Repressionen gegen freie Kultur und Clubs in Budapest  Der Versuch, etwas wachsen zu lassen

Róza auf der leeren Tanzfläche der Turbina
Róza auf der leeren Tanzfläche der Turbina Foto: © Robert Fonó

Kurz vor der Parlamentswahl sind in Budapest Clubs und alternative Kulturorte ins Visier der Behörden geraten – angeblich im Namen des Kampfs gegen Drogen. Der Fall des beliebten Clubs Turbina zeigt, wie schnell in Ungarn freie Kultur zur Zielscheibe der Regierung werden kann.

Róza steht auf der leeren Tanzfläche der Turbina im achten Budapester Bezirk. Wo sonst Hunderte an der Bar lehnen, vor Konzerten im Halbdunkel zur Bühne drängen, herrscht seit Anfang März Stille. Nur das leise Rauschen einer Wasserleitung ist zu hören. Das große Lautsprechersystem auf der Bühne schweigt, auf dem Tresen stehen ein paar leere Flaschen, die Kühlschränke sind zwar noch gefüllt, aber ausgesteckt.

„Diese Stille macht mich traurig“, sagt Róza leise. Sonst gebe es hier viele Geräusche gleichzeitig. Der Raum könne ordentlich dröhnen. „Wir machen nicht einmal mehr das Licht an. Wir orientieren uns nur noch an den Notausgangsschildern.“
  Die Turbina ist nicht der einzige Kulturort, der in diesen Wochen dunkel wird. Kurz vor der ungarischen Parlamentswahl sind in Budapest und im ganzen Land Clubs und alternative Kulturzentren ins Visier der Behörden geraten. Neben der Turbina, die Anfang März für einen Monat schließen musste, verlor wenige Tage zuvor auch das Arsenal, der größte Techno-Club der ungarischen Hauptstadt, für zwei Monate die Betriebserlaubnis; hinzu kommen mehr als ein Dutzend weiterer, kleinerer Ausgehorte. Offiziell geschieht das im Namen des Kampfs gegen Drogen. Für viele in der Szene ist es jedoch Teil eines umfassenderen Vorgehens gegen urbane Freiräume, gegen Orte also, deren progressives Publikum der Regierung ein Dorn im Auge ist.

Die vorübergehende Schließung ist existenzbedrohend

„Im Moment verlieren wir gewissermaßen unseren freien Willen“, sagt Róza. „Wir können nicht mehr dorthin gehen, wo wir wollen, und wir verlieren die Möglichkeit, Spaß zu haben und einfach wir selbst zu sein.“ Die Turbina, betont sie, sei „keine Drogenhöhle“, sondern ein Ort, an dem man sich wohlfühlen, tanzen oder zu einem Konzert kommen könne – „und nicht, um sich komplett abzuschießen“.
 
Die 23-Jährige Róza ist in der Turbina für Ausstellungen, Filmvorführungen und anderen nichtmusikalischen kulturelle Programme verantwortlich.

Die 23-Jährige Róza ist in der Turbina für Ausstellungen, Filmvorführungen und anderen nichtmusikalischen kulturelle Programme verantwortlich. | Foto: © Robert Fonó

Tatsächlich ist die Turbina in den vergangenen Jahren weit mehr als ein Club geworden. Neben Partys hat sie sich zu einem der wichtigsten alternativen Kulturorte der Hauptstadt entwickelt. Montags ist Spieletag, dazu kommen Diskussionen, Ausstellungen und Filmvorführungen, beinahe täglich. Seit Ende Februar ist die 23-Jährige hier für genau diese kulturellen und nichtmusikalischen Programme verantwortlich. Doch schon drei Tage nach ihrem Start klebte der Schließungsbescheid an der Eingangstür.

Grundlage der Schließung ist die verschärfte ungarische Drogengesetzgebung, die die Regierung im vergangenen Jahr verabschiedet hat. Sie erlaubt es den Behörden, Orte vorübergehend zu schließen, wenn sie mit Drogenhandel oder dem Konsum illegaler Substanzen in Verbindung gebracht werden. Die Turbina spricht von einer „bloßen Behauptung“ als Grundlage der Entscheidung. Nach eigener Darstellung hätten verdeckte Polizeiermittlungen im Februar über Wochen hinweg keinerlei Verstöße ergeben; im Anschluss sei der Betrieb sogar ausdrücklich für seine proaktive Drogenprävention gelobt worden.
 
