Für die ganze Welt ist Kramatorsk im Osten der Ukraine seit langem mit Krieg, Beschuss und der ständigen Gefahr einer russischen Besetzung verbunden. Doch für Tausende ukrainische Paare ist diese nur 15 Kilometer von der Frontlinie entfernte Stadt zu einem Ort der Begegnung und des Abschieds, der Trauer und der Liebe geworden.
„Die Wohnung gehört Ihnen. Es gibt Strom, sofern es zu keinen Störungen kommt. Einen Schutzkeller haben wir nicht, aber hier versteckt sich niemand, alle haben sich daran gewöhnt. Der einzige Haken ist, dass die Vormieter etwas zurückgelassen haben. Ich hoffe, das stört Sie nicht“, sagt Serhij, während er mit seinen Schlüsseln die Tür der Mietwohnung in Kramatorsk aufschließt. In Hotels zu wohnen ist hier im Osten gefährlich, denn sie zählen zu den bevorzugten Zielen russischer Angriffe. Serhijs Geschäft läuft gut. Die Wohnung, die er an Tagesgäste vermietet, steht nie leer.Ein dunkler Flur, eine kleine Küche, ein gewöhnliches Wohnzimmer und ein heller Fleck auf dem Tisch – ein großer Strauß aus rosa Rosen und Orchideen. Frisch und teuer. Das ist jenes „Etwas“, das die vorherigen Gäste zurückgelassen haben.
Dass jemand diese rosafarbene Wolke in der grauen Plattenbauwohnung in Kramatorsk hinterlassen hat, mag überraschen. Für Serhij ist das jedoch nichts Ungewöhnliches: „Meistens vermiete ich die Wohnung an Ehepaare. Die Soldaten, die hier kämpfen, haben zu kurze Urlaube, um nach Hause zu fahren. Deshalb kommen ihre Frauen aus dem ganzen Land zu ihnen – aus Kyjiw, Lwiw, Schytomyr. Manchmal sogar aus dem Ausland. Der Rückweg ist lang und beschwerlich, deshalb lassen sie die Blumen hier.“
Der Bahnhof von Kramatorsk ist aufgrund des starken Beschusses außer Betrieb. Die Gleisanlagen lassen sich kaum schützen. Deshalb fahren die Züge derzeit nur noch bis an die Grenze der Oblast Charkiw. Große Industriebetriebe haben ihre Hauptproduktionsstätten geschlossen. Schulen und Kindergärten funktionieren seit Langem nicht mehr.
Ein Blumenladen in Kramatorsk mit nach Beschuss vernagelten Schaufenstern | Foto: © Oleksii Filippov
Abschied
Am Busbahnhof von Kramatorsk hält der weiß-blaue Bus der humanitären Mission nur wenige Minuten. Der Fahrer hat es eilig. Vor ihm liegt eine schwierige und gefährliche Strecke bis zur Stadt Barwinkowe in der Oblast Charkiw, von wo aus derzeit Evakuierungszüge fahren. Die Hälfte dieser Route führt durch einen Tunnel, der mit Drohnenschutznetzen überspannt ist. Die Straße wird von russischen Drohnen beschossen, und die dünnen Netze sind das Einzige, was die Menschen vor den tödlichen Waffen schützt.„In fünf Minuten geht es los. Verstauen Sie Ihr Gepäck, nehmen Sie Ihre Plätze ein!“ Der Fahrer ist nervös. Er hilft den Rentnern und Frauen mit Kindern, die ihre Heimatstadt für immer verlassen, beim Einladen ihrer schweren Taschen.
Anti-Drohnen-Netze über der Straße, die nach Kramatorsk führt | Foto: @ Oleksii Filippov
Der Soldat Andrij verabschiedet sich von Aljona am Busbahnhof von Kramatorsk. | Foto: © Oleksii Filippov
„Wir wussten nicht, ob ich zum Jahreswechsel nach Hause fahren darf. Zu Weihnachten hatte ich aber drei Tage frei, und Aljona beschloss, zu mir zu kommen. Sie ist mutig. Sehr sogar. Sie hat nicht einmal ihren Eltern gesagt, dass sie so nah an die Front fahren würde. Heute Nacht wurde geschossen. Aljona hat so etwas noch nie gehört. Ich habe ihr Kopfhörer aufgesetzt und die Musik auf volle Lautstärke gestellt, damit sie sich beruhigen konnte. Aber ich war die ganze Zeit bei ihr“, erzählt der junge Mann.
