Die Kulturmanagerin Olga Birzul ist überzeugt: Kultur kann nicht unpolitisch sein. In diesem Gespräch erklärt sie, warum Spielfilme in der Ukraine der Doku weichen müssen, wie man Jugendlichen kritisches Denken beibringt und wie der persönliche Verlust ihres Mannes, des Schnittregisseurs Viktor Onysko, der im Kampf gegen die russische Aggression getötet wurde, in einen Comicroman mündete.
Im Jahr 2024 ist Ihr Buch für Jugendliche mit dem Titel „Dein Buch über das Kino“ erschienen. Es erzählt auf einfache und prägnante Weise vom Kino. Wie haben Sie den Ton für die Ansprache dieses Publikums gewählt?
Vor allem wollte ich ein zugängliches Sachbuch schaffen, das nicht belehrt, sondern den Jugendlichen die Rolle von Forschern anbietet. Allerdings wissen wir alle, dass man im Teenageralter eher rebellieren und kritisieren als analysieren möchte. Deshalb habe ich bewusst eine kritische Perspektive gewählt und versucht zu zeigen, dass es in der Filmindustrie schon immer Auseinandersetzungen um das Erlaubte und Unzulässige, um Meinungsfreiheit und ethische Grenzen gab.Die Geschichte des ukrainischen Films entwickelte sich beispielsweise sehr lange unter den Bedingungen harter Zensur und Russifizierung. Dank ihrer Hartnäckigkeit und ihres professionellen Geschicks gelang es unseren Filmemachern, diese Einschränkungen zu umgehen. Betrachtet man ihre Arbeit als gerechten Aufstand, erhalten die tragischen Kapitel der ukrainischen Geschichte einen für Jugendliche interessanteren Charakter.
Außerdem ist das Kino mehr als nur Kunst. Es ist ein großer Bereich menschlichen Schaffens, der an der Schnittstelle von Kreativität, Technologie, Wirtschaft und Politik existiert. Und genau diese Vielschichtigkeit wollte ich aufzeigen. Natürlich in einem sehr begrenzten Rahmen. Schließlich handelt es sich nur um ein Einführungsbuch über das Kino.
Das Kino ist mehr als nur Kunst. Es ist ein großer Bereich menschlichen Handelns, der an der Schnittstelle von Kreativität, Technologie, Wirtschaft und Politik existiert.“
Es war interessant, das Buch zu lesen. Diese Grundlagen waren hilfreich, um die Filmindustrie zu verstehen. Sie behaupten, dass das moderne Kino an der Schnittstelle von Kunst, Technologie, Wirtschaft und Politik existiert. Wovon gibt es in unserer Filmindustrie am meisten?
Das ist eine gute Frage, aber ehrlich gesagt verfolge ich nicht das gesamte ukrainische Kino. Mich interessiert vor allem die Autorenkomponente. Unter Kriegsbedingungen entstehen bei uns offensichtlich mehr Dokumentarfilme. Und das ist sehr wichtig. Die Dokus halten die Chronik unseres Kampfes fest, dokumentieren Kriegsverbrechen und bewahren die lebendige Erinnerung an unsere Menschen.Zudem ist der ukrainische Dokumentarfilm ein wirksames Instrument der Kulturdiplomatie. Vor dem Hintergrund der aggressiven russischen Propaganda muss er bewusst politisch sein. Ich denke oft, dass der Dokumentarfilm durchaus zu unserem Aushängeschild bei Festivals werden und Teil der staatlichen Kulturpolitik sein könnte. Wir können es uns leisten, eine radikale Position einzunehmen: Die Ukrainer exportieren keine Spielfilme in die Welt, solange die Russen auf unserem Territorium einen Angriffskrieg führen. Die Ukrainer haben keine Ressourcen für die Produktion teurer Spielfilme, da alles für die Verteidigung des Landes und der Gesellschaft aufgewendet wird.
