Was macht die moderne Art des Lebensmitteleinkaufs per Lieferservice aus? Die Geschichte des tschechischen Online-Supermarkts Rohlík.cz erzählt vom schmalen Grat zwischen rasantem Erfolg, mutiger Expansion und berechtigter Kritik seitens der Mitarbeiter*innen.
Sezamo.ro, ebag.bg, kifli.hu, gurkerl.at und knuspr.de. All dies sind Namen für Online-Shops der Rohlik Group in fünf europäischen Ländern, Tochterunternehmen des tschechischen Online-Lebensmittelhändlers Rohlík.cz.Der rasante Erfolg des tschechischen Start-ups, der durch den Ausbruch der Covid-19-Pandemie im Jahr 2020 begünstigt wurde, brachte auch ein erhebliches Potenzial für die Expansion in ausländische Märkte mit sich. Aber wie läuft es dort für die Firma? Ähnliche Probleme und Skandale, mit denen Rohlík.cz in Tschechien konfrontiert war, haben sich zumindest im österreichischen und deutschen Kontext wiederholt.
Das Unternehmen, das 2014 als drittes Projekt des Gründers Tomáš Čupr – nach Slevomat und Dámejídlo.cz – mit dem Online-Verkauf von Lebensmitteln begann, bedient heute Millionen von Kund*innen in mehreren europäischen Ländern und zählt zu den bemerkenswertesten tschechischen Erfolgsgeschichten des zurückliegenden Jahrzehnts. Das Unternehmen selbst fasst seine Mission mit dem Slogan „tolles Essen mit tollem Service“ zusammen und betont auf seiner Website, dass „die Kunden der Mittelpunkt unseres Universums sind“. Aber was ist mit den Menschen hinter den Kulissen, die diesen tollen Service erst möglich machen?
Hinter einem einfachen Klick in der App verbirgt sich ein äußerst komplexer logistischer Apparat. Die Lebensmittel müssen innerhalb weniger Minuten zusammengestellt und verpackt und oft noch am selben Tag innerhalb weniger Stunden an die Kund*innen geliefert werden. Gerade diese Schnelligkeit ist der wichtigste Wettbewerbsvorteil des Unternehmens. Sein CEO Tomáš Čupr erklärte in der Vergangenheit, dass die Fähigkeit, den Einkauf innerhalb weniger Stunden zu liefern, entscheidend sei, und dass das Unternehmen eine selbst entwickelte Software zur Steuerung der Routen der Kuriere nutze. „Wenn ein Kurier nur eine Bestellung befördert, ist das wirtschaftlich nicht sinnvoll. Wenn es aber drei oder besser noch sechs Bestellungen sind, dann rechnet sich das schon ganz gut“, erläuterte Čupr gegenüber dem Portal Marketing Journal den Fokus auf größtmögliche Effizienz bei der Lieferung der Einkäufe. Denn genau davon hängt alles ab.
Die Expansion während der Covid-Pandemie
Dieses Streben nach Effizienz verhalf Rohlík zu einem rasanten Wachstum. Im Jahr 2015 begann das Unternehmen mit der Auslieferung der ersten Einkäufe. Bereits 2017 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von zwei Milliarden Kronen (damals um 76 Millionen Euro). Weitere zwei Jahre später wickelte es täglich etwa 9.000 Bestellungen ab. Die Covid-19-Pandemie verwandelte den Online-Lebensmitteleinkauf dann von einem Nischendienst in einen festen Bestandteil des Alltags von Hunderttausenden Haushalten. Im Jahr 2020 wurde die Rohlik Group gegründet, und die Expansion ins Ausland konnte beginnen.Auf den Markteintritt in Ungarn folgten Österreich, Deutschland und Rumänien. Gleichzeitig investierte das Unternehmen in die Automatisierung seiner Lager und in eine eigene Logistiksoftware. Im Jahr 2021 zählte Rohlík zu den sogenannten „Unicorns“, also privaten Start-ups mit einem Wert von über einer Milliarde Dollar, die bislang noch nicht an die Börse gegangen sind.
Bei all dem rasanten Erfolg tauchen jedoch auch Fragen auf, die die meisten auf schnellem Wachstum basierenden Plattformen begleiten. In der Tschechischen Republik sah sich das Unternehmen in der Vergangenheit wegen des Umgangs mit den personenbezogenen Daten seiner Kund*innen Kritik ausgesetzt. Im Jahr 2021 erhielt das Unternehmen den Anti-Preis Big Brother Award für die größten Verstöße gegen das Recht auf Privatsphäre in der Kategorie „Unternehmens-Schnüffler“, und zwar aufgrund des Umfangs der Daten, die es über seine App sammelte. In der Vergangenheit verlieh das Projekt Zerowasters Rohlík einen Anti-Preis für die „bizarrste Verpackung“ – das Unternehmen bewarb nämlich Biokunststoffe als nachhaltige Lösung. Tatsächlich erschweren diese Materialien das Recycling und gehören nicht in den normalen Bioabfall.
Kritiker*innen wiesen darauf hin, dass einige Mitarbeiter*innen den verfügbaren Informationen zufolge weder über das Ausmaß der Überwachung noch darüber informiert waren, dass ihre Telefongespräche aufgezeichnet werden.
Algorithmische Personalführung
Nach Angaben der Organisator*innen der Big Brother Awards ist Rohlík eines der auffälligsten Beispiele für das sogenannte algorithmische Mitarbeitermanagement in Tschechien. Digitale Tools ermöglichen es Manager*innen, die Belegschaft praktisch in Echtzeit zu überwachen und zu bewerten, was zwar die Betriebseffizienz steigert, gleichzeitig aber einen erheblichen Druck auf die Mitarbeiter*innen ausübt. Zudem bestraft das System die Belegschaft für festgestellte Verstöße oder unzureichende Leistung: Den Mitarbeiter*innen droht beispielsweise eine Einschränkung bei der Auswahl ihrer Schichten. Im Januar 2022 kündigte das Unternehmen zudem an, dass es die Höhe der Vergütung für Kurier*innen auch anhand der gemessenen Fahrsicherheit und Kundenzufriedenheit festlegen werde.Kritiker*innen erwähnen in diesem Zusammenhang vor allem die Kontrolle durch digitale Technologien, die eine ständige Überwachung ermöglichen. „Wenn diese jedoch nicht auf ethische Weise angewendet werden, werden die Beschäftigten dadurch unter großen Druck gesetzt. Sie stehen jede Sekunde unter Kontrolle, werden völlig abhängig von ihren Scannern oder Handys, verlieren jegliche berufliche Autonomie, verstehen das System zudem oft nicht und können sich nicht dagegen wehren“, hieß es in der Begründung für die Verleihung des Big-Brother-Awards. Das Unternehmen argumentierte damals, dass es die Daten zur Verbesserung der Dienstleistungen und zur Personalisierung des Angebots nutze.
Weitere Kontroversen um das tschechische Unternehmen Rohlík betrafen die Arbeitsbedingungen und die Beschäftigung ausländischer Arbeitskräfte. Die tschechischen Medien berichteten in den vergangenen Jahren wiederholt über Beschwerden einiger Kurier*innen und Lagerarbeiter*innen, die häufig über Agenturen beschäftigt waren. Rohlík wies die Vorwürfe zurück und betonte, dass das Unternehmen die tschechischen Gesetze einhalte und mit geprüften Partnern zusammenarbeite. Das tschechische Oberste Verwaltungsgericht bestätigte im April dieses Jahres endgültig, dass ein Teil der Rohlík-Kuriere im sogenannten „Schwarzsystem“ [eine Art Scheinselbstständigkeit, Anm. d. Red.] arbeitete, und wies damit auf die schmale Grenze hin ab der eine geschäftliche Zusammenarbeit endet und eine abhängige Beschäftigung beginnt. Die Arbeitsaufsichtsbehörde kam zu dem Schluss, dass ein Teil der Kurier*innen eine Tätigkeit ausübte, die alle Merkmale einer abhängigen Beschäftigung erfüllte, obwohl sie formal als selbstständige Tätigkeit eingestuft war.
Österreichs „Gurkerl“ und das deutsche „Knuspr“
Ähnliche Debatten haben sich nach und nach auch auf die ausländischen Franchise-Unternehmen der Rohlik Group ausgeweitet. In Österreich beispielsweise erregten die Entwicklungen rund um den dortigen Onlinehandel Gurkerl.at die Aufmerksamkeit der Medien. Die Tageszeitung Der Standard veröffentlichte im Jahr 2023 Aussagen von aktuellen und ehemaligen Mitarbeiter*innen, die die Arbeitsorganisation in den Lagern kritisierten. Ihren Aussagen zufolge wurden beispielsweise Toilettenpausen oder die zehnminütige Aufwärmpause, auf die Mitarbeiter im Kühlbereich des Lagers stündlich Anspruch haben, von der Arbeitszeit abgezogen. „Im Büro sind die Arbeitsbedingungen nicht besser als im Lager“, verriet ein Mitarbeiter, der anonym bleiben wollte, dem Der Standard.Der Umgangston sei angeblich schroff, die Kontrollen seien zu streng, und wer keine ausreichende Leistung erbringe, werde entlassen. Auf der Plattform Kununu, auf der Arbeitgeber bewertet werden, raten die meisten Menschen von einer Anstellung bei Gurkerl.at ab: „Gewinn auf Kosten von Ausbeutung, verbunden mit dem Bestreben, ein positives Image zu schaffen“, lautet eine der Bewertungen ehemaliger Mitarbeiter*innen.