Drei Tage haben sie zusammen verbracht, fast ohne ihre gemietete Wohnung in einem Wohnviertel von Kramatorsk zu verlassen. Andrij hat Blumen gekauft und Essen bestellt. Er wollte die Sicherheit seiner Liebsten nicht durch Spaziergänge durch die Stadt gefährden, denn auf Kramatorsk gehen fast jede Nacht Raketen und Shahed-Drohnen nieder.
Die Zeit ist schnell vergangen. Und nun schließen sich die Türen des Busses. Aljona kann ihre Tränen nicht mehr zurückhalten. Auch Andrij ist traurig. Kramatorsk, die Stadt der Rendezvous, wird für ihn wieder zur Frontlinie.
Der Soldat Andrij verabschiedet sich von Aljona am Busbahnhof von Kramatorsk. | Foto: © Oleksii Filippov
Treffen
Der humanitäre Bus verkehrt mehrmals täglich. Er bringt nicht nur Menschen aus Kramatorsk in Sicherheit, sondern holt auch Fahrgäste von Zügen aus Kyjiw ab, um sie in die frontnahe Stadt zu bringen. Der 22-jährige Oleksandr aus Kyjiw ist schon früh zum Bahnhof gekommen, um den Bus zu erwarten. Seit zwei Jahren kämpft er im Osten und ist in Kramatorsk stationiert. Seit kurzem besucht ihn einmal im Monat seine Geliebte Julia. Und so wartet er auch heute mit einem Strauß aus rosa Rosen in den Händen auf den Bus.
Oleksandr und seine Verlobte Julia | Foto: © Oleksii Filippov
„Wenn der Kommandant meinem Verlobten freigibt. Und wenn es keine schweren Kämpfe gibt“, fügt die 22-jährige traurig hinzu. Julia lebt in Kyjiw und arbeitet als Zugbegleiterin bei der Ukrzaliznytsia – der ukrainischen Eisenbahn. Früher fuhr sie mit dem Intercity+ zwischen der ukrainischen Hauptstadt und der Oblast Donezk. Oft wurde dieser Zug als der „Zug in den Krieg“ bezeichnet.
„Ich bin fast jede Woche damit gefahren. Aber nie in die Stadt gegangen. Kramatorsk beschränkte sich für mich immer auf den Bahnhof und den Blick aus dem Fenster. Ich wusste nicht, ob diese Stadt überhaupt schön ist oder nicht. Sie wirkte düster und industriell“, erinnert sie sich.
Ironischerweise begann Julia erst dann gezielt nach Kramatorsk zu reisen, als ihr Zug die Frontstadt nicht mehr anfuhr. Heute fährt sie wie eine gewöhnliche Passagierin in die Oblast Charkiw und dann mit dem Bus durch den mit Drohnenschutznetzen gesicherten Tunnel zu ihrem Liebsten.
„Als diese Stadt für mich zu einer Stadt der Rendezvous wurde, habe ich sie von einer neuen Seite entdeckt“, sagt Julia. „Es stellte sich heraus, dass es dort schöne Cafés mit leckerem Kaffee gibt. Und wir haben einen Lieblingsort für unsere Spaziergänge – den Wernadskyj-Park mit der großen Flagge.“
In diesem Herbst versuchten die Russen, die gelb-blaue Flagge, von der Julia spricht, mit Drohnen zu zerstören. Das Symbol der ukrainischen Staatlichkeit wurde noch vor der Invasion im zentralen Park der Stadt auf einem 80 Meter hohen Fahnenmast – dem höchsten in der Oblast Donezk – gehisst. Die Flagge ist von überall in Kramatorsk aus zu sehen. Und dieser Ort ist tatsächlich zu einem Treffpunkt in der ukrainischen Stadt an der Front geworden.
Der Wernadskyj-Park mit der ukrainischen Flagge in Kramatorsk | Foto: © Oleksii Filippov
Café im Zentrum von Kramatorsk | Foto: © Oleksii Filippov
Erinnerungen
Bohdan, der sich der Allee der Helden mit den ukrainischen Flaggen nähert, humpelt. Sein rechtes Bein ist fünf Zentimeter kürzer als das linke und sein Knie lässt sich nicht mehr beugen. „Es ist ein Wunder, dass ich überhaupt gerettet werden konnte“, sagt er.