Dies würde dazu beitragen, dass der Dokumentarfilm beim lokalen Publikum an Beliebtheit gewinnt und den Mythos widerlegt, diese Filmgattung sei zu ernst und schwerfällig. Im Leben gibt es viel Leid, aber auch immer Raum für Freude. Gute Dokumentarfilme helfen dabei, die Realität zu spüren, statt in Illusionen zu leben. Und wenn man in Kriegszeiten lebt, weiß man ganz genau: Die Realität ist stärker als jede Erfindung.
Bitte verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin nicht gegen Spielfilme. Wenn das russische Imperium zerstört ist, werden unsere Filmemacher jede Menge Stoff für Spielfilmadaptionen haben. Für mich ist derzeit das wirtschaftliche Argument wichtig. Krieg ist sehr teuer. Und wir müssen vor allem daran denken, die ukrainische Armee zu versorgen.
Man muss erklären, warum es sich lohnt, für zwei Stunden in eine andere Realität einzutauchen und dabei nicht nur emotionale Befriedigung, sondern auch Wissen zu erlangen – über sich selbst und über die Welt.“
In einem kürzlich erschienenen Interview auf dem YouTube-Kanal „Tvoje Kino“ (ТВОЄ КІНО | Dein Kino) haben Sie gesagt: „Ich liebe Teenager“. Was genau lieben Sie an ihnen?
Im weiteren Verlauf des Interviews erkläre ich, dass mir der rebellische Charakter von Jugendlichen sehr nahegeht. Während des Erwachsenwerdens lässt die Intensität der Emotionen nach und wird dann als Infantilismus abgetan. Dabei bin ich aufrichtig der Meinung, dass der Prozess des Erwachsenwerdens zu Unrecht allein auf die Jugendzeit beschränkt wird. Unser ganzes Leben lang sammeln wir Erfahrungen, feiern Erfolge und begehen Irrtümer.Was mich jedoch beunruhigt, ist, dass Kino für die Generation, die nach uns kommt, vielleicht nicht mehr zeitgemäß ist. Die neuesten Technologien bieten eine völlig andere Art des Videokonsums. Meinen Beobachtungen nach fällt es Teenagern bereits schwer, sich auf einen kompletten Spielfilm einzulassen – es mangelt ihnen an Konzentration. Heute muss man ihnen erst erklären, warum es sich lohnt, für zwei Stunden in eine andere Realität einzutauchen und dabei nicht nur emotionale Befriedigung, sondern auch Wissen zu erlangen – über sich selbst und über die Welt.
Das Kino ist in erster Linie eine Industrie. Sein Ziel ist es, sich gut zu vermarkten, und erst in zweiter Linie, uns einen Sinn zu vermitteln. Ich möchte den Jugendlichen zeigen, wie spannend es eigentlich ist, mit dem Kino erwachsen zu werden. Das Universum auf der Leinwand erfüllt uns nicht nur mit Emotionen und Erlebnissen; es thematisiert unsere Ängste und Sehnsüchte, lässt die Zukunft erahnen und erklärt die Vergangenheit. Doch dies geschieht nur unter der Voraussetzung, dass man sich intensiv mit den Filmen auseinandersetzt.
Die heutigen ukrainischen Jugendlichen sind eine Generation, die ohne sowjetischen Hintergrund aufgewachsen ist. Sie haben andere moralische Orientierungspunkte. Freiheit ist für sie ein hoher Wert. Fällt es uns leicht, sie zu verstehen? Was beeindruckt oder beunruhigt Sie an ihnen am meisten?
Am meisten beeindruckt mich, dass alle Jugendlichen unterschiedlich sind. In meinen Workshops begegne ich sowohl reflektierten und abgehärteten als auch völlig gleichgültigen jungen Menschen. Die Kriegserfahrung (die wiederum jede Familie ganz individuell prägt) zieht zwischen ihnen ebenso tiefe Gräben wie zwischen den Erwachsenen.Natürlich hat jede Generation ihren eigenen Hintergrund, was das Erwachsenwerden angeht, doch was uns definitiv verbindet, ist das Erbe der Vergangenheit. Seinerzeit haben uns unsere Eltern viele ungelöste Probleme hinterlassen. Nun geben auch wir eine erschöpfte Umwelt, eine instabile Wirtschaft, Extremismus, Raschismus [Kofferwort aus den englischen Begriffen Russia (Russland) und Fascism (Faschismus). Es beschreibt die Ideologie und Politik des russischen Staates unter Wladimir Putin. Anm. d. Red.] und Sexismus an die Zukunft weiter. Die Menschheit hat viel Gutes bewirkt, doch die Bedrohungen sind nicht geringer geworden. Angesichts der Komplexität der Welt sind die Jugendlichen von heute ebenso ratlos, wie wir es einst waren.
