Veteranen als Landwirte  Wachteln und Mühlsteine statt Waffen

Dieses Brot wurde von der Familie des Veteranen Pawlo Schtybel gebacken.
Dieses Brot wurde von der Familie des Veteranen Pawlo Schtybel gebacken. Foto: © Tetyana Denysenko

Der Weg zurück ins zivile Leben ist steinig. Und doch finden manche Veteran*innen und Veteranen die Kraft, noch einmal bei null anzufangen, so wie zwei ehemalige Soldaten, die nach ihrem Militärdienst Landwirte geworden sind.

Mehr als zwei Millionen Menschen haben – Stand Mai 2026 – für die Ukraine im Krieg gegen die russische Aggression gekämpft und gelten als Veteran*innen. Die meisten von ihnen leben in der Oblast Dnipropetrowsk mit rund 166.300 Personen, es folgen die Oblast Lwiw (130.268), die Oblast Kyjiw (127.919), die Stadt Kyjiw (120.554) und die Oblast Charkiw (117.564).

Unvorstellbar in der Ukraine

Ihor Mamtschyk war Kampfsanitäter im 8. Regiment der ukrainischen Spezialkräfte. Nach seiner Entlassung aus dem Dienst und einer anschließenden Behandlung gründete er im Gebiet Lwiw einen Familienbauernhof. Vor seinem Militärdienst hatte er in der Logistik und in der IT-Branche gearbeitet. Er stammt aus Kropywnyzkyj in der Zentralukraine.

„Damit ich heute das tun kann, was ich will, musste ich mich einreihen, wie Hunderttausende meiner Kameraden“, sagt Ihor. „Mein letzter Einsatz war Bachmut in der Oblast Donezk. Was mich dort aufrecht gehalten hat, war ein Traum: wenn ich lebend rauskomme, gründe ich meinen eigenen Landwirtschaftsbetrieb. Nach den Verwundungen bin ich tatsächlich wieder auf die Beine gekommen. Das verdanke ich meiner Frau Olha.“

Als junger Mann hatte Ihor ein Praktikum auf einem Familienhof in Deutschland gemacht. Dort kam ihm die Idee zu einem eigenen Hof, wie ihn schon sein Urgroßvater besessen hatte. Der war von den Sowjets als Kulak, also als angeblich reicher Bauer, enteignet worden: Sie hatten ihm das Land genommen und ihn mit der ganzen Familie in den Donbas geschickt.

Ihor weiß noch, wie er staunte, als er hörte, dass manche deutsche Familienbetriebe bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen. „Bei uns ist so etwas unvorstellbar“, sagt er. „Mit jedem Krieg werden bei uns alle Höfe zerstört. So war es auch mit dem Hof meines Urgroßvaters. Jede Generation muss von vorn anfangen.“

Mit Wachteln hatte er schon als Sechstklässler zu tun. „Papa hat damals etwa 50 Stück mitgebracht. Wir hatten eine Sommerküche, da haben wir sie gehalten und gezüchtet, sie hatten freien Auslauf. Das war eine gute Schule, finde ich.“

Die ersten Brutkästen kaufte er im Sommer 2022 von seinen Frontzulagen. Beim Aufbau half sein Vater, früher Flugzeugingenieur. „Ich dachte mir: Wenn ich schon Geld habe, dann stecke ich es in Ausrüstung. Das ist Werkzeug – deine Ahle, dein Löffel. Damit verdienst du immer dein Geld.“

Heute packt die Familie mit an: seine Frau, seine Eltern und ein Kamerad aus der Armee. Der Hof hat inzwischen mehrere Standbeine und firmiert als Mriyas Farm im Dorf Toporiw, benannt nach dem Pferd Mriya (deutsch: Traum).
Ihor Mamtschyk vor seinem Anwesen.

Ihor Mamtschyk vor seinem Anwesen. | Foto: © privat

Eines der Standbeine sind die „Wachteln auf Eichenlaub“. Die Familie züchtet Wachteln und macht daraus Delikatessen: rohe und geräucherte Eier, Eipulver, geräucherte Wachteln im Ganzen, Keulen und Filets. „Als wir angefangen haben, haben meine Frau und ich Eichenlaub gesammelt und es den Wachteln untergestreut, damit sie weicher liegen“, erzählt Ihor. „Daher kommt der Name.“

Dazu kommen Haselnüsse im Gebiet Riwne. „Dort haben wir noch einen zweiten Standort mit 260 Sträuchern. Dieses Jahr tragen sie zum ersten Mal richtig, dann kommen die Nüsse als ‚Nüsschen aus Korytne‘ in den Verkauf.“ Korytne heißt das Dorf, in dem die Sträucher stehen.

