Hunderte Freiwillige bereiten in verschiedenen Städten der Ukraine täglich warme Mahlzeiten für Menschen zu, die unter russischen Angriffen gelitten haben. Im Krieg wird Essen nicht nur zu einer körperlichen Notwendigkeit, sondern auch zu einer seelischen Stütze.
Kyjiw, 25.–28. Mai 2026
Gestern hatte die Kyjiwerin Ira das seltsamste Mittagessen ihres Lebens. Ein warmer Plastikteller mit Kartoffeln und Hühnchen, den Freiwillige ihr förmlich in die Hand drückten. Sie sitzt direkt auf dem Asphalt gegenüber ihrer zerstörten Wohnung. Zusammen mit ihr essen zwei Nachbarinnen aus dem Gebäude im zentralen Viertel Kyjiws, das die Russen mit einer Rakete zerstört haben: „Tja, so ein Restaurant haben wir hier also, mit der miesesten Aussicht auf der Welt...“Die 45-jährige Managerin übt sich in bitterer Ironie, während der ukrainische Rettungsdienst (DSNS) die Trümmer ihrer Wohnung räumt. Ein Kran fasst einen Kühlschrank aus dem Haus, krachend stürzt er in die Ruinen. Das mittlere Treppenhaus existiert schlichtweg nicht mehr. Genau dort befand sich Iras Wohnung.
„Die Rakete ist direkt ins Haus eingeschlagen“, sagt Ira. „Ich habe alle Nachbarn angerufen. Aber eine Nachbarin hat einfach nicht mehr geantwortet. Nun ist sie tot.“
Ira stellt den Plastikteller ab und nimmt einen Schluck Wasser, um gegen den Kloß im Hals anzukämpfen. In der Nacht des Angriffs, vom 23. auf den 24. Mai, verließ sie ihr Zuhause 20 Minuten vor Beginn der Ausgangssperre. Wegen des ständigen Beschusses in ihrem Wohnviertel Lukjaniwka brachte sie ihre Katze kurz zuvor zu ihrer Schwester. Tiere lassen sich schwer evakuieren, wenn Raketen fliegen. In dieser Nacht war die Schwester jedoch nicht zu Hause, um sich um die Katze zu kümmern: „Ich dachte daran, wie sie ganz allein während des Angriffs sein würde. Also fuhr ich im letzten Moment zu ihr. Ich dachte, ich fahre hin, um sie zu retten, aber wie es aussieht, hat sie mich gerettet.“
Ira (rechts) isst zusammen mit Freundinnen eine Mahlzeit der Freiwilligen gegenüber ihrem zerstörten Haus. | Foto: © Oleksii Filippov
Die WCK begann ihre Arbeit in der Ukraine bereits in den ersten Tagen der groß angelegten russischen Invasion im Jahr 2022. Zunächst half das Team an der Grenze. Sie verpflegten ukrainische Geflüchtete, die aus dem vom Krieg zerrissenen Land flohen. Mit der Zeit weitete sich ihre Tätigkeit auf die gesamte Ukraine aus. Heute arbeitet die Organisation mit lokalen Restaurants, Freiwilligen und Wohltätigkeitsstiftungen zusammen. Sie liefern Millionen von Mahlzeiten an die Bewohner*innen von Frontregionen, an Binnengeflüchtete, Krankenhäuser und Rettungskräfte. Nach russischen Angriffen baut das WCK-Team zudem regelmäßig Feldküchen und Ausgabestellen für warme Mahlzeiten für die Betroffenen auf.
Mama, ich hab gegessen und den Helm auf
„Wir versuchen, dort zu sein, wo wir gebraucht werden“, sagt die 33-jährige WCK-Teamleiterin Darija Wolkowa, während sie heiße Suppe in Teller schöpft.Vor ihr hat sich bereits eine Schlange gebildet. Im orangefarbenen Zelt stehen ein paar Tische. Hier versammeln sich Zivilist*innen aus den benachbarten zerstörten Häusern und Mitarbeitende des Rettungsdienstes zum Mittagessen. Die naheliegende Dienststelle wurde fast vollständig zerstört.
„Wir verteilen heute im Zentrum von Kyjiw warme Mahlzeiten. Gestern gab es einen massiven Beschuss der Hauptstadt, den größten seit Beginn der Invasion, mit sehr vielen Treffern. Wir haben die Lage eingeschätzt und beschlossen, die Menschen heute zu verpflegen. Zum Mittagessen gibt es Sandwiches und Suppe, zum Abendessen Kartoffeln mit Hühnchen und Salat. Alles ist sehr frisch, hochwertig, heiß und lecker“, sagt Darija und öffnet nacheinander die Thermoboxen. Ein verlockender Duft steigt auf. „Übrigens ist Hühnchen mit Kartoffeln auch mein Lieblingsessen.“
Darija Wolkowa verteilt warme Mahlzeiten. | Foto: © Oleksii Filippov
Die Dienststelle des Rettungsdienstes in der Region Kyjiw arbeitete seit 1979 im zentralen Viertel Podil. Bis eine russische Rakete das Gebäude gezielt traf. Sie durchschlug die beiden obersten Stockwerke und explodierte im dritten. Genau dort befand sich das Callcenter der Behörde. Hier nahmen die Disponent*innen Anrufe wegen Bränden, Beschuss oder Katzen, die auf Bäumen festsitzen, entgegen. Von hier aus wurde die Arbeit in der gesamten Region koordiniert.
