesellschaft ethisch und rechtlich damit Schritt halten konnte. Sollte die Europäische Kommission im Rahmen der geplanten Überarbeitung der Tierschutzvorschriften Insekten erneut außer Acht lassen, läuft sie Gefahr, faktisch einen Zustand zu bestätigen, in dem Billionen von Lebewesen, die potenziell Schmerz empfinden können, lediglich als rechtlich unsichtbare Biomasse gelten.

Dabei ist es wahrscheinlich, dass der Trend zur Nutzung von Insekten – sei es als Futtermittel oder als Lebensmittel – nicht mehr aufzuhalten ist. Umso wichtiger ist es, sich die Frage zu stellen, unter welchen Bedingungen sich dieser Trend weiterentwickeln soll. Sollten die Gesetzgeber*innen in einer solchen Situation nicht auf das Vorsorgeprinzip zurückgreifen? Das würde kein Verbot von Zuchtbetrieben zur Folge haben, sondern die Übernahme von Verantwortung. Laut der Organisation Eurogroup for Animals ginge es dabei um grundlegende, art- und entwicklungsspezifische Regeln wie das Verbot von Nahrungsentzug, die Gewährleistung einer angemessenen Ernährung und Flüssigkeitszufuhr, eine angemessene Besatzdichte, die Kontrolle von Temperatur und Luftfeuchtigkeit, die Begrenzung stressreicher Bedingungen sowie die Anwendung geeigneter Betäubungsmethoden.

Wenn Insekten Teil des Ernährungssystems der Zukunft sein sollen, dann nur unter der Voraussetzung, dass wir sie nicht als emotionslose Rohstoffe behandeln, die unfähig sind zu fühlen, sondern als Lebewesen. Und mit denen wir – genau wie mit allen anderen Nutztieren – verantwortungsvoll umgehen. Wenn die reale Möglichkeit besteht, dass eine bestimmte Form der Tierhaltung Leiden verursacht, dann ist es ethisch nicht vertretbar, ihr keine Grenzen zu setzen.

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

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