Kurz vor der Parlamentswahl sind in Budapest Clubs und alternative Kulturorte ins Visier der Behörden geraten – angeblich im Namen des Kampfs gegen Drogen. Der Fall des beliebten Clubs Turbina zeigt, wie schnell in Ungarn freie Kultur zur Zielscheibe der Regierung werden kann.
Róza steht auf der leeren Tanzfläche der Turbina im achten Budapester Bezirk. Wo sonst Hunderte an der Bar lehnen, vor Konzerten im Halbdunkel zur Bühne drängen, herrscht seit Anfang März Stille. Nur das leise Rauschen einer Wasserleitung ist zu hören. Das große Lautsprechersystem auf der Bühne schweigt, auf dem Tresen stehen ein paar leere Flaschen, die Kühlschränke sind zwar noch gefüllt, aber ausgesteckt.„Diese Stille macht mich traurig“, sagt Róza leise. Sonst gebe es hier viele Geräusche gleichzeitig. Der Raum könne ordentlich dröhnen. „Wir machen nicht einmal mehr das Licht an. Wir orientieren uns nur noch an den Notausgangsschildern.“
Die vorübergehende Schließung ist existenzbedrohend
„Im Moment verlieren wir gewissermaßen unseren freien Willen“, sagt Róza. „Wir können nicht mehr dorthin gehen, wo wir wollen, und wir verlieren die Möglichkeit, Spaß zu haben und einfach wir selbst zu sein.“ Die Turbina, betont sie, sei „keine Drogenhöhle“, sondern ein Ort, an dem man sich wohlfühlen, tanzen oder zu einem Konzert kommen könne – „und nicht, um sich komplett abzuschießen“.
Die 23-Jährige Róza ist in der Turbina für Ausstellungen, Filmvorführungen und anderen nichtmusikalischen kulturelle Programme verantwortlich. | Foto: © Robert Fonó
Grundlage der Schließung ist die verschärfte ungarische Drogengesetzgebung, die die Regierung im vergangenen Jahr verabschiedet hat. Sie erlaubt es den Behörden, Orte vorübergehend zu schließen, wenn sie mit Drogenhandel oder dem Konsum illegaler Substanzen in Verbindung gebracht werden. Die Turbina spricht von einer „bloßen Behauptung“ als Grundlage der Entscheidung. Nach eigener Darstellung hätten verdeckte Polizeiermittlungen im Februar über Wochen hinweg keinerlei Verstöße ergeben; im Anschluss sei der Betrieb sogar ausdrücklich für seine proaktive Drogenprävention gelobt worden.
Die leeren Räumlichkeiten der Turbina im achten Budapester Stadtbezirk | Foto: © Robert Fonó
Ein Einspruch sei zwar möglich, habe aber keine aufschiebende Wirkung. Landesweit hat die Verordnung bereits zur vorübergehenden Schließung von rund 30 Einrichtungen geführt – darunter nicht nur Clubs, sondern auch eine Tierhandlung und ein Fitnessstudio. Die Fälle zeigen, wie weit die neue Rechtslage die Verantwortung für Drogenkonsum auf die Betreiber*innen verlagert – und wie rasch unter diesem Regime ein einzelner Club zur Zielscheibe werden kann. Schon eine Schließung von ein, zwei oder drei Monaten kann für solche Orte existenzbedrohend werden.