Der ehemalige Soldat Bohdan vor der Stele der Oblast Donezk | Foto: © Oleksii Filippov
„Ich lag fünf Stunden lang im Schützengraben, nachdem ich von einem Scharfschützen getroffen worden war. Mein Bein war in die andere Richtung verdreht. Wir wurden mit Artillerie beschossen, dann tauchten auch noch FPV-Drohnen auf. Es gab keine Möglichkeit, die Verwundeten zu evakuieren. Zwei Jungs sind für immer in diesem Schützengraben geblieben.“
Bohdan ist wortkarg. Der Krieg hat nicht nur seine Gesundheit, sondern auch seinen Charakter verändert. Der Bauarbeiter aus einem kleinen Dorf in der Oblast Dnipropetrowsk schloss sich nach der Invasion der Nationalgarde an und verlor in den Kämpfen im Osten viele Freunde. Früher verbrachte er viel Zeit in Kramatorsk. Heute kommt er nur noch aus geschäftlichen Gründen in die Frontstadt. Seit er aus der Armee ausgeschieden ist, haben die Russen in der Oblast Donezk noch einige weitere Städte besetzt.
Heute ist der Mann in den Osten gekommen, um einen Verwandten hierher zu bringen. Doch er ist nicht allein: Bei ihm ist auch seine Frau, die blauäugige 32-jährige Oksana. Während sich die Männer verabschieden, öffnet die Frau die Karte von Deep State auf ihrem Handy und sagt überrascht zu ihrem Mann, dass dies schon längst kein Hinterland mehr sei. Selbst wenn sie wüsste, dass sie weniger als 20 Kilometer von den Russen entfernt ist, würde Oksana trotzdem mitfahren. Durch diesen Krieg hat die Frau einen Mut in sich entdeckt, den sie zuvor nicht kannte.
„Unsere Liebe ist während des Krieges sogar noch stärker geworden“, sagt Oksana. „Wir schätzen einander und die gemeinsame Zeit mehr. Ich bin zu meinem Mann in die Städte an der Front gefahren. Mir war klar, dass es für ihn schwieriger ist, nach Hause zu kommen, als für mich, zu ihm zu fahren. Und ich hatte nie Angst um mich selbst, sondern mehr um ihn.“
Oksana und Bohdan an der Stele der Oblast Donezk auf dem Weg nach Kramatorsk | Foto: © Oleksii Filippov
„Ich würde mir sehr wünschen, dass Menschen, die weit weg vom Krieg leben, die die Luftalarmmeldungen nicht beachten und glauben, der Krieg werde niemals zu ihnen kommen, die niemals über diese Grenze gehen werden – über die Oblast Donezk hinaus –, dass sie diese Orte sehen könnten“, sagt die Frau und drückt Bohdan fest die Hand.
Oksana und ihr Mann sind nicht das einzige Paar, dessen Beziehung durch den Krieg auf seltsame Weise gestärkt wurde.
Pater Dionysius, Militärseelsorger der Orthodoxen Kirche der Ukraine, hat in diesem Winter keine Weihnachtsgottesdienste abgehalten. Die Feierlichkeiten in Slowjansk, Kramatorsk und Druschkiwka wurden wegen der Gefahr durch Beschuss verboten. Dennoch zelebriert er häufig Trauungen.
„Die Front rückt immer näher, aber das Leben geht auch hier weiter“, sagt Pater Dionysius. „Ich spende oft die Taufe, wenn erwachsene Soldaten sich taufen lassen wollen, und ich vollziehe Trauungen, wenn Paare, die seit vielen Jahren zusammen sind, beschließen, ihre Beziehung vor Gott zu besiegeln. Die Bräute kommen zu den Militärangehörigen hierher – nach Kramatorsk und Slowjansk –, und ich traue sie. Das ist eine normale Reaktion der Menschen auf die unnormalen Umstände, in denen sie sich befinden.“
Zerstörtes Wohnhaus im Zentrum von Kramatorsk | Foto: © Oleksii Filippov
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Januar 2026