Die leeren Räumlichkeiten der Turbina im achten Budapester Stadtbezirk

Die leeren Räumlichkeiten der Turbina im achten Budapester Stadtbezirk | Foto: © Robert Fonó

László Papp, einer der Betreiber der Turbina, sieht darin die Folge einer Rechtslage, die weit über klassische Gesundheits- oder Sicherheitspolitik hinausgehe. „Im von der Regierung ausgerufenen ‚Krieg gegen die Drogen‘ sind Regeln geschaffen worden, nach denen bereits die Aussagen von zwei Personen genügen, um einen Veranstaltungsort sofort zu schließen – selbst dann, wenn bei Kontrollen nichts festgestellt wurde, die Betreiber keine Kenntnis davon haben und kein direkter Rechtsverstoß nachweisbar ist.“

Ein Einspruch sei zwar möglich, habe aber keine aufschiebende Wirkung. Landesweit hat die Verordnung bereits zur vorübergehenden Schließung von rund 30 Einrichtungen geführt – darunter nicht nur Clubs, sondern auch eine Tierhandlung und ein Fitnessstudio. Die Fälle zeigen, wie weit die neue Rechtslage die Verantwortung für Drogenkonsum auf die Betreiber*innen verlagert – und wie rasch unter diesem Regime ein einzelner Club zur Zielscheibe werden kann. Schon eine Schließung von ein, zwei oder drei Monaten kann für solche Orte existenzbedrohend werden.
  Auch die rund 100 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Turbina trifft die Schließung hart. Nur etwa 15 von ihnen könnten derzeit weiterarbeiten, sagt Róza. „Die Barkeeper, die Reinigungskräfte, die Tontechniker, die Lichttechniker – für sie alle ist der Lebensunterhalt jetzt für einen Monat einfach weggefallen.“

Zugleich sieht sie einen Lichtblick in der Reaktion der Budapester Szene. Viele Veranstaltungen, die teils viele Monate im Voraus mit Künstler*innen und Performenden aus dem In- und Ausland geplant waren, mussten abgesagt oder verlegt werden. Andere Clubs und Kulturorte der Stadt sprangen kurzfristig ein, übernahmen Konzerte und größere Partys und zeigten sich, so Róza, außerordentlich hilfsbereit. Teilweise hätten sie die daraus entstehenden Einnahmen auf solidarischer Basis mit der Turbina geteilt. In der Szene, sagt sie, herrsche derzeit ein starkes Gefühl, im selben Boot zu sitzen. „Alle haben Angst, als Nächste dran zu sein.“

Ein revolutionäres Gefühl

Dass die Turbina in Budapest kaum jemand als Einzelfall betrachtet, hat mit dem politischen Klima dieser Monate zu tun. Die Wahl am 12. April galt schon seit längerem als erste ernsthafte Herausforderung für Viktor Orbáns Herrschaft seit 16 Jahren. Primitive Regierungspropaganda versuchte Oppositionsführer Péter Magyar als unberechenbare Figur zu diskreditieren – einschließlich Vorwürfen zu seinem angeblichen Drogenkonsum. Magyar reagierte im März demonstrativ: Er reiste nach Wien, ließ dort in einem unabhängigen Labor einen Drogentest machen, veröffentlichte das Ergebnis und forderte führende Fidesz-Politiker*innen auf, es ihm gleichzutun.

Für viele rund um die Turbina fügen sich die Clubschließungen genau in diese Logik. „Mit diesen Scheinmaßnahmen wollen sie ihren Anhängern zeigen, was für harte Typen sie sind“, sagt Szonja. Die 20-jährige Studentin arbeitet normalerweise hinter der Bar der Turbina und gehört seit der Schließung zu denen, die ohne Einkommen dastehen. Wütend sei sie, sagt sie – aber nicht nur das. „Gleichzeitig spüre ich auch so etwas wie ein revolutionäres Gefühl: dass wir jetzt zusammenkommen müssen, so viele wie möglich, und laut sagen müssen, dass das so nicht weitergehen kann. Dass sie das nicht einfach mit uns machen können. Dass wir stärker sind und sie uns nicht kleinbekommen werden.“
 
Die 20-jährige Studentin Szonja mit einer Spendenbox während des Solidaritätskonzertes. Sie arbeitet normalerweise hinter der Bar der Turbina und gehört seit der Schließung zu denen, die ohne Einkommen dastehen.