Die Aufgabe der Erwachsenen besteht jedoch darin, unermüdlich moralische Schutzmechanismen und Filter zu schaffen. Insbesondere meine Generation sollte sich darauf konzentrieren, Informationsfilter zu entwickeln und Medienhygiene zu etablieren. Deshalb setze ich mich so vehement für den Filmunterricht in der Oberstufe ein: Beim Anschauen eines Films kann man sich in die Lage einer Figur versetzen, ihr Schicksal auf der Leinwand miterleben und die Folgen falscher Entscheidungen erkennen. Die Position von Timothy Snyder [US-amerikanischer Osteurophistoriker und vehementer Unterstützer der Ukraine in ihrem Verteidigungskampf, Anm. d. Red.] liegt mir nahe. Er sagt, Freiheit sei die Verantwortung für das eigene Handeln. Das Kino führt uns eindringlich vor Augen, welche Szenarien drohen, wenn man dies vergisst.
Sie sagen in dem bereit erwähnten Interview außerdem, dass „Kultur politisch sein muss“. Das ist eine durchaus kontroverse Position. Können Sie diese bitte erläutern.
Das Kino wurde schon immer für politische Zwecke instrumentalisiert. Dabei geht es keineswegs nur um Propaganda. Die Leinwand übt Macht über uns aus. Viele Filmtheoretiker haben angemerkt, dass die Kamera einer Waffe ähnelt. Meine Lieblingsautorin Susan Sontag schrieb, dass Fotografen sich die Realität aneignen und die Kamera fremde Erfahrungen in ein Objekt des Besitzes verwandelt.Unter den Bedingungen des Krieges können wir es uns schlichtweg nicht leisten, unpolitische Kunst zu schaffen. Russland hat uns diesen Luxus geraubt. Wir sind nun verpflichtet, stets zu analysieren, wie das ukrainische Kino beim ausländischen Publikum ankommt; ob es Menschen, die unmittelbar unter den russischen Verbrechen gelitten haben, retraumatisiert; welche Geschichten für künftige Generationen bewahrt werden sollten und ob es an der Zeit ist, jenen Bildern die Macht zu überlassen, die die Ukrainer lediglich unterhalten und einlullen. Warum ich Dokumentarfilme liebe? Sie haben einen entscheidenden Mehrwert: Alles, was mit der Kamera dokumentiert wurde, kann als Beweismittel vor Gericht verwendet werden.
Und natürlich bleibt das Argument der Kulturdiplomatie bestehen. Das Russische Reich hat das Kino stets bewusst genutzt, um sein Image aufzupolieren. Jedes Jahr erleben wir, wie westliche Medien blindlings auf denselben Trick hereinfallen, die Russen durch das Narrativ der „geheimnisvollen russischen Seele“ zu humanisieren. Dabei gibt es bereits mehrere fundierte Untersuchungen darüber, wie russische Unternehmen die internationale Filmindustrie infiltrieren und zu ihrem Vorteil nutzen. Ich empfehle wärmstens den Artikel von Anna Koryagina in der französischen Zeitung Le Monde über die Produktion des Films Der Magier im Kreml mit Jude Law in der Hauptrolle. Dieser Beitrag hat bei den Europäern großen Eindruck hinterlassen.
Nach 2022, als die Geschäftswelt auf die ukrainische Sprache umgestellt hatte, schien es, als sei dieser Wandel unumkehrbar. Denn wer kein Ukrainisch sprach, verlor Geld. Doch innerhalb weniger Jahre kam es zu einem massiven Rückschlag. Welche Veränderungen in der ukrainischen Gesellschaft sind jedoch tatsächlich unumkehrbar geworden?
Der Verlust meines Mannes im Krieg hat mir eine andere Seite unserer Gesellschaft gezeigt. Ich stehe in Kontakt mit den Familien gefallener Soldaten. Ich treffe viele wunderbare Frauen, lerne ihre Ehemänner kennen – heldenhafte Menschen, denen unser Land seine Existenz verdankt. Dabei wird mir jedoch klar, dass es uns oft an gemeinsamen kulturellen Codes fehlt. Das ist zutiefst bedauerlich, denn Verlust und Schmerz sollten nicht das Einzige sein, was uns verbindet. Wir müssen gemeinsame Praktiken, geteilte Erfahrungen und kulturelle Berührungspunkte schaffen.Mein Mann ist eine mutige und verantwortungsbewusste Persönlichkeit. Gemeinsam mit unseren Freunden schaffe ich eine lebendige Erinnerung an ihn in Filmen, Büchern und Musik.“
Für Kulturschaffende wirft dies eine weitere Frage auf: Wie sensibel muss ein kulturelles Produkt sein? Wie soll man Dinge benennen, wie sie zeigen? Und wie lässt sich vermeiden, jemanden als bloßes Opfer darzustellen?
Die Opferbereitschaft ist tief in der ukrainischen Kultur verwurzelt. Unsere Geschichte birgt zwar viele Tragödien, aber ich möchte nicht als Opfer wahrgenommen werden. Mein Mann ist eine mutige und verantwortungsbewusste Persönlichkeit. Gemeinsam mit unseren Freunden bewahre ich ein lebendiges Andenken an ihn – in Filmen, Büchern und Musik. In diesem Jahr haben wir beim Filmfestival Docudays UA den Viktor-Onysko-Gedächtnispreis für den besten Schnitt eines ukrainischen Films ins Leben gerufen, um das Werk fortzuführen, das er so sehr geliebt hat. Dabei geht es um Stärke und aktives Handeln, um die Verpflichtung, so zu leben, dass sich unsere Verteidiger nicht für uns schämen müssen.Es sei anzumerken, dass heute auch aus Basisinitiativen heraus wunderbare kunsttherapeutische Projekte entstehen. In der Regel arbeiten solche Initiativen mittels verschiedener Kunstformen mit der Veteranengemeinschaft zusammen. Sie unterstützen Menschen, die die Last des Krieges auf sich genommen haben, bei ihrer Genesung und Resozialisierung. Ich glaube fest daran, dass diese Veränderungen den „Rückschlag“, den wir derzeit beobachten, aufhalten können.
In diesem Jahr soll Ihr zweites Buch erscheinen: „Und wenn du sagst: ‚Lass uns auf den Rave gehen‘ – werde ich nie wieder ablehnen“. Es handelt sich um eine dokumentarische Graphic Novel, die aus der realen Korrespondenz in der App Signal zwischen Ihnen und Ihrem Mann Viktor Onysko zusammengestellt ist. Wie haben Sie sich dazu entschlossen? Was hat Ihnen das Gefühl gegeben, dass Sie nun bereit und willens dazu sind?
Ich gebe ehrlich zu, dass dies nach wie vor ein sehr schwieriger persönlicher Prozess ist. Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich wirklich bereit bin. Doch das Thema des Gedenkens und ihre Vergegenwärtigung liegen mir sehr am Herzen. Wir sehen bereits jetzt, dass herkömmliche Praktiken des Gedenkens an Kraft verlieren. Deshalb habe ich mich für ein Format entschieden, das bei Jugendlichen beliebt ist. Meine Tochter liebt Comics und Graphic Novels sehr, und das war ebenfalls ein wichtiger Anstoß. Zudem besaß mein Mann einen wunderbaren Sinn für Humor und schrieb oft ironisch über den Krieg. Gleichwohl äußerte sich Vitja in unseren Korrespondenzen bisweilen kritisch über das Militärsystem. Ich habe lange abgewogen, ob es an der Zeit sei, die ganze Wahrheit darüber auszusprechen, welchen Preis unsere Unabhängigkeit fordert. Andererseits schämte ich mich für mich selbst und meine sentimentalen Reaktionen. Zu Beginn der großangelegten Invasion gab es niemanden, der mir beibrachte, wie man die Frau eines Sturmzugführers ohne jegliche militärische Vorerfahrung ist.Kurz gesagt, ich war sehr unschlüssig. Doch dann dachte ich daran, dass wir eine Familie aus dem Kulturbetrieb sind. Wir haben erfolgreich in der Filmbranche gearbeitet, aber eine Entscheidung getroffen, als es an der Zeit war, für die Gerechtigkeit zu kämpfen. Dennoch muss man sich bis heute vergegenwärtigen, dass unsere Armee aus Menschen besteht, die vor dem Krieg zivile Berufe ausübten. Und ich fand, es lohnt sich, über unsere Erfahrungen zu berichten und unsere Stimmen unverziert zu bewahren.
Meine Freundin und Kollegin, die Illustratorin Zhenya Oliynyk, bringt ebenfalls ihre persönlichen Erfahrungen ein. Ihr ehemaliger Partner wurde einberufen, hatte Schwierigkeiten bei der Rückkehr ins zivile Leben und kam schließlich ums Leben. Wir verstehen uns sehr gut. Und ich hoffe, dass dies für die Leser spürbar sein wird.
Im Titel Ihres zukünftigen Romans kommt das Wort „Rave“ vor. Welche Bedeutung hat dieses Bild für Sie?
In unserer Familie gab es schon immer viel Musik. Vitja spielte Gitarre und Schlagzeug und veranstaltete ständig gemeinsam mit unserer Tochter Zacharia Hauskonzerte. Wir sind oft ins Ausland zu Konzerten gereist, um unsere Lieblingskünstler live zu erleben. Zu Hause verfolgten wir die ukrainische Musikszene, insbesondere die elektronische. Zudem praktizierten wir Raves als, sagen wir mal, eine Art therapeutische Praxis. Es ist eine uralte Tradition, seine Freuden und Sorgen auszutanzen. In der Dunkelheit eines Raves, inmitten der bewegten Menschenmenge, angeheizt von hochwertigem Sound, taucht man in eine Utopie ein. Und das ist dieser seltene, flüchtige Zustand, in dem man sich als Teil eines einzigen sozialen Organismus fühlt, durch dessen Adern Unbeschwertheit und Lebensfreude fließen.Darüber hinaus steht ein Rave für die Jugend und den Wunsch, diese trotz der Finsternis des Krieges zu bewahren. Durch Witze und kostbare Erinnerungen haben wir versucht, uns gegenseitig Halt zu geben. Zum Beispiel fragte ich meinen „Tarantino“ einmal: „Wie lange hast du geschlafen?“. Er antwortete: „Na, einen Rave durchzutanzen wäre ich jetzt nicht in der Lage“.
Sie haben geschrieben, dass Ihr Roman am 19. August 2022 in Riwne beginnt. Das war Ihr erstes Treffen mit Ihrem Mann nach dreimonatiger Trennung. Ihre Tochter Zacharia war dabei. Können Sie uns verraten, wie das Buch endet?
Ich möchte lieber nichts spoilern. Zhenya Oliynyk wird auf der diesjährigen Buchmesse Buch-Arsenal eine Ausstellung präsentieren. Dort wird auch ein Auszug aus unserem Buch zu sehen sein.Wie gelingt es Ihnen, die Rolle einer starken Mutter mit der einer Frau, die selbst einen Verlust erlebt hat, in Einklang zu bringen?