Österreichische Medien führen die Schwierigkeiten von Gurkerl.at bei der Anpassung an den österreichischen Arbeitsmarkt und die Notwendigkeit von Entlassungen darauf zurück, dass das Unternehmen zu schnell gewachsen sei.
Der österreichische Markt ist schwer zu knacken
Der österreichische Markt stellt für Online-Supermärkte nämlich eine außerordentliche Herausforderung dar. Laut einer Analyse des Unternehmens RegioData gehört das Land zu den europäischen Spitzenreitern hinsichtlich der Dichte an Supermärkten, und Lebensmittelgeschäfte gibt es hier buchstäblich „an jeder Ecke“. Die Kund*innen sind an einen starken Wettbewerb zwischen traditionellen Ketten wie Billa, Spar, Hofer oder Lidl gewöhnt. Gerade die gute Erreichbarkeit der Standorte ist einer der Gründe, warum sich der Online-Lebensmitteleinkauf in Österreich langsamer durchsetzt als in manchen anderen europäischen Ländern.Laut RegioData hat selbst die Covid-Pandemie das Konsumverhalten in Österreich nicht verändert – aus einer Umfrage vom Herbst 2020 ging hervor, dass in Österreich nur 2,8 Prozent der Haushalte ihre Lebensmitteleinkäufe online tätigen; vor der Pandemie waren es 2,5 Prozent. Der Anteil des Online-Verkaufs von Lebensmitteln lag zu dieser Zeit sowohl in Österreich als auch in Deutschland bei fast drei Prozent; im Vergleich dazu war er beispielsweise in Großbritannien mit 11 Prozent und in Frankreich mit 9 Prozent deutlich höher. Laut einer Studie des Gallup-Instituts aus dem Jahr 2025 herrscht in Österreich auch beim Kauf von Kleidung Skepsis gegenüber dem Online-Shopping vor, wobei lediglich 16 Prozent der Befragten angeben, dass sie Online-Einkäufe bevorzugen.
Das Unternehmen Gurkerl.at hat seit seinem Eintritt in den österreichischen Markt im Jahr 2020 turbulente Jahre hinter sich. Mehrere Wechsel in der Unternehmensführung, Fusionen innerhalb des Konzerns, negative Berichterstattung in den Medien wegen der Arbeitsbedingungen und im vergangenen Jahr schließlich der millionenschwere Umbau zu einem vollautomatisierten Lager. Laut Handelsregister verzeichnete das Unternehmen im Geschäftsjahr 2023/24 einen Verlust von mehr als 81 Millionen Euro.
Nachdem Billa Ende 2025 nach zehn Jahren den Rückzug aus dem Online-Handel angekündigt hatte – aufgrund geringer Nachfrage und hoher Logistikkosten –, begannen sich die Zahlen für Gurkerl.at jedoch zu verbessern. Das geht zumindest aus einer Pressemitteilung vom März 2026 hervor, wonach das Unternehmen im Dezember 2025 einen Betriebsgewinn erzielte. Für sein umgebautes und nun vollautomatisiertes Lager in Wien erhielt Gurkerl.at im Juni dieses Jahres den Austrian Logistics Award für das beste Logistikprojekt in Österreich. „Gurkerl.at hat dank einer hochautomatisierten Lösung für die Auftragsabwicklung neue Maßstäbe im Online-Lebensmittelhandel gesetzt“, heißt es in der Begründung. Derzeit beschäftigt Gurkerl.at rund 330 Mitarbeiter*innen darunter etwa 100 Zustellerinnen und Zusteller. Und mehrere hundert Roboter.
Auch in Deutschland wurden kritische Stimmen laut. Ehemalige Mitarbeiter*innen von Knuspr.de beklagten sich über die Arbeitsbedingungen und ein „Klima der Angst“. Die deutsche Tochtergesellschaft der Rohlik Group betreibt Logistikzentren in der Umgebung von München und Frankfurt und hat ihre Aktivitäten in den letzten Jahren auch auf Berlin ausgeweitet. Genau dort kam es zum Jahreswechsel 2023/2024 zu Beschwerden einiger ehemaliger Mitarbeiter über die Arbeitsbedingungen. Einige von ihnen beschrieben das Arbeitsumfeld als stark leistungsorientiert, mit hohem Ergebnisdruck und chaotischer interner Kommunikation. In den Arbeitgeberbewertungen auf der Plattform Kununu wiederholten sich Beschwerden über Überstunden, ein intransparentes Bewertungssystem oder mangelnde Kommunikation der Geschäftsleitung mit den Mitarbeiter*innen. Das Unternehmen wies diese Vorwürfe zurück und betonte, dass es in die Verbesserung der Arbeitsbedingungen investiere.
Rohlik auf Amazon
Im Jahr 2024 kündigte das Unternehmen Knuspr.de Pläne für eine Expansion in mehr als zehn weitere deutsche Städte sowie den Abschluss einer Partnerschaft mit dem deutschen Amazon-Dienst an. Amazon stellte im Dezember 2024 seinen eigenen Dienst Amazon Fresh ein, woraufhin Knuspr.de das Angebot und den Vertrieb von frischen Lebensmitteln auf der Plattform Amazon.de übernahm. Olin Novák, Manager der Rohlik Group, erklärte im April dieses Jahres gegenüber dem Portal E15, dass das Unternehmen in Deutschland profitabel sei, und bezeichnete die Zusammenarbeit mit Amazon als Beweis dafür, dass der US-Riese vor Knuspr zurückgewichen sei. Amazon gab jedoch als Grund die Vereinfachung seines Angebots und die Konzentration auf haltbare Lebensmittel an.Die häufigsten Vorwürfe beziehen sich genau auf das, was das Unternehmen mit den Tochtergesellschaften der Rohlik Group gemeinsam hat – nämlich die algorithmische Arbeitssteuerung und die Leistungsüberwachung der Beschäftigten.
Amazon selbst wird dabei seit Langem ambivalent wahrgenommen. Einerseits wird das Unternehmen für seine logistische Effizienz und Angestelltenboni geschätzt, andererseits sieht es sich Kritik seitens der Gewerkschaften, der Medien und eines Teils der Belegschaft wegen des hohen Arbeitstempos, der Leistungsüberwachung und des Produktivitätsdrucks ausgesetzt. Die häufigsten Vorwürfe beziehen sich genau auf das, was das Unternehmen mit den Tochtergesellschaften der Rohlik Group gemeinsam hat – nämlich die algorithmische Arbeitssteuerung und die Leistungsüberwachung der Beschäftigten. Das Time Magazine zitierte eine internationale Umfrage unter Amazon-Mitarbeitenden in acht Ländern, in der 51 Prozent der Beschäftigten angaben, dass sich die Überwachung der Produktivität negativ auf ihre körperliche Gesundheit auswirke, und 57 Prozent, dass dies auch für ihre psychische Gesundheit gelte. Die Mitarbeitenden beklagten sich über unverhältnismäßige Leistungsziele und eine umfassende Überwachung ihrer Arbeit.
Kundenkomfort
Unternehmen wie die Rohlik Group stellen ein interessantes Paradoxon der modernen Wirtschaft und des Lebensmittelmarktes dar. Einerseits bieten sie den Kund*innen Komfort, Zeitersparnis und oft auch eine größere Auswahl als herkömmliche Geschäfte. Sie investieren in Mehrwegverpackungen, Elektromobilität oder die Reduzierung von Lebensmittelabfällen. So spendeten Kund*innen beispielsweise bereits im Jahr 2019 fast 12 Tonnen Lebensmittel im Wert von 1,3 Millionen Tschechischen Kronen (damals etwa 50.000 Euro) über die Plattform an tschechische Tafeln. Andererseits basiert das Geschäftsmodell auf einer ständigen Kostenoptimierung, hohem Effizienzdruck und einer umfassenden Digitalisierung der Arbeit in Lagern und in der Logistik. Genau diese strukturellen Zwänge wirken sich sowohl auf die Arbeitsbedingungen als auch auf die Art und Weise der Expansion in neue Märkte aus.Beim modernen Lebensmitteleinkauf geht es also nicht nur darum, dass die Kund*innen ihre Einkäufe innerhalb weniger Stunden an die Haustür geliefert bekommen. Hinter jeder Bestellung von Lebensmitteln mit bequemer Lieferung nach Hause steht eine ganze Armee aus Algorithmen, automatisierten Großlagern, Mitarbeiter*innen, Kurierdiensten und Robotern, deren Arbeit den Kund*innen meist verborgen bleibt. Die technologische Revolution im Lebensmitteleinzelhandel in Form des von Rohlík.cz angebotenen Dienstes bringt nicht nur Komfort mit sich, sondern wirft gleichzeitig Fragen hinsichtlich der Arbeitsorganisation, des Leistungsdrucks und der langfristigen Nachhaltigkeit eines auf extremer Effizienz basierenden Modells auf.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
August 2026