Oft müssen die Leute wirklich einfach nur etwas essen. Sobald es ihnen körperlich besser geht, fassen sie auch wieder Mut. Das ist moralische Unterstützung. Es ist, als würde man jemandem die Hand reichen und zeigen: Du bist nicht allein. Wir glauben: Essen gibt Hoffnung.“
„Ich war schon 24 Stunden im Dienst, als der Angriff begann“, erzählt Uliana. „Wir haben aus dem Bunker heraus gearbeitet. Wegen des Beschusses gab es viele Notrufe. Wir konnten die Arbeit nicht unterbrechen, nicht einmal, als die Raketen flogen. Dafür bin ich jetzt unglaublich müde.“
Seit dem nächtlichen Angriff hat Uliana noch nicht geschlafen. Ebenso wenig wie die meisten ihrer Kolleginnen. Die Disponentinnen sind allesamt junge Frauen. Die ganze Zeit seit Beginn des Angriffs haben sie Anrufe entgegengenommen. Doch jetzt kommt eine Stunde Pause. Sie holen sich ein warmes Mittagessen am orangefarbenen Zelt mit dem WCK-Banner.
„In der Dienststelle ist alles zerstört. Wir können uns keinen Wasserkocher aufstellen oder Essen von zu Hause aufwärmen. Nicht alle haben das Geld für ein Café. Der Durchschnittspreis für ein Mittagessen liegt hier, im Zentrum von Kyjiw, bei 300 bis 500 Hrywnja [etwa 6 bis 10 Euro – Anm.d.Ü.]. Und hier gibt es gutes Essen kostenlos. Für uns ist das eine echte Unterstützung“, sagt Uliana. Sie setzt sich zu ihren Kolleginnen an den Tisch. Neben ihr geht ein Retter ans Handy. Auf die Frage seiner Mutter, wie es ihm nach dem Angriff geht, antwortet er scherzend:„Mama, alles gut, ich hab gegessen und den Helm auf.“
Darija Wolkowa, die diesen Dialog mithört, freut sich aufrichtig. Für die Kyjiwerin sind genau diese alltäglichen Kleinigkeiten die größte Motivation, nach schlaflosen Nächten bei der Essensausgabe zu arbeiten: zu sehen, wie Menschen selbst inmitten einer Tragödie essen, durchatmen und die Kraft zum Scherzen finden.
„Wir arbeiten dort, wo wir am meisten gebraucht werden“, sagt sie. „Wir verpflegen die Leute da, wo es durch den Beschuss keinen Strom, kein Gas und keine Möglichkeit mehr gibt, zu kochen. Oft spüren die Menschen einfach nur noch pure Ohnmacht. Das haben wir an den Einschlagstellen schon so oft erlebt. Dann geht man auf jemanden zu, reicht ihm eine warme Mahlzeit und spricht ihm gut zu. Manchmal weint man selbst über das, was man sieht. Aber oft müssen die Leute wirklich einfach nur etwas essen. Sobald es ihnen körperlich besser geht, fassen sie auch wieder Mut. Das ist moralische Unterstützung. Es ist, als würde man jemandem die Hand reichen und zeigen: Du bist nicht allein. Wir glauben: Essen gibt Hoffnung.“
Zerstörte Geschäfte gegenüber dem WCK-Zelt in Kyjiw | Foto: © Oleksii Filippov
Borschtsch und Unterstützung
Das Essen für die humanitäre Organisation bereiten lokale Auftragnehmer aus regionalen Produkten zu. Das ist Teil der WCK-Philosophie. Und die Mahlzeiten, die heute in Kyjiw an die Menschen verteilt werden, wurden am Morgen in der Nähe von Kyjiw, in Borodjanka, gekocht, in der Küche eines lokalen Caterings.Hier schneiden einige Frauen seit 8 Uhr morgens schnell und geschickt Kohl. Sie schälen Kartoffeln, filetieren Fisch und zerlegen Hühner. Der dichte Geruch von kochendem Borschtsch mischt sich mit dem frischen Aroma von Salat. In dieser Küche meldet sich der Appetit von ganz allein.
Hinter ihm hängt eine Dankesurkunde des ukrainischen Rettungsdienstes. Der Krieg bestimmt Lajerts Leben schon seit seiner Kindheit. Seine Eltern flohen 1987 aus Baku in Aserbaidschan, als die Spannungen um Bergkarabach eskalierten. Sie ließen sich in der Nähe von Kyjiw nieder. Vor dem großen Krieg besaß Lajert zwei Cafés in Borodjanka. Während der Kämpfe in der Region Kyjiw wurden beide zerstört. Russische Militärfahrzeuge rollten an Lajerts Haus vorbei. Während der Besatzung durchlitt seine Familie Hunger.
Die Kartoffeln mit Hühnchen, die für Ira Kossenko die erste Mahlzeit nach dem Angriff waren, wurden genau in Lajerts Küche zubereitet. „Nachdem ich den Haufen Asche anstelle meiner Wohnung gesehen hatte, spürte ich eine solche Ohnmacht, dass ich überhaupt nicht an Essen oder Hunger dachte. Aber jetzt merke ich, dass es wirklich gut schmeckt. Und dass es mir ein bisschen besser geht. Es tut gut, dass es diese Hilfe gibt. Wenn sich jemand darum kümmert, dass man etwas zu essen und frisches Wasser hat, ist das eine richtige Stütze“, sagt Ira. Sie wischt sich die Tränen aus den Augenwinkeln und versucht, ein schwaches Lächeln hervorzubringen.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Juni 2026