Zugleich sieht sie einen Lichtblick in der Reaktion der Budapester Szene. Viele Veranstaltungen, die teils viele Monate im Voraus mit Künstler*innen und Performenden aus dem In- und Ausland geplant waren, mussten abgesagt oder verlegt werden. Andere Clubs und Kulturorte der Stadt sprangen kurzfristig ein, übernahmen Konzerte und größere Partys und zeigten sich, so Róza, außerordentlich hilfsbereit. Teilweise hätten sie die daraus entstehenden Einnahmen auf solidarischer Basis mit der Turbina geteilt. In der Szene, sagt sie, herrsche derzeit ein starkes Gefühl, im selben Boot zu sitzen. „Alle haben Angst, als Nächste dran zu sein.“
Ein revolutionäres Gefühl
Dass die Turbina in Budapest kaum jemand als Einzelfall betrachtet, hat mit dem politischen Klima dieser Monate zu tun. Die Wahl am 12. April galt schon seit längerem als erste ernsthafte Herausforderung für Viktor Orbáns Herrschaft seit 16 Jahren. Primitive Regierungspropaganda versuchte Oppositionsführer Péter Magyar als unberechenbare Figur zu diskreditieren – einschließlich Vorwürfen zu seinem angeblichen Drogenkonsum. Magyar reagierte im März demonstrativ: Er reiste nach Wien, ließ dort in einem unabhängigen Labor einen Drogentest machen, veröffentlichte das Ergebnis und forderte führende Fidesz-Politiker*innen auf, es ihm gleichzutun.Für viele rund um die Turbina fügen sich die Clubschließungen genau in diese Logik. „Mit diesen Scheinmaßnahmen wollen sie ihren Anhängern zeigen, was für harte Typen sie sind“, sagt Szonja. Die 20-jährige Studentin arbeitet normalerweise hinter der Bar der Turbina und gehört seit der Schließung zu denen, die ohne Einkommen dastehen. Wütend sei sie, sagt sie – aber nicht nur das. „Gleichzeitig spüre ich auch so etwas wie ein revolutionäres Gefühl: dass wir jetzt zusammenkommen müssen, so viele wie möglich, und laut sagen müssen, dass das so nicht weitergehen kann. Dass sie das nicht einfach mit uns machen können. Dass wir stärker sind und sie uns nicht kleinbekommen werden.“
Die 20-jährige Studentin Szonja mit einer Spendenbox während des Solidaritätskonzertes. Sie arbeitet normalerweise hinter der Bar der Turbina und gehört seit der Schließung zu denen, die ohne Einkommen dastehen. | Foto: © Robert Fonó
Mitten darin steht Flóra Karácsony und gibt Anweisungen. Normalerweise leitet sie diese Workshops in der Turbina. Die 33-Jährige betreut seit Jahren die Pflanzen, die überall im Club wachsen. Hauptberuflich arbeitet sie für eine Firma für klinische Studien; die Pflanzen aber, sagt sie, seien Teil ihres Herzensprojekts. Auch während der Schließung geht sie weiter in die Turbina, um sie zu gießen. „Ich habe immer Hoffnung“, sagt sie. „Wenn es keine Hoffnung gibt, wozu leben wir dann?“ Dann lacht sie. „Spread the news“ und „spread the love“ – dafür sei sie hier.
Besucher*innen des Solidaritätskonzerts bauen „Florarien“, kleine bepflanzte Glasgefäße. Auch im Club selbst wachsen überall Pflanzen. | Foto: © Robert Fonó
Die Wut lässt sich nicht mehr hinunterschlucken
Auf der Bühne wird der Ton derweil schärfer. Eine Künstlerin trägt Spoken Word vor, spottet über das „Hinterzimmer-Gemauschel der weißhemdigen Pfaue“, das nun als Drogenpolitik verkauft werde, und fragt, wen die Regierung denn als Resident-DJ buchen würde: „Putin?“ Dann folgt ein Vers, in dem Hohn und Wut über die autoritäre und korrupte Orbán-Macht ineinanderfallen: „Die Regierungspolitik ist zur wahren Kunst geworden, nicht wahr, öffentliche Gelder zur Poesie – und der Steuerbetrug-trug-trug zum Cha-Cha-Cha.“Wenig später beendet sie ihren Auftritt mit einem Satz, der die Stimmung des Abends bündelt – und besonders unter vielen jungen Menschen in der Hauptstadt einen Nerv trifft: „Und jetzt kann ich definitiv sagen, dass meine Stimme nicht nur wütend ist, sondern dass meine Wut laut ist – ich habe es selbst gehört. Und das lässt sich nicht mehr runterschlucken.“
Für junge Menschen wie Róza aber, die bereits darüber nachgedacht haben, ins Ausland zu gehen, geht es auch um die Frage, ob sie sich in Ungarn überhaupt noch eine Zukunft vorstellen können.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
April 2026