Das Klima passt

Dass es die Familie in die Oblast Lwiw zog, hat mit dem Klima zu tun. „Das Klima hier passt mir einfach sehr gut“, sagt Ihor. „In Kropywnyzkyj, wo wir vorher gelebt haben, friert der Boden im Winter einen halben Meter tief. Wenn es im Sommer regnet, dann mindestens zwei Tage am Stück. Und bei Hitze verbrennt alles Grün, die Erde trocknet völlig aus.“

Das Haus, in dem die Familie lebt und die Wachteln hält – Ihor nennt es „das Gut“ –, hat ihnen eine Hilfsstiftung überlassen. In den sozialen Netzwerken war er zufällig darauf gestoßen. Worauf es ankam: Eine gute Verkehrsanbindung, eine Schule in der Nähe, genug Land, Nebengebäude. Schließlich wollten sie hier nicht nur arbeiten, sondern auch leben.

Umzug an einem Tag

Nach der Übernahme ging es ans Einrichten. Die Wachteln waren damals noch bei Ihors Eltern in der Oblast Kyjiw. „Ein Kamerad hat uns geholfen, alles herzubringen. Meine Frau konnte kaum glauben, wie das läuft. Aber in unserer Veteranengemeinschaft ist man es gewohnt, einander zu helfen, das kennen wir noch von der Front.“

Der Umzug selbst lief, wie Ihor sagt, ganz nach Veteranenart: „Der Kamerad, der Frachttransporte fährt, hat angerufen und gesagt, er fährt heute ins Gebiet Lwiw – ob ich es schaffe, bis dahin zu packen. Ich hab gesagt, wir hatten das eigentlich erst in einem Monat vor. Aber er hat nicht lockergelassen. So haben wir an einem einzigen Tag alles rübergeschafft.“  

Wie in Frankreich

Eines der größten Probleme für jeden Veteranen, der ein Geschäft gründet, ja für jeden Landwirt überhaupt, ist aus Ihors Sicht zugleich die wichtigste Aufgabe: Der Absatz. „Selbst in Frankreich, wo ich ein Praktikum in einer Molkerei gemacht habe, hatten sie Mühe, ihre Produkte abzusetzen. Dabei läuft das dort seit dem 19. Jahrhundert. Uns gibt es noch nicht lange, aber wir stehen vor genau denselben Problemen. Abnehmer haben meine Frau und ich selbst gesucht. Da helfen die Kontakte unter Veteranen enorm.“

So kamen Kooperationen mit Pizzeria- und Restaurantketten in Lwiw zustande und mit Läden, die handwerklich hergestellten Käse führen. Außerdem verkauft die Familie auf Bauernmärkten.

Reines Eiweiß

„Vor Kurzem haben wir ein Projekt zur Verwertung von Abfällen aus der Tierhaltung durchgebracht“, erzählt Ihor. „Unsere Idee war, das nicht als Problem zu sehen, sondern als Chance. Ein Vogel verwertet sein Futter nur zu etwa 60 Prozent. Der Rest landet im Kot – und damit gehen enorme Mengen wertvoller Proteine und Mikronährstoffe verloren.“

Die Lösung ist eine Futterlarve, die diese Abfälle frisst. Nach der Verarbeitung wird sie in Futterpellets eingearbeitet. Für Wachteln ist das ideales Futter, denn Insektenprotein ist reich an essenziellen Aminosäuren. „Wer ein Haustier hat, kennt das: Es gibt diese Premiumlinie mit Insektenprotein. Genau das ist diese Larve.“

Derzeit entsteht auf dem Hof außerdem eine Biogasanlage, und die Familie will auf Agrotourismus setzen. Irgendwann sollen Ihors Kameradinnen und Kameraden hier übernachten und Zeit mit Pferden verbringen können.

„Wundermühle“ nach der Front

Nur ein Dorf weiter, in Sokolja in der Gemeinde Busk, ist ein weiterer Veteranenbetrieb entstanden: Eine Mühle, in der steingemahlenes Mehl hergestellt wird. Ihr Besitzer Pawlo Schtybel, früher Dorfvorsteher, hat sich vor zwei Jahren nach seiner Entlassung aus der Armee gemeinsam mit seiner Frau Andrijana selbstständig gemacht. So begann die Geschichte ihres Brotes – und der Marke Dywomlyn, frei übersetzt: Wundermühle.