Die Freiwilligenarbeit hat mir sehr geholfen. Zunächst habe ich bei Spendensammlungen für Vitjas Kameraden mitgewirkt. Und dann kam ich in ein Rehabilitationscamp für Familien gefallener Soldaten, das von der NGO Ukrainische Ameisen (UA Ants) organisiert wurde. Das ist ein Team wunderbarer Menschen, die sich mit großem Engagement für die Armee und die Veteranengemeinschaft einsetzen. Nach dem Retreat bot ich den „Ameisen“ meine Hilfe bei der Durchführung künftiger Camps an. Und sie willigten ein. Schließlich gaben mir der Austausch mit meinen Schicksalsgefährtinnen und die Fürsorge für sie Lebenskraft. Wie die „Ameisen“ sagen: Menschen brauchen Menschen.Verlust und Schmerz sollten nicht das Einzige sein, was uns verbindet. Wir müssen gemeinsame Praktiken, geteilte Erfahrungen und kulturelle Berührungspunkte schaffen.“
Die unbeugsamen „Ukrainischen Ameisen“ setzen ihre ehrenamtliche Arbeit jedoch weiterhin fort. Und ich wäre sehr dankbar für die jede Unterstützung ihrer wichtigen Mission. Alle Projekte realisieren sie durch Spenden, die sie in Dankbarkeit und Fürsorge für diejenigen umwandeln, die in diesem schrecklichen Krieg den höchsten Preis gezahlt haben.
Gibt es in Ihrem Leben noch Platz für das Gute, für das Glück?
Ich begegne vielen guten Menschen, doch ich nehme auch tagtäglich viel Ungerechtigkeit wahr. Es fällt mir derzeit schwer, an Glück zu denken. Die Russen haben dieses Gefühl zerstört, als sie meinen Geliebten töteten. Aber ich lerne, mit der Erinnerung umzugehen. Ich betrachte sie als einen zusätzlichen Sinn. Schade, dass es sich erst dann voll entfaltet, wenn man den geliebtesten Menschen verliert.In Momenten der Verzweiflung stütze ich mich auf die erfolgreichen Einsätze unserer Soldaten an der Front, auf Spenden an meine im Ehrenamt tätigen Freunde und auf gemeinsame Filmabende mit meiner Tochter. Unsere Gespräche über das Kino sind mir auch bei der Arbeit mit Jugendlichen eine große Hilfe.
Als Dein Buch über das Kino erschien, schrieb ich, dass es für mich um Bildung, Erinnerung und Rache geht. Natürlich wirkt mein gerechter Zorn nur langsam und ist nicht mit der Erfahrung an der Front zu vergleichen. Aber irgendjemand muss die Jugend auch darin schulen, sich gegen Kinopropaganda und Desinformation zur Wehr zu setzen.
Olga Birzul ist Filmkuratorin, Kulturmanagerin, Koordinatorin für Projekte im Bereich der Kulturdiplomatie und Förderin der Filmbildung. Sie war als Journalistin und Redakteurin für verschiedene ukrainische Kulturmedien tätig. Zehn Jahre lang gehörte sie zum Team des Filmfestivals Docudays UA – dem größten internationalen Dokumentarfilmfestival für Menschenrechte in der Ukraine. Von 2019 bis 2021 leitete sie die Filmabteilung des Ukrainischen Instituts – einer staatlichen Einrichtung, die die internationalen kulturellen Beziehungen der Ukraine weltweit ausbaut.
Seit 2022 kuratiert sie Filmprogramme über die Ukraine für internationale Kulturprojekte, unter anderem in Wien, München, Mailand und Košice. Sie hält Vorlesungen zur Geschichte und Theorie des Dokumentarfilms, erforscht die Filmsprache sowie den schädlichen Einfluss von Propaganda und arbeitet mit Jugendlichen.
Ihr Ehemann, der Cutter Viktor Onysko, meldete sich nach dem großangelegten Einmarsch Russlands als Freiwilliger zum Militärdienst. Sein Rufname lautete „Tarantino“. Er fiel am 30. Dezember 2022 in der Nähe von Soledar in der Oblast Donezk. Olga Birzul hat eine 12-jährige Tochter namens Zacharia.
Die Veröffentlichung dieses Artikels ist Teil von PERSPECTIVES – dem neuen Label für unabhängigen, konstruktiven, multiperspektivischen Journalismus. JÁDU setzt dieses von der EU co-finanzierte Projekt mit sechs weiteren Redaktionen aus Mittelosteuropa unter Federführung des Goethe-Instituts um. >>> Mehr über PERSPECTIVES
Mai 2026