Die 20-jährige Studentin Szonja mit einer Spendenbox während des Solidaritätskonzertes. Sie arbeitet normalerweise hinter der Bar der Turbina und gehört seit der Schließung zu denen, die ohne Einkommen dastehen. | Foto: © Robert Fonó

Eine Woche nach der Schließung steht Szonja vor der Bühne eines Solidaritätskonzerts unter dem Motto „Freie Turbina, freie Kultur!“ im Herzen von Budapest. Hunderte Menschen sind gekommen, um zuzuhören, zu spenden und gemeinsam ihre Unterstützung zu zeigen. Teenager sitzen auf dem Kies, daneben spielen junge Eltern mit Kindern, auch ältere Besucher*innen mischen sich darunter. Dazwischen bleiben spanische Touristinnen und Touristen in Daunenjacken stehen und schauen neugierig auf das Geschehen. In den Bäumen hängen Lampions. Auf Bierbänken wird gemalt, Gesellschaftsspiele gezockt oder mit bloßen Händen in Blumenerde gegraben, um kleine „Florarien“ zu bauen – bepflanzte Glasgefäße aus alten Industriegläsern, Schnapsflaschen und Laborbehältern. Der Protest nimmt hier die Form von Fürsorge an: Erde unter den Fingernägeln, der Versuch, etwas wachsen zu lassen.

Mitten darin steht Flóra Karácsony und gibt Anweisungen. Normalerweise leitet sie diese Workshops in der Turbina. Die 33-Jährige betreut seit Jahren die Pflanzen, die überall im Club wachsen. Hauptberuflich arbeitet sie für eine Firma für klinische Studien; die Pflanzen aber, sagt sie, seien Teil ihres Herzensprojekts. Auch während der Schließung geht sie weiter in die Turbina, um sie zu gießen. „Ich habe immer Hoffnung“, sagt sie. „Wenn es keine Hoffnung gibt, wozu leben wir dann?“ Dann lacht sie. „Spread the news“ und „spread the love“ – dafür sei sie hier.
 
Besucher*innen des Solidaritätskonzerts bauen „Florarien“, kleine bepflanzte Glasgefäße. Auch im Club selbst wachsen überall Pflanzen.

Besucher*innen des Solidaritätskonzerts bauen „Florarien“, kleine bepflanzte Glasgefäße. Auch im Club selbst wachsen überall Pflanzen. | Foto: © Robert Fonó

 

Die Wut lässt sich nicht mehr hinunterschlucken

Auf der Bühne wird der Ton derweil schärfer. Eine Künstlerin trägt Spoken Word vor, spottet über das „Hinterzimmer-Gemauschel der weißhemdigen Pfaue“, das nun als Drogenpolitik verkauft werde, und fragt, wen die Regierung denn als Resident-DJ buchen würde: „Putin?“ Dann folgt ein Vers, in dem Hohn und Wut über die autoritäre und korrupte Orbán-Macht ineinanderfallen: „Die Regierungspolitik ist zur wahren Kunst geworden, nicht wahr, öffentliche Gelder zur Poesie – und der Steuerbetrug-trug-trug zum Cha-Cha-Cha.“

Wenig später beendet sie ihren Auftritt mit einem Satz, der die Stimmung des Abends bündelt – und besonders unter vielen jungen Menschen in der Hauptstadt einen Nerv trifft: „Und jetzt kann ich definitiv sagen, dass meine Stimme nicht nur wütend ist, sondern dass meine Wut laut ist – ich habe es selbst gehört. Und das lässt sich nicht mehr runterschlucken.“
  Es ist ein neuer Ton in der Budapester Kulturszene. Lange gab sie sich, zumindest auf offener Bühne, zumeist demonstrativ unpolitisch – auch weil in einem tief gespaltenen Land ohnehin alles politisiert ist und jeder weiß, wie rasch man selbst zur Zielscheibe werden kann. Für viele ging es darum, Räume zu schaffen, in denen man die Politik für ein paar Stunden hinter sich lassen konnte. Doch dieser Eskapismus scheint inzwischen an sein Ende gekommen zu sein. Aber viele hier klammern sich an die letzte Hoffnung auf eine Rückkehr zu einem normaleren Land – einem Land, in dem Kultur wieder Freiräume genießen kann, statt fortwährend fürchten zu müssen, geschlossen oder unterdrückt zu werden.

Für junge Menschen wie Róza aber, die bereits darüber nachgedacht haben, ins Ausland zu gehen, geht es auch um die Frage, ob sie sich in Ungarn überhaupt noch eine Zukunft vorstellen können.

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