„2021 habe ich beim Staatlichen Grenzschutzdienst der Ukraine einen Vertrag unterschrieben. Der Beginn der Vollinvasion hat mich in Tscherkassy erwischt. Danach war ich in Tschornobyl und in Bachmut. Nach der Geburt unserer dritten Tochter bin ich demobilisiert worden“, erzählt Schtybel.
Pawlo Schtybel mit seiner Frau Andrijana.

Pawlo Schtybel mit seiner Frau Andrijana | Foto: © Tetyana Denysenko

Er ist auf dem Dorf aufgewachsen, mit eigener kleiner Landwirtschaft. Wie man einen Hof führt, wusste er also. Heute baut er Weizen, Roggen, Gerste, Hafer, Buchweizen und „Tschornobrowa“ [eine alte Weizensorte – Anm. d. Üb.] an. Steingemahlenes Mehl, sagt er, eignet sich am besten für Sauerteigbrot: Es enthält noch alles Wertvolle – Schale, Keimling, lebende Bakterien. Und weil der Teig lange fermentiert wird, werden die Eiweiße aufgespalten und sind leichter verdaulich.

Anderen helfen

„Unsere Töchter hatten früher oft Bauchweh“, erzählt Andrijana. „Wir waren bei Ärzten, und die haben uns geraten, auf Industriegebäck und Hefebrot aus dem Laden zu verzichten.“ Auch ihr Vater, der vor Kurzem aus der Armee entlassen wurde, hat inzwischen Herz-Kreislauf-Probleme. Sein Arzt hat ihm ebenfalls geraten, ganz auf hefefreies Vollkornbrot umzusteigen.

Anfangs kaufte das Paar das Brot für die Kinder. Dann kam die Idee, das Mehl selbst zu mahlen und selbst zu backen – und irgendwann, etwas mehr zu mahlen und zu verkaufen, damit auch andere etwas davon haben.

„Uns war klar, dass unsere Kinder nicht die einzigen sind“, sagt Andrijana. „Das Problem haben viele. Also haben wir eine Mühle gekauft und uns reingefuchst.“ Sie selbst hatte nie zuvor Brot gebacken; bis zur Gründung des Hofes arbeitete sie als Kinderpsychologin. „Backen hat mich ehrlich gesagt nie gereizt. Aber die Neugier war stärker. Ich habe es immer wieder versucht, einen Backkurs gebucht, viel gelernt. Irgendwann hat es mir so viel Spaß gemacht, dass ich angefangen habe, Brot zu verkaufen.“ Die ersten Kund*innen fand sie im Freundes- und Bekanntenkreis. Und die empfahlen das Brot weiter.

Gemeinsame Sache mit Veteranen

Ende des Winters hat das Paar eine eigene Bäckerei eröffnet: Das Brot wird dort gebacken und gleich verkauft, dazu gibt es Kaffee. Wer selbst backen will, bekommt hier auch Steinmühlenmehl und Sauerteig. Und hausgemachten Kwas, ein vergorenes Getränk aus Brot.

„Wir haben angefangen, andere Veteranenbetriebe zu uns in den Laden zu holen, damit wir gemeinsam verkaufen“, sagt Andrijana. „Nicht jeder kann sich einen eigenen Laden leisten. Und auch wir selbst sind dabei Stück für Stück gewachsen.“ Beim Sortiment wird experimentiert. Zu den Klassikern gehören Weizenvollkornbrot, auch mit Röstzwiebeln, Körnerbrot mit verschiedenen Saaten und Brot aus hundert Prozent Roggen. Bis zu 30 Laibe entstehen am Tag. Richtig gelagert hält das Brot bis zu einer Woche, das Roggenbrot schimmelt sogar über einen Monat lang nicht. Manche Sorten gibt es nur auf Veteranenmärkten, etwa Schokoladen- oder Cranberrybrot. Das ist eher etwas fürs Dessert.

„Die Grundrezepte habe ich aus dem Kurs“, sagt Andrijana. „Dann habe ich sie an meinen Geschmack angepasst. Ein Laib kostet je nach Sorte 100 bis 130 Hrywen (etwa 2 bis 2,50 Euro) und wiegt 600 bis 700 Gramm.“

Die Erfahrung aus der Armee helfe ihm, gelassener mit Problemen umzugehen und nicht in Panik zu geraten, sagt Pawlo. Das Getreide ist für ihn mehr als eine Einnahmequelle. Es ist sein Weg zurück in ein friedliches Leben. „Die Arbeit hat mir geholfen, im zivilen Leben anzukommen, und der eigene Betrieb war noch ein Stück Heilung. Das Wichtigste: etwas finden, das einen begeistert. Und sich trauen, einfach mal was auszuprobieren.“
 

 

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

 

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen