Interview mit „Ein Nobody gegen Putin“ Pawel Talankin  Über Opposition, Propaganda und kollektive Verantwortung in Russland

„Ein Nobody gegen Putin“ Pawel Talankin beim Gespräch mit JÁDU
„Ein Nobody gegen Putin“ Pawel Talankin beim Gespräch mit JÁDU Foto: © Alena Kolesniková

Pawel Talankin ist ein ganz normaler Mensch. Ein Mann, der die Gelegenheit ergriffen hat, die staatlich organisierte Militarisierung russischer Schulen zu dokumentieren. Ein Lehrer, dessen ehemalige Schüler in den Krieg gezogen sind, um gegen die Ukraine zu kämpfen. Ein Russe, der beschlossen hat, zu handeln und seine Aufzeichnungen heimlich nach Europa zu schmuggeln.

In dem auf diesen Aufzeichnungen basierenden Dokumentarfilm Ein Nobody gegen Putin [verfügbar in der arte-Mediathek], der in Zusammenarbeit mit dem Regisseur David Borenstein entstanden ist, führt uns die sanfte Stimme Pawels, der trotz der Umstände oft zu Scherzen aufgelegt ist, durch dessen Heimatstadt am Ural und durch die Schule, in der er unterrichtet hat. Karabasch ist eine der am stärksten verschmutzten Städte der Welt und wird von der Russischen Föderation zur „1. Kategorie der Städte mit schlechter sozioökonomischer Situation“ gezählt. Doch im Film betrachten wir diese Stadt durch Pawels Augen und erhalten einen Einblick in die Alltagsrealität von Lehrer*innen und Schüler*innen.

Seit dem Beginn des groß angelegten russischen Überfalls auf die Ukraine ist in einer Atmosphäre wachsender Absurdität die Zunahme militarisierter Kinder- und Jugendgruppen, repressiver Gesetze und eines radikalen Nationalismus zu beobachten. Pawels Schmerz ist deutlich zu spüren, wenn ihm allmählich klar wird, dass er seine Umgebung vor der Propaganda nicht mehr beschützen kann und dass er sein Zuhause verlassen müssen wird.

Pawel ist viel auf Reisen, um seinen Film vorzustellen, und lebt aus dem Koffer, doch Prag ist zu einem seiner Rückzugsorte geworden. Für dieses Interview konnten wir uns deshalb persönlich treffen und haben darüber gesprochen, was ihn zu diesem Dokumentarfilm bewegt und welche Folgen der Film nach sich gezogen hat. Dabei ging es auch um den gegenwärtigen Zustand der russischen Gesellschaft, ethische Fragen des Dissidententums und um die russische politische Emigration.

Ein Nobody gegen Putin


„Ab dem Moment, als Russland die Vollinvasion auf die Ukraine gestartet hat, veränderten sich die Schulen überall im Land und wurden zu Rekrutierungsplattformen für den Krieg. Ein Lehrer, der sich in dem ethischen Dilemma befindet, in einem von Propaganda und Gewalt definierten System angestellt zu sein, filmt mutig, wie die Realität an seiner Schule aussieht.“ – Presskit Logline

 

Was denken Sie, welche breitere Wirkung Ihr Film haben wird und auf wen? Was wünschen Sie sich diesbezüglich?

Dieser Film übertrifft alles. Wir haben ihn mehrfach in Amerika gezeigt und die Menschen, die an den Diskussionen nach der Vorführung teilgenommen haben, sagten: „Es dauert nicht mehr lange, bis bei uns das gleiche passiert.“

Ich weiß, dass der Film auch in Russland gesehen wird. Zum Beispiel habe ich einen Kommentar von Eltern aus Karabasch bekommen. Sie schrieben: „Ja, unsere Kinder haben uns von diesen Unterrichtseinheiten erzählt, aber wir wussten nicht, was dort besprochen wird. Danke, dass du es ans Licht gebracht hast.“

Ich dachte, ich würde den Film vielleicht in irgendeinem Kino [in Karabasch, Anm. d. Red.] zeigen, eine Vorstellung organisieren. Aber dann ist mir klar geworden, dass man die Menschen dafür bestrafen und ins Gefängnis stecken würde. Wenn ich den Film öffentlich gezeigt hätte, dann hätte das alle betroffen – selbst das nichtpädagogische Personal der Schule, das lediglich den Boden wischt. Das wäre für alle schlecht ausgegangen.

Doch die Gesellschaft Russlands ist insofern eigentümlich, dass auch wenn der Film offiziell und ohne Angst gezeigt werden dürfte, kaum jemand ihn ansehen würde. Vielleicht kämen fünf, sechs Leute ins Kino. Wenn aber ein Film über Russland im Ausland gezeigt wird, dann will ihn auch bei uns jeder gesehen haben. Für die Menschen ist es wichtiger, was man von außen über uns sagt.

Und so haben in Karabasch fast alle den Film gesehen. Manche haben ihn heimlich kopiert und weitergegeben. Habe ich darauf hingearbeitet? Nein, ganz und gar nicht. Es ist einfach passiert. Und ich habe mir gesagt: „Das ist doch ideal. Das ist einfach perfekt.“

Im Film nehmen Sie mehrfach die Verschmutzung und die Armut Ihrer Stadt aufs Korn. Gab es seitens der Stadtbevölkerung jemals aktive Reaktionen auf die Ungerechtigkeit, die ihnen durch die Ausbeutung der lokalen Bodenschätze durch Moskau widerfährt?

Die Menschen verstehen das nicht und stellen sich diese Frage überhaupt nicht. Sie zahlen ihre Steuern, aber kapieren nicht, wohin dieses Geld geht.

Karabasch hatte in letzter Zeit eigentlich Glück, was jedoch dem Direktor der hiesigen Kupferhütte zu verdanken ist. Wenn er nicht gewesen wäre, wäre hier überhaupt nichts Neues entstanden – keine Schule, kein Kino und auch kein Sportzentrum. Aber den Menschen wird vermittelt, dass all das auf das Konto der Partei Einiges Russland geht.

Im Film wird auch Ihre Liebe zu Karabasch deutlich. Meine persönliche Lieblingsszene ist die, in der Sie über Ihre Heimat sprechen. Wie häufig kommt so eine wahrhaftige Heimatliebe in Russland vor?

Leider ist das im heutigen Russland kaum zu finden. Es herrscht eine Politik, nach der die Liebe zum eigenen Land gleichgesetzt wird mit der Liebe zu Putin. Viele Menschen können das eine nicht vom anderen unterscheiden. Für sie heißt es: Heimatland gleich Putin, Putin gleich Russland.
Man darf sein Land lieben und gleichzeitig den Präsidenten hassen. Das Recht hat eigentlich jeder. Doch in Russland wurde den Menschen auch dieses Recht genommen. Man ist gezwungen den Präsidenten zu lieben, weil man Russland liebt.

Ihr ehemaliger Kollege, der Geschichtslehrer und Unterstützer Putins Abdulamanow, sagt in einer Szene zu seinen Schülerinnen und Schülern, wenn sie Russland nicht unterstützten, sollten sie gehen. Sie haben, wie viele andere politische Emigrant*innen auch, das Land verlassen. Tun Sie damit nicht genau das, was das Regime will?

Er hat sicher die Liebe zum Heimatland mit der Liebe zum Präsidenten gleichgesetzt. Eigentlich hat er gesagt: „Wenn dir Putin nicht gefällt, pack deine Sachen und verschwinde.“

Garri Kasparow [ehemaliger russischer Schachweltmeister und demokratischer politischer Aktivist, Anm. d. Red.] sagt, dass viele Menschen, die in Russland keine Steuern zahlen und nicht in einem Schurkenstaat leben wollten, ins Ausland gegangen sind. Dort hatten sie jedoch mit massiven Problemen zu kämpfen. Das ging so weit, dass manche nicht einmal ein Bankkonto eröffnen oder keine EC-Karte bekommen konnten. Viele von ihnen waren letztlich gezwungen, nach Russland zurückzukehren.

Die Propaganda hat das natürlich postwendend ausgenutzt. Es hieß: „Seht nur, der Wanja hier ist gegangen – und gleich wieder zurückgekommen.“ Die Propaganda hat davon wirklich sehr profitiert.

Ja, vielleicht konnte ich mir einmal vorstellen, nach Karabasch zurückzukehren, doch in dem Bewusstsein, dass es dann auf jeden Fall als Munition für die Propaganda genutzt werden würde, kann und will ich das einfach nicht tun.

Der Film erzählt im Allgemeinen eine relativ einfache Geschichte, in der die Vollinvasion der Ukraine zu einem Katalysator für das Wiedererstarken von Putins Regime wird. Angriffe und politische Repression sind für Russland jedoch nichts Neues. Warum haben Sie sich entschieden, Ihrem Film dieses Narrativ zu geben?

Der Samen der Propaganda war ausgesät. Ja, selbstverständlich hat es Ähnliches schon früher gegeben, aber nie in dem Umfang, es hatte früher nicht so eine Intensität.

Eine kurz vor März 2022 entstandene Studie der britischen Agentur Com Res hat herausgefunden, dass etwa die Hälfte der Russ*innen der Überzeugung war, Russland solle die Ukraine angreifen. Zeigt das nicht die bereits starke Militarisierung der russischen Nation?

Die Propaganda in Russland nahm schon im Jahr 2013 ihren Lauf, nach dem Euromaidan und der Besetzung der Krim hat sie enorm an Kraft gewonnen. Sie war überall, im Radio, in den Zeitungen, im Fernsehen. Aber man muss nicht Zeitung lesen, Fernsehen oder Radio hören. Doch in die Schule gehen, das muss man. Und dort muss man sitzen und zuhören, was die Lehrer erzählen.

Zum Beispiel gab es an unserer Schule ein Mädchen, eine sehr gute Schülerin, die den Traum hatte, an die Karls-Universität zu gehen. Sie hat sogar einen Tschechischkurs besucht. Alle Mitschülerinnen und Mitschüler wussten davon. Mir hat sie es erzählt, aber anderen Lehrern hat sie es nicht gesagt. Zu der Zeit hatte die Invasion bereits begonnen und die Russische Föderation hat die Tschechische Republik auf die Liste der sogenannten feindlichen Staaten gesetzt. Das Mädchen hatte Angst, die Lehrkräfte würden sie schlechter bewerten, wenn sie wüssten, dass sie nach Tschechien gehen will.

Wie können russische Dissident*innen die Freiheiten, die sie nach der Flucht ins Ausland haben, im Kampf gegen den Totalitarismus in Russland nutzen?

Einmal hat mir ein Priester eine Geschichte aus Sowjetzeiten erzählt. Als die neuen Machthaber die Regierung vom Zar übernommen hatten, war es ihnen nicht gelungen, die Kirche im Ural und in Sibirien zu liquidieren, weil die Menschen dort stark gläubig waren. Also haben sie angefangen, die Kirche von innen zu zersetzen. Es wurden neue autonome Kirchenstrukturen geschaffen. Große Gemeinden wurden zergliedert. Jeder Kirchgemeinde wurden im Grunde eigene administrative Bevollmächtigte zugeteilt und dann wurde jeder Gemeinde einzeln zu Leibe gerückt. So konnten sie schließlich ihr Ziel erreichen.

Und was passiert heute in der Opposition? Genau das gleiche, was damals mit der Kirche passierte. Alle Gruppen untereinander in Streitigkeiten verwickeln, damit sie nichts mehr gemeinsam haben, keine Einheit bilden – und dann eine nach der anderen zerstören.

Was bedeutet es für Sie Russe zu sein in einem Land wie Tschechien, das auch schon von Russland überfallen worden ist?

Bereue ich, dass solche Dinge überhaupt jemals in der Geschichte stattgefunden haben? Ja, das bereue ich. Fühle ich mich persönlich auf irgendeine Art und Weise damit verbunden? Nein, das fühle ich nicht, weil ich nicht dabei gewesen bin und die Sowjetunion heute nicht mehr existiert.

Ich bin mir hundertprozentig sicher, wenn wir eine demokratische Gesellschaft hätten, die mit Bedacht sprechen, nachdenken, handeln und gute Beziehungen aufbauen würde, wären all diese Fragen schon längst hinfällig. Das Problem bei uns liegt in der Macht, die keinerlei Kritik an sich zulässt.

Ich sehe hier nur ein einziges schwerwiegendes Problem. Es hat einen sehr konkreten Namen. Wladimir Wladimirowitsch Putin.

Perspectives_Logo Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES

Das könnte auch von Interesse sein

Empfehlungen der Redaktion

Meistgelesen